Lebenslang Tavor....

Kiki76

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Hallo,

mich beschäftigt seit langem folgendes Problem:

Gerade im Bereich der Altenpflege habe ich es häufig erlebt, dass die Bewohner bei Angstzuständen ziemlich schnell mit Tavor abgespeißt werden. Ich habe aber bei meiner Weiterbildung gelernt, dass Tavor nur vorübergehend genommen werden soll wegen der Abhängigkeit.:sleeping:
Nun habe ich eine Bewohnerin, die lt. Arzt seit 30 Jahren an inneren Angstzuständen leidet. Seit ich in diesem Hause arbeite, versuche ich den Arzt zu überreden die Dosis zu reduzieren, da ich gerne therapeutisch mit ihr arbeiten würde ( durch mehr Beschäftigung, Ergo, Psychotherapie, Gruppentherapie etc ). Ich habe z.b. gemerkt, dass sie ruhiger wird, wenn ich sie spiegele ( ihre Emotionen wiedergebe ):thumbsup2:. Mir scheint einfach, dass die Frau unterfordert ist und deshalb nach Anerkennung sucht. Sie ruft stetig, möchte hingelegt werden um dann nach 5 Minuten wieder aufstehen zu wollen. Sie stöhnt laut und zittert , wenn man sie beobachtet. Aber wenn sie alleine zu sein scheint, legt sich dies. Häufig komme ich in ihr Zimmer und sie sitzt mit geschlossenen Augen im Bett und schreit ( bis sie merkt, dass ich da bin ). Wenn ich sie frage, warum sie das macht, dann sagt sie, sie habe nicht geschrien. :kopfkratz:
Zur Zeit bekommt sie über den Tag verteilt 3,5 mg Tavor und ist alles andere als ruhig. Zuvor wurde Stangyl verwendet ( hat die Tochter absetzen lassen ) und Thombran machte die Sache noch schlimmer. Sie nimmt Tavor nun seit 7 Jahren, vorher hatte sie Valium über 30 jahre genommen. Was haltet ihr davon ? Auch wenn erhöht wird, dann erfolgt das nicht schrittweise sondern einfach von hier auf jetzt.... :spinner:

Die Tochter lehnt ein neurologisches Konsil ab, nur der Hausarzt, der sie seit 30 jahren betreut darf ran.

Habt ihr ähnliche Erfahrungen gemacht ?:neugier:

Kirstin :lolli:
 
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Mitglied im psychiatrischen Verband Schleswig- Holstein und Mitglied in einem Verband für Kommunikat
MuuuHaaa

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Hi,


fachlich gesehen magst du recht haben.
Menschlich ist es fakt das die Frau seit 37 Jahren Benzos einnimmt.
Diese ihr wegzunehmen wäre für die Frau ein Horrortrip.

Ich frage dich wofür?


Gruß

Vader
 
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Hallo Kiki,

ich möchte mich Vader anschliessen.

Bist du da nicht auffem Ego-Trip???? *mal vorsichtig frag?*

Du kannst sie doch trotzdem Validieren

Ausserdem, du arbeitest doch in einem Team, geht jeder so mit den BW um? Was macht die BW wenn du frei hast und deine Kollegen vielleicht keine Zeit oder das nötige Know how haben????



Generell möchte ich sagen, dass die Zeiten mit den Benzodiazepinen meiner Meinung nach vorbei ist. Auch die Ärzte haben begriffen, dass sie schnell abhängig machen.
Die Frage ist doch aber, was ist die Alternative??? Auch alle anderen Psychopharmaka haben starke Nebenwirkungen. Geh mal in eine Langzeitpsychiatrie, dort wo Menschen leben die seit 40 Jahren und länger Neuroleptika/Antidepressiva nehmen........ Jede Wirkung hat nunmal auch ne Gegenwirkung. Medikamente ohne Nebenwirkung haben auch keine Wirkung.

