Unsinniger Einsatz von Wechseldruckmatratzen

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Tim_Mueller

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10.01.2007
80336
Hallo Kollegen!
Ich bräuchte mal ein paar Argumentationshilfen bei folgender Sachlage:

Ein Bewohner hat einen Dekubitus an beiden Fersen. Dieser Bewohner sitzt den ganzen Tag im Rollstuhl, mit etwa einer Stunde Mittagsschlaf. Vor einigen Wochen, nachdem dieser Dekubitus an der Ferse entdeckt wurde, wurde eine konsequente Fersenfreilagerung in der Nacht durchgeführt. Irgendwann beschloss jemand zusätzlich eine regelmäßige Wechsellagerung durchzuführen. Dieser Bewohner hat jedoch ausreichend Eigenbewegung und stellt, wenn es ihm unbequem wird, beide Beine auf und entwickelt somit wieder Druck auf die Fersen.

Ein Eintrag in die Pflegedokumentation, dass ich wegen dieses Umstandes eine Wechsellagerung für nicht sinnvoll erachte, sondern dass eine kontinuierliche Freilagerung der Ferse für ausreichend halte, hat mir sehr viel Ärger eingebracht. Also hab ich die hin-und-herlagerung zähneknirschend mitgemacht.

Nach meinem Urlaub denke ich mich trifft der Schlag: Besagter Bewohner liegt jetzt auf einer supermodernen Wechseldruckmatratze mit allen Schikanen und Superweichlagerung. Er soll weiterhin regelmäßig gelagert werden, Fersen werden weiter mit Kissen frei gelagert und: Er hat jetzt „Fersenschoner“ an (Also diese fürchterlichen Dinger mit dem synthetischen Fell drin und Klettverschluss, damit sie auch schön fest sitzen.)

Meiner unmaßgeblichen Meinung nach wird hier alles falsch gemacht, was man nur falsch machen kann.

Meine Argumente gegen die Wechseldruckmatratze sind:
Er zeigt ausreichend Eigenbewegung
Er hat nach allen zurückliegenden Risikobewertungen nur ein mittelmäßig erhöhtes Dekubitusrisiko
Die Fersenschoner erhöhen trotz Freilagerung den Druck auf die Fersen
Die Freilagerung der Fersen ist bei einer Superweichlagerung und Wechseldrucksystem unsinnig.
Durch die Superweichlagerung reduziert sich der neurologische „Input“, was seine Selbständigkeit nicht fördert.
Die Lautstärke des Gebläses und der kontinuierliche Lagewechsel durch die Matratze führt zu erheblichen Schlafstörungen (Der Bewohner ist völlig wach, orientiert, kooperativ und hoch gebildet)
Die Dekubiti sind aller Wahrscheinlichkeit während des Sitzens im Rollstuhl entstanden, da er meist die Beine ausstreckt und die Fersen auf den Fußboden drücken.

Hat noch jemand ein gutes Argument?

Tim
 
Qualifikation
Krankenpfleger
Fachgebiet
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S

Surrogat

Hallo Tim,

deine Argumente sind nach dem was du bis dato geschrieben hast durchaus stimmig.
Gerade die Aussage zum verringerten Input auf Wechseldruck- oder Low-air-loss-Matratzen bei einem ansonsten geistig fitten Patienten halte ich für wichtig - man kann sich seine Pflegefälle auch züchten.

In diesem Fall denke ich das eine Unterlage sinnvoll wäre, die dem Patienten die maximale Unterstüzungsfläche bietet und ihn somit einerseits passiv anregt andererseits auch genug Sicherheit & Bequemlichkeit während der Nacht verleiht.
Gleichzeit sollte sie selbst bei aufgestellten Beinen eine ausreichende Druckentlastung gewährleisten und dabei lautlos sein.

Nebenbei: Fersenschoner? :sick:

Wie wär's denn diese Matratze zu versuchen KCI: RIK® Fluid Overlay ?

