Warum spricht mann heute von einer Hinlauftendenz bei Demenz?

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ms-sophie

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Hallo,

man spricht heute von einer Hinlauftendenz, da die Menschen ein Ziel haben wo sie hin wollen. Beispielsweise nach Hause, die Kinder versorgen. Die Blickrichtung hat sich verändert, heute betrachtet man es eher aus der Sicht der Menschen. Früher sprach man ausschließlich von Weglauftendenz weil die eingeschränkt orientierten Menschen immer weggelaufen sind aus stationären Einrichtungen oder aber auch von zuhause, weil sie dies nicht mehr als ihr zuhause erkannt haben (wollten in das Zuhause der Kindheit oder zur Arbeit z.B.)


Sophie
 
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Zwariowany

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Lese jetzt das erste Mal von dieser Begrifflichkeit und kann sagen, dass sie mir gefällt. Bewusst weglaufen möchten sie sicher nicht (außer sie fühlen sich bedroht und festgehalten).
 
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Maggy440

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Hallo Zwariowany,

zur Zei beschäftige ich mich intensiv mit diesem Thema und bin auf der Suche nach Lösungsvorschlägen.
 
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Mailon

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Hallo Miteinander,
Weglaufen tun Menschen (grundsätzlich, sofern es ihnen möglich ist), die sich an dem Ort, an dem sie sich aufhalten, nicht wohlfühlen. Bessere, an Menschen mit Demenz angepasste Strukturen und geschultes personal in Einrichtungen zu schaffen kostet Geld und Umdenken. Also ist es einfacher, von "Hinlauftendenz" zu sprechen. Ein Alibi.

Mailon
 
benny34

benny34

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Es ist eher ein Mix von beidem.
Da ist der eine, der ganz klar dort, wo er sich gerade befindet, nicht bleiben möchte - er läuft weg.
Der andere (z.B. aufgrund Demenz) will nur mal in die Apotheke, Einkaufen, jemanden besuchen - er läuft hin.

Wir haben in der kognitiven Frühreha viele solcher Mischungen. Anfangs ist den Pat. z.B. gar nicht klar, wo sie sind und warum. Die wird dann durch Orientierungsschilder gelöst und durch systematisches, tagtägliches vorbeten: "Sie sind im Krankenhaus weil....seit wann....usw."
Diejenigen in der Anfagsphase sind ganz klar "Mischläufer"
a) wollen sie unbedingt dort weg
b) wollen sie unbedingt zu einem Ziel xy

Man muss das in jedem Fall individuell interpretieren....
 
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Cutter

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Ich stimme Mailon zu. Es ist doch all zu oft eher ein "Alibi" oder auch "Schönreden" wenn von Hinlauftendenz gesprochen wird.

"Es kann ja auch nicht sein das gerade auch unserer tollen Einrichtung jemand weglaufen möchte" ergo muss er woanders hin wollen. Schieben wir es also dem Patient/Bewohner in die Schuhe. "Eigentlich muss er ja hier bleiben wollen, aber hat wohl gerade was anderes vor".

Das klingt jetzt natürlich krass und trifft sicher nicht auf alle Einrichtungen zu, aber für sehr viele mir bekannte Einrichtungen schon. Und leider auch für die Einrichtung in der ich gerade arbeite. Habe neulich einen interessanten Satz gehört: Wenn soziale Belange auf kommerziellen Erfolg stoßen, ziehen die soz. Belange den Kürzeren. Bei uns sind alle Betten belegt, mit Warteliste. Der Geschäftsleitung ist es reichlich egal wie es den Bewohnern geht. Hauptsache alle Betten belegt bei möglichst geringem Kostenaufwand. Kleinste Investitionen werden abgelehnt (zB Wandbilder/Rahmen, Weihnachtsbaum, Tischdecken etc). Unser Betreuungsteam bastelt alles aus Kartonpapier, sodass der Wohnbereich wie ein Kindergarten aussieht. ups, offtopic, sorry
 
