Pädophilie

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I

Ingo Tschinke

Hallo Kollegen,

in der Forensik kommt es immer wieder zu schwierigen Diskussionen bei der Behandlungen von Pädophilen Straftätern, welche aus psychischen Gründen straffällig geworden sind, d.h. die im Sinne eine Schizophrenie oder schwerer Persönlichkeitsdeformation sich an Kindern vergangen haben.

Zumeist ist in deren Wahrnehmung die Handlung in sich schlüssig und aufgrund der Erkrankung nicht anders zu lösen gewesen. Als Beispiel möchte ich hier einen Fall anführen:

"Wir hatten einen Patienten in der Behandlung, welcher wegen einer reaktiven Depressionen aufgenommen wurde. Diese reaktive Depression hatte er aufgrund seines Gefühls von seinem Partner verraten worden zu sein, denn in seiner Wahrnehmung hatte er eine "normale" homosexuelle Beziehung. Das er 42 und der Junge 11 Jahre alt war, hatte er völlig ausgeblendet und er wollte auch keine andere Wahrnehmung zulassen. Das er als Angestellter des Jugendamtes auch noch die Betreuung des Jungen inne hatte und darum gebeten hatte regelmässig solche Jungen in diesem Alter (8 - 14) zugewiesen zu bekommen, verschlimmerte die Situation noch."

Die Situation spielte sich auf einer normalen allgemeinpsychiatrischen Station ab und als Reaktion auf seine allgemein moralisch verwerfliche Tat war aus der Pflege nur wenige bereit sich mit diesem Mann überhaupt zu beschäftigen. Betrachtet man aber seine verdrehte und deformierte Persönlichkeitswahrnehmung so ist er als krank anzusehen und dementsprechend in seiner hilflosen Situation - es brach ja alles um ihn herum in verständlicherweise in sich zusammen - zu unterstützen und Halt zu gewähren, um in von einem eventuellen Suizidversuch abzuhalten.

Wie seht ihr es ethisch in dieser Situation pflegerischen Handeln neutral durchzuführen?

Cheers

Ingo :redface:
 
T

Tina23

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23.01.2002
Hallo Ingo,
für mich als Pflegekraft ist es selbstverständlich einem Mann Hilfe zu bieten, der diese braucht. Und das er, noch vollständig in seinem Wahn, nicht einsehen kann, dass das, was er tat nicht in Ordnung war, liegt in seiner Krankheit. So grausam Taten unter Psychischen Erkrankungen auch sein mögen, der Täter ist in dem Moment, wo er auf Stat. aufgenommen wird, als ein Menschh mit einer psychischen Krankheit zu sehen. Pflegende haben proffessionel zu handeln und unterschiede darf es eigendlich nicht geben. Da man aber gerade auf einer psychiatrischen Stat. Bezugspflege betreibt, so sollte man natürlich darauf achten, das jemand, der mit der Tatsache nicht umgehen kann, ihn dann nicht betreuen sollte.
Also habe ich keinerlei ethische Bedenken, einen kranken Menschen als Menschen zu akzeptieren und ihn in seiner Heilung begleite und unterstütze.
Gruß,
Tina23
 
Qualifikation
Studentin
Fachgebiet
Pflegewissenschaft
S

Sr. Dr. M. Benedicta Arndt

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Text
Dank für die wichtige Frage nach der persönlichen Einstellung zu Patienten. Wieweit sollen/dürfen unsere Gefühle bei der Pflege eine Rolle spielen?

Zunächst ist zu dem hier vorgestellten Problem zu sagen, daß jeder Mensch als Mensch Respekt verdient, auch wenn er selbst solchen Respekt vielleicht anderen gegenüber nicht gezeigt hat - wie es ja beim Mißbruach von Kindern - der Fall ist. Eine besondere Situation ergibt sich jedoch in der Psychiatrie , wenn Krankheitsgeschehen mit verantwortlich ist für die schädigende Handlung eines Menschen. Hier ist eine pflegerisch-therapeutische Beziehung von großer Bedeutung. Eine solche kann nur aufgebaut werden, wenn der Pflegende trotz emotionaler Betroffenheit (die in dem hier geschilderten Fall nicht ausbleiben kann)eine professionell Distanz wahren kann.

Auch im Bereich der Ethik spielen Gefühle eine Rolle. Meine Entscheidungen im Hinblick auf mein verhalten zu Kollegen und Patienten werden wesentlich von meinen Gefühlen mitbestimmt. Somit ist es eine wichtige moralische Forderung, auch Klarheit über meine eigenen Gefühle zu haben - besonders in diesem Fall.