Gruss,

Surrogat
 
R

Rixte

Hallo Tim,

Ich habe gerade die gleiche Diskussion hinter mir, allerdings ist unser Patient sehr gefährdet, hat aus dem Vorhaus schon einen riesen Deku mit gebracht.(Wird behandelt und wird kleiner)
Wird nur(2stl.) Seite/ Seite gelagert und in den Rolli mobilisiert. Die Trochanter werden schnell rot, aber der Drucktest ist in Ordnung und die Rötung ist in einer halben Stunde weg.
Er hat auf Grund seines Schlaganfalls Wahrnehmungsprobleme.

Die Wechseldruckmatratze fördert Wahrnehmungsprobleme. Und dass nicht nur bei Wahrnehmungsgestörten.

Euer Patient scheint eine Neuropathie oder Tiefensensibilitätsstörungen zu haben.

Deine Argumentation, scheint aus der Ferne, folgerichtig zu sein.
Durch die Wechseldruckmatratze gibt es eine andere Körperwahrnehmung, die Sensibilitätsstörungen können sich verschlimmern, da kein Input.
Durch die Schlafstörungen können noch andere Defizite auftreten.

Da die Deku, nach deiner Schilderung, im Rolli aufgetreten sind, wird dir Gefahr auch weiterhin bestehen. Da hilft nur eine Intervention im Sitzen. Druckentlastung der Fersen, während er im Rolli sitzt. Und natürlich auch im Bett.
Trägt er ATS/MTS im Rolli? Denke mal ihr habt daran gedacht diese weiten zu lassen, wenn er welche trägt..

Was sagt der Patient dazu? Nach deiner Schilderung ist er Selbstbestimmend.

Diese Fersenschoner sind Out, wie du schon richtig festgestellt hast.
Das Fell drückt sich platt, durch das Synthetische gibt es ein feuchtes Milieu. Der Druck an der Ferse bleibt immer konstant, da ja schön fest, damit er sitzt.

Wie du siehst, keine andere Argumentation als du sie auch schon hattest.

Ach, übrigens, auf eine Wechseldruckmatratze gehört weiter nichts, als ein Laken, was frei hängt und auch nicht eingeschlagen wird. Die Kissen reduzieren die Wirkung der Matratze.

Es gibt eine Matratze, die vor Jahren schon bei meiner Mutter angewandt wurde, kenne leider den Namen nicht,
Bei der können Quatrate rausgenommen werden, an den Stellen wo es „drückt“. Keine Lärmbelästigung, und keine Wahrnehmungsprobleme.

Wünsche dir viel Glück
Gruß Rixte
 
T

tumarin

Mitglied
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15.10.2006
4831
Also ich habe euren Kommentar gelesen, es stimmt, sobald jemand irgentwo Hautschädigungen aufweist, werden viel zu schnell Wechseldruckmatratzen eingesetzt, dann heisst es regelmässig lagern usw. obwohl viele Bewohner sich selbständig bewegen können, hierzu kommt dann noch das der Schlaf gestört wird aber das zählt bei manchen PDLs überhaupt nicht. Bei uns im Haus wird bei der kleinsten Druckstelle sofort ein Bewegungsprotokoll angelegt, obwohl viele Hautveränderungen durch zu langes Sitzten im Stuhl oder Rollstuhl entstehen und von alleine wieder verschwinden. Grausam ist es wenn der Bewohner gezwungen wird sich lagern zu lassen. Ich akzeptiere die Wünsche des Bewohners, wenn er nicht gelagert werden möchte. Wo kämen wir denn da hin, wenn wir den Menschen die eigene Selbständikeit nehmen.Wechseldruck hin oder her, bei manchen Dekubi ist sie angebracht aber mein Gott nicht bei der kleinsten Hautrörung. Gruss tumarin
 
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S

stupanka

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29.11.2006
52070
Hallo Tim,Deine Argumente sind alle richtig,wo haben Deine Kollegen das Problem??
Grundsätzlich muss man aber sagen,dass wenn eine Wechseldruckmatratze nötig ist,diese nicht vom Lagern entbindet.
Desweiteren wäre vielleicht eine Idee,wenn der BW im Rollstuhl sitzt,die Fussstützen mit Wasser befüllten Latexhandschuhen zu bestücken,so wird Druck auf jeden Fall vermindert und ist sehr kostengünstig.

