Psychiatrische Pflege - "Da habe ich ihr einfach meine Arme hingehalten"

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Ingo Tschinke



Titel: "Da habe ich ihr einfach meine Arme hingehalten" - Selbstverletzendes Verhalten aus Sicht der Betroffenen -

Autor: Susanne Schoppmann

ISBN: 3456839723

Huber Verlag, Bern, 2003

Preis: broschiert, 192 Seiten, 24,95 €

Selbstverletzendes Verhalten bei psychisch Kranken insbesondere bei dem sogenannten Boderline-Syndrom ist ein Symptom mit welchen Pflegende immer wieder konfrontiert werden und vielfach mit Hilflosigkeit, Ärger und Unverständnis reagieren.


Die Autorin Susanne Schoppmann hat diesem Verhalten eine wissenschaftliche Studie gewidmet, um in phänomelogisch-hermaneutisch Form sich dem „Verstehen“ dieses Verhaltens anzunähern.


Zu Beginn des Buches stellt sie Thesen zum selbstverletzenden Verhalten auf und schildert den Forschungsanlass für diese Studie in Form von eigener praktischer Erfahrung mit diesem Symptom.


Mit einer umfangreichen und ausführlichen Literaturanalyse zu dieser Thematik eröffnet sie dem Leser die Möglichkeit sich dem Thema weiter anzunähern. Dabei bezieht sie sich auf die relevante Literatur zu dieser Thematik. Sie grenzt hierbei das Thema der Studie weiter ein und erläutert die Gründe für den Schwerpunkt des dem Entfremdungsgefühls und der Depersonalisierung als Untersuchungsgegenstand. Besonders beeindruckend ist die Hinzuziehung der Theorien der Leiblichkeit und des Körperempfindens, welches gerade bei diesem Personenkreis massiv eingeschränkt bzw. deformiert ist. Auch der Bezug zu den Theorien für die Entstehung solches Verhaltens ist sehr hilfreich zum Verständnis der weiteren Untersuchung.


Im nächsten Abschnitt wird das Forschungsdesign der hermaneutischen Phänomenologie ausführlich dargestellt. Die Autorin findet hierbei eine gute Balance zwischen der Nachvollziehbarkeit dieses wissenschaftlichen Zugangs für wissenschaftliche Laien als auch der Darlegung der verwendeten wissenschaftliche Zugangs für erfahrene Leser. In dem Kapitel wird der Unterschied zwischen dem quantitativen und qualitativen Herangehensweise deutlich.


Der Zugang an das Untersuchungsfeld und die Durchführungen der Befragungen, werden mit den damit verbundenen Hemmnissen und Schwierigkeiten erläutert. Die Autorin stellt ausführlich dar, wie die von ihr ermittelten Daten empirisch analysiert und ausgewertet wurden.


Im fünften und wohl wichtigsten Teil des Buches stellt die Autorin die Ergebnisse der Studie dar. Dabei schildert sie die in der Befragung festgestellten Auslöser des Entfremdungserlebens, den Übergang in dieses Erleben, das Entfremdungserleben als solches und die Rückkehr aus dem Entfremdungserleben.


Im weiteren wird aufgezeigt welche Möglichkeiten die Pflege mit gezielten Pflegeinterventionen hat und was die grundsätzlichen Vorraussetzungen für diese sind.


Als Abschluss wird die theoretische Relevanz dargelegt und die Autorin gibt Ausblicke in zukünftige Forschungen zu dem Thema.


Das ausführliche Literaturverzeichnis legt beredt Zeugnis von einer umfassenden Literaturrechere ab.

Fazit: Bei dem Buch handelt es sich um eine gelungene phänomenologisch-hermaneutische Studie, die ihr Ziel erreicht, das Verstehen von Patienten mit selbstverletztem Verhalten zu steigern. Dieses Buch sei jedem Pflegenden empfohlen, die mit solchem Verhalten in der psychiatrischen Arbeit konfrontiert wird. Trotzdem die wissenschaftliche Herangehensweise umfassend und komplex ist, gelingt es der Autorin in beeindruckender Weise die Phänomenologie dem Leser näher zu bringen, um die pflegerischen Schlüsselqualifikation des einfühlenden Verstehens und des kongruenten Verhaltens Pflegender in solchen Situationen zu stärken.


Ein Manko dieser Studie ist in meinen Augen das zwar die Beziehungsarbeit und das Vertrauen in der Studie eine Beachtung findet, allerdings die in der psychiatrischen Pflege heutzutage weit verbreitete Pflegeorganisationsform der „Bezugspflege“ nicht erwähnt wird. Mir wäre es in dem Zusammenhang der Darstellung des Untersuchungsfeldes von Wichtigkeit gewesen, mehr über die dort angewandten Pflegeorganisationsformen zu erfahren, um die Aussagen der Patienten und Pflegenden in der Interaktion besser verstehen zu können. So bleibt nur Mutmaßung.

Im Bereich der Pflegeinterventionen haben mit u.a. auch die Anwendung der sogenannten „Skills“ gefehlt, die Linehan in der Dialektisch-Behavioralen Psychotherapie empfiehlt, auf die in der Literaturanalyse zwar noch Bezug genommen wird, später in der Beschreibung der Ergebnisse keine Erwähnung mehr finden. Es bleibt unklar, ob und wie diese Konzepte in der Pflege als Hilfsmittel zur Erreichung depersonalsierter Patienten im Unterssuchungsfeld eingesetzt wurde.


Ich habe diese Studie mit großer Spannung innerhalb kürzester Zeit gelesen und kann zusammenfassend nur sagen: „Pflege braucht mehr an solch gelungenen Studien“.

Aufbau:


Aktualität:


Übersichtlichkeit und Gestaltung:


Didaktik und Verständlichkeit:


Buchformat:


Inhalt:


Gesamtbewertung:


Rezensiert von Ingo Tschinke, Fachpfleger in der Psychiatrie

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[ 21. Mai 2003 23:22: Beitrag editiert von Ingo Tschinke ]