Schönen Sonntag
Sophie
 
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Kiki76

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Naja, eben weil ich ja nicht aufm Egotrip bin, habe ich ja um euren Rat gefragt. Ich habe das Gefühl, dass die Bewohnerin auch nach jeder Erhöhung keine sichtbaren Fortschritte macht. Wir haben auch schon reduziert, aber es tat sich nichts. Deshalb war mein Gedankengang, ob es überhaupt sein muß, dass sie Tavor bekommt. Warum soll sie sich mit solchen Medikamenten vollpumpen, wenn diese keine Wirkung zeigen ( mal andersrum gefragt ). Sie ist nach wie vor am Rufen, schreit, fordert. Ich möchte Sie sicher nicht als Versuchskaninchen nutzen, Gott bewahre. Ich dachte nur, es wäre gut, wenn man durch alternative Methoden ( sofern sie natürlich funktionieren ) Psychopharmaka einsparen kann. Zumindest habe ich das während meiner Hospitationen auf psychiatrischen Stationen so gesehen. Ich möchte ihr das Tavor ja auch nicht ganz nehmen. Ich hatte überlegt, ob es vielleicht sinnvoll wäre, langsam zu reduzieren. Ich glaube, dass der Horrortrip in ihrem jetzigen Zustand auch nicht viel angenehmer ist. Sie schmeißt sich Pillen ein, die ihr nicht helfen. Wie gesagt, ich mache mir halt Gedanken um meine Leute.

Was meine Kollegen angeht, so können diese ebenfalls so arbeiten. Sie sind durchweg geschult und wir reden auch sehr intensiv über solche Probleme. Ich wollte einfach mal ein paar Meinungen hier im Forum hören ( vielleicht hat ja der Eine oder Andere Erfahrungen gemacht, die ich noch nicht kenne ). Ich bin sicher nicht egoistisch, ich bin besorgt um die Dame und sehr lernfähig.

Gruß Kirstin
 
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MuuuHaaa

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Hi,


mich würde dazu interessieren wie die Frau von der persönlichkeit ist.
Ist die wähnhaft, ängstlich? Was ruft , schreit, fordert sie denn?

Gruß

vader
 
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Kiki76

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Ich habe mir nochmal die Krankengeschichte durchgelesen. Hier ist herauszulesen, dass sie bereits seit 30 Jahren an inneren Ängsten leidet. Sie hat 8 Kinder, die bis auf eine Tochter alle früh ausgezogen sind. Nur diese eine Tochter ist ihr geblieben ( bis heute ), denn die anderen Kinder kommen sie nicht besuchen. Wir hatten den Versuch gestartet, die Kinder zu ihrem 90. Geburtstag einzuladen, weil die Dame darum gebeten hatte. Keiner kam.

Ich denke, es ist wohl mehr vorgefallen, als uns bekannt ist. Die Tochter, die noch kommt, erzählte mir, dass ihre Mutter sehr streng und ungerecht zu ihren Kindern war. Sie beschreibt sie als herrisch und laut.
Ich habe die Bewohnerin auf andere Weise kennengelernt. Sie klammert sich sehr an mich ( ich erinnere sie wohl an ihre jüngste Tochter ), schreit wenn ich den Raum verlasse ( ebenso wenn die Tochter Abends gehen will ). Für mich scheint es sich um Verlustängste zu handeln. Tagsüber äußert sie stetig Übelkeit, stöhnt dann laut ( wobei ich beobachtet habe, dass sie dies besonders dann tut, wenn sie zittert und Ängste äußert ). Es macht den Anschein, als müsse sie die Angst rausschreien. Wende ich mich ihr zu, redet sie nur über ihre Angst, ihre Übelkeit und dass sie innerlich kaputt gehe. Ich habe sie in den letzten Monaten Schritt für Schritt in die Gemeinschaft geholt ( sie lebte vor meiner Zeit in diesem Haus nur im Zimmer ). Es scheint ihr gut zu tun, wenn sie die anderen Pflegekräfte sieht und sie sagt, es gäbe ihr sicherheit. Die Tochter ist mit der krankengeschichte sehr gut betraut und sie bittet den Neurologen auch stetig um Erhöhung der Tavor. Dieser aber sagt, dass noch mehr Tavor keinen Sinn mehr mache. Wie gesagt, es wurde mit Stangyl und Thombran experimentiert. Ihr Zustand ist gleichbleibend. Auch Eunerpan zur Nacht änderte nichts an ihrem Gemütszustand. Sie war einfach nur müde und konnte kaum aufstehen, was zu einer fatalen Immobilität führte. Deshalb setzte der Arzt Eunerpan wieder ab.

