Vorüberlegungen zur Sterbehilfe

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haus maranatha

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Überlegungen zur Ethik im Zusammenhang mit Sterbehilfe

Hallo @all,

es ist unmöglich, angemessen über Sterben und Tod zu reden, wenn ich mir nicht vorher Gedanken über das Leben gemacht habe. Hierbei spielt die Weltanschauung des Einzelnen eine entscheidende Rolle. Gestatten Sie mir daher eine kleine Reise in die dieses Thema prägenden Weltanschauungen.

In unserer „westlichen Welt“ treffen wir auf drei große Weltanschauungen, die das Leben, und damit auch das Sterben und alles was sich darum abspielt, wesentlich beeinflussen. Die ursprünglich christliche (bis zum Ausgang des 18. Jhdts.), die evolutionistisch-nihilistische (seit der französischen Revolution im Ausgang des 18. Jhdts.), und seit einigen Jahrzehnten mit zunehmender Tendenz die asiatische.

Während die christliche mit fast allen anderen Religionen – auch den sogenannten Naturreligionen – die Herkunft und Beeinflussung des Menschen von einer Gottheit lehren, geht die evolutionistisch-nihilistische von der Zufälligkeit des Lebens aus. Aus der asiatischen Weltanschauung, die von einem ständigen Kreislauf des Lebens ausgeht, werden in der Regel nur die uns sympatischen Elemente übernommen – Entspannungsübungen, Kampftechniken, usw. -, ohne sich um Herkunft, Bedeutung und Auswirkung Gedanken zu machen.

Nach der für unsere Breiten (noch?) bedeutsamen christlichen Weltanschauung hat der Mensch nicht das Recht, Hand an sein Leben oder das seiner Mitmenschen zu legen, das steht allein Gott zu. Nachzulesen in dem Glaubensbuch der Christen – der Bibel, ohne jetzt näher darauf einzugehen.

Nach der evolutionistisch-nihilistischen Weltanschauung bedarf es konsequenter Weise keiner Rechtfertigung, da der Anhänger dieser Anschauung nur das Produkt des Zufalls ist. Er ist nicht gewollt, niemand verantwortlich, von niemand abhängig. Ethik und Moral sind antiquierte Relikte des christlichen Zeitalters und dem Zufall fremd.

Die asiatische Weltanschauung betrachtet das Lebewesen schlechthin als wertvoll, da es im ständigen Kreislauf immer wiederkehren soll. Interessanter Weise wird die menschliche Lebensform als die bessere angesehen, da der Mensch in der Lage ist , bewusst zu handeln und Veränderungen herbei zu führen. Auch hier ist das Hand an sein Leben oder das seiner Mitmenschen legen undenkbar.

Wer sich mit den verschiedenen Religionen befasst, wir schnell herausfinden, dass es dort keine autonome Entscheidung über lebenswert oder nicht lebenswert gibt. Nirgendwo wird das „Hand-an-sich-selber-legen“ toleriert, mit Ausnahme kleiner Bereiche, z.B. der Ehrenrettung (z.B. Japan, China, u. a.). Auch der asiatischen Weltanschauung ist die aktive Einflussnahme auf den Tod fremd.

Das Thema „Sterbehilfe“ ist eine neue Qualität der Lebensäußerung des „modernen“, westlichen Menschen, die erst wenige Jahrzehnte publik gemacht wird. Sie kommt aus der gleichen Quelle, aus der die sogenannte Geburtenkontrolle gespeist wird – der absoluten Egozentrik, in der sich der Einzelne zum letzten Maßstab macht.

Wie werden wir diskutieren – oder vielleicht bereits handeln, wenn in den 50 – er Jahren dieses Jahrhunderts 2/3 der Bevölkerung über 65 Jahre sind und deshalb nur unnützer Ballast sind? Wenn diese Menschen dem eigenen Wohlstandsstreben nur im Wege stehen?

Wir in der westlichen Welt behaupten, wir seien „aufgeklärt“ und modern. Dabei meinen wir doch nur, dass wir individuell entscheiden dürfen, was richtig und falsch, gut oder böse ist. Nicht erkannt wird hierbei, dass wir uns analog der These der „Herrenmenschen“ zu DEN Herren und Herrinnen aufspielen, die meinen über jeglicher Ordnung zu stehen. Wer sich erinnert: Das hatten wir schon – in vereinfachter Form – heute mit fataleren Folgen als damals.

Ist es nicht richtig, dass vor fünfzig Jahren Juden, Roma und Sinti, psychiatrisch Erkrankte, Körperbehinderte – mit Ausnahme der Kriegsbeschädigten – und andere Minderheiten – wohlgemerkt: Dritte - von den damaligen „Herrenmenschen“ als „lebensunwert“ bezeichnet und behandelt wurden? Von einem Dr. Mengele wenden wir uns mit Abscheu ab, der medizinische Versuche an denen vornahm, die sich nicht wehren konnten.

Und heute? Wir entscheiden nach dem Lustprinzip nach dem Motto: „Mein Bauch gehört mir!“, ob ein Kind – das Eigene – lebenswert ist oder nicht. Wir entscheiden nach Ultraschall und Fruchtwasseruntersuchung, ob ein Mensch lebenswert ist oder nicht. Krankenkassen wollen entscheiden, bis zu welchem Lebensalter und unter welchen Bedingungen bestimmte medizinische Versorgungen genehmigt werden können oder nicht. Wir fordern eine Freigabe der aktiven Sterbehilfe bei - unserer Meinung nach - „lebensunwertem“ Leben. Schwerstkranken und Sterbenden.

Gleichzeitig wird zur Befriedigung unserer Geltungssucht so mancher mit Maschinen über Jahre „in Funktion“ – wir sagen „am Leben“ gehalten und als Wunder der Technik hingestellt.

Was rechtfertigt unseren Aufschrei über damals bei unserem eigenen Denken und Handeln heute? Ist es nicht die gleiche Anmaßung, die damals eine kleine Gruppe für sich in Anspruch nahm? Heute ist dieser Kreis wesentlich größer. Damals ging es um die Ausübung von Macht. Und heute? Heute kommt zu diesem „Macht ausüben“ noch als wesentlicher Faktor Geld, Besitz und Geltungsstreben hinzu. Der „Lebensunwerte“ könnte mir ja etwas wegnehmen oder mich daran hindern, noch mehr zu bekommen.

Sind wir uns eigentlich bewusst, auf welchem Niveau wir uns bereits bewegen? Ist uns eigentlich klar, dass wir bereits die Grenzen der „Herrenmenschen“ von vor fünfzig Jahren weit überschritten haben, die wir selbstherrlich verdammen?

In einem folgenden Beitrag werden Gedanken über Sterbebegleitung, Umgang mit dem Tod behandelt.


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Johannes Paetzold
 
Qualifikation
Altenpfleger
Fachgebiet
Leitung
M

MarcMann

Hallo!
Ich bin ein wenig erschrocken, daß dieser Artikel schon so lange unkommentiert im Brett steht.

Der erste Teil des Textes ist sicher interessant, und ich mag das Geschriebene gerne als Bereicherung meines eigenen Wissens nehmen.
Doch dann gehen dem Autoren wohl etwas die Pferde durch. Der direkte Vergleich von "Herrenmenschen" des Nationalsozialismus und ihrem Plan, bestimmte Bevölkerungsgruppen vollständig zu vernichten mit heutigen Gesellschaftsgruppen, welche mit rechtlichen Mitteln dafür kämpfen, daß z.B. Abtreibung straffrei sein kann oder daß es möglich ist, Schwerstkranken einen menschenwürdigen und individuell gewünschten Tod zu ermöglichen, halte ich für derart gefährlich, daß ich vehement dagegen widersprechen muß.
Ich denke das solchartige Polemik auf einer solchen Plattform nichts zu suchen hat, zumal der Autor scheinbar im Namen einer nicht genauer definierten Gruppe namens "Haus Marantha" spricht.

Ich kann nur hoffen, daß es ein unüberdachter Gefühlsausbruch war und eigentlich ganz harmlos...
 
K

Kristin

Ich bin ebenfalls sehr wütend über diesen Beitrag. Leider habe ich diesen Beitrag auch erst jetzt entdeckt. Ich empfinde diesen Beitrag als entwürdigend. Ich denke nichts, aber auch gar nichts, ist vergleichbar oder gar schlimmer, als die Greultaten des Nazi-Regimes! Jedweder Vergleich, mit was auch immer, ist nochmals ein Verhöhnen der Opfer. Ich finde diesen Beitrag absolut geschmacklos.
Kristin
 
C

Christian

Hallo zusammen,

da ich momentan mit einem kleineren/größeren PC-Problem zu Gange bin, habe ich den Beitrag auch erst jetzt lesen können .

Mich erschreckt und erzürnt der bereist angesprochene Vergleich mit dem NS-Regime nicht minder wie Kristin - und ich bin nicht willens solche Unterstellungen auf pflegeboard.de zu dulden.

Man kann zu vielem unterschiedlicher Auffassung sein, aber ich werde hier niemandem ermöglichen wollen, in dassselbe Horn zu blasen wie ominöse selbsternannte "Lebensschützer"gruppierungen und -grüppchen.

Um ehrlich zu sein, verlier ich bei diesem Beitrag die Fassung und meine erste Überlegung war, ihn mit einem entsprechend deutlichen Kommentar schlichtweg zu löschen. Allerdings solte das tatsächlich nur der allerletzte Weg sein und ist nicht von mir alleine zu entscheiden - wofür ich wiederum recht dankbar bin.

Not amused,
Christian.

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J

Joerg Guenther

Ich hoffe, das es nur ein Ausrutscher war, der Herrn Paetzold zu seinen Äußerungen trieb. Es ist in keinster Weise legitim, die Greueltaten des NS-Regimes mit irgend etwas anderem in der heutugen Zeit in Verbindung zu setzen. Die Diskussion heißt denke ich, auch nicht Herrenmensch kontra unwertes Leben, sondern Ermöglichung eines menschenwürdigen Sterbens nach eigenen Wünschen, und auch dies nicht aus nichtigem Anlass, sondern nur in der Schlußphase eines sonst durch Schmerzen oder andere Umstände für den betreffenden Menschen, wenn es denn sein eigener Wunsch ist, unerträglichen Lebens. Weiterhin meine ich, die Diskussion über Abtreibung muß jeder Mensch je nach seinem Glauben und Gewissen mit sich selbst abmachen. Wenn ich die Päbstlichen Enzykliken lese, in der Verhütung gebrandmarkt wird und Kinder in eine Menschenunwürdigen Umwelt geboren werden, um sich dann zu prostituieren oder als Ersatzteillager für westliche reiche Menschen zu dienen, frage ich mich auch, welche Anschauung die humanere ist. So lange wir nicht in der Lage sind den Ungeborenen weltweit ein würdiges Leben zu bieten, oder Ungeborenen ein Leben ohne körperliche Gebrechen, welche zudem schon vorgeburtlich erkennbar sind zu helfen, sollten wir auch die Möglichkeit der Abtreibung nicht generell von uns weisen.

