Sprache und Ethik

S

Sabine Kuhn

Mitglied
Basis-Konto
0
0
Hallo.....
ich arbeite als Krankenschwester seit 17 Jahren .
Für mich ist neben der Gewalt in der Pflege auch dieses Thema der Sprache viel zu selten beleuchtet worden!
Ich würde gern hier vielleicht einmal ein paar Meinungen sammeln !
Wie gehen wir mit srachlichen Verstößen gegen die Menschenwürde um?
Ich bin immer wieder sprachlos!

Kleine Anstöße mal was ich meine

...aus der Kacke holen...
...die ist so fett...
...vollgeschissen....
....neben der Spur..
ich will da gar nicht weiter vorgreifen sondern von euch die eine oder andere Ausdrucksweise

Sind das eurer Meinung nach Ausrutscher oder mehr?
Liebe Grüße

Sabine
 
Qualifikation
Krankenschwester
Fachgebiet
chirurgische ITS
K

Kristin Peter

Mitglied
Basis-Konto
Hallo sabine,
Nein das sind keine Ausrutscher, sondern der tägliche Umgang mit Leid, Ekel und Tod. Das soll keine Entschuldigung sein, sondern eine Erklärung. Das Problem das dahinter steht ist, wie Du schon richtig bemerktest eine Sprachlosigkeit. Viele Pflegekräfte haben Kommunikationsstörungen, das kannst Du sehr gut bei Karin Wittneben oder R. Kerkow-Weil (Zum Umgang mit dem Fremden) oder Darmann (Kommunikationsstörungen in der Pflege) nachlesen. Das wird Dir jetzt vielleicht wenig nützen, aber es zu verurteilen nützt auch wenig. Kommunikation muß erlernt werden und dann vor allem auf Station auch gelebt werden. Zusätzlich muß den Pflegenden auch ein raum gegeben werden mit all den psychischen Belastungen anders als wie beschrieben umzugehen.
Viele Grüße
 
Qualifikation
Krankenschwester,Dipl. Pflegewirtin (FH)
Fachgebiet
ambulant, Fortbildung
Bob Brewer

Bob Brewer

Mitglied
Basis-Konto
3
44287
0
Hi sabine!

Ich komme zwar aus der Altenpflege, wo wir alle nett zueinander sind ;) doch solche Sprüche kursieren auch bei uns (und noch schlimmere), sehr zu mein Frustration. Allerdings ich stimme Kristin zu - alles was wir an Fehlgriffe, sprachliche Gewalt und auch physische Gewalt erleben ist eine Hilflosigkeit, die sich unter anderem in Sprachlosigkeit oder solche Fäkaliensprache und Übergriffe sich auswirken.

Der Grund der Hilflosigkeit ist sehr verschieden - es kann eine fachliche oder physische Überforderung sein, es kann aber auch eine persönliche Krise und eine depressive Verstimmtheit sein. Alles was den Menschen irgendwie kränkt oder schwächt kann in ihrem beruflichen Alltag zu solche Auswirkungen führen.

Ich glaube, dass es den Gesetzgeber und die Interessensverbände nicht bewußt genug ist, dass es nicht genügt, nur eine Überprüfung der Täter zu machen, sondern die Rahmenbedingungen und das persönliche Umfeld prägen Menschen, die dann in Streßsituationen kommen und ausgelieferte Menschen zu betreuen haben.

Die ganze Diskussion um Pflegequalität läßt geflissen diese Tatsachen außen vor. *Man* setzt voraus, dass alles in beste Harmonie verläuft, dass die Probleme nur gute Organisation brauchen, als würde das Personal nur Fort- und -weiterbildung, Anerkennung und angemessene Bezahlung braucht, um gut zu *funktionieren*... Leider lehrt uns der Pflegealltag ein andere Lektion.

In allen Berufen gibt es diese Probleme, gewiss, aber nicht überall werden Menschen mit solche Probleme auf hilflose Menschen losgelassen. Was bewiesenermaßen jahrelang durch völlig überforderte Angehörigen geschehen ist, greift im Ausbau der Pflegedienste durch Einführung der Pflegeversicherung um sich. Ich weiß dass in NRW teilweise Menschen zu Altenpfleger gemacht wurden, die gar nicht begriffen haben, welche Verantwortung ihnen übertragen wurde. Kein Wunder, wenn sprachliche und physischer Gewalt oder als Gegenteil, gefährliche Unterlassungen das Leben unsere Senioren und Patienten gefährdert.

