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Pflegegrade

  1. Hallo in die Runde,
    ich möchte Euch fragen, was Ihr von der Pflegeversicherung haltet. Ist die in Euren Augen sinnvoll oder eher nicht?
    Gruß
    Veronika
     
  2. Wonach fragst du genau?
    Nach den Pflegegraden, also dem Grad der Selbständigkeit und ob die Erhebung der Pflegegrade durch das Begutachtungsinstrument sinnvoll ist?
    Oder willst du wissen, ob wir das Personalbemessungssystem und/oder die Geld- und/oder Sachleistungen angemessen finden?
    Oder willst du wissen, was wir von der Pflegeversicherung an sich halten...also als Sozialversicherung?
    Oder willst du wissen, was wir vom SGB XI halten?
     
    Cutter gefällt das.
  3. Hallo in die Runde, alle Fragen sind wichtig. Ich setze mich seit neun Jahren ein für Versicherte und setze Pflegegrade durch. Die Begutachtungen verlaufen absolut willkürlich ab und entsprechen keiner Logik.
    Gruß
    Veronika
     
  4. Hallo Veronika,
    auch wenn die Pflegegrade nicht immer den tatsächlichen Personalaufwand spiegeln, kann ich die Besuche des MDKs nach den neuen Kriterien gut vorbereiten. Die Fragen kann man ja für sich im Vorfeld ausfüllen und dann bei der Begutachtung daneben legen. Wenn der Prüfer meiner Einschätzung nicht folgt, mache ich ihn direkt darauf aufmerksam, dass ggf. ein Widerspruch folgt wegen a, b oder c.
    Wichtig ist, selbstsicher und gut vorbereitet in das Gespräch zu gehen und die Hebel des Systems zu kennen. Wann lohnt es sich zu streiten und wann ist es egal.
    Ich habe auch den Eindruck, dass die Beratung zu Hilfsmittel nun eher auf dem Schirm steht und vom MDK selbst angesprochen wird. Sinn macht es, erfahrene Kollegen die Begutachtung machen zu lassen. Dann kennen sich Prüfer und Fachkraft und es herrscht Vertrauen und die Sicherheit, dass die andere Seite Ahnung vom Thema hat.
     
  5. Hallo Veronika, du hast ja viele Fragen. Grundsätzlich, ich halte die Pflegeversicherung für notwendig. Es gäbe ansonsten bei sehr vielen Pflegebedürftigen keine Möglichkeit, alles zu bezahlen, was sie brauchen. Pflege zu Hause, kostenlos, von den Angehörigen oder Nachbarn, so wie es in manch einem kleinen Nachbarland machbar ist, das kann und wird es in Deutschland nicht geben.
    Wünschen würde man sich mehr medizinisch-therapeutische Unterstützung durch die Ärzte, solange die Leute noch zu Hause sind. Das ist aber nicht machbar, zumal wir in Deutschland kaum entsprechend ausgebildete Arzthelferinnen haben. Bei uns läuft das Kümmern meistens gleich über Pflegedienste, die sich dann wiederum versuchen, um entsprechende Teilbereiche zu kümmern. Oder entsprechende Verordnungen von verschiedenen Ärzten zu erhalten. Im Pflegeheim ist einfach Geld nötig. Wer sonst sollte die immensen Kosten tragen.
    Nur haben die wenigsten Leute eine Vorstellung davon, was ein Heimplatz kostet. Und vielen ist nicht klar, dass die Pflegeversicherung, schon aufgrund der Höhe des Beitrags, nur eine Art Teilkaskoversicherung sein kann. Sonst müsste die arbeitende Bevölkerung einen höheren Beitrag in die Pflegekasse zahlen.
    Ich erlebe im Pflegeheim nicht nur eingegrenzte Einstufungen sondern auch teilweise Überbewertungen. Das war sehr extrem, als der Wechsel von Pflegestufe auf Pflegegrad kam. Bis alle Bewohner wieder neu eingegradet wurden, verging viel Zeit. In der Zeit wurde meiner Meinung nach viel Geld verbrannt für Menschen, die ''eigentlich'' fast gar nichts haben an Problemen. Zuhause wäre es sicher deshalb nicht mehr gegangen, weil sie keinen Nachbarn haben, der für sie einkauft. Und so weiter. Aber von der Pflege her benötigen viele nur ''Kleinkram''. ATS-Strümpfe anziehen zum Beispiel. Ich behaupte also forsch, dass wenn man erstmal im Heim ist, man schon auch genügend PUnkte zusammenbekommt, dass Pflegegrad III drin ist.
    Da ist aber dennoch klar, dass man aus seinem Privatvermögen und aus der Rente einfach große Teile dazubezahlen muss.
    Die Beurteilungskriterien selbst sind durch die Grade meiner Meinung nach präziser geworden. Deshalb ist die Vorbereitung durch das vorherige Durchgehen dieser Listen sehr wichtig.
    Und subjektiv gebe ich dir recht. Was ich aber mehr aus meiner Umgebung beurteile. Dass ältere Menschen, die sich drinnen und draußen mit Rollator und so durch die Gegend kämpfen, zu wenig Punkte zusammenbekommen. Vor allem wenn sie selbst noch alles mögliche allein machen wollen. Und darauf stolz sind: ''Ich brauch doch nicht täglich Hilfe im Bad''
     
