Liebesbeziehung zwischen Pflegekraft und Patient

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André Rosellen

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Heisses Thema

Hallo zusammen!

Vieles ist ja schon gesagt worden. Ein paar Statements von mir:

=> Psychisch Kranke Menschen sind laut Walter Kistner grundsätzlich beziehungsgestört, weil sich alle psychischen "Symptome" (Ängste, Zwänge, Abhängigkeiten, Wahnerleben, Manien, Depression, Halluzinationen, Persönlichkeitsstörungen, Neurosen usw.) auf die Fähigkeit, zwischenmenschliche Beziehungen aufnehmen zu können, störend auswirken.

=> Viele psychische Störungen sind chronisch.

=> Die Gefahr ist groß, dass es sich bei solche Beziehungen um ein Abhängigkeitsverhältnis (Arzt/Pflege <=> Patient/in) handelt. Die großen Unterschiede sind auf Seiten der Beziehungsfähigkeit, der Krankheitsspezifischen Fachkompetenz sowie in der allgemeinen Leistungsfähigkeit zu suchen.

=> In meinem Verständnis ist eine Partnerschaft aber etwas Gegenseitiges, also ein Geben und Nehmen; die Bedingungen für ein partnerschaftliches gleichberechtigtes Verhalten stehen also in meinen Augen denkbar schlecht. Es mag sie in seltenen Fällen geben, entweder, wenn die Pflegeperson (oder der Arzt) auch psychische Schwierigkeiten hat, so dass das Niveau ähnlicher ist, oder wenn es sich um den relativ seltenen Fall einer kurzzeitigen psychischen Störung handelt, die (fast) vollständig reversibel ist und weder die Leistungsfähigkeit, noch das Denken noch die Beziehungsfähigkeit dauerhaft beeinträchtigt.

Ich habe in den mir bekannten Fällen stets ein solches Abhängigkeitsgefälle beobachten können. Und ich habe in meinen 18 Jahren Psychiatrie einiges mitbekommen.

Desillusionierend verbleibe ich

Mit dennoch freundlichen Grüßen

André

(Chinesische Weisheit: Wer die Wahrheit sagt, braucht ein schnelles Pferd)
 
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Fachkrankenpfleger für Psychiatrie
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hardl

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Hi André

jedes deiner Argumente hat bestimmt seine Berechtigung, spiegelt aber nur Bruchteile des Individuums wieder (und super individuell, bzw. patientenorientiert arbeiten doch mittlerweile alle Einrichtungen. Hier müsste jetzt ein Ironiesmilie hin.)
Solche Aussagen: Psychisch Kranke Menschen sind laut Walter Kistner grundsätzlich beziehungsgestört........... ,haben mich desillusioniert. Ziemlich egal von wem solche Aussagen kommen. Hier werden zwei Klassen geschaffen. Psychisch Krank und nicht psychisch Krank, beziehungsfähig oder eben nicht. Auch hier differenziere ich nicht. Schauen wir uns doch in unserer Gesellschaft um. Die Beziehungsunfähigkeit hat sich wie ein Virus ausgebreitet, es ist kein Phänomen, bzw. Symptom von Menschen mit psychischen Störungen, es ist ein Zeitgeist dem wir uns alle, egal welcher psychischen Verfassung, stellen müssen.

Ich glaube schon, dass es sehr viel komplizierter sein kann, aber auch nicht muss, wenn man sich auf eine solche Beziehung, mit allen Konsequenzen einlässt. Es hat jeder die Chance daran zu wachsen, aber auch daran kaputt zu gehen, ganz wie im normalen Leben eben auch.

Idealistische Grüße vom Hardl ;-))
der nur gerne seine Meinung schreibt, aber niemandem zu nahe treten will ;-)
 
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Pflegefachmann
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Ambulante psychiatrische Pflege
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André Rosellen

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Desillusion und Beziehungsunfähigkeit

Hi Hardl!

