Lyrika und Drogen

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Noddie

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Hallo,
Mich würde Eure Meinung zu Lyrika in der Drogenarbeit intressieren, wir haben den Eindruck das Lyrika immer öffter Mißbräuchlich benutzt wird(Besonders während des Entzugs). Habt ihr bei Euch auch solche Erfahrungen gemacht ,wie geht ihr mit Lyrica im Entzug um.
Vielen Dank
Ulrike
 
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Stell. Stationsleitung/Fachschwester für Suchterkrankungen
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Drogenakutstation
Schwester Christa

Schwester Christa

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AW: Lyrika und Drogen

Die Seuche mit Lyrica fing bei uns vor ca. sechs Jahren an.

Nachdem eine Klinik unseres Verbundes positive Erfahrungen im akuten Opiatentzug damit gemacht hat, haben wir es zeitweise auch in unser Programm übernommen, um damit den Entzug zu unterstützen.
Es wirkt wohl sehr gut bei Entzugsschmerzen, das war´s dann aber auch schon.

Mittlerweile ist Lyrica selbst eine feste Größe in der Drogenszene geworden und wird leider von verantwortungslosen Ärzten offensichtlich im Gieskannenprinzip verschrieben.
Konsumiert wird es in aberwitzigen Mengen, was aus der großen und problemlosen Verfügbarkeit auf dem Schwarzmarkt resultiert.

Über den Umgang damit in der Entgiftung gibt es wohl noch keine konkreten Erfahrungen, aber meines Erachtens sind zumindest die Ärzte in meinem Hause da etwas zu ängstlich.

In der Anfangsphase, als das Lyrica aufkam, haben es nur Leute bekommen, die es vom Hausarzt verschrieben hatten. Alle anderen bekamen NICHTS! Und passiert ist - NICHTS!
Heute wird der Lyricaentzug so gehandhabt, wie Alkohol- oder Benzoentzug. Die Konsumenten werden langsam ausgeschlichen...

Da auch auf Station viel Schindluder mit dem Medikament getrieben wurde, wird es bei uns ausschließlich in der flüssigen Variante verwendet.
Dummerweise haben wir noch kein zuverlässiges Nachweisverfahren für Lyrica im Urin.

Quintessenz: Zur Unterstützung im Entzug wird es wegen des hohen Suchtpotentials bei uns schon lange nicht mehr verwendet!
 
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Fachkrankenpfleger f. Psychiatrie
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Niederschwelliger Drogenentzug
Fragmentis

Fragmentis

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AW: Lyrika und Drogen

Danke, Schwester Christa.

Das erklärt die Nachfrage auf unserer Station durch einen Patienten...
 
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Fachgesundheits- und Krankenpfleger für Psychiatrie
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Psychiatrie
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EDV, Pflegestandards, Aromapflege, Moderatoren-Training, CQM, Dozent zu bestimmten Themen aus dem Bereich Psychiatrie und Pflege, Pflegediagnosen
T

Targin 50mg

AW: Lyrika und Drogen

Hallo,

ich mußte aufgrund einer Schmerzerkrankung selber über 5 Jahre Opiate nehmen...Targin...Tageshöchstmenge waren 60mg...

dann habe ich versucht die abzusetzen.....ganz langsam habe ich runterdosiert...12 Monate dafür benötigt..mein Arzt machte toll mit..er verschrieb mir immer wieder die nächstniedrige Dosierung..
ich hatte alle Stärken zu Hause...20mg, 10mg, 5mg...und damit habe ich dann runterdosiert..

anfangs nahm ich 20 - 20 - 20
dann wochenlang 20 - 10 - 20
wiederum wochenlang 10-10-20
später..10-10-10
10-5-10
10-5-5
5 -5 -5
5 -0-5
5-0-0
5-0-0
0-0-0

und? der Schmerz ist weggeblieben..zumindest die Stärken 7 - 10

manchmal kommt noch vor...das er auf 8 geht..aber dann gehe ich persönlich in den Ruhemodus..und es klappt..

also..wenn jemand reduzieren will oder muß, dann geht es auch ganz langsam....ohne diese Schmerzen beim Absetzen..allerdings muß man auch was aushalten können...
 
I

Igel77

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AW: Lyrika und Drogen

Ich habe beim Tablettenstellen die Beobachtung gemacht, dass es gelegentlich "Zyklen" gibt, in denen ein Medikament bei den Stationsärzten in der Verordnung gerade besonders beliebt ist ... erst ein paar Wochen Lyrika, dann Seroquel/Quetiapin, dann Dipiperon, dann wieder Lyrika ...:verknallt

Apropos Seroquel: Ich habe in einer FB gehört, Seroquel habe eine ähnliche Wirkung wie Cannabis, docke an die gleichen Rezeptoren an. Kann jemand dazu was sagen?
 
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leaving-the-moon

leaving-the-moon

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AW: Lyrika und Drogen

Ich habe mich davon verabschiedet, dass Assistenzärzte wirklich wissen was sie da verschreiben. Es wird das verordnet, was gerade in und häufig ist - das schwankt auch von Klinik zu Klinik zu gleichen Zeit. Meine Vermutung ist auch, dass es mit aktuellen Artikeln, Pharmakogressen oder den Fähigkeiten des letzen Pharmavertreters zu tun hat, der (oder die ) den Chefarzt am meisten überzeugen konnte ... so dass der dies bewußt oder auch mal unbewusst für den neuen Stein der Weisen hält - und dies an seine Crew so weitergibt oder einfach vorschreibt.