  6. Hallo in die Runde,
    ich bin überrascht, dass Ihr das mit der Pflegeversicherung so positiv seht. Die Vorgehensweise bei den Begutachtungen, die Tricksereien. Die Richtlinien, die nur noch die reine Selbstständigkeit bewerten, jedoch nicht die Krankheitsbilder. Ich möchte dies an Fallbeispielen verdeutlichen.
    Eine junge Frau war an Multipler Sklerose im fortgeschrittenen Stadium erkrankt, normales Sitzen mit aufrechtem Oberkörper war ihr nicht mehr möglich. Der Gutachter wollte das freie Sitzen sehen. Die Frau sackte in sich zusammen, den Oberkörper stark nach vorne gebeugt, beide Hände lagen neben ihren Füßen. Lapidar stellte der Gutachter fest, dass der Hand-/Fußkontakt selbstständig möglich sei. Nach zähen Verhandlungen erhielt sie den Pflegegrad 3.

    Ein geistig erkranktes dreijähriges Mädchen konnte Höhen nicht einordnen. Wenn es beispielsweise Kinder am Fenster beobachtete, wollte es gleich aus dem Fenster springen, um zu den Kindern zu gelangen. Die Nutzung von Treppen war ihr auch mit Hilfe nicht möglich, sie musste stets getragen werden. Wenn sie während der Mahlzeiten auf dem Stuhl saß, ließ sie sich einfach fallen. Die Gutachterin hörte sich alle Einschränkungen an, machte sich jedoch keine Notizen. Der Pflegegrad wurde nicht erteilt. Bei der wiederholten Begutachtung war ich anwesend und dieselbe Gutachterin war wieder zugegen. Auf die Frage, warum sie die vorherrschende Situation beim Erstbesuch nicht berücksichtigt hatte, antwortete sie nicht. Als ihr mitgeteilt wurde, dass das Kind Höhen nicht einschätzen kann und sich während der Mahlzeiten einfach vom Stuhl fallen lässt, forderte sie die Mutter auf, ihre Tochter auf den Boden zu setzen. Ungeachtet der vorgenannten Problematik wollte sie lediglich sehen, ob das Kind frei sitzen kann. Im Gespräch wurde ihr diese Unverfrorenheit deutlich gemacht. Zähneknirschend erteilte sie den viel zu niedrigen Pflegegrad 2. Die Eltern, eingeschüchtert und traumatisiert von den beiden Begutachtungen, verzichten auf einen Höherstufungsantrag. Jedoch steht ihnen bzw. ihrer Tochter meines Erachtens der Pflegegrad 5 zu.

    Eine hochgradig demente Frau war komplett inkontinent und ihre Blase entleert sich generell beim Aufstehen fast komplett. Bei der Begutachtung war ihr Sohn anwesend. Dieser teilte der Gutachterin mit, dass seine Mutter vor jedem Toilettengang immer erst in die Küche gehen würde. Die Gutachterin wollte das gar nicht hören und schickte den Sohn aus seinem eigenen Wohnzimmer. Sie wollte mit der Mutter alleine reden. Später war im Gutachten zu lesen, dass die Toilettengänge selbstständig durchgeführt, Vorlagen nicht benötigt werden und abgesehen davon würde sie alles alleine machen. Bei einer weiteren Begutachtung, erhielt sie durch meine Unterstützung den Pflegegrad 4.