Was tun? Meines Erachtens muß dringendst eine einheitliche Ausbildung her (für die Altenpflege auf höherem Niveau), die aber besondere Wert auf *Psychohygiene* legt und ähnlich wie in Amerika, ein regelmäßigen psychologische Überprüfung so zwingend macht, wie der Besuch beim Betriebsarzt.

Alle solche Maßnahmen machen die Pflege teuerer, doch im Grunde, wollen wir Qualität so definieren, wie seit SGBXI, und als Antwort auf die entdeckte Mängel, dann haben wir nur die Spitze des Eisbergs entdeckt!!!

Gruß
Bob

[ 23. Juli 2001 13:40: Beitrag editiert von Bob Brewer ]
 
Qualifikation
Einrichtungsleitung, Pflegedienstleiter, TQM Qualitätsbeauftragte
Fachgebiet
Altenheim
Weiterbildungen
WBL, PDL, TQM-QMB, HL
S

Sabine Kuhn

Mitglied
Basis-Konto
0
0
Hallo Bob und Krirstin

Viele Denkanstöße und so weit voraus geschaut das es mir fast peinlich ist das die Worte mir nur immer so bedrohlich vorkommen.
Bedrohlich ist die ganze Arbeitsweise und l Hilfe von oberen Instanzen wäre dringend nötig!

Durch die Ausbildung ein höheres Niveau zu erzielen.....ich stelle allerdings immer wieder fest das trotz Weiterbildungen zu Fachpersonal die Sprache nicht unbedingt mit wächst!....Überforderung im Spiel?....vielleicht Frustration ????
Vielleicht fehlt diesen Personen die Freude an dem was sie machen? Oder ihnen ist nicht bewußt welche Verantwortung sie tragen müssen?

Bei diesen Gedankenspiel fällt mir ein Wort EMPHANTIE.
Wenn ich wirklich einmal davon ausgehe das die Pflegekräfte Hilfe benötigten...sprachlos sind - müssen WIR auf SIE reagieren!
Bis jetzt war ich noch nicht bereit dazu, aber durch die Verarbeitung von Gedanken mit Euch kommt mir dieser Schritt allzu plausibel vor!

Müssen wir vielleicht einfach offener über Ekel ,Abwehr...sprechen?!?!?!
Ich denke auf jeden fall das eine Pflegekraft die bereits mit der Sprache aggressiv umgeht und verletzend wird eine Gefahr für den Patienten darstellt auch einmal weiterzugehen....also wieder ein Argument um zu handeln!

Vor unserem Austausch habe ich mehr in die Richtung eines EHRENKODEXES nachgedacht....so wie wir halt alle erfahren haben das es nicht heißt....so nun stehen wir mal auf.....
Aber Ihr habt mich auf den Weg gebracht...mal sehen was noch während des Austausches passiert...

Liebe grüße aus berlin

sabine
:rolleyes:
 
Qualifikation
Krankenschwester
Fachgebiet
chirurgische ITS
T

TOM

Mitglied
Basis-Konto
Hallo, Ihr drei!

Während ich die Beiträge gelesen habe, kamen mir einige Gedanken. Ich möchte diese gerne einfach mal völlig ungefiltert und unbedacht wiedergeben, vielleicht hilft es, vielleicht regt es die Diskussion an...

- Hoffentlich spricht so nie jemand über Dich.
- Haben die, die so reden, immer noch nicht verstanden, das die Pflege eine Dienstleistung ist??? Stichwort: Kunde ist König.

- Wie bei Kindern bräuchte es jemanden der Ihnen vorlebt wie man sich richtig benimmt. Und auch den Zeigefinger hebt.

- Wie wäre es denn mit Supervision? Hat uns auch geholfen. Zumindest waren wir danach wieder sensibler und hatten mehr Achtung vor Kollegen und Patienten.

Wie gesagt, das sind lediglich unreflektierte Gedanken.
Wenn ich noch einmal in Ruhe darüber nachgedacht habe, schaue ich noch mal vorbei, bin schon gespannt, wie die Diskussion weiterverläuft...
 
Bob Brewer

Bob Brewer

Mitglied
Basis-Konto
3
44287
0
Hallo Tom!