Es liegt mir fern, 2 Klassen von Menschen "zu schaffen". Dies liegt zum einen jenseits meiner Machtbefugnisse (auch hier wäre ein ironischer Smile ok) und dies stellt sicher auch nicht die Realität dar. Dennoch gibt es unter bestimmten Konstellationen von Menschen, die aufgrund unterschiedlicher Bedürfnisse (Geldverdienen, Selbstverwirklichung, profesionelle Ich-Identität versus Krisenbewältigung, professionelle Hilfe suchen, Selbstfürsorgdefizit (lieben Gruß von Orem)) zusammenfinden die Gefahr von systematischen Beziehungsstörungen in den o. g. Bereichen.

Dies bedeutet nicht, dass dies immer so sein muss, aber dennoch ist die Gefahr groß! Man hat sich eben nicht zufällig auf der Party oder im Tanzkurs kennengelernt oder ist zusammen ein Bierchen trinken gegangen sondern begegnet sich als Hilfebedürftige und professioneller Helfer.

Dennoch sind natürlich auch Menschen, die zur Krisenintervention auf eine psychiatrische Station kommen nicht alle und grundsätzlich beziehungsgestörter als "das was draußen so rumläuft und sich normal schimpft". Ich habe im Gegenteil auch häufig erstaunlich stabile und tragfähige Beziehungen bei selbst bei schwer psychisch kranken Menschen gesehen. Aber: Ich habe noch keine stabile und tragfähige Beziehung über einen angemessenen Zeitraum zwischen Personal und (ehemaligen) Patienten gesehen. Lasse mich aber gern - auch durch andere Forenmitglieder - vom Gegenteil überzeugen.

In meiner letzten selbstreflektorischen Phase (wow, klingt echt gut, so gut bin ich gar nicht) bin ich zu dem Schluss gekommen, dass der vielleicht wesentliche Unterschied zwischen den Patienten und mir nicht der ist, dass diese "verrückter" seien als ich, sondern darin, dass ich einfach unter meiner "persönlichen Verrücktheit" nicht annähernd so leide wie sie unter der ihren. (Hoffe das ist verständlich genug geschrieben).

Auch sehe ich es genauso wie Du, das zumindest subjektiv gesehen das, was man gesunde Bezihungsfähigkeit nennt - oder wie Abderhalden sagt: Beziehungen aufnehmen aufrecht erhalten und wieder beenden - in der Normalbevölkerung allmählich stark abnimmt. Sei es der alte Begriff der Lebensabschnittsgefährtin, sei es der Trend zum alleinerziehenden Single, sei es der Hang zum DINKie (Double Income - No Kids). Auch der Freizeittrend zur Spielkonsole, zu PC-Spielen und Internet ist eher beziehungsschädlich. Desweiteren müssen in vielen Familien beide Elternteile arbeiten und haben wenig Zeit für die Kinder was wiederum die soziale Entwicklung und soziale Kompetenz schmälert, v. a. bei Einzelkindern.

Genug gejammert und geschwafelt, würde auch andere Meinungen noch mal gerne dazu hören

Liebe Grüße

André (der Sozialromantiker)

--- O tempora, o mores ---
 
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Fachkrankenpfleger für Psychiatrie
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senger

Hallo,

habe mit großem interesse eure Meinungen gelesen. Ich war Patientin auf einer psychotherapeutische Station und habe mich in einen Pfleger verliebt. Ich habe Ihm nichts gesagt, damit ich Ihn nicht in irgendwelche Schwierigkeiten bringe.

Ich weiß, daß es eine Art Abstinenzzeit von 2 Jahren gibt, um mir einen erneuten Aufenthalt auf Station nicht zu verbauen. Vom Kopf her find ich das auch sinnvoll, aber dadurch, daß ich verleibt bin, würd ich eh in eine andere Klinik gehen. Ich würde die Anwesenheit des Pflegers gar nicht aushalten. Wir haben ausgemacht, daß wir in brieflichem Kontakt bleiben. Ist das nicht auch schon ein Schritt zu weit?

