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Neue Methode zur Reflexion der Arbeitsprozesse - "Schattentage"

  1. Liebe Kollegen_innen,

    vor einigen Jahren hat das ZQP eine tolle Methode zur Qualitätssicherung und Selbstreflexion der eigenen Arbeitsprozesse erprobt. Das Projekt "Schattentage" ermöglicht den Pflegekräften für einige Stunden in die Rolle der Bewohner_innen zu schlüpfen und mithilfe mehrerer Kriterien, basierend auf der Pflege Charta, die eigenen Arbeitsabläufe und Alltagsroutinen aus einer anderen Perspektive zu betrachten um evtl. blinde Flecken zu entdecken die im Arbeitsalltag schonmal untergehen können. Langfristig soll die Qualität der Betreuung und Versorgung der Bewohner_innen verbessert werden und die Pflegekräfte für ihre eigenen Arbeitsweisen/-abläufe sensibilisiert werden.

    Ich bin auf der Suche nach Pflegefachkräften die in Ihrer Einrichtung bereits Erfahrungen mit diesem Projekt gesammelt haben.

    Es ist mir ein persönliches Anliegen diese Methode zur Qualitätssicherung und -verbesserung in meiner Bachelorarbeit auf den Nutzen und die Wirkung für die Pflegekräfte wissenschaftlich zu untersuchen, völlig egal ob positive oder negative Erfahrungen.

    Über Berichte, Kommentare oder HInweise würde ich mich sehr freuen:)

    Liebe Grüße
    von Sandra aus Berlin
     
  2. Ich bin sehr überrascht über die Zahlen, die in der Broschüre genannt werden und kann mir diese nicht vorstellen: in mehr als der Hälfte der Einrichtungen, die befragt wurden, ist jemand bereits ein Schatten gewesen??? im Jahr 2014 und früher??? Ich habe von der Methode bisher noch nie etwas gehört und frage mich gerade, wer im Augenblick dafür überhaupt Zeit hat?
     
  3. Die ausgebrannten Mitarbeiter in ihrer AU

    Wer Ironie findet, darf sie behalten
     
    Menschenkind gefällt das.
  4. Also, jetzt mal ernsthaft:
    Ich finde es toll, wenn Pflegekräfte ihr eigenes Handeln reflektieren: Wie wirke ich auf Bewohner/Patienten? Ist das, was ich tue sinnvoll? Ist es richtig? Ist es das, was der Bewohner/Patient möchte? Würde ich so behandelt werden wollen? Fördere ich die Ressourcen oder vernichte ich sie gerade? Was sind meine Motivationen? etc...

    Jedoch, wenn ich das Konzept richtig verstehe, dann bin ich als "Schatten" jemand, der aussteigt und die Rolle des Pflegebedürftigen selbst einnimmt, korrekt? Das bedeutet, ich habe einen Tag Zeit, die Arbeit der anderen zu reflektieren und nicht meine Eigene. Ich nehme nicht meine Metaebene ein, sondern bin in der Metaebene für andere Mitarbeiter.

    Diese Methode finde ich extrem zeitintensiv, in einer Zeit, in der Pflegekräfte in einer ständige Überlastungssituation sind, weil sie die Arbeit nicht schaffen können, dazu noch Einspringen, weil ihr Kollege gerade noch in der Lohnfortzahlung ist und die Einrichtungsleitung keine neuen Mitarbeiter akquirieren kann.

    Mein Praxiserleben ist, dass Mitarbeiter an der Basis noch nicht einmal Zeit haben, oder sie sich nehmen, eine vernünftige Überarbeitung der Planung und Risiken zu machen, wenn der Bewohner sich verändert. Und auch das hat seine Gründe: Schlechte Planungssoftware, schlechte Ausbildung im Pflegeprozess, schlechte Dienstplanung, etc.