Des weiteren schließe ich mich meinen Vorrednern an.
Jörg Günther
 
G

Geri

He Leute,

mich erschreckt und erzürnt etwas ganz anderes: Daß ihr offensichtlich nicht in der Lage seid, diesen Beitrag inhaltlich zu diskutieren, und zwar auf einer sachlichen Ebene. Wo kommen wir denn hin, wenn jeder Beitrag, den der eine oder andere provokant findet, aus dem Forum geworfen werden soll? Es gibt so etwas wie das Recht auf freie Meinungsäußerung, nicht wahr? Anscheinend bedarf es nur eines einzigen Reizwortes wie "Herrenmenschen", um Gefahr zu laufen, hier mundtot gemacht zu werden. Und wenn an anderer Stelle die Rede von Zensur war, was sonst soll das denn sein?. Heizt dem Herrn P. von mir aus ruhig richtig ein, schließlich ist das hier ein Diskussionsforum, aber bleibt bitte auf dem Teppich, was das Löschen, Verbieten oder sonstiges Verhindern von Beiträgen angeht.


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Geri

Never ever give up!
 
M

MarcMann

Hallo Geri,
was geht denn jetzt ab???
Festzuhalten ist, daß die Worte dieses Artikels sehr unglücklich gewählt sind und damit in einem Kontext stehen, welchen ich so nicht hier lesen möchte.
J.Paetzold hat sicher auch etwas anderes gemeint, doch das hat er sehr gut versteckt. Sicher kann man Abtreibung als Mord sehen, auch, wenn es in meinen Augen als medizinisch und ethisch unter bestimmten Umständen gerechtfertigt scheint. Sicher kann man Zweifel an der teilweise grenzenlosen "Experimentierfreudigkeit" der Medizin hegen, unser ganzes System in frage stellen, in dem meist Entscheidungen aus finaniellen Beweggründen fallen. Sicher ist der Faktor "Macht ausüben" diskussionswürdig.

Aber nicht so !

J.Paetzold scheint sehr stark mit Glaubensmotiven christlicher Herkunft zu arbeiten. Das soll er von mir aus tun. Aber wenn er anfängt, in einem Anflug von Provokation die Grenzen zu überschreiten, beleidigend, diffamierend und ohne eine Spur von Differenziertheit (was er selbst bei seiner Meinung wohl erwarten würde), dann sind - finde ich - die Ziele dieses Forums gesprengt.
Inhaltliche Diskussion ist gut, doch es muß auch ein Inhalt sein, der dessen würdig ist.

Bei allem guten Willen: Bisher hat sich J.Paetzold noch nicht dazu geäußert.

Vielleicht solltet ihr in Eurem "Internen Board" nochmal darüber diskutieren, es scheint so, als ob Ihr euch nicht so ganz einig seid, was dieses Forum leisten soll und was es leisten darf.

Ich hoffe, daß Ihr zu dem Schluß kommt, daß dieses Forum nicht der Ort werden darf, in dem jeder wild herumdiffamieren darf.
Diese Diskussion ist jetzt in Ordnung - aber sie darf nicht zum Regelfall werden.

Marc
 
H

haus maranatha

Gesperrter Benutzeraccount
Themenstarter/in
Hallo MarcMann, hallo Kristin, hallo Christian, hallo Joerg,

ich freue mich, dass auf meinen Beitrag Reaktionen kommen. Gestattet mir jedoch, zu Euren Aussagen ebenfalls Stellung zu nehmen.

Zunächst ist mir wichtig klar zu stellen, dass ich die Taten des NS-Regimes genau so verurteile, wie Ihr. Meine Ausführungen bezogen sich jedoch nicht, wie Ihr wohl meint auf den seinerzeit verübten Völkermord an sich, sondern auf die Gesinnung, die hinter solchen Taten steht.

Ich halte nichts von Polemik, wie MarcMann meint. Ich spreche auch nicht „im Namen einer nicht genauer definierten Gruppe namens Maranatha.“ Ich betreibe ein Pflegeheim dieses Namens.

Wenn Kristin der Auffassung ist, dass ein „Vergleich“ eine Verhöhnung der damaligen Opfer sei, kann ich dieser Ansicht nicht folgen. Es gab vor der NS-Zeit Völkermord und es gibt ihn heute noch. Doch viele Verhaltensweisen nähren sich aus der gleichen Lebenseinstellung - heute wie damals.

Ich betrachte mich auch nicht als selbsternannten „Lebensschützer“. Aber wenn so freizügig über die „Beendigung von Leben“ gesprochen werden darf, bin ich der Auffassung, dass auch das Einstehen für das Leben den gleichen Anspruch hat.

Vielleicht ist der Bezug zu unserer jüngsten Vergangenheit zu eng, als dass wir uns sachlich darüber unterhalten könnten?

Vielleicht können wir doch auf einer sachlichen Ebene – wenn auch konträr – über verschiedene Dinge sprechen, die nun mal untrennbar mit unserem Menschsein verbunden sind?

Betrachten wir die Fakten:

Ich erwähnte Mengele. Worin unterscheidet sich sein Handeln von den Wissenschaftlern unserer Zeit, die ein Patent nach dem anderen anmelden, nach dem sie Rechte erwerben auf tiefgreifendste Manipulationen des Lebens – wohlgemerkt des menschlichen Lebens. Meines Wissens können nur dann Patente angemeldet werden, wenn entsprechende Verfahren oder Produkte bereits erprobt sind und sich als verwertbar erweisen. Daraus ist zu schlussfolgern, dass hier bereits umfangreiche Manipulationen stattgefunden haben, auch wenn dies offiziell dementiert wird – es ist ja gesetzlich verboten. Wie viele Menschen werden heute in unseren Krankenhäusern als Versuchsobjekte missbraucht, die nichts davon wissen? Sagt mir: Wo liegt unsere Berechtigung zum Aufschrei über damals, wo wir heute genau das Gleiche tun? Mit den heutigen Methoden sogar noch tiefgreifender und umfassender. Damals hieß es, das geschieht zur Weiterentwicklung der Medizin. Wie nennt man das heute? Meines Wissens genau so.

Wird ein Verhalten dadurch weniger verabscheuungswürdig, wenn es sehr weit zurück in der Vergangenheit liegt oder von Nichtdeutschen praktiziert wird? Judenvernichtung durch die Römer, Christenvernichtung durch die Römer und die katholische Kirche in Europa, ethnische Säuberung in Jugoslawien, systematische Vernichtungsfeldzüge gegen die Indianer Amerikas. Das Handeln in unserem Land vor 50 Jahren ließe sich noch mit vielen anderen Fakten vergleichen.

Für mich sind alle diese Vorgänge gleich verabscheuungswürdig. Aber das war ja gar nicht mein Thema. Ich fragte nach der Gesinnung, die hinter diesen Handlungen steht. Ob das Handeln 2000 Jahre zurück liegt, vor 50 Jahren geschah, heute in Nachbarländern geschieht, oder nur gerade um die Ecke – was bewegt Menschen dazu, sich so zu verhalten?

Im Wochenkurier von Eberbach erschien am 15. November 2000 das Titelthema: „Mord, Selbstmord oder Pflicht zum Sterben?“ Untertitel: „Gefährliche Gratwanderung der Sterbehilfe-Organisationen“!

Da heißt es: „Wie soll Sterbehilfe – aktive oder passive – aussehen? Als Recht des Patienten, oder als Pflicht für den Arzt? Bei wem soll sie angewandt werden? Wo enden? Laufen wir nicht Gefahr, dass letztendlich das heute häufig geforderte „Recht zu sterben“ zur „Pflicht zum Sterben“ wird? Und spätestens dann wäre die Brücke geschlagen zwischen Sterbehilfe und NS – Euthanasie. ...

Sind es wirklich die Alten und Kranken, die „humanes Sterben“ fordern, oder sind es die Auswüchse unserer Gesellschaft, die sich den Tod bereits aus dem gepflegten Ambiente hinaus in die Anonymität geschafft hat, und die sich nun des Todes noch ein wenig schneller entledigen will, weil er einfach nicht mehr in den Lifestyle passt?

Wie schnell könnte bei einer generellen Freigabe aus „Du darfst töten“ – vielleicht unter dem Gesichtspunkt einer zukünftigen „Gesundheitsreform“ – „Du musst töten“ werden? Ein Horrorszenario: Aus Kostengründen wird der Patient eliminiert – ohne gefragt zu werden. Science Fiction? Keineswegs! 1982 äußerte sich der Berater des damaligen französischen PräsidentenMitterand, Jacques Atteli, in einem Interview dahingehend:

„Wenn der Mensch das 60. oder 65. Lebensjahr überschritten hat, lebt er länger, und kostet die Gemeinschaft sehr viel. Zwei Drittel der Gesundheitskosten sind auf seine letzten beiden Lebensmonate konzentriert. Vom gesellschaftlichen Standpunkt aus ist es daher besser, wenn die menschliche Maschine plötzlich zum Stillstand kommt, als dass sie sich fortwährend abnützt.. Die Euthanasie wird auf jeden Fall eines der wesentlichen Instrumente eines künftigen Gesellschaftssystems sein.“

Bis hier hin der Zeitungsbeitrag.

In der Bibel steht: „Du sollst nicht töten!“

Sterbehilfeorganisationen und andere sagen heute: „Du darfst töten!“

Ist der nächste Schritt: „Du sollst töten?“

Die Geschichte hat gelehrt: Alles, was sich der Mensch vorstellen kann, tut er auch. Manches sofort – manches später. Aber er tut es. Warum?

Am Anfang der Menschheitsgeschichte sagte die Schlange: „Wenn du das auch noch nimmst, was dir nicht gehört, wirst du Gott sein und selbst entscheiden können, was gut und böse – richtig oder falsch ist.“ Und der Mensch nahm.

Die Folgen sind uns allen bekannt: Scham – Furcht – Lüge – Verschieben von Verantwortung auf andere – Selbstrechtfertigung - Mühsal beim Erwerb des Lebensunterhalts – Schmerzen bei der Geburt – Neid – Haß – Mord – Verzweiflung. Nachzulesen ab 3. Kapitel, 1. Buch Mose.

Auch wer nicht an Gott glaubt kommt an dieser Kettenreaktion nicht vorbei. Muß sich deren Auswirkungen stellen.

Joerg, ich frage Dich: Wie können Menschen, die nur ihrer Lust leben „den Ungeborenen ein würdiges Leben bieten?“ Wie viele perfekte Menschen sind Dir schon begegnet?

