Sinnkrise

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camäleon

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17.09.2002
4444
Offen gestanden, ich habe eine ziemliche Sinnkrise was mein Job anbelangt. Nun, es fängt bereits dort an, habe ich eigentlich einen Job oder einen Be-Ruf? Na ja, eigentlich hätte ich lieber ein Beruf, ein richtiges Handwerk. Aber das ist ja furchtbar altmodisch, tönt in der heutigen Zeit ziemlich unprofessionell. Stinkt nach Abgrenzungsproblemen und so.

Na da sind wir ja bereits bei einem der Themen; Nähe und Distanz. Meine Lebenserfahrung lehrt mich: nur durch das Zulassen von Nähe kann ich auch saubere Distanz erreichen. Es scheint mir nun, dass im Berufsstand der Pflege vor allem die Devise des Einheitsbreies wir mischen mal alles durcheinander und versuchen die Pole zu umgehen, Schule macht. Das wird dann Empathie genannt.

Das Wort erinnert mich nun in so eigentümlicher Art und Weise an Pathologie. In meiner Phantasie angeregt, entsteht da ein fürchterliches neues Wortgebilde: es heisst Empathologie. „Die Lehre von der scheinheiligen Anteilnahme“.

Ups, ich mach nun lieber mal nen Punkt.
 
Qualifikation
Dipl. Pflegefachfrau DN2
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spitex
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Napster

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10.10.2004
16816
Hallo camäleon,

Ich würde nicht von einer Sinnkrise sprechen,es liegt aus meiner Sicht eher ein kleines Formtief vor.
Pflege ist aus meiner Sicht durchaus auch Handwerk,aber nicht nur.Der Beruf verbindet viele Tätigkeiten in einer,aber das dürfte bekannt sein.
Ich weiß nicht,wie lange Sie in der Pflege arbeiten,aber das Gefühl für Distanz und Nähe hat man recht schnell raus.Ich für meinen Teil mußte nie übermäßig Nähe zulassen,um Distanz wahren zu können bzw. es besser abgrenzen zu können.
Vielleicht hilft es auch,privat und dienstlich zu trennen.Das mache ich ganz streng,kein berufliches Problem wird mit nach Hause genommen.Das habe ich anfangs mal getan,dann nicht mehr,weil es mich viel zuviel Kraft gekostet hat,dieses allein zu bearbeiten.Viel besser ist ein berufliches Problem am Ort seiner Entstehung aufgehoben.Auch dort gibt es Personen,mit denen man darüber sprechen kann - und zwar oft viel besser als jemand aus dem privaten Umfeld,der nicht in der Materie steckt.
Auch da erzähle ich sicher nichts Neues.
Abdriften in neue Wortgebilde bringt wenig.

Mfg
Rasmus
 
Qualifikation
Fachkrankenpfleger für Pflege in der Onkologie
Fachgebiet
Onkologie innerhalb eines Klinikums mit ca.800 Betten
Weiterbildungen
Arbeitsgruppe Pflegerichtlinien
Arbeitsgruppe Onkologische Fachpflege
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Jochen Gust

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Hallo camäleon,

Sinnkrise......ich kann Dir das ein Stück weit nachfühlen. Herausgeholfen hat mir dabei nie die Arbeit an sich. Herausgeholfen haben mir immer "gute Menschen", Begleiter, Berater, Freunde, konstruktive Kritiker, Betrachter, Diskutierer, (Welt)verbesserer, Optimisten,.....nenn es wie Du willst. Sinn finden denke ich muß man immer selbst, kann jeder nur selbst. Aber manchmal hilft es, wenn Dritte "kleine Leuchtfeuer" setzen.
Eines der Leuchtfeuer die ich mal bekommen habe ging so:

"Wie gut ich das nur kenne,
ausgetrocknet zu sein,
das Gefühl zu haben,
brach darnieder zu liegen,
während tief in mir,
Strebungen, Kräfte und Gefühle
sich dumpf melden,
bemerkbar machen,
die leben wollen,
die die Wüste die mein Leben
gerade überzieht,
bewässern, fruchtbar machen, beleben
wollen.

Manchmal bin ich es selbst,
der das verhindert.
Weil ich an etwas festhalte,
etwas nicht lassen will,
was ich nicht festhalten sollte,
daß ich loslassen müßte,
damit das,
was in mir leben will
fließen darf um diese
Wüste aufzubrechen,
mich wieder mit dem Fluß des Lebens in
Berührung bringen,
mich wieder wasserreich zu machen,
mich wieder zu durchtränken,
mich zu durchsprudeln.

Damit ich bewohnbar werde,
zunächst einmal
selbst
bei mir Wohnung nehmen kann,
wo ich Unterkunft finde,
ein Zuhause,
mich wohlfühle,
damit ich,
zum Acker und Weinberg
werde,
auf dem etwas wachsen,
ich gedeihen kann.".

Heute weiß ich, woher das ist:
Es ist aus den Münsterschwarzacher Kleinschriften von
W. Müller: "Meine Seele weint".

Für Deinen Sinn bist Du der Schlüssel.
Es grüßt Dich


Jochen Gust
 
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Angestellter
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Angehörigenberatung & Öffentlichkeitsarbeit
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camäleon

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Themenstarter/in
17.09.2002
4444
@ Jochen
Wie schön und einfühlsam Du das Problem hinter dem Problem zitiert hast, Danke!

Zur Diskusion:
Es ist erfrischend wie viel Mut zur Hingabe der Schreiber zeigt! Er nachher in klärender Betrachtung Distanz nimmt, um anschliessend gestärkt die Zukunft in Angriff zu nehmen!

Mit etwas Ironie und einem Augenzwinkern kann ich mir die Feststellung nicht verkneifen, dass ich ob solch inspirierten Worten mein Schreckensgespengst „Empathologie“ beruhigt wieder versorgen darf.

Manchmal denke ich, wir könnten von den bildenden Künstlen wesentlich mehr lernen als von den Wissenschaftlern.
 
Qualifikation
Dipl. Pflegefachfrau DN2
Fachgebiet
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Teammitglied
05.07.2001
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