    Nunmehr setze ich mich seit 9 Jahren für Pflegebedürftige ein und kämpfe für deren Rechte. Ich bin von der Vorgehensweise immer noch betroffen.

    Auch kenne ich viele Bewohner, die als Selbstzahler in den Einrichtungen leben und keinen Pflegegrad erhalten.
     
  7. Tatsächlich sagt die Pflegebedürftigkeit oft wenig über den tatsächlichen Aufwand aus, den Angehörige oder professionell Pflegende leisten aus. Dies war auch nicht Intention bei der Änderung des Pflegebedürftigkeitsbegriffs und ist sicher eine Bringschuld, welche die Politik noch leisten muss.

    Auch sind die Module oft schwer nachzuvollziehen. Bei der Mobilität spielen die psychischen oder kognitiven Einschränkungen keine Rolle, so dass es unerheblich ist, ob jemand sich nicht bewegt, weil er z.B. Angst davor hat. Es zählt alleine die körperliche Fähigkeit. Es ist auch unerheblich ob in seiner Wohnung überhaupt ein Treppenhaus ist. Könnte er, körperlich, von einem Stockwerk ins nächste … Ähnlich ist es auch beim Halten einer stabilen Sitzposition. Wenn man die Kriterien und dahinter liegenden Inhalte kennt, kann man die Punkte auf Augenhöhe mit den Gutachtern durchrechnen.

    Auf dieser Seite gibt es einen Pflegegrad Rechner, mit dem man die Kriterien inhaltlich überprüfen kann.

    Pflegebedürftig? - Tipps für die Pflegebegutachtung bei Erwachsenen

    Die PDF Selbsteinschätzung Pflegegrad Rechner
     
  8. Hallo Veronika Voget. Von positiv sehen kann glaub ich keine Rede sein. Mir persönlich ist auch klar, dass das Punkte zusammenzählen kein bisschen vorteilhafter ist als die vorherigen Pflegestufen. Einzig und allein der Faktor Selbstständigkeit bei verschiedenen Dingen wurde vermehrt in die Begutachtung einbezogen. Ich finde die Aufteilung nicht besser als vorher, eher schlechter, weil noch penibler. Und weil, wie du ja selbst auch feststellst, der Gesamteindruck gar nicht mehr zu zählen scheint.
    Um so wichtiger finde ich, dass kompetente Leute bei den Begutachtungen dabei sind. In meiner Arbeit erlebe ich viel Einschätzungen, die sehr treffend sind. Erlebe auch, dass Leute schon von zu Hause mit einem Pflegegrad kommen, der meinem Eindruck nicht entspricht. Also die sogar höher bewertet werden, obwohl der Faktor Mobilität gar nicht beeinträchtigt ist. Da haben sich Angehörige wohl nicht nur richtig schlau gemacht sondern wohl auch leider Beziehungen spielen lassen.
    Sobald ein Antragsteller nicht mehr so fit ist, kann man definitiv mehr Einfluss nehmen. Ich meine sogar, dass man einen Sohn nicht einfach wegschicken darf, wenn die Mutter ihre Situation nicht mehr richtig einschätzen kann. Da wäre zum Beispiel die genaue Benennung der Harninkontinenz und die Häufigkeit der Unterstützung sowie Wechsel der Bekleidung wichtig zu nennen. Wenn die Mutter sagt, sie braucht nichts, aber im Bad Vorlagen liegen, dass kann eine Begutachter eigentlich nicht ignorieren.
    Mir scheint, da ist vieles im Argen.
    Begutachtung von Kindern ist glaub ich ein noch schwierigeres Feld. Da habe ich selbst mal die Erfahrung gemacht, dass das sehr schlecht ausgegangen ist. Durch einen Umzug in ein anderes Bundesland hat betreffendes Kind durch eine andere Begutachterin problemlos eine höhere Einstufung erhalten. Das ist schon mal nicht schön.
     