Menschenwürde: Nach unserem Grundgesetz ist das Leben unantastbar. Das heißt, dass kein Mensch das Recht hat, über Leben und Tod zu entscheiden. Für mich ist es genauso menschenunwürdig, den Menschen als Ersatzteillager zu benutzen, wie ihn zu töten. Es hat nichts mit Menschenwürde zu tun, Frauen und Kinder zu missbrauchen. Es ist aber genauso menschenunwürdig, ein Menschenleben zu vernichten, weil man nur seiner Lust leben will. Es gibt vieles, das menschenunwürdig ist. Dennoch wird es praktiziert.

Das Geschrei kommt immer erst dann auf, wenn sich eine Stimme gegen die allgemein geübte Praxis wendet oder man selbst di/er Betroffene ist. Doch das ist auch nicht neu.

Verhütung? Schon in der Bibel lesen wir, dass die Partner in Verantwortung miteinander umgehen sollen. Das liest sich etwas anders als die päpstlichen Enzykliken.

Ich führe meinen Beruf als Altenpfleger aus, weil ich das Leben achte. In dieser Zeit gehört auch das Sterben und der Tod zu unserem Leben. Ich sehe meine Aufgabe darin, dem Sterbenden auf seinem letzten Weg etwas von der Hoffnung mitzugeben, die ich selber habe.

Zum Schluß noch die Fragen:

Wer hat das Recht, zu entscheiden ob lebenswert oder nicht?
Wer entscheidet was richtig oder falsch ist?
Wer gibt irgend jemand das Recht, über den anderen zu richten?

Ich bin sehr dankbar, dass mir als Mensch nicht die Rolle des Richters über meine Mitmenschen übertragen ist. Aber ist es recht zu schweigen, wenn eine Entwicklung auf uns zu kommt, die sich sehr wohl verselbständigen kann? Ein altes Wort sagt: „Es gibt nichts Neues unter der Sonne!“

Ich erwarte somit auch weiterhin eine ernsthafte Diskussion. Nichts auf dieser Erde ist so vollkommen, als dass es eine Veränderung verträgt.

In diesem Sinne

Hallo MarcMann,

gerade lese ich Deinen Kommentar, ich hätte mich noch nicht gemeldet. Tut mir leid, aber zwischendrin muß ich arbeiten. Mal mehr, mal weniger. Bei weniger habe ich Zeit zum Diskutieren. Nichts für ungut.


[Dieser Beitrag wurde von haus-maranatha.com am 28. November 2000 editiert.]
 
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Altenpfleger
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Joerg Guenther

Ich bitte zunächst darum jegliche NS-Bezüge in zukünftigen Beiträgen zu unterlassen. Ich sehe keinerlei Zusammenhänge zwischen NS-Ärzten und der heutigen Forschung. Es ist für mich ungeheuerlich diese Bezüge überhaupt herzustellen. Weiterhin sehe ich keinerlei Bezüge zwischen den Massenvernichtungslagern und Taten welche im dritten Reich oder irgendwann in heutiger Zeit oder in der Antike stattfanden und der heutigen Forschung. Es ist m.E. nicht legitim diese Bezüge herzustellen.
Man mag über die Sinnhaftigkeit von Abtreibung und Sterbehilfe streiten aber bitte nicht auf dieser Ebene.
Weiterhin, Sterbehilfe ist für mich nicht zwangsläufig die Tötung von Menschen, sondern deren Begleitung und Respektierung deren Willens auf z.B. Abschaltung lebensverlängernder Maßnahmen. Wenn dies den Tot nachsich zieht, ist dies Wille des Sterbenden, denn ohne Maschinen wäre er schon früher und unter Umständen Würdiger gestorben. Weiterhin, wenn es der Wille eines Menschen ist, aufgrund unsäglicher Schmerzen aus dieser Welt zu gehen, sollten wir ihm die Möglichkeit geben, dies selbst zu entscheiden. Alles andere wäre m.E. menschenverachtend.
Wer unterstützt, das Menschen durch nicht durchgeführte Verhütung in menschenunwürdige Verhältnisse geboren werden, oder die Verhütung durch Kondome per Enzyklika verbietet sollte in der Folge auch für die Versorgung mit Nahrung und Menschenwürdigen Verhältnissen sorgen. Wer darüber hinaus in Kauf nimmt, das sich Menschen durch nicht verwendung von Kondomen mit AIDS ansteckt, weil die Kondome verteufelt wurden, sollte für die Behandlungskosten aufkommen.
Wenn hier das Ausleben sexueller Bedürfnisse als Teufelswerk oder als Fleischeslust hinstellt, sollte mal darüber nachdenken, ob er/sie noch im richtigen Jahrhundert oder Jahrtausend lebt. M.E. ist die Zeit der Hexenverbrennungen etc. schon etwas länger vorbei.

Außerdem frage ich mich, warum Sie, Inhaber des Haus Maranatha sich hier mit haus-maranatha.com als Mitglied eingetragen haben. Ihre Webadresse lautet aber haus-marantha.de. Die andere Adresse gehört einem Haus des CVJM.

Wen es interessiert, auf www.haus-maranatha.de kann man auch die Pflegesätze nachlesen.

Sehr verärgert
Jörg Günther

[Dieser Beitrag wurde von Joerg Guenther am 29. November 2000 editiert.]
 
F

frank

mich ärgert total, das der holocaust an den juden im sog. dritten reich mit dem genozid an anderen volksgruppen/ völkern verglichen wird.
ein zynischer vergleich, und wie kristin schreibt eine verhöhnung aller opfer des faschismus.

es gibt sicherlich bereiche, medizin/ flugfahrt die von forschungen der nazis profitiert haben, aber um welchen preis??? mir ist nicht bekannt, das versuchsreihen, mit todesfolge/ qual an menschen, nach 45 irgendwo gelaufen wären.
das die sterbehilfe, die zur sterbebegleitung und nicht zum töten der menschen aufruft.
was genau heisst" menschen die nur nach ihrer lust leben"?
ich lebe auch nach meiner lust!!!
erst mal
frank

[Dieser Beitrag wurde von frank am 29. November 2000 editiert.]
 
J

Joerg Guenther

Erstmal nur soviel,
es ist jedem sselbst überlassen, in welcher Art und Weise er mit wem diskutiert.
1.) Ich sehe nicht eine Gesinnung wie im Dritten Reich in den von Ihnen angesprochenen wissenschaftlichen Bereichen. Über Sinn und Unsinn einer Forschung welcher Art auch immer läßt sich allerdings streiten.
2.)Der Bericht des Beraters des ehemaligen französischen Präsidenten liegt mir nicht vor. Ich kann ihn also nicht verifizieren. Die Äußerung kann aus dem Zusammenhang gerissen sein und somit verfälscht. Sollte die Meldung sinngemäß stimmen, so ist sie selbstverständlich zu verurteilen, denn nur um Leben zu beenden weil jemand lästig oder zu teuer geworden ist, ist Mord.
3.)Sie vermischen wiederum m.E. Themen, die nicht zusammewnpassen, wenn Sie nun die Todesstrafe mit in die Diskussion einführen. Allerdings bin ich unter ganz besonderen Umständen und auch nur dann bereit die Aspekte der Fürsprecher der Todesstrafe zu verstehen, jedoch nicht zwangsläufig, diese zu billigen.
4.)Zu dem Begriff ominös möchte ich hier und jetzt keine Stellung nehmen.
5.)Die Menschen als Spezies entscheiden was Menschenwürdig ist. Wir schaffen uns selbst unser Umfeld und fördern oder hemmen Entwicklungen von menschenwürdigen Verhältnissen. Wie wir mit z.B. Entwicklungsländern umgehen ist nicht richtig und muß geändert werden. Allerdings denke ich, das es EInzelpersonen nicht zusteht dies zu entscheiden.
6.)Sicherlich kann sich kein Mensch selbst das Leben geben, allerdings glaube ich auch nicht an die Schlange, die Eva und Adam dazu überedet hat, den Apfel zu nehmen es zeugt. M.E. von religiöser Verblendung und weltferne dies wörtlich zu nehmen.
7.)Menschenunwürdige Verhältnisse werden natürlich durch Menschen geschaffen, aber muß man die Verschlechterung der Verhältnisse durch Überbevölkerung nicht auch noch dadurch fördern, das man Verhütungsmittel, nicht Abtreibung in religiöser Verblendung verbietet und AIDS fördert ?
8.) Das REcht über Leben und Tod zu entscheiden ergibt sich m.E. nur für den Menschen für sein eigenes Leben selbst und er muß es mit seinem Karma abmachen. Hier kann ich nur wieder sagen, das man jedem Menschen die Möglichkeit geben sollte in Frieden und selbstbestimmt zu gehen. Weiterhin halte ich nichts von lebensverlängernden Maßnahmen z.B. bei Hirntod etc.
9.)Die Niederländische Erlaubnis zur Sterbehilfe ist so wie sie vorliegt mit Sicherheit problematisch. Sie befördert u.U. ein "voreiliges" Handeln. Die Sterbehilfe sollte auf jeden fall eine Tat bleiben, die von der Staatsanwaltschaft untersucht werden muß um nicht Tür und Tor für nicht nachvollziehbare Sterbehilfe zu öffnen.
10.) Der von Ihnen geschilderte Fall der "Krebskranken Frau" ist mir nicht bekannt und ich kann dazu nicht direkt Stellung beziehen, wiewohl es allerdings durchaus Spontanheilungen von Krebs geben kann, ebenso wie auch ärztliche Irrtümer und eingebildete Erkrankungen. Ein leichtfertiger UMgang mit der Sterbehilfe ist daher auch abzulehnen. Ich habe auch nie behauptet, das Menschen um jeden Preis getötet werden müssen. Das Sterben in Würde und ohne Schmerzen ist eher das, was ich unter Sterbehilfe verstehe. Hierbei ist natürlich auch das Abschalten von Maschinen gemeint, welche die Qualen nur unnötig verlängern. Ich möchte Sie bitten, hier nicht immer wieder zu polarisieren.
11.) Zu Ihrem Benutzernamen. Sicherlich war er hier im Board noch nicht vergeben, sonst hätten Sie ihn ja nicht bekommen können, aber mit der Schreibweise haus-maranatha.com erwecken Sie den Anschein, das man unter dieser Adresse Ihre Homepage findet unter www.haus-maranatha.com findet sich aber ein Haus des CVJM Ihre Webside befindet sich hingegen unter http://www.pflege-haus-maranatha.de ein kleiner aber nicht unwesentlicher Unterschied. Sicherlich kann sich hier jeder einen Pseudo-Namen nach seinem Geschmack zulegen, aber bitte wenn schon ein enger Bezug zum echten Namen besteht, dann bitte auch nicht mit fremder Domain.

Soviel für jetzt
Jörg Günther



[Dieser Beitrag wurde von Joerg Guenther am 30. November 2000 editiert.]
 