Ich glaube, wir sind alle für Beiträge offen. Deine gedanken sind natürlich berechtigt.
<BLOCKQUOTE>quote:</font><HR>
- Hoffentlich spricht so nie jemand über Dich<HR></BLOCKQUOTE>

Das war eine meine ersten Gedanken, als ich mich mit dieses Thema beschäftigt habe. Wie stehe ich da, gerade als Leitung? Vor allem, wir wissen ohnehin, dass Leitungen auf einen Podest stehen, ob sie es wollen oder nicht. <BLOCKQUOTE>quote:</font><HR>
- Haben die, die so reden, immer noch nicht verstanden, das die Pflege eine Dienstleistung ist??? Stichwort: Kunde ist König.<HR></BLOCKQUOTE>
Zum Teil haben die Mitarbeiter diese Gedanken nicht permanent in den Köpfen - obwohl es nimmt zu, glaube ich. Andereseits, wenn ich u.U. physisch, organisatorisch und vielleicht fachlich überfordert bin, dann wird alles andere vergessen - da bin ich mir sicher. Es erscheint vielleicht ein kleine Engelgestalt der zu Vernunft ermahnt :tongue: doch nichts von Dauer. <BLOCKQUOTE>quote:</font><HR>
- Wie bei Kindern bräuchte es jemanden der Ihnen vorlebt wie man sich richtig benimmt. Und auch den Zeigefinger hebt.<HR></BLOCKQUOTE>
Ich weigere mich allerdings meine Mitarbeiter wie Kinder anzusehen - womöglich sehen sie mich dann als *Big Daddy* ;) Aber sie brauchen schon den Hinweis, wie es lang gehen sollte. <BLOCKQUOTE>quote:</font><HR>
- Wie wäre es denn mit Supervision? Hat uns auch geholfen. Zumindest waren wir danach wieder sensibler und hatten mehr Achtung vor Kollegen und Patienten.<HR></BLOCKQUOTE>

Supervision finde ich nicht schlecht, doch so etwas braucht Zeit - und wie mein Vorschlag mit der psychologische Untersuchung, macht solches die Pflege nur noch teuerer - auch wenn ich mir auch etwas davon versprechen würde.

Gruß
Bob

[ 24. Juli 2001 11:30: Beitrag editiert von Bob Brewer ]
 
Qualifikation
Einrichtungsleitung, Pflegedienstleiter, TQM Qualitätsbeauftragte
Fachgebiet
Altenheim
Weiterbildungen
WBL, PDL, TQM-QMB, HL
S

Siegfried Buttjes

Verstorbenes Forenmitglied
Basis-Konto
Hallo zusammen,

ich befürchte, dass hiesige Thema ist so alt, wie es die moderne Pflege gibt. Seit langem denke darüber nach, welche Auswirkungen die Zunahme der Kompetenz für die Pflege hat. Natürlich ist es geradezu klassisch, daß es durch Kompetenzerhöhung auch zu mehr Macht für die Pflegekräfte kommt. Pflegende erleben sich als überlegen und erlauben sich z.B. in der Altenpflege ganz nebenbei Scherze mit der Ausrede &gt;&gt; Der merkt es ohnehin nicht mehr! &lt;&lt; Sie vergessen (?) dabei, dass selbst Demente aus dem non-verbalen Verhalten spüren, ob sich Pflegende über sie lustig machen.
Oft erledigen Pflegende stumm und korrekt ihre Pflicht, erfüllen ihre Berufsrolle ohne liebevolle Gesten, kein Lächeln, kein Streicheln, kein persönliches Wort. Die pflegerische Dominanz oder auch Ausschließlichkeit ( Altenpflege als Job ) mit zügiger, reibungsloser, rein körperlicher Pflege ohne patientenzentrierte Kommunikation wird mit Zeit-, Personalmangel und Aufgabenfülle zu rechtfertigen versucht. &gt;&gt; Pflegefälle &lt;&lt; werden wie ein Arbeitsobjekt gereinigt, umgedreht und gefüttert und wundern sich, daß sich diese kranken oder alten Menschen als Last fühlen, sich hilflos an eine technisch perfekte, aber gefühllose und gleichgültige Pflege ausgeliefert sehen. Da wird geduzt und viele meinen es auch noch gut.
Haben sich die Pflegenden denn einmal gefragt, wie sich ein inkontinenter Mensch eigentlich fühlt?
Er fühlt sich unsauber, unfähig, sich zu kontrollieren, abhängig von Pflegenden, fürchtet ihren Ekel oder ihnen zur Last zu fallen, erlebt sich als Versager, weil er gewickelt werden muß oder sieht sich fremden Blicken ausgesetzt.
Und wie reagieren und fühlen die Pflegenden.............................?
Ich habe schon öfter geschrieben, daß ich die sogenannte &gt;&gt; Jobmentalität &lt;&lt; strikt ablehne. Solche Kolleginnen und Kollegen haben sich für mein Verständnis schon zu weit von der Pflege entfernt und werden wohl den Weg zurück in die Pflege auch mit einer noch so guten Supervision nicht finden. Leider.