Ähnlich gelagerte Situationen (vielleicht in der Tragweite nicht vergleichbar) aber von der ethischen Diskussion gleichermaßen hier angesiedelt sind: Patienten, die Pflegenden aus verschiedenen Gründen "unsympatisch" sind. Auch hier gilt: Jeder Mensch hat Anspruch auf Respekt auf dem Hintergrund, daß er Mensch ist. Es gilt hier einerseits das moralische Prinzip: Respekt vor der Würde des Menschen, aber es gilt auch die Aufforderung zu kommunikativem Verstehen, damit eine pflegeische Beziehung möglich wird. Zu diesem Verstehen gehört eben auch, wie oben schon angedeutet, das Verstehen der eigenen Gefühle. (SrMB)
 
Qualifikation
Pflegewissenschaftlerin, Ordensfrau
Fachgebiet
Kloster-Helfta
I

Ingo Tschinke

Themenstarter/in
Hallo Tina,

ich bewundere deine prompte Reaktion auf dieses doch sehr schwierige Thema. Gerade die Argumentationsform sich über eine einfaches moralisches Urteil zu stellen, sondern sich, wie Kohlberg es beschreibt, anstatt dessen ein postkonventionelles moralisches Urteil zu bilden, dass die Würde des Einzelnen trotz seiner Tat achtet, ist ein sehr hoher Anspruch der an die Pflege in solchen Fällen gestellt wird.
Meiner Meinung nach verlangt es die Moral des Berufes der Pflegenden, eine möglichst neutrale Position einzunehmen und trotz der Schwere der Tat versuchen Empathie und Selbstreflektion zu zeigen, die die professionelle Bezugspflege ausmacht.

Bloß gelingt dies wirklich allen eine solche Position einnehmen zu können?

Cheers

Ingo :redface:
 
I

Ingo Tschinke

Themenstarter/in
Liebe Sr. Benedicta Arndt,

vielen Dank für den Hinweis auf die professionelle Distanz und die Begründung dazu. Ich pflichte der Meinung völlig bei, denn nur durch die professionelle Berufsauffaussung können wir mit solchen ethisch moralischen Fragen umgehen. Die Begründungsaspekte dürfen sich nicht so einfach nur - wie so häufig in der Gesellschaft erlebt und auch auf den Stationen, denn wir sind Teil davon - von Gefühlen leiten lassen. Es braucht mehr um alle Begründungsaspekte für eine moralischen Urteil heranzuziehen, wie Fakten, Gefühle, Kodizes, die moralische Kompetenz und das Gewissen. Die moralische Kompetenz ist m.E. ein wichtiges Werkzeug, in der sich "Fähigkeit, tolerant, verantwortlich und solidarisch zu handeln und zu urteilen zeigt" (Vossenkuhl, 1986)
Letztlich muß es jeder mit seinem Gewissen begründen können, warum er moralische Urteile in welcher Ausrichtung auch immer fällt.
Es hat schwierige moralische Diskussionen gekostet, bis wir als Team eine professionlle Gesamthaltung einnehmen konnten, die den Umgang in der dem Patienten adäquaten Weise ermöglichte.

Cheers

Ingo :redface:

[ 10. November 2002 22:39: Beitrag editiert von Ingo Tschinke ]
 
S

Sabine Kuhn

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Basis-Konto
01.08.2000
Hallo
ich stimme sehr wohl zu das die Pflege profisionell sein muß.
Ich halte mich nach 17 Jahren Berufserfahrung auch als profisionell.
Aber diese Patienten könnte ich nicht betreuen!
Ich habe 3 Kinder und wäre aus diesem Grund nicht in der Lage die Krankheit im Vordergrund zu betrachten sondern würde die Opfer sehen.

Da wäre wohl einer meiner Grenzen erreicht.

Grüße aus Berlin

Sabine
 
Qualifikation
Krankenschwester
Fachgebiet
chirurgische ITS
K

Kai-Uwe Klöting

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17.07.2000
44225
Hallo Sabine

Dieses Problem für dich zu erkennen und dann auch danach zu handeln zeugt doch von Profesionalität.Wenn du danach handelst und diesen Pat.einen anderen Kollegen überlässt ist dies m.E. O.K.
 
Qualifikation
Fachkrankenpfleger A+I
Fachgebiet
Anästhesie
I

Ingo Tschinke

Themenstarter/in
Hallo Sabine,

aber ist Ethik oder die Frage nicht immer etwas was uns an die Grenzen bringt mit der Frage, was gut oder böse ist?

Wichtig ist es in jedem Fall zu erkennen, ob es in dem Fall eigentlich möglich ist, sich selbst mit diesen Fragen auseinanderszusetzen, eine so große Distanz, von den eigenen Gefühlen, den Fakten und dem Gewissen, einzunehmen, dass man mit großer moralischer Kompetenz handeln kann. Das ist sehr schwer und hat nichts mit pflegerischer Kompetenz als solcher zu tun. Es es ist viel mehr eine Grundhaltung zur Ethisch moralischen Position, die man einnehmen kann. Viele Pflegende haben sich wenig mit solchen ethischen Fragen auseinandergesetzt, da auch nicht der Zwang dazu besteht. Du hast dich vielleicht eher mit der pflegerischen Frage um Tod und Sterben in der Ethik auseinandergesetzt, denn in der Intensivmedizin muß man sich diese Frage immer wieder stellen. Du wirst höchstwahrlich dich in Bezug auf die Frage zu Pflege der schwangeren Hirntoten Frau in Erlangen auseinandersetzen können, bei der viele Pflegende sich selbst gefragt haben, ob sie eine Tote oder eine Sterbende pflegen.

