Pflegekommunität - Eine Vision

Bob Brewer

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Wer in die Altenpflege arbeitet weiß, dass das System nicht gerade zukunftsträchtig ist. Schon allein die Tatsache, dass Anstrengungen, um eine möglichst hohe Selbstständigkeit der Pflegebedürftigen zu sichern, sich nicht auszahlen – sondern eher die Mitarbeitenden bestraft – macht deutlich, dass es nicht so weitergehen kann. Aber die Behörden zeigen sich eher skeptisch gegenüber Innovationen, die nicht gewohnte Strukturen bieten. Ein andere Zeichen, dass wir zurzeit in eine nicht bezahlbare Richtung laufen, ist die Tatsache, dass Heime mehr wie Hotels als wie Wohnungen ausgebaut werden sollen. Jeder weiß, dass die Leistungen von Hotels wesentlich teurer sind, als wenn man zuhause wohnt, und man ist in Strukturen eingebunden, die die Freiheit der Individuen einschränken. Ein Urlaub im Hotel ist in Ordnung, aber da wohnen?

Die Möglichkeit zu haben, selbst-bestimmend zu entscheiden, ob ich außerplanmäßig mein Tag umstelle oder mit meine Mitbewohner eine grundsätzliche Änderung des Ablaufs beschließe, ist höchstes Gut – und sicherlich stärker im Kommen als bei frühere Generationen. Bei aller Bedarf nach strukturierten Abläufe, ausgewogene Mahlzeiten oder Einhaltung der nötige Trinkmenge, ist es die Lebensqualität, was für einen Mensch am Lebensende maßgeblich ist, und sie ist häufig in große Pflegeeinrichtungen nur schwer zu bekommen. Nicht, dass alle bemüht sind, sondern es ist die Abhängigkeit, die zunehmend wächst, selbst bei Kleinigkeiten, wie das Einkaufen von kleine „Trostpflaster“ oder die Bedienung der Kühlschrank.

Was ich mir vorstelle ist eine Gemeinschaft von Menschen, die pflegen und gepflegt werden, die gemeinsame Entscheidungen trifft, und trotzdem allen die Möglichkeit geben, nach Sicherung der Grundbedürfnisse, sich zurückzuziehen. Ich stelle mir diese Gemeinschaft als einen Schutzraum für Pflegebedürftige, der die Identität, Rollen, und Hoffnung der Einzelnen realisiert. Selbstbestimmung und Selbstständigkeit sind höchste Ziele, zu denen alle Beteiligten sich bekennen müssen, sowohl die Hilfesuchenden, wie auch die Hilfeleistenden.

Ich glaube, dass das größte Problem mit meine Vision, ist sie zu beginnen und, nachdem die ersten Bewohner ausgezogen oder verstorben sind, sie in gleiche Manier fortzusetzen. Deswegen würde eine Orientierung an die Pflege-Charta Pflicht sein:

Artikel 1: Selbstbestimmung und Hilfe zur Selbsthilfe:
Jeder hilfe- und pflegebedürftige Mensch hat das Recht auf Hilfe zur Selbsthilfe und auf Unterstützung, um ein möglichst selbst-bestimmtes und selbständiges Leben führen zu können.

Artikel 2: Körperliche und Seelische Unversehrtheit, Freiheit und Sicherheit:
Jeder hilfe- und pflegebedürftige Mensch hat das Recht, vor Gefahren für Leib und Seele geschützt zu werden.

Artikel 3: Privatheit:
Jeder hilfe- und pflegebedürftige Mensch hat das Recht auf Wahrung und Schutz seiner Privat- und Intimsphäre.

Artikel 4: Pflege, Betreuung und Behandlung:
Jeder hilfe- und pflegebedürftige Mensch hat das Recht auf eine an seinem persönlichen Bedarf ausgerichtete, gesundheitsfördernde und qualifizierte Pflege, Betreuung und Behandlung.

Artikel 5: Information, Beratung und Aufklärung:
Jeder hilfe- und pflegebedürftige Mensch hat das Recht, auf umfassende Informationen über Möglichkeiten und Angebote der Beratung, der Hilfe und Pflege sowie der Behandlung.

