Remonstration

K

Keßler

Moin !

In unserem Einzugsbereich gibt es einen Dermatologen und zwei Hausärzte deren Anordnungen zur Wundversorgung
----------- "pflegefachlich nicht nachvollziehbar" sind.

Meine Frage : Wie formuliert und adressiert man eine Remonstration ohne in`s Kreuzfeuer zu geraten ?
 
Henoch

Henoch

Mitglied
Basis-Konto
32
63517
0
AW: Remonstration

Hallo Keßler,

Vorab, Du weisst ja ...ohne genaue Kenntnis des Einzelfalles ... nur ins Blaue

Grundsätzlich gilt die Entscheidungsautonomie und Therapiefreiheit des Arztes.

Diese Therapiefreiheit ist ein wesentliches Element der ärztlichen Professionalität. Er hat aufgrund seiner Fachkompetenz hinsichtlich der
Behandlungsmethode grundsätzlich die freie Wahl. (zuletzt bestätigt durch den 3. Senat des BSG -13.12.2001 – B 3 KR 11/01 R, 31/01 R, 54/01 R und 13.05.2004 – B 3 KR 18/03 R) "...Ärzten in Klinik und Praxis haben eine im Nachhinein nicht korrigierbare Schlüsselstellung bei allen therapeutischen Entscheidungen, soweit diese Entscheidungen in medizinisch-wissenschaftlicher Hinsicht[SUP]1[/SUP] vertretbar sind..." ([SUP]1[/SUP]weitgedehnter Begriff)

Die Therapiefreiheit findet ihre Einschränkung dahingehend, dass der Arzt dem Patienten zwar verschiedene Therapien und Behandlungsmethoden (welche unterschiedliche Risiken und Erfolgschancen aufweisen können) vorschlagen muss (und die erfolgsversprechende Therapie auch anraten darf) und den Patienten umfassend hierüber aufklären muss (die Beweislast für das Aufklärungsgespräch trägt der Arzt -§ 630e BGB). Die Entscheidung ob und welche Therapie letztendlich durchgeführt wird jedoch nur der Patient trifft, welcher nicht gegen seinen Willen behandelt werden darf.
Gibt es für eine Krankheit nun keine allgemein anerkannte Therapie, kann ein Arzt auch Heilmethoden, deren Wirksamkeit noch nicht erforscht und noch nicht nachgewiesen wurde, vorschlagen und anwenden, sofern wenigstens eine geringe Erfolgsaussicht besteht.

Der Arzt ist also in erster Linie nur dem individuellen Patienten verpflichtet.
Er muss einzig dessen individuellen Besonderheiten berücksichtigen. Ebenso stehen ihm auch "ernsthafte Bedenken" gegen "etablierte Methoden" zu.
Jedoch darf die Therapiefreiheit nie in Therapiebeliebigkeit münden. Der Arzt unterliegt bei seinen Entscheidungen seiner berufsspezifischen
Sorgfaltspflicht und muss nach bestem Wissen und Gewissen handeln... Er muss sich bei seiner Therapieauswahl auch an den fachärztlichen Standards orientieren (nicht diese "sklavisch" Befolgen). Wobei der Bereich der "Leitlinien-konformen Medizin" oder auch "evidenzbasierten Medizin (EbM)" in der Ärzteschaft auf erheblichen Widerstand stößt und umstritten ist.
Beispielsweise existieren "nationale Leitlinien", welche in Teilen differgent zu Leitlinien in anderen Ländern sind (wie übrigens auch bei den Expertenstandards in der Pflege...). Hier wird dann verständlich deren "Richtliniencharakter" bezweifelt. Dieser "Richtliniencharakter" besteht im übrigen eher im juristischen Sinn, entfalltet also seine (mögliche) Wirkung überwiegend bei rechtlichen Auseinandersetzungen denn im "täglichen Geschäft"...

"Die evidenzbasierte Medizin (EbM) wurde konzipiert als Lernkonzept für Ärzte, um Übersicht und Transparenz in den täglich wachsenden
Datendschungel zu bringen, neue Evidenzen kritisch zu bewerten und rasch in die Praxis umzusetzen. Dieses externe Wissen sollte in einer Bottom-up-EbM die ärztliche Expertise nie ersetzen, sondern unterstützen und stärken. Erweitert um die Patientenperspektive, soll dies eine hochwertige Patientenversorgung ermöglichen. Sie soll nicht die Therapiefreiheit einschränken und als Kochbuchmedizin missverstanden und missbraucht werden."

Inwieweit nun hier die ärztlich verordneten therapeutische Maßnahmen "pflegefachlich nicht nachvollziehbar" sind, dies weisst Du... Ich nun nicht.
Unter dem Blickwinkel des oben Gesagten, sehe ich jedoch wenig Handlungsspielraum für eine (beamtenrechtliche) Remonstration, also dem
Widersprechen der ärztlichen Verordnung mit dem Ziel der möglichen eigenen Haftungsfreistellung. Klar, wenn ärztliche Anordnungen "offensichtlich" dem Patientenwohl schaden würden, darf und muss das "ärztliche Hilfspersonal" den Arzt hierauf hinweisen und deren Ausführung ggf. verweigern.
Wenn Du bei den Therapien dieser Ärzte also Bedenken hast, bleibt Dir nach meiner Sicht nur, dass Gepräch mit diesen zu suchen um mit ihnen im sachlich-fachlichen Diskurs Deine Bedenken zu erörtern. Gewiss mag dies auch auf dem schriftlichen Weg möglich sein, nur würde ich das persönliche Gespräch hier immer vorziehen.
Ob ein Anbringen Deiner Bedenken an anderer Stelle, z.B. KV, KK etc. einen oder gar den gewünschten Effekt haben könnte, wage ich ---nach
Befragung des Gummibärchen-Orakel--- zu bezweifeln, da hierzu dann ein externer Eingriff in die Therapiefreiheit erfolgen müsste. Vermutlich schneit es eher am Amazonas...

