Zwangsbehandlung

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P

Psychoklinik

Neues Mitglied
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29.10.2002
Hallo

ich mache recht häufig die Erfahrung, dass es mir schwerfällt Patienten die nach dem PsychKG zur Zwangsbehandlung in der Geschlossenen Psychiatrie untergebracht sind zu behandeln.

Gerade in meiner Fachausbildung ist es mir aufgefallen, dass einige Mitarbeiter in der Pflege die Patienten zu ihren eigenen Machtspielen missbraucht haben. Dazu mal ein Beispiel: Ein Patient, welcher über lange Zeit hospitalisiert ist, sprich viele Aufenthalte in der psychiatrie hinter sich hatte, und mit der Diagnose Schizophrenie untergebracht war, bettelte um eine Tablette Akineton, welche neben der ursprünglichen Wirkung als Antiparkisonit (gegen die NW von Neuroleptika eingesetzt) auch stark euphorisiert. Der Pfleger den er anbettelte, verweigerte dies. Nachdem der Patient ihm immer mehr auf die Nerven ging, zeichnete er einen imaginären Strich auf den Flur vor dem Dienstzimmer und drohte, das der Patient schon sehen werde, was passiert, wenn er diesen übertreten würde. Natürlich konnte der Patient dies nicht einhalten und wurde daraufhin für 24 Stunden in einen "Beruhigungsraum" (Gummizelle) eingesperrt.
Dies ist nur ein Beispiel von vielen, die ich erlebt habe. Ich finde dies ethisch kaum vertretbar und mich würde eure Meinung zu einer Auslieferung zur Zwangsbehandlung interessieren. Habt ihr auch solche Erfahrung von Macht-Mißbrauch auch in anderen Bereichen erlebt?

Tschau

PK
 
Qualifikation
Psychiatriefachpfleger
Fachgebiet
Psychiatrie
F

fraukew

Mitglied
Basis-Konto
08.12.2002
Hallo PK

es ist nicht immer einfach Patienten, die gegen Ihren Willen eingewisen sind, zu betreuen.
Sicherlich, habe ich auch Momente erlebt, wo ich mich gefragt habe "muß das sein", hätte eine Eskalation nicht vermiden werden können? Und oft wäre es der Fall gewesen.
Ich habe gelernt vor solchen Momenten, des Machtmissbrauches nicht wegzuschauen und ich denke egal in welchen Bereichen wir arbeiten, wir sollten alle nicht wegschauen.
Die Situartion ,die du beschrieben hast, läßt in mir die Frage aufkommen, könnte es sein, das dieser Pfleger einfach überlastet? ja ,sogar Ausgebrannt ist?

Fauke
 
Qualifikation
Krankenschwester
Fachgebiet
Psychiatrie / stellv.Stationsleitung
I

Ingo Tschinke

Hallo Frauke,

die Frage, die man sich stellen muß - gerade in der Psychiatrie - besteht m.E. immer wieder darin, ob ich reflektiert mit den mir zugewiesen Patienten umgehe und sie nicht in meinem Sinne missbrauche, d.h. meine Wut, Agression, Frustration, die sich durch berufsermüdung, privaten Stress, Stress in der Arbeit oder um eigene Probleme aufzuarbeiten etc. anstauen kann.

Ich habe Fälle erlebt, dass Kollegen Patienten in Trennungsphasen geraten haben, sich gegenüber der Partnerin wie ein "Schwein" zu benehmen, weil sie selbst gerade eine Trennung hinter sich haben; Fälle bei denen Patientinnen zu Offenlegung eines Missbrauchs "gezwungen" wurden, um die eigene Einstellung, dass Männer alles Schweine sind bestätigt zu sehen; Fälle in denen Patienten Fixiert wurden, in denen es nicht notwendig war, sondern um Ruhe zu haben etc.

All das ist Missbrauch der Position in der Pflegende stehen und entbehrt jeglicher Professionalität, allerdings lassen auch viele Kollegen so etwas einfach geschehen und schauen dabei zu wenn jemand seine Macht mißbraucht, da man keine Konflikte im Team haben möchte. Ich frage mich dann immer wieder, wo da unser Auftrag, unser Berufskodex liegt?

Cheers

Ingo :redface:
 
F

fraukew

Mitglied
Basis-Konto
08.12.2002
hallo Ingo,

sicherlich sind deine Fragen richtig formuliert.