Artikel 6: Kommunikation, Wertschätzung und Teilhabe an der Gesellschaft:
Jeder hilfe- und pflegebedürftige Mensch hat das Recht auf Wertschätzung, Austausch mit anderen Menschen und Teilhabe am gesellschaftlichen Leben.

Artikel 7: Religion, Kultur und Weltanschauung:
Jeder hilfe- und pflegebedürftige Mensch hat das Recht, seiner Kultur und Weltanschauung entsprechend zu leben und seine Religion auszuüben.

Artikel 8: Palliative Begleitung, Sterben und Tod:
Jeder hilfe- und pflegebedürftige Mensch hat das Recht, in Würde zu sterben.

Wer hat auch so einer Vision? Wo oder wie könnte man so etwas realisieren? Ideen dazu?

Liebe Grüße
 
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Böserwolf

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AW: Pflegekommunität - Eine Vision

tja, so eine Vision habe ich auch. Bezweifle, dass man das realisieren kann. In einem privaten Pflegeheim mit Sicherheit, aber so viele Menschen, die sich einen Heimplatz ohne Pflegeversicherung leisten können, gibt es nicht. Und gerade die "ärmeren" Schichten sollten von einer besseren Pflege profitieren.
 
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Bob Brewer

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AW: Pflegekommunität - Eine Vision

Das ist das schöne an Visionen, sie müssen sich nicht an vorhandene Strukturen binden. Die Leistungen aus der Pflegeversicherung kann man erhalten, wenn man einige Regeln erfüllt, aber ich meine, diese Vision hängt von der Hingabe der Beteiligten an die Ziele, weniger von finanzielle Überlegenheit.

Liebe Grüße
 
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Bob Brewer

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AW: Pflegekommunität - Eine Vision

ooops, nicht gewollt ...
 
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traudik

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AW: Pflegekommunität - Eine Vision

Doch, lieber Bob Brewer, das hängt ganz entschieden von finanziellen Überlegungen ab!

Denn die Menschen, die die heren Ziele Deiner Vision, sprich Pflegecharta, mit Hingabe verfolgen sollen, bestehen eben nicht nur aus Hilfesuchenden und Hilfeleistenden, sondern auch z.B. aus: Ländern, Kommunen, priv. Trägerverbänden, Heimaufsichten, Pflegekassen, Stiftungen, Wissenschaftler usw.

Und aus der Feder von diesen Institutionen und Verbänden stammen ja auch die acht Artikel der Pflegecharta!
Hier haben also Entscheidungsträger, übrigens im Jahr 2005 - also vor 6 Jahren, Rechte hilfe-und pflegebedürftiger Menschen formuliert, die auch bei deren Umsetzung in die Praxis eine ganz wichtige und herausragende Rolle hätten spielen müssen und können!

Mich würde interessieren, welche Überlegungen dieser Verbände und Institutionen, eine Umsetzung ihrer selbst formulierten Rechte verhindert haben, wenn man finanzielle ausschließen würde.

Wer sich genauer informieren möchte: einfach unter Pflegecharta googeln!

Liebe Grüsse
 
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Bob Brewer

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AW: Pflegekommunität - Eine Vision

Doch, lieber Bob Brewer, das hängt ganz entschieden von finanziellen Überlegungen ab!
OK, wenn man so will, dann hängt alles von den Geldquellen ab … was uns allerdings oft hindert eine Pflege zu ermöglichen, die sich an die Normalität orientiert und zum Ziel macht, möglichst lange selbstständig und selbstbestimmend zu halten. Die Rahmen, die von den Behörden gesteckt werden sind zu eng und sind, m.E. oft selbst die Gründe für manche Probleme, die wir haben.

Ein mir bekannte Architekt berichtete von den Schwierigkeiten neue Baukonzepte umzusetzen, obwohl die finanzielle Rahmen seines Vorhabens nicht teurer geworden wäre, als was letztendlich gebaut worden ist. Natürlich können wir das hier nicht ohne Details diskutieren, doch was ich von ihm gehört und gesehen habe, war es eine stationäre Lösung, die den Bewohnern überhaupt nicht das Gefühl gegeben hätte, dass sie stationär untergebracht waren, sondern vielmehr in eine Wohnsituation, die sie als zuhause hätten bezeichnen können.