Schwierig ist die Auseinandersetzung mit Fragen der Ethik allemal, denn es gibt niemals allgemeingültige Antworten, sondern man ist von Fall zu Fall immer wieder zu Auseindersetzung gezwungen.

Cheers

Ingo :redface:
 
S

Sr. Dr. M. Benedicta Arndt

Mitglied
Basis-Konto
Dank für das große Interesse an der Frage nach den Zusammenhängen zwischen moralischem Handeln und persönlicher Einstellung. Obwohl Ethik eine philosophische Disziplin ist, wird unser Alltag von Fragen nach Werten und Normen immer wieder durchzogen. Das Heißt aber auch, daß wir unsere Empfindungen und Gefühle nicht einfach bei moralischen Entscheidungen "außen vor" lassen können. Es stellt sich eben konkret die Frage "Was haben Ethik und Psychologie miteinander zu tun?. Es gibt verschiedene Schulen, deren Antwort unterschiedlich gelagert ist. Im traditionell analytischen Sinn wird man Ethik und Psychologie voneinander trennen müssen. Im Konkreten Leben, wenn es um moralisches Verhalten geht, sind Kontext, Situation, Stimmungslage aller Beteiligten jedoch von großerethischer Bedeutung hinsichtlich der Entscheidungen, die wir zu treffen haben.
Einerseits sind Ethik und Psychologie voneinanader zu unterscheiden, andererseits, (gerade im Bereich feministischer Ethik) werden Gefühlen und persönliche Einstellungen als wesentlich betrachtet.

Wenn Sie mehr zu diesem Thema wissen möchten, gebe ich gern Literatur und weitere Hinweise. Bleiben wir momentan einfach bei der Habermaschen Diskursethik, die sich auf 4 Leitlinien bezieht: Empathie, Solidarität, Kommunikationj, und Kooperation. Alle vier Punkte einbeziehen emotionale Perspektiven, Gruß SrMB
 
Qualifikation
Pflegewissenschaftlerin, Ordensfrau
Fachgebiet
Kloster-Helfta
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Elke64

Mitglied
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02.11.2001
66117
Hallo zusammen,

auch wenn mein Arbeitsbereich als Krankenschwester speziell nicht eine psychatrische Klinik, sondern eine fachbezogene, chirurgische Abteilung ist, so denke ich gerade bei einem solchen Fall kommt man wohl um eine Diskussion aller Beteiligten sprich Pflegepersonal, Ärzte sowie Therapeuten nicht herum, um zu einem vernünftigen Konsenz zu kommen.

Zunächst einmal darf es uns als Pflegende hier sicherlich nicht darum gehen, jemanden zu verurteilen.
Wenn ich die Situation richtig verstehe, musste sich dieser Patient bereits juristisch gesehen verantworten.

Wobei ich zunächst unser Rechtssystem nicht in Frage stellen möchte.

Ziel dieses Aufenthaltes ist es ja, vordergründig zunächst einmal hier einen suizid gefährdeten Menschen zu stabilisieren.
Lediglich mit diesem Aspekt könnte ich mich anfreunden, wenn ich mich maßgeblich an der Betreuung dieses Patienten beteiligen müsste und das wäre nun einmal meine Aufgabe als Krankenschwester in dieser Situation, der ich mich alleine schon aus Sicht meines Arbeitgebers nicht entziehen könnte und dürfte.

Fragelich ist für mich allerdings inwieweit eine sich anschließende Therapie gerade in diesem Falle fruchtet?

Hier wird nicht nur die moralische Haltung von mir als verantwortungsvoller und eigenständiger Mensch eingefordert, sondern sicherlich auch eine gewisses ethisches Verständnis, gegenüber einer solchen Behandlung, ohne die analytische Psychologie in Frage stellen zu wollen, doch was ist letzendlich Ziel aller sich anschließenden Behandlungen?

Auch wenn hier davon gesprochen wird, Ethik und Psychologie zunächst einmal klar zu trennen, so stellt sich mir hier die Frage, wie gehe ich mit dem Thema Pädophilie allgemein um?

Macht es in einem solchen Fall tatsächlich Sinn eine Heilungschance für einen 42 jährigen Patienten als Ziel einer Therapie vor Augen zu haben?

Auch wenn ich tiefenpsychologisch unter Umständen das Verhalten eines solchen Menschen nachvollziehen könnte, so halte ich es doch für sehr fraglich gerade bei einem 42 jährigen Patienten hier eine Persönlichkeitsänderung herbei führen zu wollen, denn wann endet schließlich nach der Psychologie die Persönlichkeitsbildung?

Hier denke ich liegen die Grenzen von Heilung und beginnt meines Erachtens eher die Prävention, einmal zum Eigenschutz des Patienten und natürliche ganz vordergründig gegenüber den potenziellen Opfern sprich Kinder und Jugendliche.

Für mich wäre das z.B. keine unrelevante Frage, der man sich teamintern stellen sollte, da wie mir scheint, ja nicht nur in diesem speziellen Fall gerade das Pflegepersonal an seine moralischen und ethischen Grenzen zu stoßen scheint.

