Ökonomie und Ethik

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Sabine Kuhn

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01.08.2000
Hallo
im Forum Pflegkonzepte hat eine Diskussion zum Thema Basale Stimulation und Vertrauen stattgefunden.
Es gab viele interessante Themenansätze die ich gern weiter zur Diskussion stellen möchte!


Andreas Linz schrieb

Ökonomie ist nicht unethisch, das Problem liegt in unterschiedlichen Betrachtungen. Hier ist Nähe und Distanz das Thema:

quote:
------------------------------------------------------------------------
Original erstellt von Breyer, Zweifel Gesundheitsökonomie:[qb] [...] Weiterhin ist zu berücksichtigen, dass bei vielen öffentlichen Entscheidungen nicht "identifizierte", sondern " statistische Leben " auf dem Spiel stehen. Im Falle einer akuten Lebensgefahr für bestimmte, also identifizierte Menschen, wie in dem Grubenunglück-Beispiel wird von den verantwortlichen Politikern allgemein verlangt, keinen Aufwand zur Rettung der Verunglückten zu scheuen - vermutlich in dem Bewußtsein, daß selbst der maximal mögliche (erfolgversprechende) Aufwand nur einen geringen Prozentsatz des Sozialprodukts aufzehren kann. Nehmen wir an, er betrage 10 Millionen DM pro Eingeschlossenem. Dann folgt daraus nicht zwingend, daß die Bevölkerung damit einverstandn wäre, daß die Regierung den gleichen Betrag ausgibt, um z.B. ein Risiko von 1 zu einer Million von einer exponierten Einwohnerzahl von einer Million Personen abzuwenden. "Statistische" Leben erregen nämlich weitaus weniger Emotionen als identifizierte. [...] (s. 23f)[/QB]
------------------------------------------------------------------------

Die Menschen Eurer Beispiele, mit welchen Ihr arumentiert sind durch die Nähe der täglichen Praxis identifizierte Leben. Daher fällt es Euch schwer, ökonomischen Betrachtungen zu folgen. Der Versuch löst Stress aus, dem man entgehen kann, in dem das Thema völlig negiert wird. Mein Verständnis dafür hilft aber nicht weiter. Hier ist derjenige im Vorteil, welcher emotionale Distanz erreicht hat. Dies kann aber auch dazu führen, dass in Bereichen Probleme auftreten, in denen Nähe gefragt ist, z.B. während einer Sterbebegleitung.

Wie ist Eure Meinung dazu und welche Gedanken habt Ihr dazu

Gruß

Sabine Kuhn

[ 12. Mai 2003 20:33: Beitrag editiert von Sabine Kuhn ]
 
Qualifikation
Krankenschwester
Fachgebiet
chirurgische ITS
C

Claudi

Mitglied
Basis-Konto
28.04.2002
Habe hier gerade das Stern-Interview mit Horst Seehofer (11/2002, nach neuen Wochen Krankenhausaufenthalt). Zitat: "Als Patient sieht man die Dinge anders". :D

Beispiele, in denen der Ex-Bundesminister seine eigenen Aussagen von früher revidierte, drehten sich zum Beispiel um angeblich überflüssige Herzkatheter ("Ich habe selbst eine solche Studie in Auftrag gegeben...Aber wenn Sie dann krank sind, und wenn unklar bleibt, ob Sie nicht doch einen dauerhaften Herzschaden haben...Die Untersuchung ist ja zudem wichtig für die Therapie.") und die oft kritisierten Doppeluntersuchungen ("im Krankenhausbereich müssen wir mit diesem Pauschalvorwurf wesentlich differenzierter umgehen...als dies in der öffentlichen Diskussion - wenn Gesunde über Kranke reden - geschieht. Ich glaube, dass es genau das Notwendige war, was man mir zugemutet hat, und habe den Eindruck, dass im Krankenhaus gezielt, maßvoll und human gearbeitet wird. Gerade was Menschlichkeit, Trost und Aufmuntern betrifft, das ist fantastisch." :eek:

Solche Töne von einem Politiker!!! :redface: :redface: :redface:

Soviel zum Thema "statistische" contra "identifizierte" Personen.

Mir ist klar, das ethische Frameworks (wie heißt das auf Deutsch?) Entscheidungen auf einer distanzierten Basis, ohne Berücksichtigung persönlicher Ansichten, ermöglichen. Trotzdem halte ich Ausdrücke wie "statistische Persönlichkeiten" für ethisch fragwürdig. So ein Ausdruck implementiert, die Menschen gäbe es nur auf dem Papier. So ein Patient ist mir aber noch nie untergekommen.
 
Qualifikation
Krankenschwester, Mentorin
Fachgebiet
Hämatologie/Onkologie
E

Elisabeth Dinse

Gesperrter Benutzeraccount
13.08.2000
00000
Hallo Claudia, hallo Sabine

Ethik in der Pflege- Ökonomie in der Pflege. Wie teuer ist Humanität? Wie teuer darf Menschlichkeit sein?

Wir reden hier von sehr viel Geld- Geld das der Bürger für einen ganz bestimmten Zweck angelegt wissen will. Aber: Pflege / Gesundheitswesen- das gibt es nicht zum Nulltarif.

Wenn wir etwas bewegen wollen, müssen wir uns auch so schmerzhafte Fragen wie der Kosten- Nutzen- Frage stellen. Und um die beantworten zu können, brauchen wir nun mal Zahlen (siehe meine Fragen an Andreas).