Und jetzt? Es ist ja toll, daß es Regeln gibt, aber das Herz hört da leider nicht drauf. Also kann ich nur hoffen, daß das Gefühl mit der zeit schwächer wird, oder ich die blöden 2 Jahre durchhalte und dann gucke, was da noch ist. Ein kärendes Gespräch mit dem betroffenen wäre mir auch lieber, aber wäre er mir gegenüber dank der 2 Jahres Regelung und evtl. Angst um den Arbeitsplatz aufrichtig?

Und jetzt?
Gruß von Claudia
 
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André Rosellen

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Liebesbeziehung Pflegekraft - Patient

Hi Claudia!

Trotz meiner klugen "Weißheiten" in vorherigen Beiträgen muss ich gestehen, dass solche Situationen ein Dilemma bleiben. Kann also ebenfalls zu Deiner Frage "Und Jetzt?" keine perfekten Lösungen anbieten.

Für mich unklar: Du hast ihm nichts gesagt, aber ihr seit in brieflichem Kontakt?

Ich versuche mal Fragen zu stellen, die vielleicht helfen, eigene Lösungen zu entwickeln. Dies sind nach meiner Erfahrung in der Regel die besten:

1. Seit ihr beide frei für eine Beziehung (also beide solo)?

2. Wie sieht Eure bisherige Beziehungsgestaltung aus (auf beiden Seiten), waren es gleichberechtigte respektvolle tragfähige Beziehungen?

3. seit ihr beide in der Lage, auch prinzipiell alleine zu leben (oder ist allein sein nicht aushaltbar; dies ist oft eine Falle für abhängige Beziehungen)?

4. Habt ihr Euch schon mal in eine Patientin/in einen Pfleger verliebt (gibt es so was wie einen Trend, ein System)?

5. ist es ein ernster Beziehungswunsch oder eher eine Liebelei?

6. Könnet Ihr Euch vorstellen, die Beziehung öffentlich zu machen, also im Haus anzusprechen, mit allen Konsequenzen (z.B. Kliniksperre, Versetzung o.ä.)

7. Was ist für Dich das attraktive an ihm, was ist für ihn das attraktive für Dich?

8. Spielen psychodynamische Prozesse wie Anlehnungswunsch an eine starke Persönlichkeit der Ausleben von Hilfegeben und Fürsorge ein große oder eine untergeordnete Rolle? Frag gute Freundinnen dazu, die wissen oft erstaunliches.

Die Fragen sollen helfen, nicht ärgern

Alles Gute

André
 
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Fachkrankenpfleger für Psychiatrie
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senger

Hallo André,


vielen Dank für Deine Antwort. Eine Lösung erwarte ich auch gar nicht in diesem Forum, und schon gar keine Perfekte. Ich wollte einfach nur mal, daß Ihr trotz aller Vorschriften und Regeln auch mal die andere Seite hört.

In brieflichem Kontakt stehen wir, weil wir uns einfach gut verstanden haben, einige Gemeinsamkeiten haben (fahren beide Motorrad) und er hat mir auch viel von sich erzählt. Außerdem möchten wir uns nicht ganz aus dem Auge verlieren. Aber vieleicht ist da ja schon zuviel und ich sollte Ihm fairerweise sagen, wie ich empfinde.

Dein "Fragebogen" ärgert mich keinesfalls. Ich bin ja um jede Hilfestellung dankbar und ich finde, Du hast ein paar interessante Punkte dabei. Da muß ich aber erst in Ruhe drüber nachdenken. Wenn Du an dem Ergebniss interessiert bist, oder an der Auswertung, dann mail mal, dann schaun wir mal.

Gruß Claudia
 
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André Rosellen

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Interesse

Hi Claudia!

danke für Deine ehrliche Antwort. Ja, bin interessiert, an der "Auswertung" und wie Du (Ihr) das "Dilemma" regelt.

Freut mich, zum Nachdenken angeregt zu haben; empfinde das als dickes Lob.

Fahre Auch Motorrad (*schmunzel*), XJR 1300

Bin immer für Fairness!

Übrigens: So eindeutig und klar, wie man meint, sind die Vorschriften und Regeln oft gar nicht. Auch sind wir keine Druidenarmee wie in Starwars, die nur stur Regeln einhält und Vorschriften ausführt.

