Suizidalität

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Harald Zagar

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07.07.2000
Liebe FreundeInnen im Board,

nach langer Diskussion über Sterbehilfe, und der bedingten Hilfslosigkeit dem Sterbenden beizustehen, möchte ich einmal ein Thema anschneiden, von dem ich überzeugt bin, dass viele Pflegenden schon mit solchen Patienten konfrontiert wurden; dem Suizidversuch!

Wie stehen wir solchen "Patienten" bei?

Ich möchte diese Diskussion (ich hoffe doch, dass eine zustande kommt) mit einem Zitat von Albert Camus eröffnen. Er schreibt in seinem Buch "Der Mythos von Sisyphos" mit etwas überspitzten Sätzen:

"Es gibt nur ein wirklich ernstes philosophisches Problem: den Selbstmord. Die Entscheidung, ob das Leben sich lohne oder nicht, beantwortet die Grundfrage der Philosophie. Alles andere - ob die Welt drei Dimensionen und der Geist neun oder zwölf Kategorien habe - kommt erst später. Das sind Spielereien; zunächst heißt es Antwort geben. Und wenn es wahr ist, dass - nach Nietzsche - ein Philosoph, der ernsr genommen werden will, mit gutem Beispiel vorangehen müssen, dann begreift man die Wichtigkeit dieser Antwort, da ihr dann die endgültige Tat folgen muß."

Wiewohl ich der Auffassung bin, dass es noch sehr viel andere "ernste philosophische Probleme" gibt, muß ich Camus darin recht geben, dass er die hohe Signifikanz der Suizidfrage für jegliche philosophische Menschenkunde würdigt. Angesichts des Selbstmordes von Menschen können wir nicht umhin, uns dem Problem des Lebenssinns und Lebensinhaltes zu stellen.

Wozu leben wir?
Ist das Leben - mit dem Dichter zu reden - nicht "das höchste Gut"?
Und wenn das zutrifft:
Welche Güter sind höher als die Selbsterhaltung und rechtfertigen es unter Umständen, das Leben wegzuwerfen?

Schon an dieser Stelle wird erkennbar, dass die Erörterungen des Suizids eine moralich-ethische Tragweite besitzen. Sodann haben sie auch eine medizinisch-/psychiatrische/Pflegerische Dimension: behaupten doch Medizin und Psychiatrie, dass der Mensch irgendwie krank sein muß, wenn er sich selbst tötet. Es gibt aber auch Situationen, wo die Selbsttötung ohne Krankheit erfolgt. Die Aspekte der Suizidalität sind enorm vielfältig.

Wie immer... Harald.
 
H

Harald Zagar

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07.07.2000
Guten Morgen, alle im Board,

nun bin ich schon so weit gekommen, meinen eigenen Beitrag zu kommentieren.
Aber ich glaube, es ist auch ein besonderes Thema:

Wir leben in einer Gesellschaft, die den Tod verdrängt, weshalb sie es nicht leicht hat, sachbezogen und emotional unbefangen über den Suizid zu sprechen. Es wird wohl langwieriger psychologischer Aufklährungsbemühungen bedürfen, bis das Gespräch über Grenz - und Grundsituationen des Daseins - wozu sicherlich der Selbstmord gehört - in Gang kommt. Dabei wird man sich auch der heute da und dort diskutierten Auffassung stellen müssen, dass der Freitod eine "Privatsache" des Suizidenten sei und demnach die Sozietät nichts angehe.
Dennoch...
eine wichtige allgemeine Aufgabe der Selbstmordprophylaxe ist es, das Thema zu enttabuisieren. Alle Menschen sollten, dass Suizidideen und Suizidimpulse allgemein menschliche Gedanken sind und dass es wohl nur wenige Menschen geben wird, die nicht in schwierigen Situationen zumindest flüchtig an dei Möglichkeit eines Suizids gedacht haben. Nur wenn wir das erkennen, sind wir auch in der Lage dem Patienen eine wirkliche Hilfe zu sein. Dies ist vor allem deshalb wichtig, weil viele Menschen, die zum ersten Mal von Suizididen überfallen werden, der Meinung sind, besonders schuldhafte oder sündhafte Geschöpfe zu sein und gewissermaßen von der Gesellschaft ausgeschlossen zu werden.