Wieviel Pflege braucht der Mensch? Bestimmen wir nicht derzeit wieviel Pflege für den Patienten gut ist, kraft unser Ausbildung? Wo kommen die Patientenwünsche in der Pflegeplanung vor? Will wirklich jeder Patient jeden Tag eine gründliche Körpereinigung (und das unter Umständen zu nachtschlafener Zeit)?

Wie wollen wir mit der Forderung der Bevölkerung, nicht alles machbare stets machbar zu machen, umgehen- Patientenverfügung?
Wie gehen wir damit um, wenn Pat. mit infauster Diagnose noch alle "Segnungen" der Intensivmedizin genießen dürfen auf Wunsch der Angehörigen?

Wieviel will der Kunde Patient überhaupt für welche Leistung im Krankenhaus ausgeben? Momentan siehts nicht so aus, als wenn er bereit ist viel Geld in professionelle Pflege zu stecken. Profesionelle Pflege, die ihre Tätigkeit in "Drehbüchern" genannt Standard abbildet. Tätigkeiten, die z.T. jeder Laie mit etwas Empathie ohne Anleitung kann: Waschen, Essen anreichen, Trocken legen.

@Sabine, welcher zukünftige Patient kennt Pflegemethoden wie Bobath, Kiästhetik, Basale Stimulation, Aromatherapie etc.. Und zwar nicht nur dem Namen nach, sondern mit dem Inhalt- damit er entsprechende Forderungen überhaupt erst mal stellen kann und weiß wofür er die Pflegekraft da bezahlt. Bitter- aber es ist so.
In diesem Sinne kann debatieren mit Andreas auch sehr hilfreich sein. Er öffnet einem (wenn auch nicht gerade nett ;) ) die Augen für andere Horizonte, die es auch zu beachten gilt.

Elisabeth
 
Qualifikation
KS, PA BasStim, FS A/I
Fachgebiet
IBFW
A

alinz

Hallo Elisabeth,
<BLOCKQUOTE>quote:</font><HR> In diesem Sinne kann debatieren mit Andreas auch sehr hilfreich sein. Er öffnet einem (wenn auch nicht gerade nett ) die Augen für andere Horizonte, die es auch zu beachten gilt.<HR></BLOCKQUOTE>

Danke, das ist aber zu viel der Blumen. Dein Zusatz in den Klammern hat seine Ursache darin, dass der Mensch es gewohnt ist mit allen Sinnen zu kommunizieren. Hier bin ich ein Behinderter, sowohl als Sender als auch als Empfänger. Wir neigen dazu das Gehörte und Gelesene zunächst darauf zu taxieren, welcher Anteil auf der Beziehungsebene liegt und dann, wenn wir es noch können, auf den Inhalt zu untersuchen. Das schafft Probleme - alle meine geschriebenen Worten meinen niemals die Person. In der direkten Ansprache ist das argumentative Verhalten im Vordergrund, so z.B. auch beim Vergleich BS & Esotherik. Sei Dir eines sicher, man mag verschiedener Meinung sein, es ändert aber nichts daran, das der Kollege und Mensch, mit welchem diskutiert wird, als solcher angenommen ist. Wäre dem nicht so, dann zeigt sich nur Narzismus des Schreibers, welcher in die eigenen Worte verliebt ist.

Back to Topic:

Ich habe zu einem früheren Zeitpunkt schon einmal geschrieben, dass es um Verteilung knapper Ressourcen geht. Es kann nicht nach dem Motto "Jedem das seine, mir das meiste" laufen. Ich weis, dass es keine Gerechtigkeit, was auch immer das sein mag, gibt, es gibt aber eine Möglichkeit, sich dem zu nähern. Ich nenne dies jetzt einmal "Gleichverteilung". Diese ist nur über das Verhalten eines jeden dem anderen gegenüber erreichbar.

Ich kann jederzeit definieren, was möglich sein soll. Das heißt aber nicht, dass das Mögliche auch nötig ist und dem auch ein entsprechender Gegenwert vorhanden ist. Wir sind alle der Meinung, Gesundheit sei das höchste Gut, müssen aber in gesunden Zeiten gezwungen werden, vorzusorgen (Versicherungspflicht). Sind wir nun krank, fehlt die Bereitschaft zu teilen - auch weil nicht transparent ist, das der Wert der Leistungen, den Wert der eigenen Beiträge übersteigt. Daraus folgen Eigenbeteiligungen, ansonsten würden wir sehr schnell die Beiträge anderer aufzehren.
Wenn wir also nur das Mögliche (Maximum) als Anspruch definieren, verlieren wir den Gegenwert aus dem Auge.
Wir haben einen Anspruch auf Leistungen der SGBücher, da wir mit unseren Beiträgen aber nur die jeweils aktuellen Entnahmen mindern, wird niemand sagen können, welcher Wert in Geld, dem Anspruch gegenübersteht. Es kann also sein, das wenn kein "Konsumverzicht" (Sparen) eintritt, der Wert unseres Anspruches, z.B. der Rente Null ist. Daraus folgt auch, dass wir keine optionalen Leistungen als absoluten Anspruch definieren dürfen.

BTW: Ich komme gerade aus Berlin wieder zurück und sah den Luxus eines Obdachlosen unter einer U-bahn Brücke. Er hatte nichts als ein Bett - tatsächlich ein Bett!

MfG, Andreas Linz
 
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05.07.2001
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