Ganz wichtig erscheint mir auch, dass man sich gerade innerhalb eines Teames hier lediglich einer Seite wittmen kann, in dem Fall dem Täter.
Auf dieser Station dürften folglich auch keine Jugendliche bzw. Kinder, die Opfer eines solchen Übergriffes wurden und ohne Frage ebenfalls einer psychologischen Behandlung in der Regel bedürfen, untergebracht sein, so etwas würde zu einer zusätzlichen Konfliktsituation für ein Team meines Erachtens führen.

Emotionalität zeichnet sich ja nicht nur durch Kooperation, Sympathie und Antipathie auf der kommunikativen Ebene aus, sondern wie ganz recht gesagt wurde auch durch Solidarität.
Hier würde ich unabhängig von meinem Geschlecht ganz enschieden an meine solidarischen Grenzen stoßen, und dies sicherlich nicht, da ich eine 38 jährige Mutter bin und mir bewußt ist, dass es fast unmöglich erscheint, Kinder und Jugendliche hier den nötigen Schutz vor pätophilen Übergriffen gerade im Zeitalter des Internets zu bieten und ich zusätzlich als Krankenschwester aktiv im Berufsleben stehe und somit auch eine moralische Verpflichtung gegenüber kranken Menschen habe.
Gerade hier wehre ich mich entschieden dagegen, von einer empanzipierten Ethik in der Krankenpflege zu sprechen.

Pädophilie betrifft schließlich nicht nur den männlichen Teil unserer Gesellschaft.
Verliert man hier nicht etwas den Aspekt aus den Augen, dass durchaus auch Frauen gibt, die von diesem Krankheitsbild betroffen sein können, auch wenn dies in der Presse gerne verschwiegen wird?

Unabhängig von diesem Einwurf, der vielleicht gerade bei dieser Thematik einmal gar nicht so unrelevant wäre, um ihn als Diskussionspunkt innerhalb des betroffenen Teams aufzugreifen, denn hier sind sicherlich beide Geschlechter gleichermaßen betroffen, interessiert mich natürlich allgemein, inwieweit man in der Literatur von emanzipierter Ethik in der Krankenpflege spricht?

Mit freundlichen Grüßen

ginny

[ 25. November 2002 04:03: Beitrag editiert von ginny ]
 
Qualifikation
examinierte Krankenschwester
Fachgebiet
Innere Gastro /Psychosomatik
I

Ingo Tschinke

Themenstarter/in
Hi Ginny,

vielen Dank für deine Gedanken zu dieser ethischen Frage. Wie du schon ausführst ist es schwierig, die eigene "private" Einstellung zu moralischen Fragen in der Professionellen Tätigkeit dermaßen zu abstrahieren, dass sie mit den ethischen Vorstellungen eines Berufskodex in Einklang zu bringen ist. Dies kann nur gelingen, wenn man dies Abstraktionsleistung vollbringen kann, ohne einen Verlust an persönlicher Integrität. Dabei kommt der Selbstreflektion in der Arbeit eine sehr wichtige Rolle zu. Trotzdem muß immer ein Diskrimminierungsverbot gelten, sowohl gegenüber dem Patienten, als auch gegenüber denjenigen, die sich einem Teambeschluss moralisch nicht anschließen können, da sie ansonsten einen Verlust der eigenen moralischen (religösen) Überzeugung und Integrität verlustig gehen können.

Das man jemand der Pädophile Straftaten begangen hat, von denjenigen fernhält zu denen seine Wahrnehmungsfähigkeit massiv gestört ist, versteht sich von selbst. Man würde einen Alkoholiker auch nicht zum Entzug in eine Kneipe schicken.

Die anschließende Behandlung ist ein schwieriges Thema, bei dem man sich nicht nur einfach von Gefühlen leiten lassen darf, mit der Frage, ob die Therapie Sinn macht oder nicht. Es muss jedem Individuum die Möglichkeit zur Behandlung und Therapie eingeräumt werden, dass gebietet die Fairness und der utilitaristische Gleichheitsgrundsatz. Auch wenn nach utilitaristischen Gründen immer das Gemeinwohl aller im Vordergrund steht, erst wenn der Aufwand in einem nicht mehr zu vertretbarem Gegensatz zum Gemeinwohl steht ist es (natürlich nach Prüfung der individuellen Fragestellungen) abzulehnen. Das heißt letztlich es ist eine moralisch-gesellschaftliche Frage, ob wir an unseren ethischen Vorstellungen festhalten oder nicht, auch wenn - gefühlsgeleitet - eine Straftat begangen unter psychischen Ausnahmezuständen zu verurteilen wäre.

Einen Patienten hier ohne Hilfe zu lassen - also zu sagen, wenn er sich umbringen will, so werden wir ihn nicht abhalten - beinhaltet den Strafbestand der "unterlassenen Hilfeleistung" (§ 323c StGB).

Wie ich am Anfang schon ausgeführt habe sind solche ethischen Fragen, äussert schwierige Fragen.

Cheers

Ingo :redface:
 
E

Elke64

Mitglied
Basis-Konto
02.11.2001
66117
Hallo Ingo,

etwas scheinst du mich falsch verstanden zu haben, daher möchte ich meine Antwort noch etwas konkretisieren.