  9. Ich bin Gutachter und sehe das etwas differenzierter. Früher haben wir die theoretischen (!) Minuten in definierten Zeitkorridoren zusammengezählt, was den Versicherten selten gerecht wurde. Heute differenzieren wir, was sie/er kann und was sie/er nicht kann, was die Pflegebedürftigkeit deutlich besser abbildet. Gerade psychische Erkrankungen und Demenz können jetzt endlich deutlich besser beurteilt werden. Umgekehrt haben es rein somatisch Pflegebedürftige leider schwerer in die höheren Pflegegrade zu kommen. Ambulante Pflegebedürftige werden durch Modul 5 bevorteilt.

    Die Items sind einigermaßen klar definiert, so dass Missverständnisse meist nur dann auftauchen wenn es Grenzfälle gibt oder dem Gegenüber die Richtlinien nicht (im Detail) bekannt sind. Würden lediglich die Krankheitsbilder bewertet (wie sich offenbar Veronica wünscht), käme es zu völlig verzerrten Beurteilungen nach Lehrbuch.Das wäre nach meinem Dafürhalten ein Schritt in die völlig verkehrte Richtung. Krankheit ist nicht gleich Krankheit. Gerade bei MS wie im Beispiel ist die Spannbreite unheimlich groß (Krankheit der tausend Gesichter!).

    Man sollte wissen, dass der Gutachter durchaus immer noch einen kleinen Spielraum hat und deswegen auch den Gesamteindruck bewertet. Aber nur weil mehr gemacht wird als die (Un-) selbstständigkeit hergibt, gibt es keinen höheren Pflegegrad. Dass es immer wieder Fehleinschätzungen oder gar blinde Hühner gibt will ich gar nicht bestreiten, ist menschlich.

    Ich rate im übrigen unbedingt von Pflegegradrechnern ab, da diese falsche Erwartungen schüren. Diese stellen nur die vordergründigen Items dar, aber nicht die dahinterstehenden Richtlinien. Diese sind maximal zur ersten Orientierung geeignet.

    Schlussendlich ist es so: Man kann mit keinem System jedem hundertprozentig gerecht werden. Es ist derzeit politischer (und gesellschaftlicher?) Wille die Einstufungen vorzunehmen wie sie im Moment praktiziert werden. Beschwerden seien dem Wähler überlassen... Aber dem System nun generell die Unfähigkeit abzusprechen oder gar Tricksereien vorzuwerfen halte ich dann doch für etwas überzogen.
     
    #9 Pevaueff
    Zuletzt bearbeitet: 26. Juli 2019
    Frank67 gefällt das.
  10. Ich möchte zui dem Thema Kinderbeurteilung auch einen Beitrag liefern. Ein dreijähriges Kind muss meiner Meinung nach zuerst mal danach bemessen werden, was es nicht kann und andere Kinder in dem Alter können. Es geht denn ja nicht nur um das, was offensichlich ist. Es würde aus dem Fenster springen. Heißt aber nicht, es braucht den ganzen Tag und Abend Betreuung und Kontrolle. Sondern diese Eltern sind unabhängig von den anderen Beeinträchtigungen noch mehr als bei anderen Kindern gehalten, eine sichere Umgebung zu schaffen. Aber Kinder in dem Alter, da kenne ich keines, dass man am Fenster spielen lassen könnte. Da Kinder in dem Alter noch relativ wenig Gefahren einschätzen.
    Definitiv werden Personen mit Demenz besser gestellt beziehungsweise ihre Einstufung. Es ist aber manchen Menschen nicht klar, dass man weder in der Ambulanten Pflege noch in der stationären Pflege noch in der stationären Pflege eine Rundumdentagbetreuung und Pflege damit gewinnen und bezahlen kann. Es ist ja eher, dass dieser Personenkreis viel pflegerische Arbeit macht bei Toilettengängen. Du musst immer mit, helfen, unterstültzen. Manch ein Bettlägeriger ist leichter zu versorgen. Da man dort bedarfsgerecht und aber vor allem zu bestimmten Zeiten schauen, lagern, versorgen kann. Wiederum ein Rollstuhlfahrer oder Gehbehinderter zu Hause braucht eigentlich ganz viel Hilfe, wann immer er gerade Bedürfnisse hat. Es ist nicht einfach.
     