    Wirklich gute Pflegekräfte reflektieren sich permanent selbst. Oder sollten dies wenigstens tun. Das wäre mein Anspruch. Mein Blick auf den Bewohner ist: Was kann er noch wirklich? Was nehme ich ihm zu Gunsten "der reibungslosen Prozesse" ab? Was möchte der Bewohner eigentlich? Wo übe ich (strukturelle) Gewalt aus? Was ist das aktuelle Fachwissen dazu? Und wie stelle ich das verständlich, strukturiert und aktuell dar, was ich tue?

    Wenn diese Basics gelingen würden, dann wäre schon viel gewonnen! Auf allen Ebenen! Nicht nur in der Basis, sondern auch in der Leitung. Ich erlebe mehr Reaktion als Aktion, weniger Vision als "wir wollen es einfach, also machen wir es oberflächlich". Ich wünsche mir Voraussicht und nicht Navigation auf Sicht! Ich wünsche mir die Überlegung, was mein Handeln (an der Basis und in der Leitung) zukünftig für Auswirkungen hat. Ist "simpel" besser, oder einfach nur oberflächlich?

    Wird dies alles verändert, dadurch, dass ich mich in ein Bett lege oder hinter den Rollator klemme?
     
  5. danke für eure Beträge:)
    @Menschenkind
    was denkst du, wie du diese Art von Selbstreflektion in einer Einrichtung gewährleisten kannst? Deine persönlichen Ansprüche und Wertvorstellungen in allen Ehren..aber wie kannst du sicher stellen, dass das gesamte Team einen Überblick hat über die Einhaltung menschenwürdiger Pflege? Und dies ist nicht nur bezogen auf individuelle Kommunikation/soziale Betreuung, sondern auch auf strukturelle Prozesse, zeitliche Abläufe und pflegerische standards.
    und bedeutet deiner Meinung nach ein mangelnder Personalschlüssel auch zwangsläufig, dass keine Zeit für Reflektion der Qualität der Pflege besteht?
     
  6. Bevor wir über Qualität nachdenken müssen erst die Rahmenbedingungen stimmen. Man baut ja auch nicht erst das Dach bevor die Mauern stehen beim Haus.
     
  7. @Farodina
    Ich stimme dir da (leider nur) bedingt zu! Wer mich kennt, weiß, dass ich der letzte bin, der sagt, dass die Rahmenbedingungen in der Pflege in Ordnung sind. Das sind sie nicht und waren es zumindest seit Einführung der Pflegeversicherung 1995 auch noch nie (erst recht nicht in der stationären Altenpflege).

    @Sandra12345 @Farodina
    Trotzdem gibt es stetige Bemühungen in der Altenpflege/Pflege, das Qualitätsniveau zu steigern. Instrumente sind z.B. die Professionalisierung der Ausbildung durch studierte Pflegepädagogen, die Studiengänge in Pflegewissenschaft und -Management. Die Entwicklung verbindlicher Expertenstandards in der Pflege, die Entwicklung der MDK-Grundsatzstellungnahmen für Dokumentation, Entwicklung von S3-Leitlinien für besondere Pflegerisiken (vielleicht als Vorwegnahme zukünftiger Expertenstandards). Die Einführung der PQR (Pflegequalitätsrichtinien) zur Überprüfung der Pflegequalität, die Verbindlichkeit eines Qualitätsmanagements in den Einrichtungen der Altenpflege, und und und.

    All diese Maßnahmen dienen dem eigentlichen Ziel, Pflege in Struktur, Prozess und Ergebnis zu verbessern. Die Expertenstandards bündeln das vorhandene Wissen und überprüfen es. Die Grundsatzstellungnahme für Pflegedokumentation zeigt auf, wie im Pflegeprozess einheitlich und (ja, auch das!) einfach dokumentiert werden kann. Interne und externe Qualitätsprüfungen und Systeme der Qualitätsentwicklung vereinheitlichen Strukturen und Prozesse und sichern ein qualitätiv hohes Ergebnis.