Doch bin ich bin der Überzeugung,wir alle sind nur Menschen. Fehler werden gemacht und aus Fehlern lehrnt man, in welcher Fase (Pa. oder Pfeger/in) mam sich gerage befindt.
Im so einem Fall ist es wichtig auch den Mitarbeiter zu begreifen. Sollten Probleme vorhanden sein, ist es nicht auch eine Aufgabe von uns, als Leitung, diese anzusprechen, in welcher Form auch immer??
Sicherlich können wir nie eine gewisse Form des Mißbrauches verleugnen, aber wir haben die Möglichkeit der Hinterfragung und Klärung.
Und da sollten wir immer ansetzen!
Sollte einer mit "seinem zugewiesenden Pat, " nicht zurechtkommen, muß man ihn denn nicht auch helfen?
Auch da kann das Team mithelfen, ohne das der Betroffene bloßgestellt wird.
Das ist auch eine "gewisse" Form der Therapie, vieleicht für alle Beteiligten
Und das Wegschauen, wird immer weniger, so meine Erfahrung.

tschüß frauke
:rolleyes:
 
Qualifikation
Krankenschwester
Fachgebiet
Psychiatrie / stellv.Stationsleitung
I

Ingo Tschinke

Hallo Frauke,

vielen Dank für deine Antwort. Ich stimme mit dir überein, dass es die Aufgabe der Leitung ist, dem Betreffenden die Möglichkeit zur Reflektion in seinem Handeln zu geben.

Meines Erachtens geht es nicht darum, den Betreffenden bloß zu stellen - sondern eher die Problematik zu thematisieren und als Aufgabe des Teams zu sehen eine gemeinsame Lösung zu finden.

Dies verlangt aber in erster Linie von der Leitung ein sehr starke selbstreflektive Wahrnehmung in Bezug auf die Kollegen und ein personenspezifisches Handeln, um gerade in schwierigen Situationen die Probleme bzw. das missbräuchliche Handeln zu thematisieren.

Auch wenn jemand mit seinem Patienten nicht klar kommt, sich von diesem benutzt vorkommt, muß dass Team zur Rückendeckung bereit sein, das steht für mich ausser Frage. Trotzalledem ist dieses Selbstreflektion unter vielen Pflegenden und auch Leitungen nicht immer vorhanden.

Cheers

Ingo
:redface:
 
S

Sr. Dr. M. Benedicta Arndt

Mitglied
Basis-Konto
Dank für Eure Beiträge zum Thema Zwangsbehandlung. Ja, es kommt leider immer wieder vor, dass Patienten Opfer werden bei unzureichenden strukturellen Bedingungen im Arbeitsbereich. Und dazu gehört ME auch die ungenügende Persönlichkeitsbildung von manchen Vorgesetzten. Diese geben dann die eigene Frustration weiter an die Mitarbeiter und letztendlich werden Patienten mit ausgebrannten Teammitgliedern konfrontiert, die einander nicht mehr verstehen, geschweige denn, die Schwierigkeiten und Probleme gemeinsam tragen.
Mir scheint immer wieder die Frage der angemessenen bzw.unzureichenden Kompetenz im Bereich der Kommunikation mit verantwortlich zu sein für gelingende und auch für mißlingende Pflegesituationen.
Letztendlich werden wir als Menschen geprägt von den Erfahrungen, die wir in unseren jeweiligen Lebens- und Arbeitsbereichen machen. Wo wir Verständnis, Geduld und Zuhören erfahren, können wir selbst auch Verständnis zeigen, geduldig mit Patienten und Mitarbeitern umgehen und vor allem, dort können wir zuhören.

Ich wünsche uns allen ein gesegnets Neues Jahr, in dem wir positive Erfahrungen in diesen Bereichen machen, aber auch anderen solche ermöglichen. SrMB

[ 28. Dezember 2002 14:48: Beitrag editiert von Sr. Dr. M. Benedicta Arndt ]
 
Qualifikation
Pflegewissenschaftlerin, Ordensfrau
Fachgebiet
Kloster-Helfta
I

Ingo Tschinke

Liebe Sr. Benedicta,

m.E. ist dies ein sehr guter Hinweis, dass sehr von der kommunikationsbereitschaft des gesamten Teams abhängig ist, wie einzelne Teammitglieder handeln bzw. mißhandeln. In einem offen, kommunikativen und diskursfähigem Team dürfte es auch weitaus seltener zu unreflektiven Übergriffen von Pflegenden kommen und es dürfte leichter sein problemtische Haltungen zu hinterfragen.

Das meiste ist allerdings immer von der Leitung abhängig, da nur diese in der Lage ist, im Einzelgespräch (z.B. Ziel- bzw. Mitarbeitergespräch) bestimmte Arbeitshaltungen zu hinterfragen.

Wenn man allerdings die Fähigkeiten einer Teams und die Reflektionsbereitschaft vieler Stationsleitungen betrachtet, kann man schon in Zweifeln kommen. Natürlich hat sich in den letzten Jahren da vieles getan, aber es gibt - gerade in den Landeskrankenhäusern - massive tradierte Strukturen, die schwierig zu verändern sind.

Cheers

Ingo
:redface:
 
Pflegeboard.de

Pflegeboard.de

Administrator
Teammitglied
05.07.2001
www.pflegeboard.de
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