Im Gegenteil, wir lernen (und ich unterrichte auch) z. B. im Psychiatrie-Unterricht, dass es wichtig ist, bei der Arbeit man selbst zu sein, also nicht für eine begrenzte Zeit eine künstliche Therapeutenrolle einzunehmen.

Die Therapeutenvariablen des alten Carl Rogers gelten noch immer:

Echtheit (Man soll so sein, wie man wirklich ist)

Empathie (Die Fähigkeit, sich in die Gedanken- und Gefühlwelt des anderen hineinzuversetzen)

Akzeptanz (Das Gegenüber so annehmen, wie es ist, unabhängig von eigenen (Moral-) Vorstellungen)

Oder vor einem ZEN-Hintergrund betrachtet:

Wir sind nicht die Regeln, wir könne auf sie reagieren.

André
 
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hardl

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Hi Claudia,

Mir ist dein Beitrag eine Zeit lang durch den Kopf gegangen. Ich finde André hat die wesentlichen Dinge/Fragen ganz gut auf den Punkt gebracht. Von den Regeln, die du erwähnt hast habe ich noch nie gehört. Diese 2-jahres Regel ist mir neu und den Sinn kann ich nicht wirklich erkennen (ich habe auch schon in verschiedensten Psychiatrien gearbeitet).
Ich denke Transparenz ist das wichtigste. Wenn du dir die wesentlichen Fragen für dich persönlich beantworten kannst und zu dem Entschluss kommst mit den Konsequenzen leben zu können, positiven wie negativen, dann solltest du dich damit auch an "Ihn" wenden. Du schleppst ja sonst immer eine riesen Last mit dir herum und bist dadurch völlig unfrei, obwohl diese vielleicht aus der Welt zu schaffen wären.
Ich denke auch, dass du dabei auch ruhig bisschen an dein Wohl denken kannst. Niemand auf der Welt kann ihm oder euch einen Strick daraus drehen wenn ihr für euch die Sache besprechen wollt. Entscheidend ist was ihr DANN daraus macht. Wenn es einen Weg für euch gibt, müsst ihr mit offenen Karten spielen, wenn ihr feststellt, dass es keinen Weg geben kann habt ihr es geklärt und keiner muss ein schlechtes Gewissen bzw. unrealistische Träume mehr haben.

Das klingt jetzt alles bisschen nach schwarz/weiss malen. Die Lösung wird sicher irgendwo in der Mitte zu finden sein, ich wollte einfach nur mal die beiden möglichen Extreme aufzeichnen.

viele Grüsse
Paul
 
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Shaki09

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Hallo Kollegen,

in den letzten Jahren habe ich immer wieder die Erfahrung gemacht, dass es zu Liebesbeziehungen zwischen Mitarbeitern und Patienten kommen kann.

Während des Aufenthalts in der Klinik ist dies natürlich meist ein besonders kritische Situation. Es gibt verschiedene Ansätze wie damit umgegangen wird. In seinem Buch "Der Pflegeprozess in der Psychiatrie" beschreibt Walter Kistner, das die Beziehung thematisiert werden muß und es während des Aufenthaltes zu einer Verlegung des Patienten kommen kann oder kurzzeitige Versetzung des Mitarbeiters. Letztlich sieht er dies nicht als unprofessionelles Verhalten an, sondern als normale Angelegenheit, die einfach "passieren" kann.

In einem kürzlich geführten Gespräch zu dieser Thematik vertrat mir gegenüber ein Oberarzt unseres Hauses die klare und eindeutige Einstellung, dass es Ärzten, Psychologen und Pflegepersonal untersagt werden solle, sich darauf einzulassen eine Beziehung einzugehen - jetzige Patienten und auch ehemalige seien als Partner völlig tabu.

Ich weiß, dass wenn es so wäre es so einige aus den Pflege den Job kosten würde, denn bei uns ist es festglegt, dass jegliche Beziehungen zu einer Entlassung des Mitarbeiters führen.