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ms-sophie

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Das mit dem Schönreden mag es sicherlich geben, aber es gibt natürlich auch die demente Mutter die "nach Hause" muss um für ihre Jungs zu kochen, oder die Tochter die sich um den Vater kümmern muss, ich habe auch schon Männer erlebt die auf die Arbeit mussten. Das finde ich nichts ungewöhnliches.

sophie
 
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Cutter

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Das ist richtig. Solche Situationen müssen aber von uns sehr schnell erkannt werden und direkt mit kurzer Einzeltherapie (bei uns durch Alltagsbegleiter) aufgefangen werden. Aus Erfahrung kann ich sagen, das wenn sich solche Gedanken in einem Bewohner manifestieren, es immer schwieriger wird. Besser gleich zu Beginn solcher Phasen (zB nach Einzug/Übergangssyndrom) mit anderen Dingen ablenken. Das "auf den Weg machen" kündigt sich meist schon durch Äußerungen oder Handlungen an.

Ich arbeite derzeit mit Bewohnern zusammen die sehr weit in der Demenz fortgeschritten sind. Gedanken die, der Gewohnheit zur Arbeit zu gehen oder sich Sorgen über jemanden machen, sind hier nicht mehr zu erleben. Und wenn, dann nur sehr selten, für ein paar Sekunden oder wenige Minuten. Dann sind die Gedanken schon durch andere ersetzt (ggf durch Alltagsbegleiter/kurze Einzeltherapie).

Wir sind ein offener Bereich und versuchen unsere Bewohner im Hier und Jetzt zu erreichen. Das ist eine sehr schwere und aufwändige Aufgabe. Ich bilde mir ein und hoffe das es sich für die Bewohner lohnt. Eine Rückmeldung bekommen wir nur über Angehörige. Meist positiv.

Ausflüge in die Vergangenheit sind ein Muss und werden immer begleitet, von uns oder den AB (Gruppentherapien). Leider ist das alles viel zu wenig, der Zeitaufwand zu hoch/zu wenig AB und Pflegekräfte. Zu große Gruppenstärke mit zu unterschiedlichen Bewohnern machen das ganze noch schwerer. Mehrere kleine Gruppen mit Bewohnern ähnlicher Ressourcen wären besser... aber leider unmöglich umzusetzen bei uns. Und bei den anderen Einrichtungen, in denen ich war, auch.

Die Frage ob die Bewohner nun "hin" oder "weg" laufen sind im Grunde nichts anderes wie: ob es nun Krankenkasse oder Gesundheitskasse heißen soll. Schlussendlich dasselbe Ergebnis. Es hilft dem Bewohner nicht ob in der Doku "hin" oder "weg" steht. Wie so oft wird sich über die Bürokratie mehr Gedanken gemacht, als Zeit mit dem Bewohner zu verbringen und solche Situationen im Vorfeld zu vermeiden. Und dann wird sich für das entschieden was positiver klingt ... "hin" und "gesund".
 
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resigniert

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Ich finde dieser Unterschied zwischen Hin und Weg sehr wichtig, für uns! Damit wir eine andere Sichtweise auf das Verhalten dieser Personen bekommen.
Die sind dann nicht mehr nur nervig, sondern haben ein Ziel, auch wenn meine Arbeit darunter genau so leidet wie vorher. Ja nervig, im Krankenhaus ist noch weniger Zeit für Begleitung, vor allem Nachts.
Nein, wir fixieren trotzdem nicht, auch nicht pharmakologisch
 
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Cutter

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Wenn man Menschen begegnet, die bereits die Diagnose Demenz haben oder so angekündigt werden, muss jeder Pflegekraft sofort klar sein, das wir mit diesen Menschen nicht umgehen können wie mit Gesunden. Die richtige Sichtweise sollte jedem klar sein und muss selbstverständlich auf den kranken Menschen individuell eingestellt sein.