Übrigens handelt es sich bei diesen &gt;&gt; verbalen Ausrutschern &lt;&lt; ganz eindeutig um Gewalt in der Pflege und bietet für mein Verständnis allemal einen Abmahnungsgrund und bei hartnäckigen Wiederholungen auch einen Kündigungsgrund.
 
Qualifikation
Altenpfleger / Heimleiter / QMB
Fachgebiet
Sachverständiger für Pflegeversicherung und Pflegegutachten
Marc Baumann

Marc Baumann

Mitglied
Basis-Konto
0
29227
0
Hallo Ihr,

ich weiß nicht, ob es legitim ist, nur anhand der Sprache den Stab über der Pflege zu brechen, was "Gewalt in der Pflege" betrifft.
Es kommt immer auf die Umstände an. Wann und wem gegenüber nutze ich bestimmte Begriffe, in welchem Kontext stehen sie, welche Einstellung steht hinter mir, wie sage ich es.
Begriffe wie z.B. "neben der Spur" halte ich in bestimmter Situation für berufseigenen Sprachcode. Manchmal nutze ich ihn, wenn ich kurz eine Einschätzung gebe, die ich nicht konkret füllen kann. Jeder kann sich etwas darunter vorstellen, einen Trend.
"Vollgeschissen", sicher habe ich dieses Wort ebenfalls schon mal benutzt. Damit habe ich eine Situation bezeichnet, die mich selbst angeekelt hat. Natürlich hätte ich auch sagen können "der Pat. hat abgeführt, die Exkremente über den ganzen Körper verteilt."

Letztlich ist z.B. die ganze Sache mit den Ausscheidungen oder Erbrechen nicht immer nur dem Pat. peinlich und unangenehm, sondern auch der Pflegekraft. Es gibt Tage, da kämpfe ich mit dem Brechreiz (während ich an den meisten das zwischen zwei Brötchenhälften erledigen kann). Es drückt meinen Ekel aus. Viele unserer Tätigkeiten sind Grenzüberschreitungen, für beide Seiten. Nicht immer kann man mit Grenzüberschreitungen gut umgehen.

Grundsätzlich stimme ich mit Euch aber überein. An der Sprach kann man die Einstellung festmachen. Dabei ist ein ständiger[b/] Sprachmißbrauch gemeint.
Keiner hat das in der Ausbildung wirklich gelernt, Sprache richtig einzusetzen. Jeder hat Krankheiten gelernt, die man vielleicht nie im Leben antreffen wird, aber nicht, wie man mit eigenen Gefühlen umgeht. Wie kann man Hilflosigkeit verurteilen? Das macht es nicht richtig, ist nicht für alles eine Entschuldigung - aber eine Erklärung.

Sigi, Du schreibst, solche Entgleisungen wären ein Grund zur Abmahnung. Wenn ich in der position wäre, eine Abmahnung auszusprechen, wäre für mich, wenn ich soetwas mitbekomme, in erster Linie die Frage, "Was passiert da gerade" und ich würde mich um dieses Thema bemühen. Da läuft etwas falsch in dem Bereich, für den ich zuständig bin.
"Gewalt in der Pflege" ist ein dehnbarer Begriff. Sie findet täglich statt, im Kleinen und im Großen. Einzelne Situationen müssen beleuchtet werden, um ein Urteil zu fällen.
Ich weiß nicht, wie sich ein inkontinenter Pat. fühlt, ich war es in dieser Form noch nie. Wenn ich an früher, als kleiner Junge, denke, kann ich ein Gefühl in mir tragen. Ist es vielleicht nicht genau dieses Gefühl, was mich dann belastet, wenn ich ihn versorge? Wenn man sich auf etwas einläßt, besteht auch immer die Gefahr, daß plötzlich die Grenzen verschwimmen zwischen mir als Pflegekraft und mir als Person.
Ich versuche, meine Patienten so zu versorgen, wie ich es machen würde, wenn es meine Angehörigen seien. Damit kommt es manches Mal zu der Situation, daß ich auch plötzlich Gefühle einbringe, welche in mir dieses Bild assoziiert. Nicht immer kann ich mich dagegen wehren. Es ist eben eine sehr heikele Sache, mit ganz dünnen Grenzen.