Was für eine Meinung habt ihr dazu - ist es unprofessionell das Distanzverhältnis zu verlassen und sich von seinen Gefühlen treiben zu lassen? Sind Patienten für immer und ewig tabu? Ist sozusagen "Unzucht mit Abhängigen"?

Was meint ihr?

Ingo :redface:
Ich bin auch seit einem halben Jahr mit einem Patienten von mir zusammen. Macht das ganze etwas komplizierter, da ich in der Dialyse arbeite und nicht in einer Klinik (meine Patientin ist also dauerhaft meine Patientin). Ich sehe das so: Wo die Liebe hinfällt, sucht man sich nicht aus. Ich hatte noch nie eine so tolle Beziehung, wie mit ihm. Und würde es auf keinen Fall vermissen wollen. Ich bin froh, diesen Schritt gegangen zu sein. Natürlich weiß es bei meiner Arbeitsstelle keiner und ich arbeite ganz normal weiter, wie vorher auch. Solange man seinen Partner auf der Arbeit nicht den anderen bevorzugt, sollte das auch kein Problem sein. Man sollte es nur nicht an die große Glocke hängen.
 
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Shaki09

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Hi Ingo,
Ja, so sehe ich es. Ich bin der Überzeugung, dass eine „normale“ Liebesbeziehung zwischen Patient oder Pflegendem nicht unterbunden werden darf, weil es auch gar nicht geht.
Ich kann dir nicht folgen; warum ist ein Gedanke an eine solche Beziehung moralisch verwerflich? Wie kann ein Gedanke unmoralisch sein? Das verwerfliche entseht doch erst durch unreflektiertes und egoistisches Verhalten, aber ein Gedanke????? Noch dazu wenn es sich um eine an sich so schöne Sache handelt, wenn sich zwei Menschen begegnen. Kann es wirklich sein, dass man einen Menschen nicht lieben darf weil er psychisch krank ist und man selber zufällig in einer Einrichtung arbeitet die sich mit den Problemen dieser Menschen beschäftigt? Was soll man den denjenigen sagen, die jetzt in einer glücklichen Beziehung leben, die sich in einer Klinik kennen gelernt haben. Das es nicht in Ordnung war, dass sie sich kennen gelernt haben..........., es jetzt aber gut so ist ????????
An den Gedenken mit der nicht gefestigten Persönlichkeit komme ich auch nicht ganz hin. Wir reden ja nicht von extremen, klar gibt es den Patienten der in der Akutphase nicht Herr/Frau der Lage sind, aber dabei wird doch wieder die Ausnahme zur Regel gemacht. Nicht jede psychische Erkrankung führt unweigerlich zur Hilflosigkeit, gar Willenlosigkeit des Betroffenen. Die Institution Psychiatrie bringt doch das Machtungleichgewicht nur im Falle eines PsychKG / Unterbringung mit sich. Ansonsten gelten die gleichen Grundrechte wie sonst überall auch.
Du sprichst von Assymetrie, der Begriff gefällt mir in diesem Zusammenhang recht gut. Weil DAS unser Leben ist. In der Natur und bei uns Menschen gibt es die absolute Symmetrie nicht, oder? Es sind meist Institutionen die Symmetrie predigen und das für moralisch wertvoll verkaufen wollen. (Ich bin gerne Christ und finde aber auch hier einiges ziemlich schräg :(
(Es wäre superspannend mal die Meinung eines Betroffenen zu hören. Sowohl die eines Ex/Patienten aber auch einer Pflegekraft)