  11. Das sehe ich nun aber ganz anders. Natürlich fände ich eine Beratung durch den MDK einige Tage vor der Begutachtung klasse, oder der Prüfer geht mit dem Pflegebedürftigen Modul für Modul und Punkt für Punkt durch und stellt die Fragen dabei so, dass erkennbar ist, worauf es ankommt. Der Pflegebedürftige sollte vor der Begutachtung ein Verständnis davon haben, welche die zu beurteilenden Kriterien sind und wie das System der gewichteten Punkte funktioniert. Das ist doch das gesamte Konzept hinter den Änderungen bei der Pflegebedürftigkeit. Die Befähigung zu mehr Selbständigkeit, oder? Der Rechner ist im übrigen vom VDK und auch der MDK bietet selber solche Instrumente an. Das der Rechner die dahinter liegenden Text nicht mit angiebt, finde ich auch sehr schade.

    Lieber ein paar falsche Erwartungen schüren, als sich unwissend einem Prüfern in Zeitdruck gegenüber zu sehen, von dem man nicht erwarten kann, dass iseine Intention immer der maximal mögliche Pflegegrad ist. Der von mir verlinkte Rechner hat leider keine Details zu jedem Punkt eines Moduls, aber auch solche gibt es.
     
  12. Eins vorweg: Ich sehe und vertrete beide Seiten, da ich sowohl im pflegerischen Bereich tätig bin sowie auch als Gutachter.

    Als Gutachter bekomme ich gelegentlich von Pflegekräften oder Angehörigen solche ausgedruckten Pflegegradrechner ausgehändigt mit der Intention das so übernehmen zu müssen.

    Hier mal ein klassisches, immer wiederkehrendes Beispiel, warum das schwierig ist: Pflegekraft/Angehöriger meint, der Pflegebedürftige kann ja nicht mehr laufen, sitze ja im Rollstuhl, und müsse daher als unselbständig im Bereich Fortbewegen bewertet werden. Der Gutachter wird folgendes überprüfen: Kann der Pflegebedürftige ca. acht Meter plus Ecke überwinden. Es ist völlig unerheblich, ob er dies ohne Hilfsmittel, mit Stock, Rollator oder Rollstuhl macht. Kann er dies ausreichend sicher, ist er als selbständig zu werten. Hat er kein geeignetes Hilfsmittel oder lehnt dies gar ab, muss der Gutachter trotzdem ein geeignetes Hilfsmittel bei der Beurteilung unterstellen (und natürlich empfehlen...). Das meine ich mit falschen Erwartungen schüren bei der Nutzung von Pflegegradrechnern. Und so zieht sich das durch alle Items...

    Es wird bei der Anspruchshaltung an zugeteilte Pflegegrade und den damit verbundenen Leistungen auch oft vergessen oder nicht wahrgenommen, dass die Pflegeversicherung vom Gesetzgeber als Teilkaskoversicherung konzipiert ist. Ebenfalls häufig unbekannt sind diverse andere Geldtöpfe und Leistungen die angezapft werden können um Versorgungslücken zu schliessen.

    P.S.: Zum Thema Kinder und Kinderbegutachtung halte ich mich lieber bedeckt, davon habe ich keine Ahnung.:)
     

  13. @ Pevaueff
    Aber ist es nun richtig zu sagen, dass Angehörige oder Pflegebedürftige selber diese Informationen / Rechner nicht nutzen sollen und unvorbereitet und ohne eine Erwartungshaltung in die Überprüfung gehen? Der Prüfer wird schon mit ausreichend Zeit die Items gewissenhaft prüfen und den Pflegebedürftigen beraten? Dieses Gespräch findet nicht auf Augenhöhe statt und der Prüfer ist nicht der Interessensvertreter des Pflegebedürftigen. Vielleicht ändert sich das nun etwas, wenn der MDK reformiert wird. Ich denke die Pflegebedürtigen sollen ruhig mit einer Erwartungshaltung in das Gespräch gehen.


