professionelle distanz

stinkfisch

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heyho,

ich hab die halbe nacht nicht geschlafen, weil ich heute einen termin bei einer betreuten (so heißen bei uns die patienten/kunden) habe, bei dem ich merke, daß meine möglichkeiten mich abzugrenzen nicht ausreichen :sick:

ich betreue die dame seit ca einem jahr im rahmen der medgabe und der eingliederungshilfe. das bedeutet, daß ich sie ca. 4 std wöchentl. sehe.

der auftrag war ursprünglich die motivation zur aufnahme einer tätigkeit im arbeitstherapeutischen bereich. desweiteren unterstützung bei der tages/ wochenstrukturierung, stützende/ entlastende gespräche u.s.w.- das übliche halt....

nun hat es sich aber so entwickelt, das sich ihr (körperl.)gesundheitszustand drastisch verschlechtert hat. neben ihrer psychiatrischen diagnose hat sie einen diabetes und eine leberzirrhose, sicherlich auch aufgrund ihrer vergangenheit. drogen, alkohol....

gestern nun wurde sie über ihre prognose aufgeklärt. das leberkoma ist nicht mehr weit entfernt......

ich hatte mit dieser diagnose als "psych-fach-idiotin" noch nie zu tun und hab mich erst mal theoretisch einigermaßen fit gemacht.

mein job ist nun ihr zur seite zu stehen..... und ich stelle, zu meinem entsetzten fest, das mir die abgrenzung nicht wirklich gelingt (obwohl ich sie als person nicht mal wirklich sympatisch finde).
ich lerne gerade, daß die betreuung im häuslichen rahmen, mit einblicken in intimste dinge, intensiven kontakten mit den familienangehörigen (vor allem mit dem 12-jährigen sohn), ganz andere strategien zur eigene abgrenzung erfordert, als ich es von station kenne.

bisher fühlte ich mich da gut gerüstet. schließlich arbeite ich seit 20 jahren in den verschiedenen bereichen der psychiatrie und habe entsprechend erfahrung mit abgrenzung/distanz/ nähe.

aber, wie gesagt, bei den leuten zu hause und bei fast täglichen, langen kontakten ist das noch mal ne ganz andere nummer......


uups, ganz schön lang geworden. aber hat gut getan- das aufschreiben:eek:riginal:


mich würden eure erfahrungen zum o.g. thema interessieren. welche strategien habt ihr für euch entwickelt?



verregnete grüße vom stinkfisch
 
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kinderkrankenschwester
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ambulante sozialpsychiatrische fachpflege
Fragmentis

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Hallo Stinkfisch,

was würdest Du tun auf der Station, wenn Du merkst, Du kommst mit einem Patienten nicht zurecht egal warum ?
Genau... einen anderen Kollegen bitten, den Fall u übernehmen...

Sollte doch in einem professionellen Team möglich sein... dazu ein Paket Supervision und fertig...

Hört sich einfacher an, als es vielleicht ist, aber hilft...

Gruß und Dir alles Gute wünschend,
Fragmentis
 
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Fachgesundheits- und Krankenpfleger für Psychiatrie
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stinkfisch

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hallo fragmentis,

danke erst mal für deine antwort- obwohl sie mir ehrlich gesagt nicht wirklich weiter hilft :wink:

es ist ja nicht so, daß ich mir der betreuten nicht klar komme- ganz im gegenteil.

und ich glaube, daß ein wechsel der betreuungsperson zwar im moment für mich entlastung schaffen würde, aber das grundsätzliche problem der abgrenzung in der ambulanten betreuung nicht lösen würde.

ich denke es liegt in der natur der sache, daß das hier schwieriger/anders ist, als auf station.


deshalb würde mich, wie gesagt, auch die erfahrungen und strategien von kollegen, die auch ambulant unterwegs sind interssieren- jetzt mal ganz abgesehen, von dem beschriebenen fall.....


verregnete grüße vom stinkfisch:eek:riginal:
 
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kinderkrankenschwester
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ambulante sozialpsychiatrische fachpflege
Vaiolenz