K

Kai-Uwe

[email protected]

Wer entscheidet was Menschenwürde ist widerspricht sich schon in der Satzstellung,es sind die Menschen in einer Gesellschaft,unterschiedlich deren Kultur entsprechend.Und natürlich jeder noch mal für sich selbst( solange man damit anderen nicht schadet).
Keiner kann sich selbst das Leben geben aber schließt das aus ein Selbstbestimmtes Leben zu führen?
Menschenunwürdige Zustände werden meist von Menschen beeinflusst wie natürlich auch andersherum.
Wer entscheidet den über Leben oder Tod? in unseren Diskussionen hier im Board ging es darum das die betroffenen Menschen selber entscheiden können sollten was sie wollen oder halt auch nicht wollen.Jeder kann nur für sich selbst entscheiden,keiner sollte das Recht haben für andere zu Richten.
Das neue (noch nicht erlassene) Gesetz in Holland ist m.E.
nicht der richtige Weg sondern öffnet dennen die darauf aus sind neue Perspektiven.
Warum soll Sterben wiedernatürlich sein?Sterben gehört zu jedem Leben dazu ist somit auch nicht wieder der Natur,Humanes Sterben würde ich für mich definieren als Schmerzfreien Tod mit vorangehender Verabschiedungzeit für meine Angehörigen.
Es wird eine Geschichte erzählt und hinterher wird behauptet das diese Frau mit unserer Lebenseinstellung Mausetod währe,wie kommt der Autor dazu.Es wurde von uns allen immer der Wille des Patienten in den Vodergrund gestellt das heißt sie währe auf jeden Fall in den Wald gegangen weil das war ja ihr freier WILLE!!!!


Kai-Uwe


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H

haus maranatha

Gesperrter Benutzeraccount
Themenstarter/in
Hallo,

warum verärgert? Ich habe nicht vom Holocaust gesprochen, sondern von der Gesinnung, die Menschen zu diesen, wie auch anderen Verbrechen veranlasst.

Vielleicht sollten in das Forum eingestellte Beiträge auch mal richtig gelesen werden. Dann würde diese Reaktion wohl kaum stattfinden. Es ist für meine Begriffe fatal, wenn Hintergründe für ein bestimmtes Verhalten schlichtweg ausgeblendet werden und lediglich Begriffe, Bezüge und Auswirkungen die Reaktionen bestimmen.

Ich vermisse z. B. den Kommentar zu den Äußerungen des Beraters des ehemaligen französischen Präsidenten Mitterand. Ich vermisse die Stellungnahme zu meinen Fragen. Wo ist die Legitimation????? Ich bin nicht entsetzt darüber, daß Sie das Einstehen für das Leben mit "ominös" in Verbindung bringen. Diese Einstellung ist ja folgerichtig.

Ich kann mir aber vorstellen, daß Sie gegen die Todesstrafe in den USA, Türkei und wo auch immer sind und dafür sicher auch ihre Stimme erheben. Ich stelle in diesem Zusammenhang weitere Fragen und bin auf deren Beantwortung gespannt:

Wer entscheidet, was Menschewürde ist?
Wer kennt einen Menschen, der sich selbst das Leben gegeben hat?
Wer ist der, der die "menschenunwürdigen" Zustände schafft?
Woher nimmt der Mensch das Recht, über Leben oder Tod zu entscheiden?

Mich wundert, daß Ihr nur die Reizworte aus einem Gesamtzusammenhang herausgreift, jedoch auf die anstehenden Fragen nach der Berechtigung für ein bestimmtes Handeln unbeantwortet lasst. Es kann sehr wohl der Eindruck entstehen, daß diese Fragen in ihrer Antwort unbequem werden und deshalb tunlichst unbeantwortet bleiben. Eine sachliche Auseinandersetzung mit diesem ernsten Thema kann ich derzeit noch nicht erkennen.

Sonderbar auch, daß zu dem Auszug aus der Zeitung kein Kommentar kommt. Zumal jetzt die erste Nation so weit ist, per Gesetz zu gestatten: "Du darfst töten!"

Was ist humanes Sterben? Wer bestimmt, was das ist? Sterben ist ob für den Menschen oder das Tier immer grausam, weil widernatürlich. Im Tierreich wird getötet um zu fressen nach Art des Lebewesens. Menschen töten aus vielerlei Gründen. Nennt mit doch bitte einen einzigen Grund, der menschenwürdig ist!

Wenn wir die Mittel haben, Schmerzen zu lindern oder zu nehmen, betrachte ich das als durchaus legitim, sie auch in der Sterbephase einzusetzen. Es wurde davon gesprochen, daß jemand unheilbar krank sei und in dem Zusammenhang die Tötung zu rechtfertigen sei. Hierzu ein Beispiel, das sich vor einigen Jahren in Köln zugetragen hat.

Einer Frau aus Köln wurde von verschiedenen Ärzten aufgrund umfangreicher Untersuchungen dokumentiert, daß sie wegen Krebs nur noch max. 6 Monate zu leben habe. Daraufhin sagte sie sich: Ich will allein sterben, nicht unter Menschen und baute sich im Bergischen Land in einem Waldstück eine Zweighütte, um dort zu sterben. Sie aß nur Beeren und Kräuter aus dem Wald, was sie gerade fand. Doch sie wurde nicht immmer schwächer, wie man meinen sollte bei der Diagnose, sondern fühlte sich von Monat zu Monat besser. Als die diagnostizierte Zeit um war, fühlte sie sich fitter als je zuvor. Sie ging zurück in ihre Heimatstadt, lies sich erneut untersuchen. Das Ergebnis: Absolut keine Anzeichen eines Carzinoms. Heute lebt sie quietschvergnügt in Köln, so wurde mir berichtet.

Mit Ihrer Theorie allerdings wäre sie bereits mausetod. Die Frage: "Wann ist ein Leben lebensunwert???????????" Es gingen schon einige berühmte Persönlichkeiten über die Bühne der Geschichte, die meinten, der Nabel der Welt zu sein und die selbstherrlich andere beherrschten. Ich denke, auf weitere solcher Leute können wir eigentlich verzichten.

Noch eines zum bedenken: Es gab einmal Herrscher über mächtige Reiche, die fragten: "Wer ist der Gott, dem wir uns unterwerfen sollen?" Sagt mir, was ist aus ihnen geworden? Ein Pharao versank im roten Meer. Ein Nebukadnezar wurde wahnsinnig. Ein Beltsazer wurde bei einem Festgelage abgeschlachtet.

Zu meinem Benutzernamen: Mir ist nicht bekannt, daß dieser bereits vergeben ist.



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Johannes Paetzold
 
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Lutz Mueller-Bohlen

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Diese Liste nennt sich "Ethik in der Pflege". Ich möchte, by the way, nicht unerwähnt lassen, dass die Rolle der Pflegenden im Dritten Reich noch ein erschreckend dunkles Kapitel ist. Es wäre sträflichst geschichtsverfälschend, die Perversion auf Mengele zu reduzieren, ebenso wie so zu tun, als wenn 1945 die gesamte deutsche Bevölkerung auf einen fernen Planeten gebeamt wurde.

Ist es wirklich so fern, die Diskussion um lebenswertes Leben u.a. auch vor dem Hintergrund der Nazi-Greueltaten zu führen ? (wobei die Gegenüberstellung christlicher Kultur und Faschismus in der Tat nicht ganz glücklich ist).

Ich hätte ernsthafte Bedenken, wenn in diesen Diskussionen unsere deutsche Vergangenheit nicht immer präsenter Mahner angesichts aktueller Entwicklungen wie z.B. prädiktiver Gentests und Euthanasie wäre. In der Tat halte ich z.B. Überlegungen, Gentests zum Maßstab zu machen, ob ich eine Versicherung abschließen darf oder nicht, für faschistoid.

In Holland geht es darum, dass nunmehr Euthanasie Staatsdogma wird und Menschen urteilen, welches Leben lebensunwert ist. Dabei ist es ein Trugschluss, dass dies irgendetwas etwas mit Selbstbestimmung zu tun hat.

Ich bezweifle auch mit sehr viel Nachdruck, ob eine Tötungsspritze etwas mit menschlichem oder humanem Sterben zu tun hat. Ist human gleichbedeutend mit schmerz- und problemfrei (quadratisch, praktisch, gut)? Bedeutet menschlich, dass ich meine emotiononale Betroffenheit zum Maßstab eines anderen Lebens machen darf ? Bin ich betroffen von dem Leid des anderen oder ist dies die sich spiegelnde Angst vor meinem eigenen Ende ? Sind meine eigenen Erfahrungen Maß aller Dinge ?

Oder wird hier gar eine Entwicklung begünstigt durch hippe, trendige Fernsehreports mit der Zielgruppe 16-40 (wohlgemerkt)? Sterben ist grausam, Akte investigativ fragt nach. Birgit Schwrowange: sterben ist nicht hip ? Zlatko in Bild exklusiv : sterben, davon krich ich Plack ! Wie wird Meinung gemacht !
Geschichte wird in HTML geschrieben, mit Java-Applet und optimiert auf 800x600 Zeichen, und Ethik reduziert sich auf SMS-Länge. Dieser Trend hat sehr viel mit faschistoid zu tun.

Der Listenadministrator schreibt "ich werde hier niemandem ermöglichen wollen, in dassselbe Horn zu blasen wie ominöse selbsternannte "Lebensschützer"gruppierungen und -grüppchen." Gibt es nur eine Wahrheit (142 Zeichen im SMS-Format) ?

Der Begriff Faschismus beschreibt antidemokratische und totalitäre Strömungen. Dies sollten alle bedenken, die angesichts von durchaus moderaten Meinungsäußerungen, die nicht mit ihrer eigenen konform gehen, hier Zensur auch nur im Ansatz fordern.


mfG
Lutz Müller-Bohlen www.pflegegutachter.de
 
M

MarcMann

Hallo,
das Thema ist zu wichtig und so schon schwer genug zu handhaben, als daß wir uns all zu sehr mit Oberflächlichkeiten herumschlagen sollten. Deshalb möchte ich auch nur noch kurz dazu Stellung nehmen.

Johannes, das, was Du mehrfach erwähnt hast, ist die Gesinnung. Dazu später. Die Art und Weise, wie es jedoch vorgetragen wird birgt viele Probleme. Den Vergleich mit den Verbrechen der NS-Zeit aus dem ersten Text, der die ganze Diskussion lostrat, halte ich noch immer für sehr gefährlich. Mit den Erläuterungen des zweiten Textes scheint mir einiges nachvollziehbarer. Ich bezweifele, daß eine Verhöhnung von NS-Opfern betrieben werden sollte. Dennoch ist es derart mißverständlich geschrieben, wie die Diskussion zeigt. Und das bringt mich auch zu meinem Hauptvorwurf.
Die Texte zeugen von langer Beschäftigung mit diesem und anderen Themen. Viele Quellen werden aufgetan, Beweise oder Zeugnisse vorgelegt. So sehr ich versucht habe, ich komme gar nicht mehr hinterher, auf einzelne Punkte einzugehen. Du machst es Dir sehr leicht. Eine themenbezogene Diskussion zu fordern, sie jedoch durch eine Unzahl von Informationen zu verhindern, das ist kein guter Stil. Noch immer stehen einige Punkte aus dem ersten Text im Raum, welche vielleicht keiner Erklärung mehr bedürfen, jedoch vielleicht einer einfachen Entschuldigung.