Oft werden "alte" Medikamente nicht gegeben, obwohl ihre Wirkung oder nicht-Wirkung seit Jahrzehnten bekannt ist, weil gerade etwas neues in ist - langjährige Patienten werden ungefragt von ihrer bekannten und gut vertragenen Medikation umgestellt - weil man das jetzt so macht.

Wer mal einen Restless legs Patienten auf Station hat bei dem der Arzt einfach mal das Madopar (Restex, Dopadura oder ein anderes Generikum) angesetzt hat, weil der ja kein Parkinson hat und man jetzt mal absetzt was man glaubt was unnötig ist - UND mir im Nachtdienst dann sagt, nein er kenne sich damit nicht aus er müsse erst am Morgen mit dem Hausarzt telefonieren.... was dazu führt, dass ich die ganzen Nacht einen verzweifelten schlaflosen Patienten habe - der wundert sich über gar nichts mehr.

Der Zauber der Medizin und auch der Glaube daran, dass mit Sinn und Verstand und gezielter Absicht Medikamente verordnet werden ist mir schon lang abhanden gekommen. Oft ist es Glück ob der Patient das richtige bekommt - und wenn er es schon hat ob er es wiederbekommt .... vielleicht mal Lyrika. ...
:-(
 
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Schwester Christa

Schwester Christa

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AW: Lyrika und Drogen

@Igel: Seroquel ist ebenfalls eine feste Größe in der Drogenszene, teilweise aber auch auf der Entgiftung. Es scheint v.a. zur Nacht eine deutlich schlafanstoßende Wirkung, auch schon nach erster Einnahme, zu haben. Wenn Leute wegen der Entzugsbeschwerden nicht schlafen können, wird das schon mal eingesetzt.
Viele bringen es aber auch schon mit - vom Hausarzt verschrieben "wegen meiner Depressionen"... Selten weniger als 300-0-300 Retard...

Auch so ein Thema, wo wir zwischen Theorie und Praxis herumschwanken; schließlich hat Seroquel in der Szene den Beinamen "Baby-Heroin"! Warum wohl...

@Targin:
Respekt vor dieser Leistung. Vor allem auch vor der Fähigkeit, andere Wege zu gehen und nicht ausschließlich Trost bei den Opiaten zu suchen.
Leider machen bei dieser Methode die Krankenkassen nicht mit. Nach drei Wochen sollte ein Opiatentzug bei uns durch sein, sonst stellt der MDK blöde Fragen...
 
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Fachkrankenpfleger f. Psychiatrie
Fachgebiet
Niederschwelliger Drogenentzug
K

Keßler

AW: Lyrika und Drogen

Lyrika wird bei unseren Palliativpatienten als Verstärkung der Opiate
eingesetzt. Wir haben diese Stoffgruppe - nach Beratung im QZ - in
den Btm-Schrank verwiesen. Mit einem formlosen Heft zur Bestands-
kontrolle. (Ohne konkreten Anlass)
 
M

Murkel

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Hallo,
Ich habe mich hier erst angemeldet, möchte aber gleich zu Lyrika einen kleinen Beitrag schreiben. Ich bin Krankenschwester aber seit einigen Jahren berentet. Mittlerweile habe ich verschiedene psychiatrische Diagnosen gesammelt unter anderem complexe PTBS. Ich erhielt Lyrika gegen Triggerbedingte Ausraster. Ich habe damals mein Wohnzimmer in weniger als 5 Sekunden zerlegt. Mit Lyrika 150-0-150 blieben diese Ausraster aus. Ich nahm jedoch stark zu 20 Kg, da ich kein Sättigungsgefühl mehr hatte. Ich konnte die Menge einer Familie auf einmal essen und merkte erst bei Magenschmerzen dass es zu viel war. Einige Jahre blieben die Ausraster aus, ich nahm auch kein Lyrika mehr, merkte beim Absetzen aber keine Entzugserscheinungen und während Lyrika - Einnahme keinen Rauschzustand. Vor einigen Wochen gingen die Ausraster wieder los. Nun wurde Lyrika 50-0-50 wieder angesetzt bei mir. Dazu nehme ich schon lange Venlafaxin 150-150-0 . Weniger heftige Triggerreaktionen werden damit unterdrückt. Starke Trigger jedoch nicht. Prothazin auf Bedarf brachte nichts... nun gibt es dazu Chlorprothixen auf Bedarf, das legt mich ko, immerhin kann ich dann nichts zerlegen denn es wurde Teuer (großer Flachbildfernseher und mehrere Laptops sowie Verschiedenes an Einrichtung)
Lyrika hat seine Daseinsberechtigung in manchen Fällen. Mittlerweile wird es auch bei Hunden eingesetzt gegen Gelenkschmerzen wenn andere Medikamente nicht gut anschlagen. Eine Rauschwirkung habe ich nach wie vor nicht bemerkt.
 
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Gesundheits und Krankenpflegerin
Fragmentis

Fragmentis

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Basis-Konto
Hallo Leute,
einfach, weil das Thema immer noch spannend ist... kann es sein, dass die Lyrika-Welle inzwischen abebbt, weil sich rumgesprochen hat, wie schwierig der Entzug von Lyrika ist ? Oder hat es sich irgendwo so etabliert, dass es inzwischen Standard geworden ist ?
Fragend,
Fragmentis
 
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