Ich weiß, daß das alles etwas wirr ist, es ist noch früh und ich habe einfach nur Gedanken niedergeschrieben. Nicht alles möchte ich wörtlich verstanden haben.
Auch mir stößt dieses Thema oft übel auf, auch bei mir selbst. Aber ich beobachte mich, und ich versuche, mein Handeln zu analysieren und ggf. zu ändern. Doch ich glaube nicht, daß grundsätzliche Probleme in der Pflege ohne professionelle Hilfe gelöst werden können. Wenn Pflege besser werden soll, dann muß investiert werden, nicht nur in der Umstrukturierung und Organisation. Sprache ist dabei ein direkter Ausdruck für grundsätzliche Probleme.

Soweit erstmal...
 
Qualifikation
Krankenpfleger
Fachgebiet
Neurologie
Weiterbildungen
2006/07 Konfiguration Philips PDMS auf einer Stroke Unit
E

Elisabeth Dinse

Gesperrter Benutzeraccount
3
00000
0
Hallo @all,

mir fällt bei Sprache ganz spontan eine kleine Begebenheit ein. In meinem Arbeitsbereich haben wir öfters Patienten mit Sprachstörungen zu betreuen. Bei diesem speziellen Patienten handelte es sich um die Form, wo Worte oft umschrieben werden. Die Situation war folgende: Schwester steht am Bett und versucht Patient zu verstehen. Der Mann hat bereits mehrfach den Kasus umschrieben und die Schwester hat versucht das entsprechende anzubieten. "Sie müssen austreten. Müssen sie Wasser lassen? Urinieren? Brauchen sie eine Ente?" Der Mann wurde immer aufgeregter. Die Worte waren kaum noch zu erkennen. Dann sammelte er sich und schrie: ICH MUSS SCHEISSEN. Das entsetzte Gesicht der Schwester kann man nicht beschreiben.
Sprache ist immer ein schwieriges Unterfangen. Wenn ich einen Sachverhalt darstelle, dann möchte ich sichergehen, daß ich verstanden werde. Es hat sich in den Jahren ein eigener Sprachcode in der Pflege ausgebildet. Und ich wage zu behaupten, daß der oft eigenartigen Wortwahl nicht immer eine abwertende Bedeutung beigemessen werden muß. Ich finde diese Wortschöpfungen eher in Dienstübergaben, ähnlich wie von Marc beschrieben: etwas ausdrücken wollen das jeder versteht. Am Bett sind mir solche Wortkreationen noch nicht begegnet. Dafür beobachte ich nicht selten nonverbale Ausfälle. Die hört keiner, nur der Patient spürt sie. Man kann jemanden auch mit dem freundlichsten Lächeln im Gesicht klar machen, das er eigentlich unwert ist diese Pflege zu empfangen. Das stimmt mich viel nachdenklicher.

Elisabeth

PS: Wir haben in der Pflege weder gelernt uns selbst wahr zu nehmen, noch unsere Arbeit zu reflektieren. Von uns wird verlangt, das wir funktionieren... wie Roboter, jedem dasselbe anbietend. Gefühle haben uns fremd zu sein. Wundern wir uns nicht zu unrecht über die Entwicklung in der Pflege?
Elisabeth
 
Qualifikation
KS, PA BasStim, FS A/I
Fachgebiet
IBFW
K

Kristin Peter

Mitglied
Basis-Konto
Hallo Elisabeth,
Dein Beispiel hat mich sehr amüsiert, obwohl ich denke das es wirklich typisch ist, wenn nach erlernten Mustern Kommunikation ausgeübt wird. Trotzdem bin ich absolut dafür Kommunikation in die Ausbildung und vermehrt in die Fort- und weiterbildung zu integrieren. Ich habe mich in meiner Diplomarbeit mit dem Thema Pflegeberatung beschäftigt und die Problematik der Pflegenden mit ihrem Tätigkeitsfeld Beratung durch Kommunikationsschwäche ist sehr deutlich geworden. Natürlich bemühen sich die meisten es richtig zu machen, denn wir beraten tagtäglich! Aber wenn wir gefragt werden, wird deutlich, dass wir das gar nicht als Beratung ansehen und demnach auch keine Fort- Weiterbildung in dem Bereich suchen. Aber genau dieses Thema zeigt wieder, dass Kommunikation, ob im Umgang mit Patienten, Kollegen, Ärzten, Verwaltung oder als pflegerische (!!!!!) Tätigkeit Beratung zuwenig Gewicht beigemessen wird. Denn letztendlich ist Sprache Macht (und das nicht nur negativ!) und wir müssen lernen damit gut umzugehen.
Wie ihr merkt ist das ein Lieblingsthema von mir und dabei gerate ich ins labern, aber mich interessieren brennend Eure Meinungen und Erfahrungen dazu, auch was ihr von Pflegeberatung haltet, oder ob ihr sie lieber an andere Professionen abgebt (z. B. Sozialarbeit, Theologen etc.)?