Mich interessiert einfach, ob ihr Erfahrungen mit alternativen Methoden wie Ergo und Beschäftigung gemacht habt ? Die Dame ist noch recht orientiert und interessiert sich sehr für handwerkliche Dinge. Ich fragte mich also, ob es möglich ist, ihr durch einen strukturierten Tagesablauf eine Aufgabe zu geben, die sie von den Ängsten ablenkt. Ich bin zwar Gerontofachkraft, aber mit "Angstpatienten" hatte ich bisher nicht so viel zu tun und deshalb möchte ich lieber Rat einholen. Ich nehme die Ängste der Dame sehr ernst und möchte auf keinen Fall, dass es ihr schlecht geht, es war nur ein Gedankengang... :blushing:
 
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Hallo,


bin nur gerade über deinen Artikel geflogen (lesetechnisch) ich werde mir den nochmal in Ruhe zu Gemüte führen.
ZU Alternativen Methoden (womit ich gute Erfahrung gemacht habe bei älteren "Leutchen" z.B. mit Schlafstörungen, war eine Musiktherapie mit visuellen Reizen über einen Beamer (dazu habe ich den Windows Media Player mit den zufälligen Visualisierungen genutzt. Konnte bei den Patienten eine beruhigende Wirkung feststellen.
Die Musik habe ich altergemäß gewählt z. B. Andre Rieu.


Gruß

Vader
 
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Sie ist 90 Jahre alt, und wie meine Vorredner gesagt haben seit 37 Jahren ruhig gestellt? Und Du willst die letzten Jahre die sie hat ein Experiment machen um zu testen ob sie ohne Benzo klar kommt?
Das hätte man vor 35 jahren machen sollen, ist meine Meinung.

Ich bewundere Dich und wie Du mit den Pat. umgehst bzw. Dir mühe machst das beste herraus zuholen, aber manchmal müssen wir auch Pflegekräfte mal unsere Vorstellung und Bedürfnisse bzw. Meinung nach der richtigen Therapie einstellen und es hinnehmen. Du kannst leider aus einen alten Käfer keinen Sportwagen machen, besonders nicht nach 37 Jahren.

Gruß Martin
 
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ms-sophie

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Hallo Kiki,

wie ich oben schon beschrieben habe, denke ich, dass man hier mit Validation sehr gut weiterkommen könnte. Allerdings muss man dafür mit diesem Konzept vertraut sein und schon damit gearbeitet haben. Ich bin sicher, dass dann die Verlustängste aufgearbeitet werden könnten.

Ich finde es einerseits verständlich dass die Kinder nicht gekommen sind, andererseits schade für die Dame, weil ich vermute, dass ihre Ängse im Zusammenhang mit den "verlorenen" Kindern stehen. Hierzu wäre es notwendig die gesamte Biographie explizit dahingehend aufzuarbeiten..... was war mit dem Vater/den Vätern der Kinder. Restliche Famile, wie hat sie Vater/Mutter verloren... wie hat sie den Krieg (wie alt ist sie) erlebt. Das sind denke ich wichtige Stationen in ihrem Leben, die sie nicht aufarbeiten kann.
Hast du als Gerontofachkraft Erfahrung in der Validation???? oder vielleicht eine deiner Kolleginnen.

Sophie
 
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