Patient wird psychisch extrem auffällig

Morbus Bahlsen

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Eines meiner Teams hat im Moment massive Probleme mit einem Patienten aus unserer 1:1 Betreuung. Patient ist 45. Hat nach einem Sturz ein Schädelhirntrauma und einen Hirnschaden erlitten. Hat aufgrund dessen eine Dysphagie (mit Trachealkanüle und Sprechventil versorgt) und eine symptomatische Epilepsie (ist aber unter Levetiracetam völlig anfallsfrei). Außerdem eine leichte Depression. Er ist soweit geistig noch fit.

Seit kurzem kommt es aber zu Problemen, die sich wie folgt äußern: Patient stellt ständig (Tag und Nacht) Fragen. Nach Sportlern, Musikern. Politikern. Schauspielern. Zum zweiten Weltkrieg. Zum Teil sind dies auch Fragen, die kein Mensch beantworten und auch nicht ergoogeln kann z.B. wie heißt die Schwester eines kroatischen Skispringers oder im Schwarzwald gibt es eine Firma mit a im Namen, wie heißt die. Ich war mal in England vor 15 Jahren, da waren wir mal an einem See. Wie heißt der. (aber er weiß dann auch nicht mal mehr wie die Stadt hieß oder was in der nähe war). Auch z.B. eine Packung mit nur noch zwei Brillenputztüchern (obwohl diese ohnehin nie verwendet werden) führt zu solchen Verhalten, wenn nicht sofort die Möglichkeit besteht neue zu kaufen.
Wenn man ihm dann mitteilt, dass man trotz Internetsuche nichts finden konnte oder Einkaufen wegen des schlechten Wetters oder stattfindender Therapien erst am Nachmittag oder nächsten Tag möglich ist, wird er wütend, behauptet die Pflegekräfte würden ihm absolut nicht helfen wollen und will sterben. Er ist dann so unkonzentriert, dass er gewaschen werden muss (obwohl er das normalerweise mit Hilfe selbst kann), dass er mehrmals beim Laufen fast gestürzt wäre, sich beim Esstraining verschluckt ect. Häufig lehnt er dann sämtliche Maßnahme der Therapie und Pflege komplett ab. Er therorisiert dann die Pflegekräfte vorort regelrecht, in dem er permanent klingelt, oder diese dann eben heranzitiert und mit immer wieder der selben oder anderen Fragen löchert. Schläft nachts nicht mehr. Starrt auf den TV der dann auf lautlos läuft. Das artet im Moment zum Teil so aus, dass die Pflegekräfte in einer 8h Schicht kaum zu irgendwas Anderem geschweige denn mal zum Essen kommen.

Nicht einmal mehr die Übergaben funktionieren, da der Patient auch hier mehrfach klingelt, obwohl er darauf hingewiesen wurde, dass er während der Übergabezeit nur klingeln soll, wenn was wichtiges ist. (er ist zu den Übergaben jeweils im Schlafzimmer hält Nacht- oder Mittagsschlaf) Als wir den Patienten vor zwei Jahren übernahmen, war er etwas schwierig und zum Teil warfen ihn dann schlechtes Wetter oder ein vorübergehend nicht funktionierendes Internet auch aus der Bahn, so dass er sterben wollte, aber dies war sehr selten und auch nie in solchem Ausmaß der Fall.

Die Momentane Situation hat sich über ca. 4 Wochen kontnuierlich - ohne ersichtlichen Auslöser - verschlimmert.
Unsere Neurologin ist der Meinung, sie kann uns da nicht weiterhelfen. Hält es nicht für sinnvoll die Antidepressiva zu erhöhen (bekommt morgens 1 Tbl. Sertralin) oder an der sonstigen Medikation was zu ändern: bekommt morgens und abens je 1000mg Levetiracetam und zur Nacht 5ml Melneurin 25.
Motivierende Gespräche mit dem Patienten brachten nichts - obwohl er seit einem halben Jahr mit Hilfe wieder laufen, alleine auf Toilette gehen kann und seit 3 Monaten in der Logo essen kann.

Teilweise bombadiert er jetzt sogar seinen Bruder und Eltern mit ähnlichen Anrufen.
Wir haben jetzt einen Ambulant Psychatrischen Pflegedienst hinzugezogen und für das Team eine Fallsupervision, der APP hat aber erst in drei Wochen freie Termine. Psychologe hat sich bisher keiner gefunden, der den Patienten aufnimmt. Psychiater gibt es keine niedergelassenen und für alles andere müsste der Patient stationär, was er natürlich ablehenen würde.

In meiner 16 jährigen Tätigkeit habe ich schon viel erlebt, aber sowas noch nicht. Hat vielleicht irgendjemand eine Ahnung, was das sein könnte? Internet hat mir überhaupt nicht weitergeholfen und erklären kann ich mir eine so ausgeprägte Verhaltensänderung mit nichts.
 
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stern3007

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Je nach Lokalisation der Schäden sind das Veränderungen aufgrund des Hirntraumas. Einmal eine Veränderung der Persönlichkeit, zum anderen auch eine Veränderung der Wahrnehmung. Ich glaube nicht, dass ein Psychiater alleine das Problem lösen kann, denn für diese Aktionen die er bringt sind die neurologischen Veränderungen verantwortlich.

Natürlich leidet auch die Psyche massiv. Aber trotzdem ist das was der Patient erlebt total realistisch für ihn und deshalb reagiert er auch so unwirsch. In der Heftigkeit wie du beschreibst, habe ich das auch noch nicht kennengelernt. Sein Kopf läßt einfach keine anderen Gedankengänge zu.