Wenn ich über denn Sinn einer Behandlung eines 42 jährigen Pädophilen nachdenke, so halte ich mich durchaus n i c h t für gefühlsgeleitet.

Pädophilie ist eine Krankheit, bei der, wie du zurecht ausführst, die Wahrnehmungsfähigkeit zu einer speziellen Personengruppe, nämlich Kinder, aufgrund einer fehlgeleiteten Persönlichkeitsentwicklung massiv gestört ist.

Therapieansätze, mit dem Ziel einer Heilung nach den Ansätzen der analytischen Psychologie wären in dem Fall lediglich dann sinnvoll, wenn die Persönlichkeitsstruktur eines Menschen noch nicht vollständig abgeschlossen ist, folglich bei jüngeren Patienten.

Sicherlich gebietet auch diesem 42 jährigen Patient eine Therapie, sie sollte aber meines Erachtens hier auf die Prävention ausgerichtet sein, wobei natürlich die Gradwanderung des Patienten beginnt: wie geht er innerhalb einer Gesellschaftsstruktur mit seiner Krankheit um? hier liegt wohl eine sehr hohe Anforderung gegenüber den Personen, die maßgeblich an einer solchen Therapie beteiligt sind.

So etwas sehe ich nicht als Diskriminierung einer Patientengruppe an, sondern als professionellen Ansatz, bei dem man sich die analytische Psychologie zu nutze macht und sich letztendlich nicht hinter der Moral einer Gesellschaftsform zu verstecken braucht und sich besonders in einem solchen Fall auch nicht verstecken darf, denn damit würde man das suizidale Verhalten dieses Menschen sicherlich nicht in den Griff bekommen.

Respekt gebühre ich jedem Menschen, der seine eigenen Grenzen kennt bzw. in diesem Fall kennen lernt und damit in seinem weiteren Leben den Respekt vor seinem Nächsten wahrt.

Mit freundlichen Grüßen

ginny
 
Qualifikation
examinierte Krankenschwester
Fachgebiet
Innere Gastro /Psychosomatik
I

Ingo Tschinke

Themenstarter/in
Hallo Ginny,

vielleicht liegt es einfach daran, dass es zu dem Missverständnis kam, weil wir etwas aneinander vorbei geredet haben und ich vermutet habe, das du etwas anderes meinst.

Dazu vielleicht erstmal etwas zu klinischen Psychologie. Es gibt in der Behandlung zwei Möglichkeiten (im Grunde gibt es mehrere, aber die genannten, sind die die KK bezahlt) - mit dem analytischen Therapie und der Verhaltenstherapie. Dazu führst du aus: <BLOCKQUOTE>quote:</font><HR>
Therapieansätze, mit dem Ziel einer Heilung nach den Ansätzen der analytischen Psychologie wären in dem Fall lediglich dann sinnvoll, wenn die Persönlichkeitsstruktur eines Menschen noch nicht vollständig abgeschlossen ist, folglich bei jüngeren Patienten.<HR></BLOCKQUOTE>

Das ist leider falsch. Die Psychoanalyse arbeitet daran verschüttete Traumata aufzuarbeiten, unterbewußtes hervorzuholen und das Trauma zwar wieder zu erleben, aber es diesmal bearbeitet zu können. Dies findet meistens bei Menschen jenseits der dreißig oder älter statt, wenn die Persönlichkeitsbildung abgeschlossen und sich bestimmte Verhaltensweisen stark manifestiert haben. Man arbeitet selten mit jüngeren Menschen mit analytischen Ansätzen, sondern verwendet die behaviorale Therapie (z.B. beim Borderline Syndrom) oder die Verhaltenstherapie (z.B. bei Phopien oder Angstneurosen).

Die Verhaltenstherapie wird eher symptomatisch verwandt, man versucht nicht zu erruieren, worin der kausale Zusammenhang der psychischen Störung besteht, sondern versucht an dem Symptom - z.B. der Angst, der Wahrnehmungsverzerrung etc. zu arbeiten.

Letztlich hat man folgende Resultate, bei der Analyse weiß man woher es kommt, hat aber das Symptom immer noch, bei der VT hat man etwas gegen das Symptom getan, hat aber keine Schimmer, was man verdrängt hat.

Bei der Therapie von Pädophilien kann man sowohl analytisch, als auch verhaltenstherapeutisch arbeiten, meisten verwendet man einen Mix aus beiden. Z.B. muss ein Pädophiler lernen, seine Erkrankung wie eine Sucht zu begreifen, der er nicht nachgeben darf und sich nicht in Versuchung bringen sollte, d.h. wie ein Alkoholiker Saufpartys und Kneipen meiden sollte, so muß er dies mit Kindern, Kindergärten, Spielplätzen, eigenen Kindern etc. erlernen.

Nun aber grundsätzlich zu der psychiatrischen Versorgung. Der Patient war in einer akuten Krise der suizidalität und dann wird man weder analytisch (was zu einer weiteren Destabilisierung und damit erst recht zum Suizid führen würde, wenn man diesem Menschen analytisch vor Augen hält, warum sein Leben so vergurkt ist), noch Verhaltenstherapeutisch arbeiten. Es geht, unabhängig davon was er getan hat, nur darum ihn dermaßen zu stabilisieren, dass er sich den Konsequenzen seines Handelns stellen kann.