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Hallo, stinkfish!
Das mit der professionellen Distanz ist man gar nicht so einfach. Ich habe heute erfahren, das ein lieber Bewohner am gestrigen Tage verstorben ist. Mich hats fast umgehauen, weil ich den Menschen unheimlich mochte. Gott sei Dank kamen mir keine Tränen.
Es ist echt eine ganz schwierige Sache. Ich hatte das auch schon in der Vergangenheit. Es hat mich aber nicht ganz weit heruntergerissen und das ist, meines Erachtens sehr wichtig. Wir sind tagtäglich an den Personen dran und begleiten sie oft sehr nah und auch manchmal sehr lange. Wir sind so etwas wie eine Art Familienersatz, wenn das überhaupt geht. Ich kann mich nicht besser ausdrücken. Mir hat mal eine Bewohnerin gesagt: "Ich vertraue Dir mehr als meinem Sohn. Du bist immer da und mein Sohn verdrückt sich, wenn es schwer wird". Das hat mich auch sehr mitgenommen, muß ich sagen. Aber vielleicht sollen wir uns ja mitnehmen lassen, um diese Menschen ein Stück weit "tragen" oder begleiten zu können.
Ich habe keine Lösung parat, aber ich verstehe, was Du meinst. Deine Gedanken sprechen für Dich. Solange es Dich nicht zerreißt, ist es gut. Ansonsten wird es sehr schwer, denn Du mußt irgendwann loslassen können. Spätestens dann, wenn die Bewohnerin geht. Begleiten ist gut, "mitgehen" (damit meine ich keinesfalls einen Suizid) ist ungesund. Trauer ist in Ordnung. Ich kann das nicht gut genug erklären, aber ich hoffe, Du verstehst, was ich meine.
Ich wünsche Dir viel Kraft, ich denke an Dich, Du bist nicht allein.
Liebe Grüße,
Jens.
 
Qualifikation
Altenpfleger, Pflegeexperte Wachkoma, PA, Hygiene
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Ich würde mich auf eine Fachweiterbildung in Palliative Care freuen. Und das schon seit nunmehr sechs Jahren. Ich pack das..........!
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Manu5959

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KS,PA,WBL,stellv. PDL, Pain Nurse, Pain Nurse, Pall. care
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Na, bei uns im Hause achtet man sehr auf Distanz. Ich denke, man hätte es mir als Schwäche ausgelegt. Es gibt halt nicht nur "liebes" Pflegepersonal, sondern auch fiese Möppen :eek:riginal: !
Liebe Grüße,
Dein jens.
 
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stinkfisch

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@jens,

ja, das ist es was ich meine!:eek:riginal:

die situation zerreißt mich nicht- aber sie beschäftigt mich mehr, als ich es bisher erlebt habe. eben weil wir viel näher an den menschen dran sind, als ich es bisher kannte. und das hat, wie gesagt, nicht unbedingt was mit persönlicher sympathie zu tun.

ich denke das auch ein lernprozess- nur einer mit dem ich nicht unbedingt gerechnet habe. bin doch schließlich ein "alter hase":wink: .

und genau dies und auch die erwartete (auch von mir selbst) professionalität macht es sehr schwer sich im team zu diesem thema öffnen.

wie geht ihr im team denn mit dem thema um? wird die fähigkeit sich abzugrenzen einfach vorrausgesetzt, oder ist da raum für solche themen?


@ manu,

also, mir stand schon das wasser in den augen, als ich die betreute im krankenhaus besucht habe und der arzt reinkam und klipp und klar sagte: frau p, wir wollen hoffen, daß sie 2009 noch erleben.....allerdings hab ich die betreute auch noch nie so weich, schwingungsfähig und gesprächsbereit erlebt, wie in dieser situation (nach demder doc wieder weg war).
wir haben noch ein sehr intensives und langes gespräch geführt und danach ging es auch mir deutlich besser.....


liebe grüße vom stinkfisch:eek:riginal:
 