Vielleicht habe ich Fehler in der Interpretation des textes gemacht. Doch Du stellst Dich hin und hälst die Fehler vor. Das, was Du zu sagen hast, scheint mir wichtig, doch es geht unter. Warum ist kein entgegenkommen möglich auf der Verstehenseben, nur ein gegenpowern???

Weiter: Dein christlicher Glaube sei Dir ungenommen. Sicher ist die Prägung unserer "westlichen Welt" christlich. Aber das Christentum spielt eine immer kleinere Rolle. Aus meiner Überzeugung halte ich es für sehr überheblich von allen Religionen ( besonders aber vom Christentum mit seinem unsäglichen Missionsauftrag), den eigenen Glauben auf andere zu projezieren. Zitate aus der Bibel sind zwar immer nett, aber sie sind nicht zwangsläufig "Wahrheit"; nicht für alle, nicht für mich.
Grundsätzlich zum Thema:
Unser "Menschsein" beinhaltet auch das Streben nach Macht, Geld, Besitz und Ansehen. Es gab und gibt Kulturen, in denen es nicht so ist; Urvölker, in Südost-Asien, Australien, Afrika, auch die Indianer. Mit der Entwicklung von Werkzeugen und Waffen und der Abkehr von der Natur begann die Eroberung Fremder. Die sich bildenden Religionen trieben das Spiel weiter. Ein Zug durch die Geschichte erspare ich mir jetzt.
Du fragst nach der Gesinnung. Die Gesinnung ist daraus erwachsen, aus dieser bei uns vorherrschenden Prägung durch das Christentum. Die Christl. Kirchen haben das Spiel mit der Macht seit jeher sehr gut beherrscht. Deshalb halte ich es nicht für sittsam, nun gerade diese als Maßstab für "Güte und Wahrheit" hinzustellen. Du hast über Mengele geschrieben. Die chridstlichen Kirchen haben gerade den Machterhalt dieses Regimes unterstützt. Auch fehlen Kreuzzüge und Inquisition in Deinen Aufzählungen. Alles in Gottes Sinne.
Auf dieser Basis fällt es mir schwer, eine Diskussion über Sterbehilfe zu führen. Also spreche ich von mir:

Ich bin Krankenpfleger, weil auch ich das Leben achte. Auch für mich gehört Sterben und Tod dazu, auch ich versuche, Hoffnung zu geben. Dennoch kann ich es nur soweit tun, wie ein anderer Mensch es zuläßt. Die Würde des Menschen beinhaltet seine freie Wahlmöglichkeit. Diese freie Wahl ist selbst in der Bibel manifestiert.
Du erwähnst unser Grundgesetz; dann aber bitte korrekt. Nicht das Leben ist unantastbar; die Würde ist es (Art.1.1) "Jeder hat das Recht auf Leben und körperliche Unversehrtheit. Die Freiheit der Person ist unverletzlich (...)". Das hört sich schon ganz anders an.
"Jeder hat das Recht auf die freie Entfaltung seiner Persönlichkeit, soweit er nicht die Rechte anderer verletzt.(...) (Art.2.1)
Wenn Du für Dich sagst, es wäre undenkbar, für Dich an Handlungen der Sterbehilfe teilzunehmen, dann ist das Dein Grundrecht. Wenn Du für mich sagst, es wäre ein Verbrechen, beschneidest Du mich in meinen Grundrechten.

Zu Deinen Fragen:
1) Ich gebe Die Frage zurück: Wer entscheidet, was Menschenwürde ist? Die Antwort bist Du schuldig geblieben.
Ich denke, jeder darf seine Würde definieren, aber keiner für einen anderen.
2) Ich kenne keinen Menschen, der sich das Leben selber gab. Das Leben ist entstanden, ein natürlicher, wenn auch sehr unvorstellbarer Prozeß, ausgehend von einer menschlichen Handlung. Und es endet irgendwann, vielleicht auch ausgehend von einer menschlichen Handlung.
3) Frage zurück: Wer entscheidet, was menschenwürdige Zustände sind. (siehe unter 1).
4) Der Mensch hat nicht das Recht, über Leben und Tod anderer zu entscheiden. Aber er hat das Recht, über sein Leben und auch seinen Tod zu entscheiden. Das ist ein Unetrschied. Woher nimmst Du das Recht, über andere zu entscheiden?

Dein Beispiel mit der krebskranken Frau aus Köln hinkt. Sie hat frei entschieden. Keiner wollte sie umbringen. Wenn ein todkranker Mensch sagt, er wolle im Wald leben und dort vielleicht auch sterben, dann ermutige ich ihn (innerhalb meiner persönlichen Grenzen). In dem Beispiel war doch niemand , der ihr ein "Sterbe-Cocktail" angeboten hat...

Das Beispiel mit dem franz. Präsidentenberater birgt eine furchtbare Vorstellung, doch ist es so einfach nicht beurteilbar. Dazu zwei Bemerkungen. 1)Euthanasie - im Deutschen eindeutig mit den verbrechen der NS-Zeit verbunden. Weltweit ist es jedoch unbelastet ein Ausdruck für Sterbehilfe. Wie hat es denn der Berater gemeint? 2) Welchen Wahnsinn betreiben wir?! Wer hat nicht die Massen an alten Menschen in Krankenhäusern erlebt, deren Lebensfunktionen nur noch mit stärksten Medikamenten aufrecht erhalten werden. Zu welchem Preis denn? Erst, wenn irgendwann ein Organ entgültig versagt, irgendeine Nebenwirkung die Oberhand ergreift, dann ist Schluß. Aber auch Pflegeheime profitieren daran (wohlgemerkt gibt es auch welche mit anderer Zielsetzung). Der Mensch darf erst sterben, wenn wirklich gar nichts mehr geht.Rätst Du Deinen Bewohnern von weiteren Behandlungen ab, die ohne Zweifel das Leiden verlängern, deren Nebenwirkungen noch mehr Quälerei bedeuten? Gibt es dann auch noch eine Dosis Hoffnung? (Ist eine ernstgemeinte Frage-kein Angriff!)

Keiner darf über das Leben und den Tod anderer entscheiden, aber es ist unsere Pflicht, den einzelnen Menschen wahre Entscheidungsmöglichkeiten zu geben. Darum schließe ich Sterbehilfe in meinen edanken nicht aus.
Aber, ehrlich gesagt: Ich habe keine Lösung, sehe viele Gefahren und Probleme, habe die Befürchtung des Mißbrauches und letztlich habe ich wahnsinnige Angst davor, daß ich in eine solch Situation komme, als Betroffener und als Danebenstehender. Und da hilft mir auch kein Bibelspruch.

Ich hoffe auf eine faire und weiterbringende Diskussion und bitte darum.

Marc




[Dieser Beitrag wurde von MarcMann am 30. November 2000 editiert.]
 
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Lutz Mueller-Bohlen

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ein bemerkenswerter Artikel aus der Frankfurter Rundschau v. 29.11.2000 zur Frage, wie weit wir das Nazi-Regime hinter uns gelassen haben. Dies hat mittelbar durchaus auch etwas mit der Euthanasiedebatte und Trends in der Forschung zu tun.


«Gefährdet ein geistig oder körperlich Kranker durch seinen Zustand seine Mitmenschen erheblich, so kann er in eine Anstalt eingewiesen werden.» Der Satz stammt nicht aus einem Gesetz der Kaiser- oder NS-Zeit. Er steht in Artikel 23 der Hessischen Verfassung vom 1. Dezember 1946. Die Vorschrift gibt eine von Missverständnissen und Ängsten bestimmte Einstellung zu körperlicher, geistiger und seelischer Behinderung wieder, die behinderte Menschen in Deutschland bis in jüngste Zeit gesellschaftlich ausgrenzt. Eine Haltung, die allein vom völlig gesunden Menschen als «normal» ausgeht und jede Abweichung als Makel ansieht.

Da Behinderungen - je nach Art und Schwere - mehr oder weniger von dieser «Norm» abweichen, werden sie als störend empfunden. Deshalb wurden Menschen mit angeborenen oder durch Krankheit erworbenen Behinderungen in der Weimarer Republik an den Rand der Gesellschaft gedrängt und in die bevormundende Fürsorge abgeschoben.

Zur schlimmsten Konsequenz pervertierten die Nationalsozialisten diese Betrachtungsweise mit ihren Erbgesundheitsgesetzen. Behinderte wurden zu «lebensunwerten» Menschen erklärt, zur Sterilisation gezwungen, gefoltert und in Konzentrationslagern ermordet.

Auch nach dem Krieg hat sich - wie das Zitat aus der Hessischen Verfassung zeigt - nicht viel an dieser Haltung geändert. In Artikel 125 der Bayerischen Verfassung hieß es bis Februar 1998: «Gesunde Kinder sind das köstlichste Gut eines Volkes.» Erst auf massives Drängen der Behindertenorganisationen und Kirchen wurde das Wort «Gesunde» bei den Verfassungsänderungen gestrichen.

Noch heute definiert das Schwerbehindertengesetz Behinderung als «die Auswirkung einer nicht nur vorübergehenden Funktionsbeeinträchtigung, die auf einem regelwidrigen körperlichen, geistigen oder seelischen Zustand beruht». Zu einer offiziellen Verurteilung der NS-Verbrechen an Menschen mit Behinderungen ist es bis zum heutigen Tag in der Bundesrepublik nicht gekommen. Die Ächtung und Aufhebung der NS-Erbgesundheitsgesetze «als Unrechtsakte von Anfang an», die die überlebenden Opfer zur Rehabilitierung verlangten, fand im Parlament keine Mehrheit.

Nach jahrzehntelangen unwürdigen Auseinandersetzungen haben Bundestag und Bundesrat 1998 die Gesetze lediglich «mit Wirkung für die Zukunft» aufgehoben. Und obwohl den Müttern und Vätern des Grundgesetzes die schrecklichen Verfolgungen Behinderter durch Nationalsozialisten bekannt waren, schrieben sie nichts zum Schutz dieser Menschen vor Diskriminierungen in die Verfassung. Deshalb gelang es den Behinderten - im Gegensatz zu Skandinavien und den USA - in Deutschland nicht, ihre Belange bei Bauten, öffentlichen Einrichtungen und Verkehrsmitteln durchzusetzen.