Fixierung weil nervig gibt's. Hab ich selbst schon mehrfach erlebt. Oft mit der Begründung: Selbstschutz, obwohl eher eine Überforderung von Personal vorlag.

An Demenz erkrankte Menschen sind meist anstrengend. Sehr sogar. Und diese Last gehört auf viele Schultern verteilt. Und da krankt das System.

Eine Hin- oder Weglauftendenz darf sich eigentlich gar nicht erst manifestieren. Das wird sonst immer schwerer und der Mensch muss letztlich geschlossen untergebracht werden.
 
Monika58

Monika58

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Aus der Diskussion ergibt sich, dass demente Menschen gleichermaßen HINlauf- wie WEGlauftendenzen entwickeln können.
Es ist denkbar, dass sie zu Orten wollen zu, denen sie HINlaufen möchten - unabhängig davon, ob sie sich an dem Ort, an dem sie sich zur Zeit befinden, betreut, wertgeschätzt, wohl fühlen oder eben nicht.
Ebenso kann es Zeichen dafür geben, dass der Mensch von dem Ort, an dem er sich zur Zeit befindet, WEGlaufen möchte - nicht unbedingt, weil die Verhältnisse, in denen er lebt so schrecklich für ihn sind, sondern weil er z.B. der Meinung ist, dass er nicht dahin gehört, wo er gerade ist.

Es gilt also, durch Nutzung aller Informationsquellen die richtige Pflegediagnose zu stellen und entsprechend professionell und individuell zu regieren.
 
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marinadiezweite

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Ich finde das gut, wie Monika es erklärt hat. Und ich glaube, fürs Lernen kommt man mit dieser Definition gut weiter. Ja, es stimmt, nicht alle sind so komplett freiwillig und selbstbestimmt im Pflegeheim. Dennoch ist es ja auch eine gute wichtige und menschliche Aufgabe, sie zu integrieren. Und ihnen zu helfen, sich zurechtzufinden. Wenn schon eine Demenzdiagnose besteht, dann ist es einfacher. Aber da sind durchaus auch Menschen, die real nach Hause wollen, weil es halt zu Hause am schönsten ist. Sie laufen objektiv gesehen weg, weil sie einfach bei Eiseskälte falsch gekleidet in den Ort laufen und so bestimmt nicht in ihrer weit entfernten Wohnung ankommen. Hinlaufen ist es aber, weil sie halt ein Ziel vor Augen haben. Ihr Zuhause, ihr Partner, der in Wirklichkeit schon vor einigen Wochen Jahren verstorben ist. Zu den Kindern, die gar nicht mehr klein sind, und zu verschiedenen Aufgaben, die es gar nicht mehr gibt.
Ich nehme daher dieses Hinlaufen eher als symbolisch.
Für die Alltagsbegleiter und Betreuungskräfte ist es eine Hinlauftendenz, die sich im Weglaufen äußert. Und egal, ob Demenzdiagnose oder nicht, man bekommt es meist gleich am Anfang mit. Es ist daher gut, gleich bei Einzug der Bewohner Gespräche zu führen. Dadurch erfährt man, was wahr ist, was real ist und was nicht stimmt. So denke ich kann man entsprechend reagieren, nachfragen, Sehnsüchte erkennen.
Der Aspekt, dass sicher viele Heime nur auf Profit aus sind, den lass ich mal dahingestellt. Weil es einen wenn man die Arbeit als wichtig erachtet, gerade in der ersten Phase viel tun kann, um eine Integration oder ein sich wohlfühlen zu erreichen.
Wie schon hier gesagt, es nützt ja meistens nicht, wenn man eigentlich gar nicht im Heim bleiben möchte. Es ist meist schon klar, dass es aus verschiedenen Gründen zu Hause nicht mehr geht. Da braucht man gar nichts schönreden im Heim. Aber die Realität ist schon, dass das nun das Zuhause wird und die Angehörigen nicht täglich kommen und so weiter.
 
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