Gruß
Eberhard
Hallo, ich bin eine Betroffene. Ich bin Pfelegekraft in einer Dialyse, was bedeutet, dass mein Patient nicht eine weile auf der Station liegt, wie im Krankenhaus, sondern dauerhaft bis zur Nierentransplantation oder zum Tod. Wir haben uns hier kennen gelernt und haben uns angefangen privat zu treffen (nachdem wir die Nummern ausgetauscht haben). Wir sind relativ schnell zusammen gekommen, weil wir uns einfach super gut verstanden haben und es zwischen uns gefunkt hat. Wenn ich ehrlich bin, hatte ich noch nie so eine tolle Beziehung wie mit ihm. Was das ganze natürlich etwas komplizierter macht, ist meine Arbeitstelle. Natürlich läuft dort alles sehr transparent ab. Ich behandel ihn weiter wie vorher, ganz normal und ohne ihn zu bevorzugen. Da wir beide der Meinung sind, dass es besser ist, wenn es keiner meiner Kollegen weiß, haben wir es für uns behalten und leben so nun ca seit einem halben Jahr. Ich finde das ist ein absolutes muss. Das Private von der Arbeit zu trennen, auch wenn wir uns hier quasi kennen gelernt haben. Moralisch finde ich es nicht vorwerflich, denn wie du selbst sagst, ist es etwas so schönes, wenn zwei Menschen sich finden. Man kann sich halt nicht aussuchen, wo seine Gefühle hinfallen. Ich hätte mir nicht vorwerfen wollen, dass wir es nie versucht hätten, eine Partnerschaft einzugehen. Denn das ist die beste Entscheidung, die ich je getroffen habe. Liebe Grüße Anonymus :D
 
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Menschenkind

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Ich denke, was hier wirklich teilweise vergessen wird, ist, dass eine "Liebesbeziehung in der Psychiatrie zwischen Patient und Pfleger" angesprochen wurde!

In der Fachwelt wird dies als Kunstfehler bewertet und meiner Meinung nach ist dies auch so. Hier geht es um eine Ausnahmesituation für den Patienten und es ist meiner Meinung nach absolut notwendig, eine professionelle Distanz zu wahren.
Die Frage ist, was ist eine professionelle Distanz? Diese Frage stellt sich nicht nur in der Psychiatrie sondern auch im Akutkrankenhaus, im Hospiz, in der Altenpflege, etc.

Professionelle Distanz hat nichts mit Empathielosigkeit zu tun, sondern damit, dass die Probleme des Patienten, Kunden, Klienten nicht die Probleme des Pflegers sind - in dem Sinn, dass er sich nicht mit ihnen identifiziert und der Verantwortliche für die Gefühle des Patienten beim Patienten liegen und die Gefühle des Pflegers beim Pfleger liegen.

Patienten können überall sympathisch sein...so sympathisch, dass ich mir eine Beziehung vorstellen könnte...jedoch liegt gerade in der psychiatrischen Behandlung in der Regel eine emotionale und seelische Ausnahmesituation vor und häufig gehört es eben zum Krankheitsmuster, ungesunde Beziehungen einzugehen und sich somit in Abhängigkeiten von Dingen und Personen zu begeben.

Alleine aus diesem Grund sollte die Wahl einer Beziehung nicht auf eine/n Patienten/Patientin fallen!

Darüber hinaus besteht für den Pfleger die ernstzunehmende Gefahr, in eine Coabhängigenrolle zu schlüpfen (ich sage bewusst nicht "fallen", da dies passiver ist!). Sowohl für Pfleger, als auch Patient(in) kann die Entscheidung für eine Beziehung, wenn sie mit den Worten "das passierte einfach, wir hatten Gefühle füreinander" legitimiert wird bedeuten, dass die Verantwortung an die Gefühle abgegeben wird und das eigene Handeln nicht (Eigen-)Verantwortlich wahrgenommen wird, sondern man sich selbst als Opfer der eigenen Gefühle wahrnimmt und sein Handeln dadurch Selbstentschuldigt.

Meiner Meinung nach ist auch dies ein Kunstfehler, sowohl gegen sich selbst, als auch gegenüber der Person, der ich integer und professionell aggieren sollte/müsste.

In meiner Praxis als Altenpfleger kommt es durch Beziehungsnähe (Angehörige unserer Bewohner) immer wieder zu Spannungen, weil sie emotional zu Nah an den jeweiligen Menschen dran sind. Das ist normal und total in Ordnung! Ich möchte dies nicht verurteilen.
Jedoch zeigt dies einfache Beispiel, wie eine Rollenumverteilung vom Pfleger zum Angehörigen sehr leicht das therapeutische Konstrukt ins Wanken bringen kann.