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Manu5959

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Hallo stinkfisch:eek:riginal: ,

ich hab die halbe nacht nicht geschlafen, weil ich heute einen termin bei einer betreuten (so heißen bei uns die patienten/kunden) habe, bei dem ich merke, daß meine möglichkeiten mich abzugrenzen nicht ausreichen :sick:
Darf ich fragen, wie es dir bisher gelang, dich abzugrenzen?

ich hatte mit dieser diagnose als "psych-fach-idiotin" noch nie zu tun und hab mich erst mal theoretisch einigermaßen fit gemacht.
:thumbsup2: Das finde ich ausgesprochen gut, denn nur so kannst du ihr Krankheitsbild und ihre Prognose verstehen und sie besser begleiten.

aber, wie gesagt, bei den leuten zu hause und bei fast täglichen, langen kontakten ist das noch mal ne ganz andere nummer......
stimmt, die Betreuung zu Hause ist in jeglicher hinsicht viel intimer, und da ist eine Abgrenzung besonders schwer.

Ich kann mich eigentlich den Worten von Jens nur anschließen, du mußt spätestens loslassen, wenn sie geht, und da mußt du einen Weg finden, der für dich am Geeignetsten ist.
Im Moment bist du in der Begleitung drin, und obwohl sie für dich schwierig ist, entnehme ich aus deinen Worten, das sie für dich wichtig ist, und dich auch prägt.
Du sagtest auch, das es dir nach einem langen intensiven Gespräch mit ihr besser ging.
Sie akzeptiert dich auf ihrem Weg als Begleiterin, das ist sehr intim unt basiert auf gegenseitigem Vertrauen.
Du weißt selbst durch deine jahrelange Erfahrung, das du dir einen Ausgleich schaffen solltest usw.
Laut der Prognose verabschiedet sich deine Patientin demnächst. Ich würde versuchen, sie so gut wie möglich zu begleiten, gute Gespräche zu führen und aus den Gesprächen viel mitzunehmen.
In deiner Trauerphase, die du haben wirst, wirst du dann Abstand gewinnen können, und weißt dann vielleicht auch durch die begleitung, warum es dir vorher so schwer war.

Das man sich im Team über gerade solch wichtige Themen nicht austauschen kann, ist sehr traurig und schade.
Denn das Team wäre eine große und hilfreiche Stütze.
Daran kann man aber leider nicht viel ändern, zumindest hilft dir das in dem Moment nicht weiter.

Da fällt mir wieder auf, wie hilfreich doch so ein Pflegeboard ist:thumbsup2: !

Ich wünsche dir viel Kraft und Geduld auf deinem Weg,

liebe Grüße Manu
 
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@manu:eek:riginal:

Darf ich fragen, wie es dir bisher gelang, dich abzugrenzen?

hm- ich denke, durch die jahrelange erfahrung in der psychiatrischen pflege mit viel supervision und doch immer wieder ähnlichen situationen.

mit dem sterben hatte ich jedoch bisher jedoch nie direkt zu tun.

und auch in der ambulanten betreuung bin ich erst seit etwas über einem jahr. deshalb fällt es mir auch so schwer im team darüber zu sprechen- ich kann (noch) nicht einschätzen, wie dort reagiert wird, wenn man "schwäche" zeigt.


auf alle fälle werde ich das thema nähe/distanz in der nächsten supervision anschneiden und mal gucken, wie die reaktionen sind.


Da fällt mir wieder auf, wie hilfreich doch so ein Pflegeboard ist


jepp! es fällt deulich leichter hier in der "anonymität" über so etwas zu schreiben.....wobei ich vermute, das unser team- in dem ich mich übrigen sehr wohl fühle- durchaus für solche themen offen ist.

aber das werde ich, wie gesagt, in der nächsten supervision mal "ausloten" :wink:

ich danke dir auf alle fälle für deinen zuspruch:thumbsup2:


liebe grüße vom stinkfisch
 
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Manu5959

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Hallo stinkfisch,

jepp! es fällt deulich leichter hier in der "anonymität" über so etwas zu schreiben.....wobei ich vermute, das unser team- in dem ich mich übrigen sehr wohl fühle- durchaus für solche themen offen ist.
aber das werde ich, wie gesagt, in der nächsten supervision mal "ausloten" :wink:
:thumbsup2: :thumbsup2: :thumbsup2: Das ist auf alle Fälle der richtige Weg!