     
  14. Ich finde, man sollte diesen Pflegegradrechner auf jeden Fall einsetzen. Vor allem schon als Vorbereitung darauf, was alles an Bereichen und Fragen angesprochen wird. Ich habe halt oft die Personen vor Augen, die alles allein können und wollen. Und sich dann wundern, dass kein Pflegegrad dabei herauskommt. Besonders im ambulanten Bereich ist das manchmal logisch. Wer zum Bespiel meint, er braucht ja gar nicht duschen, hat er ja vorher auch nicht regelmässig gemacht. Der kommt wegen weiterer fehlender Kriterien nicht in die Mindesteinstufung. Rollstuhl ist da, aber die Person bewegt sich ausserhalb des Hauses im Garten ohne Rolllator. Da zählt nicht, dass er eigentlich einen braucht oder sogar zwei hat. Sondern es zählt, dass er seine Gartenarbeit locker fünf Minuten machen kann. Wo der Rollator ja nur stören würde. Aber Fakt ist, dass er sich ohne diesen bewegen kann.
    Rollstuhlproblematik sehe ich übrigens genauso. Gerade im Pflegeheim sind Bewohner, die gehen können, es aus Ängstlichkeit oder Lahmheit nicht machen. Da müssen andere Maßnahmen her, die es auch gibt.
     
  15. Sagt euch der Pseudobegriff "SchlüsselDK" etwas? Ich kannte ihn nicht, habe ihn neulich von einer Kollegin gehört, da unsere neue PDL eine ganz tolle Masche hat:

    Es wurde mit allen Angehörigen/Betreuern+Berufsbetreuern von Bewohnern mit hohem Pflegegrad gesprochen. Ziel war es das diese alle einen Dauerkatheter bzwl SPDK bekommen sollten. Und einige haben tatsächlich zugestimmt. Jetzt haben wir im letzten Monat bei 2 Bewohnern SPDK und bei 3 weiteren einen transurethralen DK. Ohne jegliche Indikation für einen DK. Die beiden SPDK´s hatten vorher überhaupt keine DKs und wurden immer mit offenem Inkosystem versorgt.

    Im Alltagstrott ist es mir erst gar nicht aufgefallen, aber als die Kollegin mir sagte, das es recht auffällig ist, das diese Gebaren sich häuft und kein Ende in Sicht ist viel uns auf, das diese Bewohner zur Neueinstufung der Pflegegrade angemeldet wurden.
    Die wurden teilweise schon runtergestuft, da die DKs einen geringeren Pflegeaufwand bedeuten.

    Und ergo: Der Personalschlüssel sinkt somit, was der PDL zufällig recht gelegen kommt. Bei ein oder zwei Bewohnern mag es noch nicht ins Gewicht fallen, aber es kommen bald wöchentlich Neue dazu. Wir hatten noch nie so viele DKträger wie jetzt gerade. Wir haben knapp 70 Betten und davon aktuell 10 DK bzw SPDK. Und daher der Pseudoegriff "SchlüsselDK".
     
  16. Hallo Cutter, von SchlüsselDK habe ich noch nichts gehört. Ich hatte immer angenommen, dass hinter dem Einsatz eines Dauerkatheters eine Indikation stehen muss. Beispielsweise Harninkontinenz, die trotz INKO-Versorgung nicht mehr in den Griff zu bekommen ist. Also Bewohner, die alle paar Minuten unwillkürlich Wasser lassen und deren Haut mazeriert ist. Ich dachte, man ist im Pflegeheim eher interessiert, Leute höher einstufen zu lassen. Da dann der Pflegeschlüssel auch etwa erhöht wird.
    Auf jeden Fall, der entscheidende Unterschied zu ambulant ist ja, dass man je nach Immobilitätsgrad und Möglichkeit der Äußerung von Bedürnissen, (ich muss mal zur Toilette) häufige unterstützte Toilettengänge anmerken kann. Beziehungsweise diese auch angeben muss, sonst kann man in diesem Bereich keine präzise Einstufung erlangen.
     
  17. @ Cutter

    Bitte versteh mich nicht falsch, aber auch hier zeigt sich, wie oft das System selbst von Pflegekräften missverstanden wird. Bei der Pflegebedürftigkeit und ihrer Bewertung in den Begutachtungsrichtlinien kommt es in Modul 4 nicht auf den tatsächlichen Aufwand an, sondern nur auf die Fähigkeit der Person, dieses selbständig zu durchzuführen.