Aus diesem Grund: Finger weg von Liebesbeziehungen in der Psychiatrie! Die Gefahr, hier tatsächlich einen Kunstfehler zu begehen und anschließend darunter zu leiden, bzw. dem Patienten Leid zuzufügen ist meiner Meinung nach extrem groß!
 
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Pflegedienstleitung, Qualitätsbeauftragter, Algesiologischer Fachassistent (DGSS)
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dawala

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Guten Tag zusammen!

Ich kann nicht einfach alle in der Pflege vorkommenden Aufgabenbereiche über einen Kamm scheren und dann ein pauschales Urteil fällen. Das ist für mich mangelnde Seriosität erster Güte.
Ich kann auch nicht pauschal bezogen auf Psychiatrie pauschal urteilen. Dafür gibt es schlicht viel zu viele verschiedene psychiatrische Erkrankungen.

Grundsätzlich kann über Gefühle nicht gestritten werden oder sich heraus genommen werden diese verbieten zu wollen. Denn Gefühle an sich sind wertfrei.

Wenn ich also nun in der Urologie Gefühle für eine E-Resektion erlebe und diese erwidert werden, wer bitte will auf die Idee kommen hier von irgendeinem Missbrauch ausgehen zu wollen? Ich jedenfalls stelle mir das als etwas bemerkenswerten psychischen Prozess vor.

Was ich schon in meiner Ausbildung mit Ende 1978 lernte ist, dass zunächst innerhalb der Schicht über alle ungewöhnlichen Gefühle gesprochen wird wie "löst Aggressionen aus ohne vorliegen einer Ursache", "reagiert Pflegekraft außergewöhnlich nachsichtig" bis hin zu "hat Liebesgefühl ausgelöst: Rausch oder nicht?" als spontan einfallende Themen. Je nach Ausmaß des Gefühls wurde dann in der Gruppe der weitere Umgang damit besprochen. Und dann innerhalb der Gruppe eine Lösung erarbeitet. War sich die Gruppe einig, dass die Gefühle die Pflege beeinflussen, war selbstverständlich, dass die betroffene Pflegekraft von der Gruppe darin unterstützt wurde durch die Gefühle die Pflegearbeit nicht zu stören. Im Falle starker Gefühle bedeutete dass dann eben, die Pflegekraft blieb dienstlich dem Zimmer fern. Entsprechende Gespräche habe ich hier und da auf verschiedenen Stationen erlebt.

Im Fall von Liebe wäre dann also als nächster Schritt das ehrliche Gespräch mit der zu pflegenden Person nötig. Dabei müsste im Vorfeld klar sein, ob das Gefühl Einfluss auf die Pflege hat oder nicht. Bei Psychiatrie würde ich da in jedem Fall von ausgehen. Ansonsten ist halt wichtig, dass die zu pflegende Person versteht, dass die Pflegekraft möglichst diese Person nicht pflegt, um jede Störung der Pflegearbeit auszuschließen und damit dann eben auch Arbeitsplatzprobleme der Pflegekraft.
Aber auch hier ist für mich wesentlich, dass nun mal ein gewaltiger Unterschied zwischen einer Dialyse und einer akut psychiatrisch erkrankten geliebten Person zu machen ist.

Würde die Idee aufkommen, es gehöre grundsätzlich untersagt, Menschen zu pflegen für welche Gefühle erlebt werden, würde ja das eigene Kind, der Lebenspartner und Verwandtschaft nebst wichtigen Freunden genötigt sein, sich andernorts behandeln zu lassen.

Früher hieß es:

Die Kirche sollte bitte im Dorf bleiben.
 
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Igel77

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Komme erst jetzt dazu, mich in den Faden einzuklinken.

Abseits der Frage, ob das ethisch, moralisch, juristisch oder in einer anderen Kategorie zulässig, zu bestrafen, zu besprechen sein sollte, störte mich an der Einleitung die Szene, dass der Oberarzt eine solche Haltung (die ja auch gerne als Anweisung verstanden wird) geäußert hat. Ich spitze das jetzt mal zu, damit meine Haltung klar wird:

Das Problem an der Psychiatrie sind die Psychiater.