Liebe Grüße Manu
 
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Lisy

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Hallo stinkfisch,
Sterbebegleitung geht immer an die "Nieren". Egal ob es die erste oder die 10. ist. Ich denke du mußt das im Team ansprechen und auch darüber sprechen.
Es wird dir sicher nicht als Schwäche ausgelegt, denn es ist keine Schwäche, sondern normal.
Hilfreich, zumindest für mich, ist es sich sehr intensiv mit dem Sterben auseinander zu setzen und einen "Plan" zu entwickeln wie man es sich selber positiv "verkaufen" kann.
Sprich man muß sich mit der eigenen Angst vor dem Sterben befassen.
Und mit Erlaub, auch ich bin ein alter Hase und trotzdem komm ich oft an meine Grenzen und muß meine Strategien neu überdenken.
Schreib dir deine Gefühle von der Seele, du wirst dann schnell merken das du nicht alleine bist mit dem Problem.
Gruß Lisy
 
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stinkfisch

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@ lisy

Hilfreich, zumindest für mich, ist es sich sehr intensiv mit dem Sterben auseinander zu setzen und einen "Plan" zu entwickeln wie man es sich selber positiv "verkaufen" kann.

das ist sicher ein guter weg. die frage ist nur das wie:sick:
ich könnt gut eine fortbildung zu dem thema vertragen....aber das wird kurzfristig wohl eher nix.

kannst du mir vielleicht literatur empfehlen? oder (aufgund finanziell sehr eingeschränter mittel) eine gute website?

interssierte grüße vom stinkfisch:eek:riginal:
 
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Lisy

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Hallo stinkfisch,
Kübler- Ross ist eine ist eine anerkannte Sterbeforscherin und hat viele gute Bücher zum Thema geschrieben.
Mit ihren Büchern ist sie gut in der Lage einem eine andere Sichtweise zum Sterben zu geben.
Du findest aber auch hier im board Treads die sich mit dem Sterben befassen.
Gruß Lisy
 
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Manu5959

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nachteule44

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Hallo stinkfisch,
Bevor ich in die Altenpflege wechselte habe ich jahrelang auf einer Palliativstation gearbeitet, wo überwiegend jüngere Menschen gestorben sind. Unser Team hat versucht jeden "aufzufangen" der irgendwann mal Probleme hatte, weil jemand verstorben ist der einem besonders nahe stand.

Ich denke du solltest es probieren mit deinem Team zu sprechen, auch wenn es dir schwer fällt. Nicht überall wird einem "Schwäche" negativ ausgelegt.
Manchmal trauen sich dann auch plötzlich andere Teammitglieder über ähnliche Probleme zu reden.
Mit diesem Thema wirst du dein Team evtl. sehr gut kennenlernen u. danach wissen ob du weiterhin mit sehr "persönlichen" Problemen mit ihnen sprechen kannst oder ob du dir zukünftig doch einen anderen Weg suchen mußt.
Aber ein Versuch ist es wert!

Ich persönlich hatte damals für mich entschieden (trotz eines guten Teams),
die Palliativstation zu verlassen, weil ich auf Dauer doch nicht damit klar kam, soviele junge Menschen sterben zu sehen. Bei einigen hatte ich das Gefühl, es stirbt ein kleines Stück von mir mit.

Nun bin ich in der Altenpflege, habe natürlich auch viel mit Sterben u. Tod zu tun. Doch damit kann ich viel besser umgehen, denn die Menschen die ich hier begleite, hatten wenigstens die Möglichkeit ihr Leben zu leben u. hinterlassen z.B. auch keine kleinen Kinder.

