Arbeitsrecht Minusstunden mit Urlaub verrechnen?

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C

chris8

Neues Mitglied
Basis-Konto
16.01.2015
Hallo :smile:,seit Januar letzten Jahres arbeite ich in einem amb. Pflegedienst, habe nun zum 28.2. gekündig. Nun wollte ich Resturlaub nehmen, und dann kam mein Chef und meinte ich hätte zu viele minusstd. (hab 40 std die Woche,laut Arbeitsvertrag) er gibt mir den Urlaub nicht. Nun die 1.Frage: dürfen die bei zu vielen Minusstd. das mit meinem Urlaub verrechnen? und dann zweite Frage: habe Festgehalt und fahre fast jede Woche minusstd. Dürfen die, mir die minusstd vom Gehalt abziehen? Es ist nun nicht meine Schuld wenn sie mich nicht voll auslasten . In meinem Arbeitsvertag steht nichts davon.
Vielen Dank
 
Qualifikation
Schwester
Fachgebiet
amb.Pflegedienst
P

Personal-Referent

Neues Mitglied
Basis-Konto
06.08.2014
25355
AW: Minusstunden durch Urlaub abbauen

Nein, das darf er nicht. Flexible Arbeitszeiten sind bei Arbeitgebern beliebt. Sie ermöglichen den Einsatz der Arbeitnehmer immer dann, wenn besonders viel Arbeit anfällt, auch über die reguläre Arbeitszeit hinaus. Bei wenig Arbeit haben die Arbeitnehmer frei und bauen dann ihre vorher angesammelten Überstunden ab. Auch für Arbeitnehmer ergeben sich Vorteile, wenn sie selbst ihre Arbeitszeit gestalten können. Was aber geschieht, wenn Minusstunden anfallen, z.B. weil die arbeitsvertragliche Regelarbeitszeit unterschritten wird?

Vergütung ohne Arbeit

Grundsätzlich trägt der Arbeitgeber das Beschäftigungsrisiko.
Es ist sein Problem, wenn er nicht genügend Arbeit für seine Arbeitnehmer hat. Diese behalten dennoch ihren Vergütungsanspruch, auch wenn sie nicht arbeiten können. Deshalb müssen normalerweise Minusstunden nicht nachgearbeitet werden. Der Arbeitgeber darf auch die Vergütung nicht kürzen, weil zu wenig gearbeitet wurde. Das gilt selbst dann, wenn zu anderen Zeiten Mehrarbeit geleistet wurde. Auch dann darf gegen den Willen des Arbeitnehmers keine Verrechnung mit Minusstunden erfolgen.

Das auf einem Arbeitszeitkonto ausgewiesene Zeitguthaben des Arbeitnehmers darf der Arbeitgeber nur dann mit Minusstunden verrechnen, wenn die Führung eines Arbeitszeitkontos vereinbart ist und diese Vereinbarung eine solche Verrechnungsmöglichkeit vorsieht. Das hat das Bundesarbeitsgericht (BAG) mit Urteil vom 21.03.2012 entschieden.
Im Fall der Briefzustellerin, die in letzter Instanz beim BAG geklagt hatte, erlaubten weder Tarifvertrag noch Betriebsvereinbarung, das Arbeitszeitkonto mit Minusstunden zu belasten, die sich aus der Nichtausschöpfung der tarifvertraglichen Wochenarbeitszeit in den Dienstplänen ergeben hatten (BAG, Urteil vom 21.03.2012, Az. 5 AZR 676/11 - Pressemitteilung).

Rückwirkende Korrektur drei Jahre lang möglich
Diese Anforderungen werden in der Praxis oft nicht beachtet. Vielfach werden ohne Rücksicht auf die konkreten Vereinbarungen Minusstunden verrechnet, oft sogar selbst dann, wenn es nicht einmal eine Vereinbarung über ein Arbeitszeitkonto gibt. Das muss kein Arbeitnehmer hinnehmen. Es empfiehlt sich eine zeitnahe Beratung.
Grundsätzlich kann zwar noch bis zur Grenze der Verjährung von drei Jahren auch rückwirkend eine Korrektur und Nachzahlung verlangt werden. Allerdings sind dabei sowohl etwaige Ausschlussfristen zu beachten als auch die Schwierigkeit, nach langer Zeit die fehlerhafte Verrechnung nachzuweisen. Auch wenn man in einem bestehenden Arbeitsverhältnis nichts unternehmen will, ist es deshalb hilfreich, zumindest seine Rechte zu kennen.

Viel Glück und Erfolg...
 
Qualifikation
Senior Consultant
Fachgebiet
Metropolregion Hamburg
Weiterbildungen
Dipl. Kaufm. - Schwerpunkt Finanzwirtschaft und Wirtschaftsrecht
Weiterbildung zum Personalfachkaufmann und Personalreferenten
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Teammitglied
05.07.2001
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