Ich habe in 15+ Jahren stationärer Psychiatrie in fast allen Feldern (KJP fehlt mir noch) fast durchgängig die Erfahrung gemacht, dass es starre, steile und autoritäre Hierarchien gibt, und sich alle - einschließlich anderer akademischer Berufsgruppen, wie Psychologen und Sozialarbeiter - dem Willen der Ärzte zu unterwerfen haben.

Teilweise, ohne die notwendige Qualifikation zu besitzen (die meines Erachtens eine echte und umfangreiche Supervision beinhaltet, so wie sie für die Psychologen erforderlich ist), und trotz akademischer Weihen ellenbogenrudernd durch ein Setting stampfen, von jeglichen Sorgen und jeglicher fachlichen Evidenz befreit. Die einerseits "Law-And-Order" predigen, andererseits selbst häufig nicht mit Kritik umgehen können. Und sich auch selbst grenzverletzend verhalten. Da werden dann schnell Leute disziplinarisch entlassen oder anderweitig gemaßregelt, die mit der herrischen Art eines solchen Typen nicht umgehen können, oder man muss nach den Visiten erstmal Leute wieder aufbauen bzw. Suizidalität/SVV auffangen, es werden nach sozialem Status Unterschiede gemacht, oder es werden die eigenen verqueren Ansichten über persönliche Lebensführung zur Behandlungsleitlinie erhoben, als stamme sie direkt aus der Feder Gottes.

Eine der Hauptaufgaben der stationären Psychiatrie ist das Schaffen eines bestimmten Settings. Dies wird maßgeblich durch den Kommunikationsstil eines Teams und dessen inneren Zusammenhaltes und Vertrauensverhältnisses geprägt. Erst wenn wir auf sicherem Boden zueinander stehen, können wir diese selbe Sicherheit den Patienten anbieten.

Ein Oberarzt, der eine solche Ansage macht, wird (meiner bescheidenen Erfahrung nach) KEINESFALLS dazu beitragen, das Mitarbeiter sich offen zu ihren inneren Dynamiken äußern. Im Gegenteil, er trägt die Angst in das Team, und DAS führt dann dazu, dass Dinge irgendwann aus dem Ruder laufen. Was, und dass lernen diese Leute halt nicht, auch Intrigen und Staffing gegen sie selbst bedeuten kann. (Und dann kommt der nächste, der sich für Gottes Geschenk an die Menschheit hält und immer so weiter.)

Ich kann vielen noch nicht mal einen Vorwurf machen. Sie werden von älteren Ärzten angelernt, stehen selbst unter Druck, und Pflege ist ja allerorten sehr gefügig gemacht worden. (Witziger-weise sind die Unterwerfungsgesten bei anderen Berufsgruppen - wie Psychologen und Sozialarbeitern - meiner Beobachtung nach allerdings noch viel ausgeprägter.)

Sie erhalten Support vom Mittelbau (Stationsleitungen zB), der schon lange nicht mehr nach fachlicher und menschlicher Qualifikation ausgesucht wird, sondern von der Fähigkeit, Vorgaben ohne zu Murren umzusetzen und der nächsthöheren Führungsebene das Gefühl zu geben, sie seien ein geliebter und geschätzter Mensch (um mich mal höflich auszudrücken), anstatt es mal bei ihrem eigenen Personal zu versuchen.

Um ein Team müssen Brandmauern gegen diese Art von Autoritarismus errichtet werden.
Es muss klar sein, das jeder über alles reden darf.
Die eigenen Moralvorstellungen haben nur begrenzten Platz. Insbesondere für Führungskräfte.
Wir müssen einander achten, selbst dann, wenn wir "schwach" sind.
 
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Psychiatrie
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Careminator

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Ich empfehle, sich am Grundsatz von Marlowe zu orientieren, auch wenn Rigby Reardon das anders sieht.
;o)
 

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