Gruß
 
Qualifikation
Krankenschwester,Dipl. Pflegewirtin (FH)
Fachgebiet
ambulant, Fortbildung
E

Elisabeth Dinse

Gesperrter Benutzeraccount
3
00000
0
Hallo Kristin,

ich halte es für ausgesprochen wichtig, daß meine Kommunikation den Möglichkeiten meines Dialogpartners angepaßt ist. Ich komme ursprünglich aus der Kinderkrankenpflege. Dort war dieser Maßstab selbstverständlich. In der "Erwachsenen"Pflege fällt mir auf, daß wir uns da sehr schwer tun.
Kommunikation ist ein sehr komplexer Vorgang, dessen wir uns nicht bewußt sind. Der Sender ist sich seiner Aussagen, vor allem im nonverbalen Bereich oft nicht bewußt. Die Erwartungen des Empfängers werden nicht beachtet. Unsere Sinne sind entsprechend unseren Erwartungen geschärft. Selten fragen wir nach, ob unserer Gesprächspartner unsere Botschaft auch richtig verstanden hat.
Kristin, ich kann dir nur recht geben: in die Aus-, Fort- und Weiterbildung gehört dieses Thema auf jeden Fall. Und zwar nicht um eine pflegeeigene Sprache (was immer das auch sein mag) zu entwickeln sondern um überhaupt kommunizieren zu lernen. Denn wir reden oft und sind doch eigentlich sprachlos.

Elisabeth

PS. Du merkst, Kommunikation ist auch mein Lieblingsthema.*g*
 
Qualifikation
KS, PA BasStim, FS A/I
Fachgebiet
IBFW
H

Harald Zagar

Mitglied
Basis-Konto
0
0
Hallo liebe Freunde,

gerade die Sprache ist; und nicht nur in der Pflege" für den Menschen ein besonderes Merkmal der Kommunikation. Ich verweise da auch auf meinen Kommentare (Ethik) " Kommunikationsetik" und "Wenn Mitleid verlorengeht, entsteht dann Gewalt in der Pflege" hier im Board. Im übrigen kann ich die anderen Kommentare sehr gut nachvollziehen. Das Thema würde auch zu einer Diplomarbeit gut passen.
E. Drach definiert die Sprache als " die Gesamtheit innerer und äußerer Voraussetzungen, die dazu führen, dass der Sprecher gerade diese Worte gerade in dieser Weise und gerade in diesem Augenblick spricht". Bestimmend für die Sprache sind also drei Faktoren:
- die phys. Umgebung
- der sprachl. Interaktion von Sprecher und und Hörer,
- die Zeit und die Bezugspersonen.

Sprechsituationen unterscheiden sich durch den Grad an Restriktionen, die das Sprachverhalten einschränken, und durch das Maß der Variation, das in ihnen zugelassen ist.

Damit haben wir jetzt ein Gerüst, an dem wir das "Fleisch" hängen können, und uns klarmachen, warum diese Ausdrücke, gerade in dieser Situation, und gerade zu diesem Zeitpunkt gesagt bzw. genannt werden.
Eigentlich beantworten sich die Fragen von selber, denn:

Die Umgebung:
- ist Anonym, unpersönlich, Fremd, Angsterzeugend

Die Interaktionen von Sprecher und Zuhörer:
(Kollegen)- gleiches Rollenverhalten - Nachahmung, den Starken spielen, nichts an sich ran lassen, Überlegenheit, usw.

Die Zeit und Bezugsperson:

In einer sehr kurzen Liegezeit kann kaum ein wirklicher Bezug zum Pat. aufgebaut werden.

Diese drei Anmerkungen können belibig lange fortgesetzt und ausgebaut werden. Damit haben wir dann unsere Analyse vorliegen, warum so und nicht anders "Gesprochen" wird. Leider!!
Es grüß wie immer; Harald.
 
Die E-Mail-Adresse wird lediglich zur Versendung des Aktivierungslinks für diesen Beitrag verwendet.

Ähnliche Themen