Über viele Jahre konnten beispielsweise die Rollstuhlfahrer die Bahn nicht benutzen, weil es keine geeigneten Abteile und Toiletten gab. Allenfalls konnten sie im Gepäck-Wagen mitfahren. Und in die nach vielen Protestaktionen angeschafften wenigen Züge mit behindertengerechten Abteilen und Toiletten kommen sie wegen fehlender automatischer Ein- und Ausstiegshilfen ohne fremde Unterstützung nicht hinein und nicht heraus.

Gleichzeitig müssen behinderte Menschen gegen Hindernisse, Bevormundung und Ausgrenzung kämpfen. Die Gebärdensprache, in der an einer Universität in Amerika sogar Vorlesungen gehalten werden, wird gehörlosen Menschen hier zu Lande immer noch als amtlich anerkanntes Kommunikationsmittel vorenthalten. Blinde Menschen dürfen nicht Schöffen werden, Menschen mit geistiger Behinderung nicht - wie in Skandinavien üblich - Rechtsgeschäfte zu ihren Gunsten abschließen und arbeiten trotz preisgekrönter Leistungen für einen Lohn von 240 Mark oder weniger pro Monat in den Werkstätten für Behinderte.

Staatliche Leistungen für Behinderte sind größtenteils auf die Schaffung von Sonderschulen, Werkstätten und eigene Erholungsheime angelegt, in denen sich diese Menschen ausgegrenzt fühlen. Eine integrierende Politik würde stattdessen - wie seit Jahren in den USA und Skandinavien mit Erfolg praktiziert - dafür sorgen, dass Menschen mit und ohne Behinderungen gemeinsam aufwachsen, Kindergärten, Schulen, Universitäten besuchen, Berufsausbildung absolvieren, Urlaub machen, Sport treiben und arbeiten. Denn - so eine Feststellung des Altbundespräsidenten Richard von Weizsäcker: «Was im Vorhinein nicht ausgegrenzt wird, braucht hinterher auch nicht eingegliedert zu werden!»

Die nach wie vor meistpraktizierte Ausgrenzung der Menschen mit Handicaps fördert bei nichtbehinderten Menschen Vorurteile, die nicht selten in Ablehnung und Gewalt gegen die anderen münden. Eine Diskriminierung besonderer Art widerfuhr in Kassel dem Amtsrichter im Rollstuhl Andreas Jürgens, dem früheren stark sehbehinderten Geschäftsführer der deutschen Sektion der weltweit agierenden Interessenvertretung Selbstbestimmt Leben, Ottmar Miles-Paul, und dem blinden Sozialarbeiter Horst Griffaton. Zusammen wollten sie einen Garten samt einer Hütte in einer Kleingartenanlage pachten. Mit dem Verpächter wurden sie gleich einig. Doch der Vorstand stellte sich quer. Die Behinderten könnten den Garten nicht pflegen, hieß es aus seinen Reihen. Der Hinweis auf die Mithilfe der nichtbehinderten Partnerinnen der drei vermochte die vorgefasste Meinung nicht zu ändern. Unter den Kleingärtnern in der Anlage sammelten die Behinderten rund 100 Unterschriften für eine außerordentliche Mitgliederversammlung, die die Ablehnung des Vorstandes aufheben sollte.

Kurz vor dem angesetzten Termin brannte die Hütte durch Brandstiftung nieder. Um sich und die Befürworter ihrer Sache in der Anlage nicht weiter zu gefährden, verzichteten sie auf den gewünschten Kleingarten. Niemand konnte in Kassel die Haltung des Kleingarten-Vereinsvorstandes begreifen, weil es sich bei allen drei an der Hobbygärtnerei Interessierten um Menschen handelt, die als Schwerstbehinderte wegen außergewöhnlicher Leistungen Ansehen genießen.

In einer umfassenden Dokumentation belegte der blinde Landesbehindertenbeauftragte in Niedersachsen Karl Finke Gewalttaten gegenüber Menschen mit Behinderungen.

Beispiele: In der Nähe von Hannover wurde ein unfallgelähmter Mann zum Selbstmord getrieben, in Siegen ein Blinder vermutlich von Skinheads tot geschlagen, in Kassel das Hemd eines geistig Behinderten mit Benzin begossen und angezündet und ein als hilfsbereit geschätzter, geistig behinderter Mann auf dem Weg von einem Berliner Bahnhof nach Hause getötet.

In einer meiner Ansicht nach besten Rede, die jemals in Deutschland zum Thema «Mensch und Behinderung» gehalten wurde, gab vor dem Kongress der Bundesarbeitsgemeinschaft Hilfe für Behinderte am 1. Juli 1993 Altbundespräsident Richard von Weizsäcker den Bürgerinnen und Bürgern folgende Sätze mit auf den Weg: «Auf deutschen Straßen sieht man viele Rollstühle. Zu viele? Wer so denkt, der muss für ein Tempolimit, für verkehrsberuhigte Wohngebiete, gegen hohen Alkohol- und Tabakkonsum kämpfen. Er muss Sicherheit am Arbeitsplatz und Umweltschutz fordern, damit nicht immer mehr Menschen in den Rollstuhl gezwungen werden. So kann man Behinderungen wirksam vorbeugen. Das ist sinnvoll und notwendig. Wer aber publizistisch das Lebensrecht von Menschen mit angeborener Behinderung in Zweifel zieht, verletzt die Würde des Menschen.»

Die Regierungen Schmidt, Kohl und Schröder haben nicht wie die Präsidenten Bush und Clinton betroffene Persönlichkeiten, sondern Menschen ohne Behinderungen zu Behindertenbeauftragten berufen. Auch dies werten die Behinderten als eine bevormundende und nicht sie als gleichberechtigte Partner anerkennende Politik.

Als Hoffnungsschimmer empfinden die Menschen mit Behinderungen in Deutschland nun das intensive Bemühen des Bundesbehindertenbeauftragten Karl-Hermann Haack, das Benachteiligungsverbot im Grundgesetz mit konkreten Regelungen durch ein Bundesgleichstellungsgesetz zu verwirklichen. Im Gegensatz zu seinen Vorgängern, die als Multifunktionäre kaum etwas zur Förderung der Selbstbestimmung gehandicapter Menschen getan haben, kämpft der SPD-Bundestagsabgeordnete um dieses Gesetz. Die Zustimmung der Wirtschaft hat er.

Er muss den Widerstand der Ministerialbürokratie überwinden. Diese denkt aber nicht daran, das Verfassungsgebot umzusetzen. Ganz im Gegenteil hat sie noch im Mai 2000 den Bundestagsabgeordneten unbemerkt das aus der NS-Zeit stammende Verbot für behinderte Menschen, Steuerberater zu werden, untergejubelt. Nur dem querschnittgelähmten PDS-Parlamentarier Ilja Seifert fiel das auf. Stoppen konnte auch er das Gesetz nicht mehr.

Die Unterzeichnung des Antidiskriminierungsgesetzes behinderter Menschen in den USA durch den damaligen Präsidenten Georg Bush am 26. Juli 1990 bestärkte auch in der Bundesrepublik die Menschen mit Handicaps im Kampf um verbriefte Rechte gegen Benachteiligung. Die materiellen Zuwendungen sollten durch Bürgerrechte ergänzt werden.

Die nach der Wiedervereinigung vom Bundestag und Bundesrat eingesetzte Verfassungskommission sollte unmissverständliche Bestimmungen zum Schutz von Menschen mit Behinderungen im Grundgesetz verankern, forderten die Selbsthilfeorganisationen unisono. Sie schlugen vor, in Artikel 3 Absatz 3 die Gründe, derentwegen die Menschen nicht benachteiligt oder bevorzugt werden dürfen, etwa wegen ihrer Herkunft, Rasse, Sprache oder Religion, um den Tatbestand der Behinderung zu erweitern. Doch wurde dieser Vorschlag gleich wieder fallen gelassen, weil spitzfindige Zeitgenossen Behindertenförderungen als Bevorzugung anfechten könnten.

In der Verfassungskommission votierten die 30 Vertreter der SPD und Grünen gegen 22 Stimmen der Unionsmitglieder bei zwei Enthaltungen der FDP für ein eigenes Benachteiligungsverbot von Menschen wegen ihrer Behinderung in Artikel 3 Absatz 3 Grundgesetz. Weil die nötige Zwei-Drittel-Mehrheit nicht zu Stande kam, rechnete kaum noch jemand mit einer günstigen Entscheidung. Weder der Hinweis auf das ihnen durch die NS-Gesetze zugefügte Leid und die unverhohlen geführte Diskussion über ihr Lebensrecht, noch die Klagen über zunehmende behindertenfeindliche Aktionen vermochten die ablehnende Haltung der Unionspolitiker zu ändern.

«In die Verfassung gehören Normen, die praktisch umgesetzt werden können. Diese Vorschrift kann nicht verwirklicht werden und bedeutet eine Verfassungslyrik. Deshalb wollen wir sie nicht haben», begründete der CDU-Co-Vorsitzende der Verfassungskommission, Rupert Scholz, noch am 12. April 1994 im Frankfurter Presseclub die Auffassung der Gegner.

Doch schon einen Monat später unterstützte Bundeskanzler Helmut Kohl am 20. Mai beim Bundeskongress des Sozialverbandes VdK in Bonn das verfassungsmäßig garantierte Diskriminierungsverbot. Vermutlich wollte Kohl damit die ungünstigen Umfrageergebnisse für seine Partei im Wahljahr verbessern. So wurde zum 27. Oktober 1994 der Satz: «Niemand darf wegen seiner Behinderung benachteiligt werden» in Artikel 3 Absatz 3 zum 15. November in das Grundgesetz aufgenommen.

Dennoch hat sich die Lage der schätzungsweise zehn Millionen betroffenen Menschen so wenig zum Positiven gewendet, dass sich 1997 die Selbsthilfeverbände unter der Schirmherrschaft des Nachfolgers Richard von Weizsäckers im Amt des Bundespräsidenten, Roman Herzog, zur «Aktion Grundgesetz» zusammenschlossen, um die Verwirklichung dieser Verfassungsnorm zu erreichen. Motto: «Man ist nicht behindert - man wird behindert!» Denn - so die Auffassung der 104 Trägerorganisationen und Roman Herzogs - die Realität in Deutschland ist noch meilenweit vom Verfassungspostulat entfernt.

Parlamente, Verwaltungen und Gerichte, die die Norm unmittelbar bindet, haben bislang kaum darauf reagiert. So musste zum Beispiel der Berufsberater des Arbeitsamtes in Frankfurt am Main die Rat suchenden Schüler einer Körperbehindertenschule in ihrem Bus vor dem Amt aufsuchen, weil die Behörde für Rollstuhlfahrer unzugänglich ist. Die Ministerialbürokratie in Bund und Ländern hat das Stadium der Überprüfung von Vorschriften auf ihre Vereinbarkeit mit dem Benachteiligungsverbot nicht nur nicht verlassen, sondern lässt, wie das erwähnte Beispiel des Verbots für behinderte Menschen, Steuerberater zu werden, belegt, grundgesetzwidrige Vorschriften bei Gesetzesänderungen passieren.