Ich wünsche dir Mut u. Erfolg bei eurer Supervision und viel Kraft weiterhin bei deiner Arbeit.
liebe grüße, nachteule
 
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juttawa

juttawa

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hallo stinkfisch!

zum thema professionelle distanz kann ich aus persönlichen erfahrungen schreiben, dass in der ambulanten betreuung die abgrenzung /distanz nicht so eindeutig ist als wenn du in einer einrichtung arbeitest.

du bist als mensch viel dichter dran.
bist mitten drin im geschehen.
im leben des zu betreuenden.

wir haben einen ambulanten psychiatrischen pflegedienst und fast ALLEN mitarbeitern geht es so, dass sie es als völlig normal betrachten, eine engere "beziehung" zu ihren klienten zu haben als z.b. in einer klinik.

die bezugspflege gehört zu unserer philosophie und wir empfinden es alle als völlig in ordnung, einen klienten auch mal zu umarmen oder mit ihm mit zu weinen.

"du musst dir ein stückchen das problem des anderen zu deinem eigenen machen, um nachzufühlen wie es ihm geht".

professionell zu arbeiten muss nicht zwangsläufig bedeuten, auf gedeih und verderb die "grenze" einzuhalten.

solange es für dich selbst in ordnung ist und du nicht das gefühl hast, vereinnahmt zu werden und solange du deine arbeit so bewältigen kannst dass sie nicht durch deine emotionen zum nachteil des klienten werden- so lange ist es in ordnung aus meiner sicht.

sprich doch mal einzelne kollegen an, anstatt dies im größeren rahmen bei dienstbesprechungen zu machen. ich wette, es geht einigen wie dir.

grade in meinem beruf merken wir hier bei uns immer wieder aufs neue, dass es grad das mitgefühl- und manchmal eben auch das mitleiden ist- was vielen menschen wirklich hilft und ihnen trost gibt.
manche nennen das unprofessionell...wir nennen es unseren beruf und unsere berufung...!

LG von Jutta
 
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Fachkrankenschwester Psychiatrie
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Vaiolenz

Vaiolenz

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Hallo, stinkfisch!
Ja, es ist ein Lernprozeß und das ist auch gut so, wie ich finde. Es bringt Dich und mich auch an die eigene Endlichkeit, ich für mich verdränge leider immer wieder meinen eigenen, irgendwann mit Sicherheit eintretenden Tod, ich habe unter uns gesagt, Angst davor. Nun gut, das nur nebenbei. Aber vielleicht schaffst Du es ja, es wirklich einen Lernprozeß werden zu lassen, auch auf Deine eigene Person. Ich bin noch auf dem Weg, es akzeptieren zu lernen.

Nun, ich denke, das es bei meinen Kollegen und Kolleginnen im Job auch sehr verdrängt wird, es wird nicht viel über den Tod gesprochen, nur eben, wenn er eben auf Station eintritt. Der "unverhoffte" Tod ist noch eine Steigerung davon, aber ich hege immer ein wenig den Eindruck, als ob die teilweise recht flappsige Art von meinen Mitarbeitern mir signalisieren soll: "da habe ich keine Lust drauf! Ich lebe, ich will weiterleben, dass ist mir zuviel, ich muß Abstand nehmen, ich habe noch so vieles vor, ich will meine Ruhe". So etwas in der Art. Das Leben ist nun einmal endlich, doch kann das nicht jeder so für sich begreifen.. Unsere schnellebige Kultur erlaubt es uns nicht, uns konstruktiv damit auseinanderzusetzen. Alter und Tod werden mit chirugischen Eingriffen (hier geschnippselt, da geglättet, dort implantiert), immer jung aussehnden Models in fescher Kleidung, Augengels, Gesichtscremes, Antizellulitelotionen, Handcremes et cetera verdrängt. Immer schön fit sein und gut aussehen! Und dementsprechend dann noch das Outfit dazu und ein sportliches Auto. Und blos nicht stillstehen. Stillstand ist der Tod.Ich möchte das jetzt nicht weiter ausbauen und vertiefen, es gibt schon genügend Material zum Thema. Ich denke, das es heutzutage ein Tabuthema ist und wenn ich dabei auf meine Eltern schau und frage, inwiefern sie für den Tod schon vorgesorgt haben, bekomme ich die Antwort: "damit habe ich mich noch nicht beschäftigt". Meine Eltern sind nun schon um die siebzig, da wird es irgendwie Zeit, es zu tun. Auch in Sachen Patientenverfügung. Stattdessen reisen sie viel herum, spielen Tennis und gehen zum Sportstudio. Das ist ja schon ok, aber ich denke, das sie auch dabei sind zu verdrängen.
Gerade deswegen möchte ich mich im Palliative Care- Bereich schlau machen, um zu sehen und zu erkennen, wie ich mit der "Endlichkeit" meiner Bewohner und damit letztendlich auch mir besser oder "kultivierter" umgehen kann, mir fällt gerade kein besseres Wort ein.
Ich finde, das Du einen richtigen, großartigen Schritt in die richtige Richtung machst und ich wünsche Dir alle Kraft und tiefe, gute Einblicke!
Liebe Grüße,
Dein Jens.
 
