Haftungsrecht Neues Gesetz zur Zwangsbehandlung - Umsetzbarkeit/ Vorteile / Nachteile

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Crossover

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17.01.2011
Kiel
Hallo liebe Kollegen.

Vorrausschickend möchte ich zugeben, dass mir bisher zum Thema Zwangsbehandlung und gerade derer Rechtsgrundlagen nicht viel bekannt war. Ich belege aber gerade eine Schulung zum PDL und letztens hatten wir das Thema Zwangsbehandlung. Dort erklärte uns die dozierende Rechtsanwältin, dass Zwangsbehandlungen nur noch in der Psychiatrischen Klinik und auch dort nur noch unter bestimmten Bedingungen möglich sei. Ausgenommen seien die Freiheitsentziehenden Maßnahmen, für die nach wie vor ein richterliches Gutachten und Genehmigung notwendig sind.

Hier eine Quelle: Zwangsbehandlung

Hier ein Artikel dazu: Psychiatrie: Zwangsbehandlungen als letztes Mittel | Gesellschaft | ZEIT ONLINE

So, nun zu den wichtigen Punkten, die unsere Dozentin angeführt hat und aus denen sich verschieden Fragestellungen ergeben (hier möchte ich noch anführen, dass jede unterbrochene Pflegemaßnahme dokumentiert werden muss damit wir Pflegekräfte und der AG haftungsrechtlich abgesichert sind, Zeugen, zb. Pflegehilfskraft, die den Eintrag gegenzeichnet sind noch besser):

Explizit habe ich den Hinweis "nur in der geschlossenen Psychiatrie" beim Überfliegen des neuen Gesetzes noch nicht gefunden aber wie gesagt, ich habe bislang nur überflogen.

- Allerdings bestand die Rechtsanwältin darauf, dass es für PK im Pflegeheim, Krankenhaus und in der Ambulanz selbst mit ärztlicher oder Betreuer-Genehmigung (die kennen sich ja auch nicht immer so aus) nicht machbar ist eine Zwangsbehandlung durchzuführen.

- Bewusster Wille: Wenn der Patient zustimmt ist es keine Zwangsbehandlung mehr. Ist er völlig orientiert und unbeeinträchtigt (eine geistige Beeinträchtigung muss ja sowieso erstmal ein Arzt feststellen) muss ich die Ablehnung akzeptieren.

-Natürlicher Wille: Es gibt aber Patienten, die verbal oder nonverbal in eine Behandlung zustimmen, egal ob sie die Situation nach nach Beratung durch die PK einschätzen können oder nicht, dann aber körperliche Abwehrmaßnahmen ergreifen und Schlagen oder die PK wegschieben, etc. Das ist dann ein natürlicher, mitunter unbewusster Wille und auch der ist für uns PK und alle beteiligten zu beachten. Bei Abwehrmaßnahmen haben wir also die Durchführung zu unterlassen.

-Ausweg: Bei wiederholter Ablehnung der Bahndlungspflegemaßnahme sei der Betreuer zu informieren und die Empfehlung abzugeben, ihn in eine geschlossene psychiatrische Einrichtung einweisen zu lassen, damit er dort seine Behandlung bekommt. Ausgenommen natürlich der klar orientierte Patient.

So.... . Generell finde ich das Gesetz eine prima Sache. Berichte über Gewalt in der Pflege fand ich schon immer furchtbar aber was ist mit den "kleinen alltäglichen Gewaltausübungen zum Wohl des Patienten"? Ich stelle mir die Umsetzbarkeit des Gesetzes sehr schwer vor. Hier ein paar völlig alltägliche Beispiele:

1. Was ist mit dem verwirrten Patienten, der seine Insulinspritze selbst nach wiederholten nachfragen und selbst am Tage drauf verweigert, einfach weil er Angst vor Spritzen hat und er nicht versteht, dass sie ihm hilft? Ihm darf ich sie laut Rechtsanwältin nicht geben.Ich darf erst handeln wenn er infolge einer Überzuckerung ohnmächtig wird.

2. Ein immobiler, verwirrter Patient mit Dekubitus am Steiß wehrt sich immens, wenn wir versuchen ihn zu lagern, bzw. seinen Dekubitusverband zu wechseln. Früher hätte ich zum Kollegen gesagt: "Halte Herrn X mal bitte fest solange ich den Verband wechseln muss". Und nein, mir hat das auch keinen Spaß gemacht. Doch auch hier muss die Maßnahme laut Rechtsanwältin unterbrochen werden. Die Folge ist eine Verschlechterung der Wunde, evtl. eine Sepis mit möglicher Todesfolge.

Das sind nur zwei alltägliche Beispiele einer endlosen Liste die mir einfallen.

Nun die negativen Konsequenzen die sich bei strikter Einhaltung ergäben:

- verwirrter Patient rennt aus dem Pflegeheim und lässt sich nicht aufhalten
- Patient gerät durch Unterlassung wichtiger Behandlungspflegemaßnahmen in Gefahr
- Die Pflegekräfte verlieren viel Zeit, weil sie ständig beobachten und die Vitalzeichen der Patienten überprüfen müssen, die zb. wichtige Medikamente abgelehnt haben
- Die Hausärzte werden genervt sein, weil beispielsweise das Insulinschema nicht mehr greift, wenn der Patient es sich nach vielleicht 4 Stunden anders überlegt und sein Insulin doch bekommen möchte und der Hausarzt eine angepasste Dosis anordnen muss.
- Die Ärzte werden vermutlich wenig Verständnis dafür haben, wenn sich die Zustände im eigenen Heim drastisch verschlechtern (Beispiel Dekubiti)
- Die Sterblichkeitsrate in den Pflegeheimen könnte steigen
- Der Ruf der Pflege und der Pflegedienste -/ Einrichtungen wird schlechter, weil Angehörige und Rettungsdienste, etc. sicherlich kein Verständins dafür haben werden, dass der Dekubitus von Herrn Y mittlerweile viel schlimmer und vielleicht sogar lebensbedrohlich geworden ist, nur weil die PK die Ablehnung der Behandlung akzeptiert hat. Besonders wenn die Patienten höchst desorientiert sind.
- Es könnte infolge dessen einen deutlichen Anstieg der Rechtsstreitigkeiten geben.
- Psychiatrische Einrichtungen würden enormen Zufluss ( Überfluss) an Patienten bekommen, die bisher nicht zu ihrem Klientel gehörten.

Positive Konsequenzen:

- Das Recht des Menschen auf die Berücksichtigung seines Willens wird endlich auch in der Pflege konsequent durchgesetzt.

- Die Menschen könnten ein Stück weit Angst vor Pflegeeinrichtungen verlieren.

So, ich weiß dass ist ein heikles Thema. Wie seht ihr das, was sind eure Erfahrungen und Befürchtungen, gibt es hier jemanden der sachdienliche Hinweise geben oder meinen Informationsstand korrigieren kann? Gibt es Kollegen unter euch, bei denen so Konsequent vorgegangen wird?
 
Qualifikation
Altenpfleger
Fachgebiet
Teamleitung Heimbeatmungspflege
Weiterbildungen
Heimleiter, Mitarbeiter Erstellung QM-System
Pflegeboard.de

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Administrator
Teammitglied
05.07.2001
www.pflegeboard.de
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