    Jedoch - und das muss deutlich gesagt werden - nur wenn innerhalb dieser Maßstäbe gearbeitet wird!
    Meiner Meinung nach hat "die Pflege" versäumt, in den vergangenen Jahren proaktiv tätig zu werden und hinkt so immer einem Expertenstandard nach dem anderen hinterher. Warum macht sich niemand in den Einrichtungen Gedanken über sonstige Prophylaxen? Warum werden diese einrichtungs- oder trägerintern nicht entsprechend der Systematik der Expertenstandards entwickelt?
    Warum gibt es keine einheitlichen Dokumentationsstandards? Warum erlebe ich regelmäßig die Einführung vom Strukturmodell unter dem Wunsch, Dokumentation zu vereinfachen - und in Wirklichkeit wird "vereinfachen" mit "oberflächlich" gleichgesetzt?

    "Die Pflege" hat versäumt, wirklich zu begreifen, was in den Expertenstandards und der Grundsatzstellungnahme zur Pflegedokumentation tatsächlich drin steht und hat die Inhalte nicht wirklich implementiert! Und das in immerhin über einer Dekade (10 Jahre)! Beispiel: Kannst du aus dem Stehgreif die grundlegenden Bereiche der Risikofaktoren für Dekubitus und Sturz daherbeten? In meiner Praxis erlebe ich das relativ selten, sobald jemandem die Assessmentinstrumente weggenommen werden.

    Dafür wurde in den letzten Jahren so viel an Mist erzählt und die Mitarbeiter wurden immer verwirrter, wie sie überhaupt dokumentieren sollen. Hier hätten klare Ansagen aus dem Qualitätsmanagement geholfen! Und ich finde immer noch keine einfachen aber schlagkräftigen Dokumentationsstandards...dafür aber "Textbausteine" die unreflektiert mit copy&paste in Planungen und Bewohnerbeschreibungen übertragen werden, ohne sie anzupassen. Oder absolut Oberflächliche Aussagen zu Bewohnern in Freitextfeldern (SIS-Themenfeldern), die man allesamt durch Ankreuzverfahren erledigen könnte - Ihr lieben, das ist nicht der Sinn, den Frau Beikirch sich bei der Entwicklung des Strukturmodells gedacht hat!

    So...das ist meiner Meinung nach die Ist-Situation in der Pflege!

    Was wurde versäumt, bzw. wie bekommt man den Karren wieder aus dem Dreck?

    a) eine kontinuierliche Dienstplanung (angefangen bei der Fehlzeiten-/Urlaubsplanung) - das ist der erste Fehler, den ich sehe
    - die Folge davon ist: weniger Überlastung der Mitarbeiter, wendiger Fehlzeiten, kontinuierliche Versorgung der Bewohner
    b) Planung von Evaluationstagen (Es ist Zeit für jeweils eine Sache...keine Dublebindings mehr...kein Zerreißen zwischen Bewohner und Doku
    c) Einführung eines einrichtungseinheitlichen Dokumentationsstandards, der anwendbar, flexibel, einleuchtend und leicht modifizierbar ist. So gibt es Planungssicherheit für die dokumentationsverantwortlichen Personen, das Controlling (Pflegevisite) fällt einfacher und ist effektiver.
    d) Apropos Pflegevisite: Das sind keine Formulare, die ich für den MDK ausfülle, sondern mit denen ich Arbeite! Pflegevisiten müssen für mich arbeiten! Ich muss daraus Rückschlüsse über meine Qualität in der Einrichtung und mein Verbesserungsptenzial in Bezug auf besondere Problemlagen, Risiken, Mitarbeiter, Wohnbereiche ableiten und daraus individuelle Maßnahmen (Fortbildung, Beratung, etc.) ableiten können - ansonsten kann ich mir die Zeit sparen!
    e) Ich brauche eine offene Kritikkultur in meiner Einrichtung - das heißt, die Mitarbeiter müssen wissen, dass ich weiß, dass alle ihr absolut Bestes geben! Passieren Fehler werden keine Köpfe abgerissen sondern eine Fehleranalyse gemacht und Maßnahmen ergriffen, die die Fehler verhindern.
    f) ebenfalls braucht es eine offene Kommunikationskultur in den Pflegeteams! Es muss möglich sein, über Überlastung oder emotionale Situationen zu sprechen, ohne dass man gemobbt wird! Man muss sagen dürfen, wenn einen ein Bewohner so an die Grenze bringt, dass man in dieser Schicht die Versorgung nicht mehr leisten kann!
    g) Es muss eine Null-Toleranz gegenüber Gewalt oder vorsätzlich schlechter Versorgung geben. Diese Tatbestände müssen trotz allem Verständnis für schwierige Versorgungssituationen [siehe Punkt e) und f)] angesprochen werden.
    h) Ich muss kontinuierlich Menschen befähigen, den Job den sie machen gut zu tun! Dazu brauchen sie ein Verständnis, was sie tun sollen und warum sie dies tun! Und lebenslanges Lernen ist ebenfalls sehr wichtig!
    i) und letztenendes: Leitungsebenen müssen bewusst sein, dass sie nichts verlangen können, wozu sie selbst nicht bereit sind [Dieser Satz ist eine Maxime für meine eigene Leitungskultur].