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Das der Kontakt hingegen im ambulanten Bereich an das Klientel viel enger ist, möchte ich als (pauschale) Aussage so nicht stehen lassen. Es kommt eben auch immer darauf an, wie man selber zum Thema steht und welche Nähe man bereit ist, zuzulassen. Ich hegte auch im Pflegeheim sehr enge Kontakte zu den BewohnerInnen, zwar nicht zu allen, aber zu manchen. Und in manchen Bereichen geht es eben sehr "eng" zu in Sachen Nähe.
Das wollte ich einfach nur mal anfügen, ohne dabei mich böswillig oder gereizt zu äußern.
Danke,
Euer Jens.
 
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juttawa

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...und iauch ich schreibees ist aber schon allein von den gegebenheiten so, dass du enger am klienten dran bist als im stationären bereich.

das häusliche umfeld ist für viele der sichere ort, der geschütze, sehr private bereich. mit lebenserinnerungen, lebenserfahrungen.

ich meine jetzt nicht den alten menschen damit sondern den psychisch kranken menschen. der zu hause "viel mehr die hosen runterlässt" als anderswo.

ich erfahre z.b. bei den erstkontakten deutlich mehr "vertrauliche" infos, wenn das gespräch im häuslichen umfeld stattfindet und nicht im büro.

...und auch ich schreibe das, ohne gereizt zu sein...:eek:riginal:
 
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hallihallo,

vielen dank lisy und manu für eure links und literaturempfehlungen.

@nachteule

und dir danke für deine offenheit.
seine eigenen grenzen zu erkennen und entsprechend zu handeln, ist eine fähigkeit, die nicht jeder sein eigen nennen kann.
ich bin "von haus aus" kinderkrankenschwester" und meine unfähigkeit, das sterben von kindern zu ertragen, war mit ein grund, warum ich mich damals für die psychiatrische pflege entschieden habe.....deshab kann ich deine entscheidung sehr gut nachvollziehen.

@jens

Das der Kontakt hingegen im ambulanten Bereich an das Klientel viel enger ist, möchte ich als (pauschale) Aussage so nicht stehen lassen


meine aussage bezüglich der nähe zum betreuten/patienten war keineswegs pauschal gemeint, sondern bezog sich nur auf die psychiatrische pflege.
ich kann mir gut vorsrellen, daß auch in der stationären langzeitpflege ähnliche nähe entstehen kann- so man sie denn zuläßt:eek:riginal:

@jutta

deine worte sprechen mir aus der seele.

wir hatten schon mal kurz kontakt hier, als ich in der ambulanten betreuung angefangen habe (vielleicht entsinnst du dich....).
jetzt verstehe ich, was du mir damals über die besonderheit in diesem bereich bereich tätig zu sein geschrieben hast (hier fehlt irgenwo ein komma- nur wo:kopfkratz: )
aber wie sagt man so schön: aus erfahrung wird man klug und man lernt (zum glück) nie aus.



liebe grüße vom stinkfisch, die inzwischen mit zwei kollegen über die thematik gesprochen hat und auf goße offenheit und ähnliche schwierigkeiten gestoßen ist.
 
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