Damit möchte ich das Thema auch schon abschließen. Möglicherweise werden wir zu einem späteren Zeitpunkt das Thema erneut aufgreifen können?!.

Gruß Harald.
 
J

Joerg Guenther

Hallo Harald
Ein Suizid ist in aller Regel ein Hilferuf. In wenigen Fällen ist er als entgültiger Abschluß gedacht.
Wenn wir nun von ersterer Situation ausgehen, ist es eine Verpflichtung diesem mit aller Macht nach Hilfe rufenden, ja schreienden Menschen zu helfen. Hierzu genügt es meines Erachtens aber nicht nur die Hand zu halten und ein kurzes Schwätzchen zu halten. Leider geschieht aber gerade dies als einziges in den meisten Fällen.
Die Vorgehensweise sollte eher eine intensive vertrauensvolle Zusammenarbeit mit dem Patienten sein. Dies kann aber m.E. die normale Pfleg nicht bewältigen, da die personellen Ressourcen nicht vorhanden sind. Hier muß eine Therapiesituation geschaffen werden, die den ganzen Menschen mit all seinen Patienten annimmt und ihm hilft sich zu öffnen.
Nur wenn wir es schaffen, dem Suizidpatienten aus seinen Ängsten und Nöten herauszuhelfen, kommt er nicht schon morgen wieder.

MfG
Jörg
 
H

Harald Zagar

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07.07.2000
Danke lieber Jörg für Deinen Beitrag.
Du bist eben doch ein Mutiger und auch einfühlsamer Mensch. Mir machen solche "Patienten" besonders viel Sorgen. Sie kommen, werden Behandelt, und nachhause geschickt. Oft habe ich schon gehört: warum hat der/die es nicht gleich richtig gemacht. Diese Gedankenwelt ist eben nicht meine, und wird es auch nie werden. Möglicherweise haben wir mal mehr Platz für ausführlichere Analysen. Für heute sei bedank.
Gruß Harald.
 
H

haus maranatha

Gesperrter Benutzeraccount
Hallo Harald,

habe z. Zt. zu viel um die Ohren, um so ein tiefgreifendes Thema anzusprechen. Am 8. ist Heimbegehung. Trotzdem

Gruß

------------------
Johannes Paetzold
 
Qualifikation
Altenpfleger
Fachgebiet
Leitung
T

TOM

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Hallo!

Ein sehr interessantes Thema, nicht zuletzt, weil es mir einmal sehr nahe war und ich daraus inzwischen sehr viel gelernt und Kraft geschöpft habe.
Gerne würde ich an dieser oder anderer Stelle darüber diskutieren und meine Erfahrungen mit Euch austauschen.

Also: wo und wann?

TOM
 
K

Kai-Uwe

Hallo Harald

Ich habe diesen Beitrag leider erst heute gesichtet,Suzidalität ist ein sehr schwieriges Kapitel im Krankenhaus.Ich Arbeite auf einer Intensivstation, dort werden viele Menschen nach einem Suizid erstbehandelt allerdings wie schon erwähnt meist nur Körperlich.Fast alle
distanzieren sich einen Tag nach dem Suizid von dieser Tat die wenigsten schreiben einen sogennaten Abschiedsbrief und werden aufgrund dessen meist nach einem Psychatrischen Konsil wieder ohne jegliche Therapie (Psychatrische)nach Hause entlassen.Mit den Pat. über die Gründe des Suizides ist meist nicht möglich weil sich sperren.Ich denke viele Suizidversuche würden durch voherige bessere Kommunikation in der Familie oder durch profesionelle Hilfe von aussen vermieden.Wobei ich auch denke das das höchste Gut die eigene Würde ist, wenn dies bedeutet das ich nicht mehr Leben will sollte es mir überlassen sein dies zu beenden.Wobei immer die Hilfe wenn möglich im Vordergrund stellen sollte.