Lg stupanka
 
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Sonnensturm

Sonnensturm

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Monika58

Monika58

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Bonn
Desweiteren wäre vielleicht eine Idee,wenn der BW im Rollstuhl sitzt,die Fussstützen mit Wasser befüllten Latexhandschuhen zu bestücken,so wird Druck auf jeden Fall vermindert und ist sehr kostengünstig.
Sorry, aber diese Art des "low-budget-wasserkissens" ist völlig out.
Selbst wenn der Handschuh völlig luftfrei gefüllt werden könnte, würde er mehr Schaden als Nutzen anrichten.
Die Schilderung des Bewohners lässt mich nicht darauf schliessen, dass dieser seine Fersen "brav" auf der relativ kleinen Fläche eines Latexhandschuhs hält. Und selbst wenn, bedeutet ein Wasserkissen (egal ob Latexhandschuh oder "gute, alte, überdimensionierte Wärmeflasche") aufgrund der Fließeigenschaft von Wasser einen immer gleichen, andauernden Druck.

Gruß
Monika
 
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Lehrerin für Pflegeberufe, Qualitätsmanagerin
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emmielie

emmielie

Mitglied
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09.10.2004
50127
Hallo,
meines Erachtens benötigt der B. eine Fersenfreilagerung, m. E. per Fernbeurteilung am besten mit einem so genannten Heellift suspension boot. Bei uns seit geraumer Zeit eingesetzt und als bestens empfunden. Problem: auch diese Fersenfreilagerung schafft je nach anatomischer Beschaffenheit keine 100 Prozentige Freilagerung bei 45 Grad Stellung der US.
Ich bin übrigens kein Mitarbeiter des Herstellers des Produktes, sondern Anwender.
Die Eigenbewegung wird übrigens auf der angewandten Matratze minimiert.

Einfach mal selber ausprobieren!
 
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ex.Krankenpfleger
Fachgebiet
amb.Pflegedienst
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Landplage

Neues Mitglied
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07.01.2007
26524
Hallo Tim,Deine Argumente sind alle richtig,wo haben Deine Kollegen das Problem??
Grundsätzlich muss man aber sagen,dass wenn eine Wechseldruckmatratze nötig ist,diese nicht vom Lagern entbindet.
Desweiteren wäre vielleicht eine Idee,wenn der BW im Rollstuhl sitzt,die Fussstützen mit Wasser befüllten Latexhandschuhen zu bestücken,so wird Druck auf jeden Fall vermindert und ist sehr kostengünstig.

Lg stupanka
Coole Idee mit dem Wasser,sollten man sich bei heutiger Finanzlage mal merken:thumbsup2:
 
Qualifikation
Altenpflegehelferin
Fachgebiet
Mobile Altenpflege
S

sanne61

Mitglied
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17.04.2005
63563
Hallo,

diese Diskussion kommt mir ja ach so bekannt vor..............
Weis zufällig jemand einen Link, den ich ausdrucken könnte, das diese dämlichen Fersenschoner (die ja auch soooooo oft gewaschen werden*schüttel*) total überholt sind?
Weil bei uns kann man sowas nur mit gedrucktem Papier beweisen, reden nutzt da nichts.......

Liebe Grüsse
Susie
 
Qualifikation
altenpflegerin
Fachgebiet
behindertenwohnanlage
S

sanne61

Mitglied
Basis-Konto
17.04.2005
63563
Ich danke Dir!
LG
Susie
 
Qualifikation
altenpflegerin
Fachgebiet
behindertenwohnanlage
L

lemuelreist

1.) Eine Frage: ist in Eurer Einrichtung der Nationale Standard Dekubitusprophylaxe bekannt und als Entschiedungshilfe implementiert. Wäre bestimmt nicht schlecht, diese Schemata zu implementieren, um systematisch und fachlich-rational in Zukunft Entscheidungen herbei zu führen!