Später im Knast - so z.B. in Norddeutschland in der Strafanstalt Santa Fu in Hamburg - werden diese in der oben beschriebenen Form behandelt, sollten sie klar strafmündig sein. Sind sie es nicht, so landen sie in der Forensik in einem der Landeskrankenhäuser für Jahre hinter Gittern.

Cheers

Ingo :redface:
 
S

Sr. Dr. M. Benedicta Arndt

Mitglied
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Hallo Ginny, Hallo Ingo, Eure Diskussion hat ein sehr hohes Niveau und ist inhaltlich ganz auf die Problematik, des hier angesprochenen Falles ausgerichtet.
Doch zeigt sich gerade an der Situation dieses Falles wie schwierig es manchmal sein kann, auf der "Ethikschiene" zu fahren. Wir gebrauchen immer wieder Argumente aus anderen Wissenschaften (Medizin, Psychologie, Psychiatrie, auch Pflegewissenschaft) um unsere Positionen zu klären, und damit dann auch Hilfen zu bekommen, eine moralische Entscheidung zu treffen.
Ich bin sehr dankbar, dass an diesem Beispiel deutlich wird, wie wichtig "Fakten" sind, wenn es um die Ethik geht.
Allerdings ist es bedeutsam. diese "Fakten" im Rahmen einer Ethikdiskussion auch als solche zu betrachten und zu verstehen, daß sie selbst eigentlich nur Hilfen darstellen für unsere Argumente.

Ich sehe es ein wenig als meine Aufgabe an, auf solche Zusammenhänge hinzuweisen. Hier wird aber auch deutlich, daß die Pflege als Wissensgebiet UND praktisches Handlungsfeld eine Sonderposition einnimmt in Bezug auf andere Wissenschaften und in ihrer Beziehung zur Ethik: Ich möchte die Position vertreten, daß
1. Pflege (Wissenschaft)anders zu beurteilen ist als zB Psychychologie
2.) Pflege in sich selbst moralische Bedeutung hat - eben WEIL es hier nicht mehr um Argumente geht sondern um konkretes Tun mit und an Menschen.

Hier also ist persönliche Verantwortung im Spiel, die sich -
wie unsere Pädophilie-diskussion zeigt aber immer wieder auf die Ergebnisse anderer Wissenschaften als Fakten berufen muß.
Hieraus ergibt sich genau DIE Verantwortung im Bereich der Pflege, die uns zu Pflege als Wissenschaft führt.

Eure Diskussion hat das sehr deutlich demonstriert, dafür möchte ich danken.
SrMB
 
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Pflegewissenschaftlerin, Ordensfrau
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Kloster-Helfta
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charleene

Themenstarter/in
Bis vor kurzem habe ich mich nicht wirklich mit dem Thema bezüglich der Pflege auseinandergesetzt.

Vor einiger Zeit ist in unserem Altenheim ein Mann ca. 80 Jahre eingezogen. Wir wußten zwar von seinem Alkoholabusus aber nicht, daß er im Rausch seine Tochter mißbraucht hat und sich nichteinmal mehr daran erinnert. Beiläufig hat man es uns erzählt. Für mich persönlich hat sich an der Art und Weise meiner Pflege bezüglich dieses Bewohners nichts geändert. Andere Kollegen sind erfolglos zur Heimleitung gegangen und haben sich dafür eingesetzt, daß diesem Menschen der Heimvertrag gekündigt wird.

Ist er nun ein anderer Mensch geworden, nur weil man einen (wenn auch abartigen) Teil seiner Vergangenheit kennt? Genau so gut könnte man die Pflege derer verweigern, die sich nicht aktiv gegen den II. Weltkrieg gestellt haben.

charleene
 
S

Sr. Dr. M. Benedicta Arndt

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Hallo Charleene, Dank für Ihren Beitrag zu diesem Thema. Ich denke, es ist besonders wichtig, zu sehen, daß wir unsere Pflege nicht abhängig machen können von einer "Bewertung" unserer Patienten und Bewohner. Wo fingen wir an? Die Frage, ob ein Mensch unsere pflegerische Zuwendung "verdient" ist eigentlich gar nie zu stellen. Das heißt natürlich nicht, daß der Lebenshintergrund eines Menschen uns gleichgültig sein muß. Aber höflich, freundliche und zurückhaltende Ansprache ist für jeden Patienten angemessen und richtig. Auch hierin zeigt sich die Wertschätzung, die wir dem Leben und damit jedem Menschen entgegenbringen. Eine solche Haltung mag auch helfend und heilend sein für einen Mann, der mit diesen Erfahrungshintergrund, seine Tochter verletzt zu haben - leben muß. Es ist sicherlich nicht unsere Aufgabe, in der pflegerischen Beziehung psychotherapeutisch zu wirken, doch sollten wir offen sein für ein Hilfeangebot (Vermittlung einer Expertin, eines Experten) sollte dieser Patient einen Wunsch in diese Richtung signalisieren.Text
 
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Pflegewissenschaftlerin, Ordensfrau
Fachgebiet
Kloster-Helfta
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Sabine Kuhn

Mitglied
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01.08.2000
Hallo

irgendwie habe ich hier Schwierigkeiten eine klare Haltung zu bekommen.
Viele Beiträge kann ich nachvollziehen bis unterstützen.
Mein Problem mit dieser Thematik liegt auch nicht nur in der Pflege sondern in der gesellschaftlichen Auseinandersetzung mit diesem Thema...Problem.