Denn die Menschen, die die heren Ziele Deiner Vision, sprich Pflegecharta, mit Hingabe verfolgen sollen, bestehen eben nicht nur aus Hilfesuchenden und Hilfeleistenden, sondern auch z.B. aus: Ländern, Kommunen, priv. Trägerverbänden, Heimaufsichten, Pflegekassen, Stiftungen, Wissenschaftler usw.
Die Pflegecharta ist nicht mein Ziel, sondern stellt einen ethischen Rahmen dar, aber sie spricht Themen an, die wir alle, die wir älter sind, für wichtig halten – vor allem wenn wir selbst pflegebedürftig werden sollten. Ich möchte aber in eine Situation gepflegt werden, in der die Pflegemitarbeiter belohnt werden dafür, dass ich den Umständen entsprechend mobil, selbstständig und selbstbestimmend bleibe, und nicht dafür, dass sie mich bis in den letzten Ecken meines Lebens gläsern gemacht haben. Ich möchte selbst über Kleinigkeiten entscheiden können und meine Individualität bewahren dürfen.

Ich möchte pflegende Mitarbeiter haben, die entspannt sind, die ich auch ein Gefallen tun kann, die ein Stückchen mit mir Leben, auch wenn sie natürlich ihr eigenes Leben verfolgen. Ich möchte ein bisschen von der Dienstleistungsgedanke wegkommen, und mehr Gemeinschaft im Sinne einer Kommunität haben. Dafür braucht man Menschen, die eine Idee von Freiheit verfolgen, die der Interaktion zwischen Menschen, der gegenseitige Abhängigkeit und Beeinflussung, die der Affinität aller Menschen und vor allem die Würde des Menschen verpflichtet ist. Ist eben eine Vision!

Mich würde interessieren, welche Überlegungen dieser Verbände und Institutionen, eine Umsetzung ihrer selbst formulierten Rechte verhindert haben, wenn man finanzielle ausschließen würde.
Wie so eine Charta zustande kommt ist manchmal interessant, aber letztlich ist es die Frage, ob die Inhalte es wert sind, verfochten zu werden. Ich glaube schon, allerdings glaube ich dass wir, wenn wir älter werden, eine viel größere Aufforderung zu Selbstbeteiligung erleben werden, denn wie sollen wir Alten von so wenige alle gepflegt werden? Wahrscheinlich wird es Rabatte geben für solche, die mitpflegen, und somit ein bisschen Arbeit abnehmen – heute nicht im Sinne der Verbraucherschutz, aber wenn kein Geld mehr da ist?

Liebe Grüsse
 
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Ren-Hoeck

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AW: Pflegekommunität - Eine Vision

Ich glaub schon, dass es möglich wäre in diese Richtung zu schielen. Dazu muss sich aber erst mal in der Gesellschaft einiges umformieren. Z.B. verdiehnen Mancherorts ungelernte Kassierer/innen im Supermrakt mehr als ne examinierte Fachkraft mit 10 Jahren Berufserfahrung. Der Clou is, dass der Umstand auch noch als Basis für Pflegesatzberechnungen herhält. Der MDK als Kontollinstrument des Kostzenträgers wird sich in aller Regel immer für Sparen aussprechen. Hab schon Mitarbeiter des Dienstes kennengelernt, die zu sozial waren. Karriereknick war vorprogrammiert. In England z.B. kontrolliert ein Kassenunabhängiger staatlicher Dienst, der dann nur festlegt, ob die Kasse die Auslagen zu tragen hat oder nicht. Jeder der schon mal gehört hat, was so ein Kassenvorstand aus nem 16000-Sellen Einzugsgebiet hat, der fragt sich wo das herkommen soll. Du kannst auch nicht schlicht und einfach von den PK verlangen den Jab aus reiner Nächstenliebe zu machen. Ordentlich - is keine Frage. Aber von irgendwass muss jeder leben. Und mach mal n Fehler. Dann siehst du mit was n PK haftet und mit was Müllfahrer, der in der Regel mehr verdient. Hier muss die Politik erst mal zum Umdenken gzwungen werden.
 
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ambulant/Heimbeatmung
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