    Hier der entsprechende Auszug aus der Richtlinie und der Link zum Gesamtwerk:

    https://www.mdk.de/fileadmin/MDK-ze...tachtungsrichtlinie_GKV_Pflegebegutachung.pdf

    F 4.4.11

    Bewältigen der Folgen einer Harninkontinenz und Umgang mit Dauerkatheter und UrostomaInkontinenz- und Stomasysteme sachgerecht verwenden, nach Bedarf wechseln und entsorgen. Dazu gehört auch das Entleeren eines Urinbeutels bei Dauerkatheter, Urostoma oder die Anwendung eines Urinalkondoms.Die regelmäßige Einmalkatheterisierung ist nicht hier, sondern unter Punkt F 4.5.10 zu erfassen.

    Selbständig: Die Person kann Hilfsmittel selbständig benutzen.

    Überwiegend selbständig: Die Person kann die Aktivität überwiegend selbständig durchführen, wenn Inkontinenzsysteme angereicht oder entsorgt werden oder die Person an den Wechsel erinnert wird.


    Überwiegend unselbständig:
    Die Person kann sich am Wechsel der Inkontinenzsysteme beteiligen, z. B. nur Vorlagen einlegen oder Inkontinenzhosen nur entfernen.

    Unselbständig: Beteiligung ist nicht oder nur minimal möglich.



    Wenn also die Person das System z.B. Urinbeutel, Vorlage oder was auch immer, nicht selbständig bedienen kann, wird ihre Pflegebedürftigkeit entsprechend hoch eingestuft. Dabei ist es meines Wissens völlig unabhängig vom Hilfsmittel. Der Pflegegrad kann also daraufhin nicht sinken, eher steigen, da es für viele Menschen vielleicht noch möglich ist, sich beim Wechsel der Einlage zu beteiligen, es beim DK aber seltener möglich ist.
     
  18. @Wärter Da die Versorgung mit DK viel weniger zeitintensiv ist, sinkt der Pflegegrad. In fast allen Neueinstufungen was das so der Fall.

    @marinadiezweite Ja eine Indikation sollte gegeben sein. Das war es ja, was uns so überraschte. Es gibt eigentlich Keine. Die Bewohner hatten niemals Pilzinfektionen oder andere Hautirritationen oder Harnverhalte oder sonst irgendwas. Wir sind erst gar nicht darüber gestolpert, da es auch "angenehm" war/ist nicht dauernd die Einlagen zu wechseln zu müssen oder dauernd Toilettengänge machen zu müssen usw. Erst durch die massive Zunahme ist es einer Kollegin aufgefallen, die dann diesen Begriff in den Raum warf.

    Nunja, der Pflegegrad sinkt, der Stellenschlüssel sinkt auch. Es wurde die Einrichtungsleitung angesprochen und die meinte auch, das wir nur noch neue Bewohner mit niedrigem Pflegegrad aufnehmen. Sie könne nicht anders, da wir nicht genug Personal haben oder bekommen.
    Eine sehr blöde Entwicklung, bei der die Bewohner vollkommen hinten dran stehen. Zumindest machen die Angehörigen (in Betreuerfunktion) das in der Regel nicht mit.
     
    bowielein gefällt das.
  19. Zeit spielt in diesem Fall überhaupt keine Rolle. Das kann man vielleicht an einem anderen Beispiel deutlicher machen :

    Bereitliegende Kleidungsstücke, z. B. Unterhemd, T-Shirt, Hemd, Bluse, Pullover, Jacke, BH, Schlafanzugoberteil oder Nachthemd, an- und ausziehen

    Die Beurteilung ist unabhängig davon vorzunehmen, ob solche Kleidungsstücke derzeit getragen werden. Die situationsgerechte Auswahl der Kleidung ist nicht hier, sondern unter Punkt F 4.2.6 zu berücksichtigen. Das An- und Ablegen von körpernahen Hilfsmitteln ist unter Punkt F 4.5.7 zu berücksichtigen
     
    #19 Wärter
    Zuletzt bearbeitet: 8. August 2019
  20. Hier ist es völlig egal, ob die Person überhaupt angezogen werden müsste und wenn ja, auch egal wie oft am Tag oder wie lange ich dafür benötige. Ein DK senkt also gegenüber einer Einlage nicht den Pflegegrad, nur weil ich keinen Wechsel der Inkoprodukte mehr durchführen muss.
     
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