Schikane in der Forensik

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19andi85

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Hallo

Arbeite nun seit vier Jahren in der Akutpsychiatrie und wurde gefragt, ob ich nicht in die Forensik wechseln will, da es dort anscheinend Personalmangel gibt.
Mich würde interessieren was da so alles passiert. Von gewalttätigen Patienten hört man ja immer wieder, mir ist aber auch zu Ohren gekommen, dass Patienten schikaniert werden. Dass Pfleger Patienten so lange drangsalieren, bis diese ausrasten, nur damit sie dann ans Bett fixiert und zwangsmedikamentiert werden können, von Beschimpfungen und Prügeln und von Ärzten, die völlig grundlos Lockerungen streichen.
Was dran ist weiß ich nicht, Forensikpfleger machen auf mich immer den Eindruck, nicht gerne über ihre Arbeit zu reden, was meine Befürchtung, dass dort so einiges passiert, was niemand erfahren soll, noch erhöht. Andererseits habe ich nicht viel mit Kollegen anderer Stationen zu tun. Meißtens nur dann, wenn ein Patient verlegt wird und auch dann nur ein paar Minuten.
Würde mich über eure Antworten freuen

Mfg

Andi
 
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Hallo Andi,
ja, mit Gerüchten ist das so eine Sache. Die gleichen Geschichten über Schikane und Willkür kenne ich über die Akutpsychiatrie, v.a. geschlossene Stationen.

Aber der Reihe nach:
Wo soll´s denn hingehen in der Forensik? Schwerpunkt §63 oder §64? Da ist schon ein gewisser Unterschied, vor allem in der Prognose für die Patienten.

Natürlich hast du es in der Forensik eher mit potentiell gewalttätigen Patienten zu tun, als anderswo - klar, wegen Falsch parken oder Schweißfüßen sind die nicht im MRV.

Ich glaube nicht, dass in der Forensik mehr oder weniger schikaniert wird, als irgendwo anders. Der Umgang mit den Patienten ist für mich eine Frage der Haltung. Und wenn die nicht passt, ist es egal, wo derjenige arbeitet. Man kennt ja auch zur Genüge Berichte von Übergriffen durch Pflegende in Altenheimen oder Behinderteneinrichtungen.

Worüber du dir im Klaren sein musst, ist das besondere Setting, das eine MRV-Station mit sich bringt.
Nicht nur die Patienten sind dort besonders gesichert, du bist es auch! Mal eben vor die Türe gehen ist nicht!
Vielleicht kannst du ein Probearbeiten vereinbaren, um dieses Gefühl kennen zu lernen.
Wenn du patientenorientiert arbeiten willst, dich für Bezugspflege interessierst oder bestimmte Projekte anleiern möchtest, dann bist du im MRV gut aufgehoben. Denn schließlich kannst du dort im Zweifelsfalle JAHRELANG mit deinen Patienten an der Beziehungsgestaltung feilen...
Kann natürlich auch zum Nachteil werden, wenn es mit der Bezugspflege nicht klappt; dann hast du den Patienten auch jahrelang an der Backe...
In der Regel werden in der Forensik aber regelmäßige Supervisionen angeboten.
 
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19andi85

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ich wäre für §63er Patienten zuständig. was wahrscheinlich noch etwas schwieriger sein wird, da sie ja auf unbestimmte zeit untergebracht sind und deshalb unter größerem druck stehen, als die §64er PAtienten.
mir geht es halt in erster linie um schikane von seiten der pfleger.
falls man von einem patienten angegriffen wird, kann man sich ja auf die unterstützung seiner Kollegen verlassen und der Patient weiß auch, dass es für ihn Konsequenzen hat. aber Schikane von Leuten, die am längeren Hebel sitzen und deswegen genau wissen, dass sie ungestraft davon kommen, finde ich unerträglich.
 
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Da stimme ich dir völlig zu! So etwas wäre auch für mich unerträglich.

Wenn sich so etwas zeigt, hast du immer zwei Möglichkeiten: wegschauen bzw. mitmachen und damit alles so zu belassen, wie es ist. Oder aktiv dagegen vorzugehen; Kollegen auf ihr Handeln ansprechen, selbst demonstrativ anders handeln, Mißstände mit Vorgesetzten besprechen...

Zunächst einmal würde ich mir aber bei einem solchen Wechsel wie gesagt selbst ein Bild machen wollen von dem, was mich erwartet. Mach ein paar Hospitationen in den verschiedenen Schichten und schau es dir an.
Nur weil Kollegen nicht viel über ihre Arbeit reden, heißt das nicht gleich, dass da "etwas faul ist". Mit meinen MRV-Kollegen spreche ich extrem selten, schlich und einfach, weil die hinter ihrem Zaun nicht so ohne weiteres rauskommen. Meiner Erfahrung nach wird die Sache mit der Schweigepflicht in der Forensik auch noch wichtiger genommen, als ohnehin schon üblich in der Psychiatrie.
 
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Igel77

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Meine persönliche Meinung: Durch das vergleichsweise eher geringe Arbeitsaufkommen (gegenüber, sagen wir, einer Akutstation oder einer Gerontopsychiatrischen Station) und die eher autoritären, streng geregelten Abläufe sammeln sich dort auch Kollegen an, die von diesen Strukturen profitieren.

Ganz böse gesagt, intrigante, faule Säcke.

In meinem Haus gilt die Forensik als Mobbing-Hochburg Nr. 1, und es wird auch (hinter vorgehaltener Hand, natürlich) davon gesprochen, das Kollegen in den Freitod gemobbt wurden. Hinzu kommt, dass andere unschöne Strukturen gibt (Posten werden nach dem Kriterium vergeben, wer mit wem säuft, schläft oder verwandt ist, in dieser Reihenfolge). Ich weiß natürlich nicht, ob das bei Euch auch so ist, aber:

Ich kann mir nicht vorstellen, dass sich das gut auf die Qualität der Behandlung auswirkt.

Ein anderer, ebenfalls systemischer Faktor, ist die Art unserer Ausbildung. Wir werden eher zu unmündigen Befehlsempfängern erzogen; dies erzeugt Druck und Aggressionen; dieser Druck wird irgendwann an den Patienten ausgelassen. Hier spielt auch mit rein, dass uns während unserer Ausbildung wenig an Haltung und Werkzeugen an die Hand gegeben worden ist, jemanden zur Veränderung seines Verhaltens zu motivieren.
 
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Diogenes

Diogenes

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Natürlich liegt es immer an der Klinik, der Abteilung, der Station und der Schicht. Da kann es variieren...
Igel hat das schon schön dargestellt:
Du bist dann in einer Behörde, sowie funktionierendes Rädchen dieser,mit allen Vor- und Nachteilen. Ist nicht jedermanns Sache...
 
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