Erst letzte Woche war auf dem Schulweg meiner Kinder wieder ein Mann der sein Genital den Kindern zeigte und auch einige Mädchen festgehalten hat.

Ich bin entsetzt und gelähmt. Will ich meine Kinder doch lebensfroh und zur Selbstständigkeit erziehen machen diese Menschen es mir unmöglich ohne Angst zu leben.

Was sind wir für eine Gesellschaft in der wir unsere Kinder nicht schützen können.
Wie geht es Euch denn wenn Ihr einen Mann betreuen sollt der Kinder Pornographisch miß braucht...Kinderhandel betreibt oder sogar Kinder verkauft die dann bis zum Tode mißhandelt werden.

Kann Pflege wirklich soweit gehen das ich dann immer noch mit Würde und Respekt diesem Menschen gegenüber trete?
Ich wäre dann wirklich nicht in der Lage z.B. seine Angst zu begleiten. Wenn er mir sagt er hat Angst vor Spritzen und vor einiger Zeit ein Mädchen vergewaltigt hat...ich mag gar nicht daran denken.

45 Vergewaltigungen im Jahr in Berlin
878 sexuelle Belästigungen von Kindern
darin sind nicht die familiären Übergriffe enthalten.
Mich macht es so unendlich wütend und traurig ohnmächtig.......

Wenn ich nun diesen Mann betreuen sollte muß er einfach mit meiner inneren Haltung sich konfrontrieren.
Das ist auch menschlich aber nicht pflegerisch korrekt...stimme ich Euch zu!
Ich würde die Grundversorgung verrichten, aber ich hätte bestimmt keine Freude daran.
Ich müßte mich zusammenreißen keine Bemerkungen zu machen...auch das würde ich schaffen.
Es wäre eine schwere Zeit für mich diesem Menschen zu betreuen und ich würde jeden Weg suchen diesem aus dem zu entgehen.

Ich glaube gerade bei dieser Diskussion könnte ich meinen Beruf nicht über meine private Einstellung stellen.
Ich hoffe das ich niemals in diese Situation komme !

Meine Vorderung dazu wäre den Pflegenden auch eine Entbindung der Pflege zu gewähren und zwar wegen Befangenheit!

Dieses Thema in einen neuen Rahmen würde ich sehr interessant finden, da viele meiner KollegInnen entgegen ihrer Möglichkeiten sich die Betreuung von Patienten stellen.
Das ist nicht immer gut für beide Seiten und führt bestimmt auch dazu das die Fluktuation aus dem Beruf so hoch sind.

Ich als Pflegender habe meine Grenzen und die sollte ich auch respektieren.


Ein sehr emotionaler Beitrag, aber ich kann nicht wissenschaftlich mit diesem Thema umgehen

Grüße aus Berlin

Sabine Kuhn

[ 07. Dezember 2002 11:09: Beitrag editiert von Sabine Kuhn ]
 
Qualifikation
Krankenschwester
Fachgebiet
chirurgische ITS
S

Sr. Dr. M. Benedicta Arndt

Mitglied
Basis-Konto
Danke, Sabine für Ihren Beitrag, ich finde es sehr gut, dass Sie das Problem der Zwiespältigkeit so klar benennen. Natürlich kann kein Mensch eine Pädophile Handlung gut heissen. Und ich denke auch als Pflegepersonen sollten wir dies klar stellen, besonders wenn es um eine Situation ginge, in der ein Tatbestand so eindeutig ist, wie Sie es geschildert haben. Es wäre sicherlich nicht richtig, einem Patienten Sympathie vorzuspielen, wenn sich Ihr Magen umdreht. Patienten sollten nicht den Eindruck gewinnen, dass wir emotionslose Automaten sind. Wichtig fände ich es, dass wir im Team über solche Situationen sprechen können, auch die Möglichkeit finden unsere Sorge, Angst, ja auch Hass und Abneigung auszusprechen. Auch das sind moralische Aspekte unseres Berufes. Und dass sich oftmals Positionen nicht vereinbaren und zusammenbringen lassen müssen wir ertragen. Auch die Ethik wird nicht alle Probleme lösen. Das Aushalten als menschliche Qualität hat dann auch einen wichtigen Platz in unserer beruflichen Haltung. Nochmals anke, SrMB, Eisleben
 
Qualifikation
Pflegewissenschaftlerin, Ordensfrau
Fachgebiet
Kloster-Helfta
P

PsychoNurse

Neues Mitglied
Basis-Konto
29.12.2002
Hallo zusammen,

ich habe mich nicht zuletzt wegen dieser Diskussion dazu entschlossen, Mitglied im Forum zu werden. Ich selbst bin Fachkrankenpfleger für Psychiatrie und arbeite auf einer forensischen Station. Auch mit Pat. die in unterschiedlichen Formen andere sexuell mißbraucht haben. Von daher hat mich gerade dieser Thread sehr interessiert.