Pflegebedürftige Menschen, die ihre Pflegekräfte selbst anlernen und als Arbeitgeber anstellen, bekommen in der höchsten Stufe dafür von der Pflegeversicherung nur 1.300 Mark im Monat. Nehmen sie hingegen die Dienste ambulanter Pflegeanbieter in Anspruch, was zu täglich wechselnden Pflegekräften führen kann, gibt es 2.800 Mark. In Härtefällen sogar 3.400 Mark. Ist die Pflege in Heimen billiger als zu Hause, brauchen die Sozialhilfeträger nach dem 1996 geänderten § 3 A des Bundessozialhilfegesetzes nur die günstigeren Pflegeheimkosten zu übernehmen. Damit werden die Betroffenen aus Kostengründen faktisch zum Heimaufenthalt gezwungen. Auch bei der Regelung der Pflege also eine ausgrenzende statt integrierende Politik.

Die contergangeschädigte Theresia Degener, die ohne Arme und Hände aufgewachsen ist, in Frankfurt und Berkeley Jura studiert und mit den Zehen ihre Doktorarbeit in den Computer getippt hat und als Professorin an der Fachhochschule in Bochum lehrt, wurde wiederholt aus den Lokalen gewiesen, weil sie mit den Füßen isst. In Amerika würde der Gastwirt, der so etwas wagte, mit einer saftigen Geldstrafe belegt. Hier hat sie keine Gerichtsentscheidung herbeiführen wollen, weil die nicht behindertenfreundliche Haltung der meisten Gerichte sie davon abhält.

In einer aktuellen Debatte des Hessischen Landtages entschuldigte sich die damalige SPD Sozialministerin für die rot-grüne Landesregierung bei Theresia Degener für diese Diskriminierung in einem Lokal im Frankfurter Universitätsviertel. Die Abgeordneten der CDU und FDP wollten trotzdem nichts von einem Antidiskriminierungsgesetz wissen.

Mit ihren Entscheidungen haben die deutschen Gerichte bislang kaum zur Beseitigung von Mauern zwischen Menschen mit und ohne Behinderungen beigetragen, wenn sie beispielsweise allein die Anwesenheit von sichtbar behinderten Menschen in Ferienhotels als «Urlaubsfreuden mindernd» bewertet und den Klägern Schadensersatz zugesprochen haben. Eine unbegreifliche Ignoranz der Rechte von Menschen im Rollstuhl legten die Koblenzer Verwaltungsrichter an den Tag. In ihrem am 11. Mai 1999 veröffentlichten Beschluss lehnten sie die Klage eines Behinderten als unzulässig ab, der einen Zugang zum Rathaus seiner Stadt verlangte.

Es sei kein Nachteil, dass er ohne einen behindertengerechten Zugang zum Rathaus nicht an den Sitzungen des Stadtparlaments teilnehmen könne. Aus dem Benachteiligungsverbot im Grundgesetz könnten Menschen mit Behinderungen keinen Anspruch auf Zugang zu öffentlichen Gebäuden herleiten, stellte das Gericht lapidar fest.

«Ob so viel Unverfrorenheit ihrer deutschen Kollegen würden nach den Erfahrungen der letzten Jahrzehnte die Richter in den USA mit größter Verwunderung reagieren», sagt Theresia Degener. Als Gastprofessorin an der Universität hat sie in einem einjährigen Lehrauftrag eine Studie über Menschenrechte für Behinderte in der Welt erstellt. Dabei kommt sie zum Ergebnis, dass in rund 50 Ländern Antidiskriminierungs- und Gleichstellungsvorschriften für diese Menschen existieren und konsequent angewendet werden. «Deutschland bildet in dieser Hinsicht das Schlusslicht», stellte sie beim Kongress «Gleichstellungsgesetze jetzt» am 20. Oktober 2000 in Düsseldorf fest.

Dreimal beschäftigte sich bisher das Bundesverfassungsgericht mit Klagen wegen Verstoßes gegen das Diskriminierungsverbot. Im Oktober 1997 stellte das höchste Gericht den auch nach seiner Ansicht zu begrüßenden gemeinsamen Schulbesuch behinderter und nichtbehinderter Kinder unter den Vorbehalt, finanzieller, organisatorischer und personeller Möglichkeiten der Bundesländer.

Am 26. Juni 1999 lehnte das Bundesverfassungsgericht aus formalen Gründen ab, über die bundesweit als Skandal empfundene Entscheidung des Kölner Oberlandesgerichtes zu urteilen, mit der einer Gruppe geistig behinderter Menschen wegen der als störend empfundenen «Andersartigkeit ihrer Unterhaltung» der Aufenthalt im eigenen Garten beschränkt worden war.

Und am 12. März 1999 erklärten die Verfassungsrichter eine Bestimmung des Bürgerlichen Gesetzbuches aus dem Jahr 1896 für grundgesetzwidrig, weil sie Testamente sprach- und schreibbehinderter Menschen nicht zulässt.

Einen Etappensieg im Kampf gegen Barrieren «in den Köpfen» haben Menschen mit Behinderungen mit der am 9. Juni von der Mitgliederversammlung der Deutschen Behindertenhilfe «Aktion Sorgenkind» beschlossenen Namensänderung in «Aktion Mensch» erreicht, die am 1. März diesen Jahres wirksam wurde. Dadurch werden Behinderte nicht mehr als Sorgenkinder abgestempelt, sondern als Menschen mit Rechten und Leistungen herausgestellt.

Ihre Situation in Arbeit, Beruf und Gesellschaft wird sich meiner Ansicht nach erst dann entscheidend bessern, wenn der Gesetzgeber - wie in den USA mit «The Americans with Disabilities Act» - Diskriminierungen benennt und ihre Beseitigung innerhalb bestimmter Fristen vorschreibt. Deshalb darf sich die Bundesregierung nach der aus allen Bundestagsfraktionen bei dem schon erwähnten Kongress unter dem Motto «Gleichstellungsgesetze jetzt» am 20. und 21. Oktober 2000 in Düsseldorf signalisierten Zustimmung zu einem von Menschen mit Behinderungen seit langem ersehnten Bundesgleichstellungsgesetz nicht länger Zeit lassen.

Doch die Ministerialbürokratie hat bislang unter Hinweis auf die nicht geklärten Zuständigkeiten zwischen verschiedenen Bundesministerien das Vorhaben verhindert. Deshalb hat das «Forum» behinderter Juristinnen und Juristen einen Gesetzentwurf erarbeitet. In dem «Forum» sind gelähmte, blinde, seh-, hör- und mobilitätsbehinderte Frauen und Männer zusammengeschlossen, die als Richter, Rechts- und Staatsanwälte und Verwaltungsjuristen arbeiten.

In fünf Artikeln mit 45 Paragrafen sollen nach dem Entwurf neue Rechte für behinderte Menschen geschaffen und eine Reihe bereits bestehender Gesetze geändert werden. Damit wird das Benachteiligungsverbot behinderter Menschen im Grundgesetz ausgefüllt und ergänzt. Für Behinderte sollen Beteiligungsmöglichkeiten geschaffen werden, die für nichtbehinderte Menschen seit langem selbstverständlich sind.

Dies gilt beispielsweise für Rollstuhlfahrerinnen und Rollstuhlfahrer durch die Verpflichtung zum barrierefreien Bauen im Gaststätten und Gewerberecht sowie im sozialen Wohnungsbau, durch den Einsatz behindertengerechter Fahrzeuge und die Umgestaltung der Haltestellen der Bahnen und Busse. Blinde sollen die gleichen Zugangsmöglichkeiten zu Telediensten, insbesondere im Internet erhalten. Verlagsveröffentlichungen müssen durch gesetzliche Verpflichtung ohne ein langwieriges Genehmigungsverfahren in Blindenschrift übertragen und als Hörkassetten besprochen werden dürfen. Als Sprache der Gehörlosen wird die Gebärdensprache ausdrücklich anerkannt. Die Verständigung in Gebärdensprache bei Behörden und vor Gericht muss ermöglicht werden.

Menschen mit geistiger Behinderung dürfen ebenso wie andere Behinderte nicht mehr vom Abschluss eines Vertrages nur wegen ihrer Behinderung ausgeschlossen werden. Dies gilt insbesondere für Versicherungsverträge. Behinderte Frauen werden durch ein spezielles Diskriminierungsverbot und Verbesserungen im Sexualstrafrecht besonders geschützt. Vermieter müssen unter bestimmten Voraussetzungen einen behindertengerechten Umbau der Wohnung durch den Mieter dulden. Arbeitgeber dürfen behinderte Menschen bei der Einstellung und Beförderung nicht benachteiligen. Allgemeine Geschäftsbedingungen dürfen keine Behinderte diskriminierenden Klauseln enthalten.

In den USA hat laut Judith Heumann, Rollstuhlfahrerin und stellvertretende Ministerin für Bildung- und Rehabilitation, die auf Grund des Antidiskrimierungsgesetzes möglich gewordene Teilhabe von Menschen mit Handicaps am gesamtgesellschaftlichen Leben zusätzliche Milliarden Dollars in den Wirtschaftskreislauf gebracht. Sollte es auch hier zu Lande zu einem solchen Gesetz kommen, das das Ziel zwingend vorschreibt, die Verwirklichung aber - zur Vermeidung von Bürokratie - der Fantasie der Beteiligten überlässt, dann gilt für Menschen mit unterschiedlichen Behinderungen nicht mehr der Ausspruch von Goethe: «Amerika, Du hast es besser», sondern die Feststellung des Altbundespräsidenten Richard von Weizsäcker: «Es ist normal, verschieden zu sein.»
 
H

haus maranatha

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Hallo MarcMann,

mir ist das Thema Sterben sehr wichtig, darum habe ich mich in der Vergangenheit sehr oft damit auseinander gesetzt. In der Vergangenheit hatte ich nur sehr wenige Möglichkeiten eines Gedankenaustausches. Es mag sein, daß dadurch mein Diskussionsstil noch nicht das gelbe vom Ei ist. Vor allem wohl die Fülle der Aussagen, die Euch vielleicht verwirrt haben. Tut mir leid. Aber ich bin ja noch jung (52) und kann da sicher noch ne Menge zu lernen.

Du schreibst: "ich stelle mich hin und halte Fehler vor", das habe ich anders gesehen. Ich habe gesehen, daß ich gründlich mißverstanden wurde und habe dazu lediglich Stellung bezogen, um das, von dem ich meinte, daß es falsch rüber gekommen ist, klar zu stellen.