2.) Haben ebenfalls einmal Problem der Freilagerung der Fersen bei Dekubitalulzera gehabt. Weitere Dekubitusrisiken bestanden nicht. Um nicht mit Spatzen auf Kanonen zu schiessen (sprich WD-Matratze usw.) haben wir aus 2 Schichten Ligasano ein Fußbett (mit Umfassung der Achilles-Knöchel-Kulisssen zwecks besseren Halts) gebastelt, daß die Fersen frei ließ. So war die Druckverteilung breiter und die Ferse druckfrei. Stehen war ebenfalls möglich - muß nur relativ fest angelegt werden (Umfassung mit Mullverband oder nur Strumpf) war nicht fest genug, verursachte eher Ungleichgewicht wg. Verrutschens unter Belastung.
 
U

UlrichFürst

Hallo Kollegen!
Ich bräuchte mal ein paar Argumentationshilfen bei folgender Sachlage:


Meine Argumente gegen die Wechseldruckmatratze sind:
Er zeigt ausreichend Eigenbewegung
Er hat nach allen zurückliegenden Risikobewertungen nur ein mittelmäßig erhöhtes Dekubitusrisiko
Zustimmung.

Die Fersenschoner erhöhen trotz Freilagerung den Druck auf die Fersen
Gegen Fersenschoner hilft Dir als Argument der Nationale Expertenstandard oder auch Dekubitus [evidence.de] Evidenzbasierte medizinische Leitlinie

Die Freilagerung der Fersen ist bei einer Superweichlagerung und Wechseldrucksystem unsinnig.
Hier möchte ich widersprechen. Die Ferse muss frei gelagert werden. Ein weichlagern reicht nicht um die Durchblutung zu sichern. (Zu geringe venöse Drücke).
Nebenbei bemerkt: Wenn man die Fersen mit Hilfe eines Kissens o.ä. frei lagert, erhöht das den Druck auf Rücken und Gesäß...

Kann der Patient seitlich liegen? Also 90° oder mehr? Dann würden nämlich die Fersen ebenfalls nicht aufliegen...


Durch die Superweichlagerung reduziert sich der neurologische „Input“, was seine Selbständigkeit nicht fördert.
Die Lautstärke des Gebläses und der kontinuierliche Lagewechsel durch die Matratze führt zu erheblichen Schlafstörungen (Der Bewohner ist völlig wach, orientiert, kooperativ und hoch gebildet)
Es fördert nicht nur nicht, sondern es immobilisiert geradezu, weil man sich auf den Dingern schlechter bewegen kann.

Die Dekubiti sind aller Wahrscheinlichkeit während des Sitzens im Rollstuhl entstanden, da er meist die Beine ausstreckt und die Fersen auf den Fußboden drücken.
Argument: Was bringt eine Lagerung im Bett, wenn dort keine Gefahr besteht? Was bringt die Lagerung auf der Wechseldruckmatratze während der Zeit im Rollstuhl (ist ja wohl ein ziemlich hoher Anteil des Tages)?
 
S

stupanka

Aktives Mitglied
Basis-Konto
29.11.2006
52070
Hallo,möglich dass es out ist mit dem Handschuh,aber dass wir Erfolg damit haben lässt sich nicht von der Hand weisen.
Natürlich ist die Fersenfreilagerung die besere Variante,es kommt aber immer individuell auf den Bewohner an.

Lg stupanka
 
Qualifikation
PDL
Fachgebiet
Stationär Altenheim
Monika58

Monika58

Aktives Mitglied
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26.09.2005
Bonn
Hallo,möglich dass es out ist mit dem Handschuh,aber dass wir Erfolg damit haben lässt sich nicht von der Hand weisen.
Erinnert mich ein wenig an einen Leserbrief in "Die Schwester/Der Pfleger" Anfang der 90er Jahre, der da (frei zitiert) besagte: "mag sein, dass wissenschaftliche Ergebnisse erwiesen haben, dass Eisen und Fönen schlecht ist, aber wir machen es trotzdem, weil wir damit gute Erfahrungen gemacht haben."

Das Lagern auf Wasser ergibt, aufgrund der Fließeigenschaft von Wasser, einen gleichmäßigen und dauernden Druck. Diesde Fließeigenschaft des Wassers unterbindet, dass Mikrobewegungen zur tatsächlichen Druckentlastung führen.

Gruß
Monika
 
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Leiterin Fachseminar für Altenpflege
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05.07.2001
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