Wenn ich es richtig verstanden habe, dann ist Ingo nicht in der Forensik? Oder doch?

Das ändert m. E. nämlich einiges.

Einen solchen Pat. auf der allgemeinpsychiatrischen Station eben so mitzubetreuen stelle ich mir extrem schwierig vor.
Schon allein wegen der Sicherung (welcher Paragraph?).

Ich habe beim Lesen dieser Diskussion auch das Gefühl bekommen, dass sich einige Dinge vermischen. Auf der einen Seite die sicherlich berechtigte Diskussion über die eigenen Grenzen, der Berufsethik, dem Hinterfragen der Handlungen des Patienten.

Auf der anderen Seite ist dann aber auch die Frage nach einer möglichen Heilbarkeit dieser Störungen aufgeworfen worden. Diese Frage ist schwer zu beantworten und hängt sicher von vielen Einzelfaktoren ab. Eine recht gute Einstiegsinfo erhält man aber auf http://www.m-ww.de/sexualitaet_fortpflanzung/lexikon/index.html.

Übrigen spielen Frauen als Täter meines Wissens praktisch keine Rolle. Eher in der Hinsicht, daß sie (ihre) Kinder anderen zum Mißbrauch zuführen, bzw. wissentlich nichts dagegen unternehmen. Dies liegt leider oft daran, daß der Mißbraucher der Ehemann/Lebenspartner ist.

Ich würde es wichtig finden zu wissen, worüber man diskutiert. Also über das etische Problem, wie man so einem Menschen gegenübertritt, oder darüber, wie solche Störungen am besten behandelt werden.

Allen einen guten Rutsch

P.N.
 
Qualifikation
Krankenpfleger für Psychiatrie
Fachgebiet
Forensik, §63
P

PsychoNurse

Neues Mitglied
Basis-Konto
29.12.2002
Jetzt muß ich noch was nachschieben,

ich habe leider die zweite Seite mit dem sehr interessanten Beitrag von Sabine Kuhn zuerst nicht gesehen.

...Wenn ich nun diesen Mann betreuen sollte muß er einfach mit meiner inneren Haltung sich konfrontrieren...

Genau, so sollte es sein. Die eigenen Gefühle sind ein wichtes Instrument in der Behandlung solcher Menschen. Es schon einmal erwähnt worden, daß es bei diesen Störungen starke Parallelen zu Suchterkrankungen gibt. Da ist dann ja auch die Konfrontation das Gebot. Konfrontation heißt aber nicht die eigene Entrüstung ungefiltert dem Patienten mitzuteilen, ihn fertig zu machen (habe ich alles schon erlebt), sondern zu sehen: Wo steht er, wieviel hält er aus, wieviel kann er im Moment zulassen.....

Man darf nicht vergessen, daß man versucht ein Ziel zu erreichen. Wenn man taktische Fehler begeht, wird die Zielerreichung eher noch erschwert. Es geht nicht darum zu sagen: Er hat ein Mädchen vergewaltigt, dann muß er schon alles aushalten. Er muß freilich vieles aushalten, aber die Dosis ist entscheidend.

Ich möchte nicht mißverstanden werden. Jedes Kind ist eines zuviel, diese Taten sind falsch und schädigen die Betroffenen oft ein Leben lang. Aber man darf den Täter nicht (seelisch) vernichten wollen, weil das am Problem überhaupt nichts ändert. Eine harte Konfrontation ist sicher notwendig, aber sie sollte immer mit der Zielsetztung einer positiven Enwicklungsperspektive beim Täter verbunden sein.

...Ich glaube gerade bei dieser Diskussion könnte ich meinen Beruf nicht über meine private Einstellung stellen.
Ich hoffe das ich niemals in diese Situation komme...

Muß man auch nicht. Eine der wichtigsten Voraussetzung konstruktiv mit solchen Menschen zu arbeiten ist Kongruenz, also die Übereinstimmung von Gefühl und Handlung. Eine Unstimmigkeit hierbei spüren die Patienten sowieso sehr schnell.

Völlig unbeachtet ist hierbei außerdem bisher die Diagnose geblieben. Es gibt ja nicht nur eine Sorte Pädophile. Eine genaue Abgrenzung ist hier absolut notwendig (Zusammenarbeit mit anderen Berufsgruppen), das sich dann in der pflegerischen Beziehungsgestaltung einiges änderen kann.

Nebenbei bemerkt sollte man m. E. auch lieber das Wort pädosexuell benutzen, weil der erste Begriff den Tatbestand völlig verharmlost.

Ich würde mich freuen an diesem Thema weiterzudiskutieren

guten Rutsch

PsychoNurse

p.s.: An Sabine Kuhn, ich bin selbst Vater von 2 Kindern, ich kenn diese Situation.
 
Qualifikation
Krankenpfleger für Psychiatrie
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Forensik, §63
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