Also meine klare Empfehlung Reden Reden Reden -und hierbei immer sachlich-fachlich bleiben...
Und klar, NIE gegenüber den betroffenen Patienen (und Angehörigen...) die Therapien kritisieren o.ä.

Einen schönen Tag noch
und vieleicht hilft
1f377.png
 
Qualifikation
Pflegeberater (7a), CM, Pflegegutachter (FH)
Fachgebiet
MDK
Weiterbildungen
Fachkrankenpfleger Intensivpflege & Anästhesie
Fachkrankenpfleger Psychiatrie -Gerontopsychiatrie
TQM-Auditor
  • Gefällt mir
Reaktionen: Derfin
K

Keßler

AW: Remonstration

Danke Henoch !

Die "Gummibärchen-Erfahrung" habe ich auch schon auch schon gemacht.

Bleibt also übrig :
Sorgfältige Dokumentation der :
- Wundanamnese
- AVO
- Wundberichte
- Verlauf/Evaluation
- Arztkontakte

... und auf besseres Wetter hoffen.

(Kritik am Arzt verbietet sich - gegenüber dem Patienten - von selber.):coff:
 
M

ms-sophie

Aktives Mitglied
Basis-Konto
71
Mannheim
0
AW: Remonstration

Hallo Keßler,

Kannst du denn das Gespräch mal suchen?

Sopie
 
Qualifikation
QM
Fachgebiet
ambulante und stationäre Altenhilfe, Hospiz
K

Keßler

AW: Remonstration

Hallo ms-sophie !

Gespräche haben wir geführt : (bis zum Erbr....)

Mit diesen Ärzten. Auch in wechselnder Besetzung. Mit Unterstützung eines Wundexperten. Mit den schulterzuckenden Kassen.
Mit Kollegen anderer Pflegedienste. Mit unserem verlegen dreinblickenden Betriebsarzt. Mit befreundeten Fachärzten.
------- Ergebnis : 0
(Die Hausärzte weigerten sich sogar, mit unserem - externen - Wundexperten zu sprechen : "Der will nur überteuerten Kram
verkaufen.")

Frieda
 
N

Nordlicht

Mitglied
Basis-Konto
4
25377
0
AW: Remonstration

(Die Hausärzte weigerten sich sogar, mit unserem - externen - Wundexperten zu sprechen : "Der will nur überteuerten Kram
verkaufen.")
Frieda

Moin Frieda,

das Problem ist nicht unbekannt. (Und die Hausärzte haben nicht ganz unrecht...)
Eine mögliche Problemlösung: einen internen Wundexperten, also einen eigenen Kollegen, fortbilden lassen.
Bei uns haben es die Ärzte prima angenommen, Gespräche wurden auf einer ganz anderen Ebene geführt (wir wollten ja nicht an sein Budget, sondern gemeinsam eine gute Lösung finden), den einen oder anderen Patienten haben wir auch direkt gemeinsam versorgt..

Manch ein Arzt ist unbelehrbar. Da muss man als PD mutig sein und auch mal damit rechnen, einen Auftrag zu verlieren.

Sehr geehrte/r Frau/Herr ....,
Sie haben bei dem Pat....... Folgendes angeordnet...................
Der Pat. hat lt. §135a SGB V ein Anrecht auf die Behandlung nach dem neuesten Stand der Wissenschaft und als PD sind wir verpflichtet, dem nachzukommen. Somit müssen wir die Umsetzung der Anordnung ablehnen.
(Wir empfehlen, die Therapie auf...... - kann man machen, wenn man sich gut versteht....).
Gerne können wir uns telefonisch oder nach Terminabsprache auch in Ihrer Praxis über die weitere Versorgung austauschen.
MfG

Letztlich kann auch der Pat. den Arzt wechseln, allerdings wenn er sich dort gut aufgehoben fühlt..... naja, jeder hat das Recht auf Unglück!
 
Qualifikation
Krankenschwester
Fachgebiet
KH
K

Keßler

AW: Remonstration

Danke Britta !

Habe mir Deinen Textvorschlag abgespeichert.
Nur ob unsere ... GF den Stempel d`runter setzt ...
Das gleiche Leiden mit dem "internen Wundexpereten" ...
Fortbildungspunkte müssen nicht ziel- oder sinnorientiert erreicht werden - hauptsache billig.

Arztwechsel auf dem Lande ?? Der einzige andere Arzt in einem vernünftigen Radius ist ein Veterinär.
(Von dem wir auch schon Patienten bekommen haben. Wenn er nach der Kuh schaut, sieht er sich auch den Altbauern an.)
"Interdisziplinär" ist ja gerade in Mode.

--- Für einen Pflegedienst auf dem Lande kann es nicht verkehrt sein, sich auch mal beim Tierarzt vorzustellen.
Mancher Veterinär hat einen besseren Einblick in den Hof, als der "Hausarzt".

Gröt jo düchtig
Frieda
 
N

Nordlicht

Mitglied
Basis-Konto
4
25377
0
AW: Remonstration

in diesem Zusammenhang möchte ich noch einmal erwähnen, dass ich für die "Schwesternverordnung" und die Umsetzung der bestehenden Heilkundeübertragungsrichtlinie bin!!!!!
(Da könnten wir uns viel unnötigen Ärger und den Patienten viel unnötiges Leid ersparen.)

Ick kieck mol lang den Dieck und gröt trüch!
 
Qualifikation
Krankenschwester
Fachgebiet
KH
Die E-Mail-Adresse wird lediglich zur Versendung des Aktivierungslinks für diesen Beitrag verwendet.