MfG Kai-Uwe

------------------
 
M

MarcMann

Guten Morgen Ihr,

das Thema ist sicher ein sehr interessantes.
In unserer Akut-Klinik landen auch manche dieser Patienten auf meiner Station ("landen" deshalb, weil sie nach einem nicht ganz nachvollziehbaren Schlüssel auf die verschiedenen Fachbereiche verteilt werden). Ist dem der Fall, bleiben sie in der Regel 2-4 Tage.
Was bleibt uns in dieser Zeit? Wir können die Fenster abschließen, ein wenig mehr noch darauf achten, das sie auf Station bleiben, können unter Umständen verhindern, daß bestimmte Personen auf die Patienten treffen. Letztlich bleibt nur, "die Hand zuhalten und ein nettes Schwätzchen zu halten".
Sicher wäre mehr hilfreich, gleich nach dem Vorfall professionelle Hilfe anzubieten. Doch wie soll diese aussehen? Ich, für mich, kann doch mich nicht auf irgendetwas einlassen in dieser kurzen Zeit, kann doch kein Vertrauen entstehen lassen. Ein Suizid ist eine reaktion auf ein oder mehrere bestimmte, personen- oder situationsabhängige Probleme. Um diese auszuloten fehlt Personal, Zeit und Strukturen.
Ich weiß´auch nicht, in wie weit die Pflege sich diesem Thema als "ihres" annehmen kann, denn letztlich fehlt dazu professionelle Ausbildung. Wir können eigentlich nur den Patienten achten als Mensch, genauso, wie wir es bei allen anderen tun sollten.

Gruß,

Marc
 
J

Joerg Guenther

Hallo Leute
Harald ist zur Zeit krank. Da er zuhause noch keinen Rechner hat, wird er sich ab dem 12.2. wieder melden.
Gruß
Jörg
 
H

Harald Zagar

Mitglied
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07.07.2000
Guten Tag an alle im Board,

es freut mich doch sehr, dass es einige Beiträge zum Thema gegeben hat. Ich will an dieser Stelle einmal versuchen, einige Gründe für den Selbstmord (für viele auch schon bekannt) aufzeigen.

Eine einfache und einheitliche Erklährung des Suizids führt vermutlich zu nur balalen Erkenntnissen, die hinter dem Stand der derzeitigen Forschung zurückbleiben. Man muss sich von vornherein auf eine möglichst breitangelegte Interpretationskala einstellen, die der Komplexität des Phänomens einigermaßen gerecht werden kann. Statistische Hinweise können zu einem späteren Zeitpunkt nachgereicht werden.

Die Basis für weitere Überlegungen ist der Gedanke, dass jeder Suizident durch sein Verhalten "die Lösung eines existentiellen Poblems in einem Anschlag auf das Leben des Subjekts sucht und findet". Suizidales Tun ist eine Handlung, und wenn wir handeln, nehmen wir Stellung zum Leben, und sei dies auch im Sinne der Selbstvernichtung.

Eine Katastrophenhandlung erfolgt aber nur dann, wenn der Handelnde keine andere Möglichkeit mehr sieht. Echte oder imginäre Ausweglosigkeit ist daher eine grundbedingung der Suizidalität. So kann der Selbstmord auch die bedeutung einer Flucht haben. In anderen Fällen bedeutet die Selbsttötung so etwas wie Trauer und Strafe. Der Verlust einer wichtigen Beziehungsperson oder wertvoller Güter kann einen derart starken Trauereffekt mobilisieren, dass der Mensch einen Anschlag auf sein Leben verübt. Ich behaupte folgendes:
wenn der Mensch nicht mehr verdrängen kann, und keine Hoffnung mehr für sich selber sieht, kommt es immer zum Selbstmord. Da wir aber alle "Weltmeister" im verdrängen sind, rotten wir uns eben nicht selber aus.
Damit ist schon der oft aggressive Grundzug der Suizidalität angedeutet.

So gesehen ist das Sich-Entleiben unter Umständen ein "Aufbruch in die Freiheit" zumindest mag der suizidale Mensch so empfinden. Er wirft die Last des leibes und des Daseins ab, nicht ohne Hoffnung am Saum seines Bewußtseins, hernach neu beginnen zu können. Das ist der Aspekt der Wiedergeburtsphantasien beim Selbstmörder. Er will einen "neuen Anfang" machen, um der lieblosen Existenz eine andere Gestalt zu geben.

Das oben gesagte ist natürlich noch lange kein Rezept um die eigene Hilflosigkeit aufzubrechen. Es sollen nur "neue" Denkansätze aufgezeigt werden, um die "Motivation" des Selbstmörders besser verstehen zu können. Möglichkeiten der Therapie können an dieser Stelle nur begrenzt und nach Bedarf angeteutet werden.
Damit will ich den "Aufsatz" an dieser Stelle auch beeden.

Gruß Harald.
 
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05.07.2001
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