Nun aber zu Deinen Aussagen über die christlichen Kirchen:

Der christliche Glaube hat für jeden, der mit offenen Augen durch die Welt geht, nur sehr wenig mit den christlichen Kirchen zu tun. Diese haben als "Religionen" mehr mit dem Machtpoker konkurierender Gruppen zu tun denn mit dem christlichen Glauben. Von daher stimme ich Dir zu, diese nicht als Maßstab hinzustellen.

Ich gehe sogar noch viel weiter als Du. Wer sich mit der Geschichte des christlichen Glaubens näher beschäftigt, wird schnell feststellen, daß die christlichen Kirchen sich sehr schnell von den elementaren christlichen Inhalten entfernt haben und eigene Wege - eben die Wege der Macht - zu beschreiten.

Wer jedoch das Leben Jesu aufmerksam betrachtet, der von sich sagte: "ich zeige Euch den Vater" und "folgt mir nach", wird schnell spüren, daß er ein anderes Verhalten zeigte und lehrte, als zu seiner Zeit in der "religiösen Welt" des Judentums üblich war.

Er stellte sich auf die Seite der Benachteiligten, Unterdrückten, Kranken, Verachteten und Verzweifelten. Er redete nicht nur fromm daher, sondern handelte entsprechend. Und er sagte: "Macht ihr es genau so, wie ich es euch vorgemacht habe." Er sprach von Liebe und liebte - ohne Unterschied.

Wir haben drei Begebenheiten, in denen Jesus mit dem Sterben und dem Tod seiner Mitmenschen konfrontiert wurde. Ein Mädchen, die Tochter eines Römers, eines Unterdrückers nach dem Verständnis der Juden, ein junger Mann, der der einzige Sohn einer Witwe war und eigentlich für ihren Lebensunterhalt zu sorgen hatte, und sein bester Freund, Lazarus. Wir können aus jeder dieser Begegnungen eine Menge lernen.

Er zeigte bei seinen Begegnungen mit Krankheit und Leid, wie wir menschenwürdig miteinander umgehen können. Da war ein dem Tod geweihter - hoffnungsloser Fall - Mensch, der wegen seiner Krankheit (Lepra) aus der menschlichen Gemeinschaft ausgestoßen war. Während sich alle, auch die frommen religiösen Führer, von diesem Menschen abwandten, widmete er sich gerade diesem Einzelnen. Die Evangelien zeigen eine Fülle dieser Begebenheiten auf.

Nicht die Kirchen sollen unser Vorbild im Umgang mit den Hilfebedürftigen unserer heutigen Gesellschaft sein, sondern Jesus und sein Handeln. Sein Handeln war in jedem Augenblick Ausdruck grenzenloser Liebe. Wenn wir diesem Beispiel folgen, wird es uns unmöglich sein, Sterbehilfe in Form der Herbeiführung des Todes zu leisten.

Ein weiterer Punkt bei meinem ersten Beitrag ist der, daß wie auch die Überschrift sagt, damit zunächst einmal Vorüberlegungen angestellt wurden. Sie sollten kein Statement der Absolutheit sein, sondern der Anfang einer Diskussion.

Es liegt mir jedenfalls fern, irgend jemand persönlich anzugreifen. Dennoch bin ich der Auffassung, daß es kein einseitiges Recht für eine Gott leugnende Lebenseinstellung geben kann. Selbst wenn es keinen Gott geben sollte, ist ein Leben nach der in der Bibel dargestellten Lebenseinstellung ein Gewinn für den, der so lebt wie auch für den, der damit konfrontiert wird. Wenn es ihn aber gibt, und seine Versprechen eintreffen, ergibt sich ein weit über das Jetzt hinausreichender Gewinn. Das sollte nicht übersehen werden.

In diesem Sinne

------------------
Johannes Paetzold

Hallo Marc, habe Deinen zweiten Teil erst jetzt im nachhinein gelesen. Gehe später darauf ein. Gruß

[Dieser Beitrag wurde von haus-maranatha.com am 30. November 2000 editiert.]
 
Qualifikation
Altenpfleger
Fachgebiet
Leitung
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Lutz Mueller-Bohlen

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Wer die Wahrheit nicht sehen will:
Über den Umgang mit "Euthanasie"-Opfern im Jahre 1996 in Hamburg und Wien http://www.bizeps.or.at/info/leben.html

Auf dem Ehrenfeld der Geschwister Scholl-Stiftung in Hamburg wurden am 8. Mai 1996 die sterblichen Überreste von Frauen und Kindern beigesetzt, die während des NS-Regimes in Wien "euthanasiert" wurden.

Ab den frühen 40er Jahren wurden in der damals als selbständiger Teil des Krankenhauses Baumgartner Höhe geführten kinderpsychiatrischen Einrichtung "Am Spiegelgrund" behinderte Kinder und Jugendliche systematisch getötet und deren Gehirne für "wissenschaftliche Untersuchungen" entnommen. Unter den Opfern befanden sich auch Kinder der damaligen Alsterdorfer Anstalten in Hamburg.

Hunderte sogenannte "Gehirnpräparate" sind in einem Keller der Pathologie des Psychiatrischen Krankenhauses auf der Baumgartner Höhe bis heute gelagert.

Sie wurden nach 1945 vom Wiener Primarius Heinrich Gross zu Forschungszwecken benützt. Die Zeitschrift "profil" hat 1995 darüber und über neue Hinweise auf eine Beteiligung Gross am Mord an diesen Opfern berichtet - eine Strafanzeige des Dokumentationsarchives des Österreichischen Widerstands gegen Gross wurde heuer im Jänner von der Staatsanwaltschaft jedoch zurückgelegt.

Während sich in Hamburg Angehörige, die Gesundheitssenatorin und VertreterInnen des Behindertenheimes, das die Opfer nach Wien überwiesen hat, unter großem Medienecho für die Überführung einsetzten, hat Wiens Gesundheitsstadtrat Rieder die Aufgabe einer "ehrenhaften" Beisetzung der "Hirnpräparate" von sich weggeschoben und dem Kulturamt übertragen.

Die sterblichen Überreste der weiteren Opfer werden in einem Ehrengrab der Stadt Wien auf dem Zentralfriedhof ihre letzte Ruhe finden. Hierfür steht noch kein Termin fest.

Wolfgang Neugebauer vom Dokumentationsarchiv fordert Rieder nun auf, daß statt einer anonymen Bestattung auch in Österreich Angehörige der Opfer gesucht und über das bis heute verschwiegene Schicksal der Ermordeten und ihrer Leichenteile informiert werden.
 
Bob Brewer

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01.12.2000
44287
Liebe Geri!
Du schreibst:
"mich erschreckt und erzürnt etwas ganz anderes: Daß ihr offensichtlich nicht in der Lage seid, diesen Beitrag inhaltlich zu diskutieren, und zwar auf einer sachlichen Ebene."
Ich teile Deine Meinung, vielleicht u.a. weil ich Engländer bin und nicht sooo sensibilisiert worden bin, wenn es um den Holocaust geht (nicht dass ich überhaupt nicht sensibilisiert bin). Aber hier geht es doch nicht darum. Es geht um eine Situation, die in den letzten Jahren entstanden ist.

Ein großer Teil unserer junge Menschen wird erzogen logisch zu denken und rational zu sein. Ihnen wird gesagt, dass Geld regiert, dass alles seinen Preis hat und wer sich anstrengt und gut aussieht das Recht auf Reichtum hat. In solch ein Denken ist aber oft kein Platz für all die "Luxusartikeln", die Kulturen entwickeln, wie z.B. Ethik und Humanität. Es ist ein logischer Schritt für dieses Denken, sich Lasten vom Hals zu schaffen. Meine Generation und ich ('55) sind solch eine Last (siehe Statistik). Wie wird Altenpflege für uns aussehen?

Ist es nicht eventuell zu spät für eine Veränderung der Weltanschauung?
MfG
Bob
 
Qualifikation
Einrichtungsleitung, Pflegedienstleiter, TQM Qualitätsbeauftragte
Fachgebiet
Altenheim
Weiterbildungen
WBL, PDL, TQM-QMB, HL
J

Joerg Guenther

Zurück zur ruhigen Diskussion
Zunächst einmal gehe ich nach wie vor, davon aus, das wir hier eine sinnvolle und fruchtbare Diskussion führen können. Könnten wir uns darauf einigen, das wir nicht mehr polarisieren, sondern analysieren. Dies würde denke ich sehr hilfreich sein. Auch Polemik, zum Teil auch in anderen Foren bringt uns nicht weiter. Eine generelle Verunglimpfung von Mitgliedern des einen oder anderen Forums ebensowenig.
Die letzten Beiträge gingen schon in eine Richtung, die man wohl eher als Grundlage ansehen kann.
Wir müssen denke ich nicht Vergleiche mit Personen des Nazi-Regimes ziehen, da dies eine andere Qualität hat, als dies für die heutige Zeit zutrifft. Bitte, bleiben wir sachlich.
Sicherlich gibt es auch heute mehr als 50 Jahre nach Ende der NS-Diktatur noch etliche Bereiche, die aufzuarbeiten sind. Nur, bitte, nicht mit den heutigen Um- und Zuständen vermischen.
Die heute ablaufenden Prozesse sind nicht immer sauber und unschuldig, gewiss nicht. Aber die Massenmorde, verübt durch Mediziner und Pflege, stehen meiner Meinung nach auf einer ganz anderen Stufe, als das was heute in der Forschung geschieht. Sicherlich gibt es auch hier Wirrköpfe und Straftäter, die nichts aus der Vergangenheit gelernt haben. Allerdings sicherlich nicht in dem Umfang. Wir mögen nun sagen, wehret den Anfängen. Auch das ist sicherlich richtig. Hier müssen wir aufpassen, das die gleichen Zustände nicht wieder auftauchen.

Das Thema Behinderte und Gesellschaft findet auch in meinen Augen eine hohe Bedeutung. Noch immer werden Behinderte diskreminiert und nicht für voll genommen. Dies ist genauso wie die kinderfeindlichkeit unserer Städte ein verurteilenswürdiger Zustand. Es spiegelt den Stellenwert dieses Personenkreises in unserer Gesellschaft wieder.

Andererseits sind für mich mit Menschen, die in Sicherheitsverwahrung gehören, solche, wie Sexualstraftäter und Gewalttäter, die nicht in die Gesellschaft integriert werden können. Hier sehe ich auch keine andere Möglichkeit und so würde ich auch das entsprechende Gesetz auffassen.
Gleiches gilt im Übrigen aber auch für nicht behinderte Menschen.

Was ansonsten die Stärkung der Rechte von Behinderten, aber auch der Kinder anbelangt kann ich nur zustimmen.

J.Günther


[Dieser Beitrag wurde von Joerg Guenther am 01. Dezember 2000 editiert.]
 
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