    Ich glaube, diese Thesen a) bis i) sind schon einmal ein guter Anfang, wie in den Pflegeteams eine gute und vertrauensvolle Arbeit geleistet werden kann.

    Ich denke, auf diese Art und Weise kann jeder in seiner Position von der einfachen Präsenskraft bis zur Einrichtungsleitung seinen Beitrag leisten...jeder auf seine Art, alle zusammen - denn wenn ein einziges Sandkorn in dem Getriebe sitzt reibt sich das ganze Getriebe auf.
    Und hier haben viele Einrichtungen und Träger versagt, bzw. in den letzten Jahren keinen guten Job geleistet. Anstatt Prozesse tatsächlich sicher und einfach zu gestalten wurden sie oberflächlich und damit unsicher. Es muss nicht alles dokumentiert sein, solange man das richtige Dokumentiert.

    Und auf der persönlichen Ebene war meine Maxime als Leitung unter anderem, dass die Menschen verstehen müssen, was sie tun und warum sie das tun. Bin ich also im Bewohnerzimmer, dann überlege ich mir bewusst, warum ich etwas mache. Mindestens, wenn ich mich zur Evaluation an die Doku begebe...aber eigentlich denke ich permanent darüber nach, was ich wie tue. Es ist eine Haltung die zur Gewohnheit geworden ist.

    Beantwortet das die ersten Fragen, die du hast?

    Die letzte Frage ist interessant:
    "Bedeutet ein mangelnder Personalschlüssel auch zwangsläufig, dass keine Zeit für Reflektion der Qualität der Pflege besteht?"

    Wie du oben lesen konntest, bedeutet es das absolut nicht für mich! Das Problem ist nur, dass "die Pflege" derzeit nahe an einen "Point of no return" heran gekommen ist, in der es ihr immer schwerer fällt, klare Strukturen zu entwickeln, weil aufgrund des Personalmangels bereits die Leitungskräfte intensiv in direkte Pflege gebunden werden und so noch weniger Zeit zum Agieren ist...also immer mehr reagiert wird. Dies sollte als erstes reflektiert werden!

    Aufgrund des zunehmenden Personalmangels wird in Bezug auf Leitungsaufgaben (in allen Ebenen!) immer weniger Zeit für Reflektion bleiben, oder?
    Deshalb bin ich kein Freund von zeitlich hochaufwendigen Maßnahmen!
    Ich finde DementiaCareMapping zum Beispiel toll, wenn man mit den Ergebnissen arbeitet - aber was wird wirklich davon abgeleitet? Was passiert mit dem Ergebnis der aufwändigen Beobachtung?
    Und genau deshalb zweifel ich die Methode des "Schattentages" an. Lass mich dein Schatten sein und ich mache dir daraus eine Pflegevisite, eine kollegiale Beratung und verbessere dein Verständnis für Pflegeprozess und ressourcenfördernde Pflege...dazu brauche ich insgesamt nur ca. 3 Stunden. Was würdest du in der heutigen Situation für angemessen halten?
     
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