Weißt du wo die Schäden genau liegen?
 
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Morbus Bahlsen

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Natürlich leidet auch die Psyche massiv. Aber trotzdem ist das was der Patient erlebt total realistisch für ihn und deshalb reagiert er auch so unwirsch. In der Heftigkeit wie du beschreibst, habe ich das auch noch nicht kennengelernt. Sein Kopf läßt einfach keine anderen Gedankengänge zu.

Weißt du wo die Schäden genau liegen?
Aber so extrem, in so kurzer Zeit, ohne bestimmten Auslöser?
Mediainfarkt rechts. Er hatte ein ausgedehntes Ödem der rechten Hemisphäre mit Mittellinienverlagerung unter Einbeziehnung des Temporalpols der Stammganglien und einer unklaren Linkshernierung. Er hat dann wegen einer Liquorzrkulationsstörung einen VP Shunt links frontal bekommen.
 
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wusselinchen

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hi Morbus Bahlsen,

funktioniert denn der Shunt noch richtig? wurde das schon mal überprüft?

gruß,

wusselinchen
 
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stern3007

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Hier würde ich auch erst einmal eine Initiative starten, die die korrekte Funktion des Shunts überprüft. Haben die Neurologen genauer nachgeschaut oder einfach nur pauschal geantwortet, dass sie nichts machen können?

Den Patienten auf irgendwas hinzuweisen ist nicht zielführend, denn durch die Schäden im Temporallappen funktioniert das Gedächtnis nicht richtig. Der Temporallappen hat ja sehr viele funktionale Bereiche und bei einer Schädigung können da sehr vielfältige Effekte auftreten.

Die Aussage das er sterben will ist seine individuelle Art zu sagen, dass ihm was nicht passt. Das würde ich nicht so hoch bewerten. Allerdings ist es auch schwierig etwas dazu zu sagen, wenn man die Infos hier nur über das Forum lesen kann und den Patienten nicht selbst erlebt.
 
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Morbus Bahlsen

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Shuntkontrolle ist vor kurzem erst im MVZ erfolgt, da war alles in Ordnung. Das man nichts machen könne, war sicher eine pauschalisierte Antwort, da keine konkreten diagnostischen Maßnahmen außer der routinemäßigen Shuntkontrolle erfolgten. Aber ich maße mir hier jetzt auch nicht an, die Kompetenz der Neurologin zu bestätigen oder anzuzweifeln.Allerdings ereilte mich vorhin schon wieder ein Anruf der diensthabenden Schwester, weil sich der Pateint beim Arztbesuch in der Praxis völlig danebenbenommen hätte.Termin bei der Hausärztin war um 7.30 geplant. Mitarbeiterin ist mit Patient im Rollstuhl in die Praxis gefahren und war gegen 7.15 Uhr in der Praxis. Als der Patient nicht sofort dran kam, bezeichnete er alle als "elende faule Schweine" und ließ sich nicht beruhigen
 
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mupsi

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Hallo zusammen,
rein faktisch denke ich, dass es eine NW von Levetiracepam ist, das zu Persönlichkeitsstörungen führen kann. Derzeit kenne ich einen Patienten, der sich bis zur absoluten Hyperaktivität und Menschenverachtung gegenüber den Pflegekräften verändert hat. Allerdings kannte ich früher auch zwei andere Patienten, die urplötzlich in solche Zustände verfielen. Die Fragerei drückte aus, das sie nicht allein sein konnten und Ablenkung gesucht wurde, war also ein Vorwand. Oft steckt die Angst vor dem Tod dahinter (äußerten die Patienten auf direkte Nachfrage). Beide Patienten verstarben kurz darauf sehr plötzlich. Man kann sich natürlich darüber streiten, ob Menschen Vorahnungen von Tod haben. Ich persönlich glaube daran und habe es schon oft erlebt, dass Patienten mir so etwas erzählt haben, kurz bevor sie starben.
 
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benny34

benny34

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Solche Patienten haben wir ständig auf unserer betreuten Neuro-Reha Station. Aus diesem Grund hat die Station auch nur 9 Pat.
Wir begegnen solchen Patienten mit klarer Struktur. Es gibt eine feste Vorgabe bzgl. der Uhrzeiten z.B. der Mahlzeiten. Weiterhin klare Zeitfenster bei den Therapien.
Ausufernde Pat. werden in klare Strukturen verwiesen ("Ich beantworte ihre Fragen jetzt nicht, wir haben Übergabe...es ist Mittagsruhe etc.")
Fast jeder Pat. hat einen großen Flipchartblock im Zimmer, wo genau draufsteht:
- Wo bin ich?
- Warum bin ich hier?
- seit wann bin ich hier?
Und dann evtl. noch 1-2 individuelle Punkte

Diese Fragerei ist nur ein Ausdruck von Hilflosigkeit und man muss dem Pat, klarmachen, daß er in Sicherheit ist und sich keine Sorgen machen muss. Dieser Ausdruck von Angst ist bei sehr vielen stark ausgeprägt und äußert sich in den skurillsten Formen.
Aktuell: Ein Pat. der während seiner Arbeit einen Unfall erlitten hat (ist selbstständig mit mehreren Mitarbeitern). Er will jetzt ständig weg, weil er Geschäfte machen muss, gehälter bezahlen etc.
Daneben löchert er uns auch mit den wildesten Fragestellungen.
Mit klarer Struktur mildert sich der Zusatand aber zusehends.

Was bekommt dein Pat. an Medikation (Risperdal, Seroquel??) Evtl. mal die Medikation überprüfen...

Gruß...
 
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