ist das wirklich so einfach auf Freiheitsentziehende Massnahmen zu verzichten?

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zwirbeldrüse

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27.03.2020
hallo liebe Kollegen (damit sind natürlich auch alle weiblichen Kollegen gemeint).

laut diesem Video des bayerischen Gesundheitsministeriums ist es ja überhaupt kein Problem auf freiheitsentziehende Massnahmen zu verzichten.
Es ist auch angeblich keine Fragebdes Stellenschlüssels, sondern lediglich des Konzepts.
Und es gibt natürlich auch keinerlei Studien, die belegen das Freiheitsentziehende Massnahmen in irgendeiner Weise stürze verhindern., dafür aber jede Menge Studien, die belegen wie gesundheitsschädlich Fixierung ist.

Seht ihr das aus eurer Erfahrung auch so?

Die wenigen angeblichen Alternativen die das Video beschreibt finde ich nicht sehr effizient und eher Selbstbetrug. Es soll nicht sein was nicht seien soll!

Mich hat es ehrlich gesagt geärgert, dass die Kommentarfunktion zu dem Video nicht aktiviert ist.

Was denkt ihr dazu?

 
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Menschenkind

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18.12.2012
Ich kann das Video leider nicht abrufen. Es gibt aber mehrere Konzepte, die sich mit der Vermeidung oder Verringerung der Fixierungsquote auseinander setzen (Redufix, Werdenfelser Weg).

Vor etlichen Jahren wurden in der Einrichtung, in der ich arbeitete die Betten abgeschrieben und ausgetauscht gegen Niedrigbetten mit geteilten Bettseitenteilen. Zusätzlich wurde auf bestimmte Hilfsmittel der Rufalarmierung gesetzt. Mein Erleben als Führungskraft war eine anfängliche enorme Skepsis. Alle FEM wurden fachlich überprüft und hinterfragt. Die Quote der richterlichen Genehmigungen wurde mit der Zeit extrem runter gefahren. Zu signifikant mehr Stürzen ist es tatsächlich nicht gekommen.

Es wurde ein Mix angewendet aus halb hochgezogenen Bettgittern (Teilbar) -> Schutz vor unwillkürlichem herausrollen, Niedrigbetten -> unruhige Bewohner die hohen Bewegungsdrang haben aber liegen bleiben, Sturzsäcken -> ebenfalls unruhige Bewohner, die jedoch nach dem Aufstehen sofort das Gleichgewicht verlieren, Klingelmatten -> Bewohner die selbst aufstehen zur Toilette, ein nächtliches Sturzrisiko haben aber kognitiv keine Klingel bedienen können & Bewegungsmeldern -> siehe Klingelmatte, diese aber beim Aufstehen bewusst meiden.

Mittlerweile sind die Systeme intelligenter geworden (z.B. Matratzen, die sich nur melden, wenn ein Bewohner z.B. nach 10 Minuten nicht wieder ins Bett zurück gekehrt ist). Das vermeidet keinen direkten Sturz, aber der Bewohner wird nachts schneller aufgefunden, falls er gestürzt sein sollte.

Das Hauptargument gegen FEM ist für mich zum einen die Freiheitseinschränkung an sich mit den psychischen Folgen (z.B. das Gefühl des Eingesperrt seins), aber auch die Einschränkung der Mobilität, die in diesem Zug wiederum das Sturzrisiko erhöht weil die Bewegungsmöglichkeit genommen wird.

Dies ist für mich in dem Zusammenhang (ja, ich weiß, etwas offtopic) auch ein Kritikpunkt an die Versorgung im Krankenhaus: Alleine durch die wenigen wirklich sinnvollen Angebote liegt ein Mensch übermäßig viel im Bett, schaut dort TV, ließt, etc und verliert an Mobilität.
 
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Krankenpfleger, Pflegefachmann, freiber. Dozent
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Igel77

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23.12.2014
Oldenburg
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Ansonsten: Natürlich können Pflegende nur mit den Mitteln in der Zeit arbeiten, die sie zur Verfügung haben. Bei vielen grundsätzlichen Entscheidungen - Architektur der Einrichtung, Personalschlüssel, Dienstplanung, Fort- und Weiterbildungsangebote, Einkauf von "Hardware" wie Sensormatten, Betten mit teilbarem Gitter etc. können sie die Verantwortlichen höchstens darauf hinweisen. (Und selbst das kann in einigen Einrichtungen schon mit einem persönlichen Risiko behaftet sein - Führungen in der Pflege sind ja oft nicht an Meinungsfreiheit, wissenschaftlicher Orientierung und anderen Grundwerten der sie umgebenen Gesellschaft orientierten Haltung orientiert.)

Natürlich ist gewaltfreie Pflege möglich - sie erfordert aber auch eine gewaltfreie Kultur, die sie stützt und fördert. Das ist mit klugen Entscheidungen und einem bestimmten Führungsstil, aber auch ausreichenden Ressourcen verbunden.
 
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Timo45-3

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03.01.2021
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Hallo,
also, hab das Video zum größten Teil gesehen und muss sagen, dass ich in der Praxis noch nie eine 5 - punkt -Fixierung gesehen habe oder von jemanden gehört habe, dass das in der altenpflege ein Ding ist. Gibts aber bestimmt in irgendeinem verstaubten Heim noch. Das Mittel der wahl sind ja heute eher Medikamente (Melpero, Pipamperon etc.) Ein subtilerer Weg aber dennoch eine FEM. Da bin ich auch kein großer Fan von, zumal das die Sturzgefahr massiv erhöht.
dann nimmt man ja gerne Positionierung zur Freiheitentziehung (Schön viele Kissen etc.) auch blöd. Bin da auch eher für Bewegungsmelder, Klingelmatten etc.
Wichtig werden die FEM ja erst bei aggressivem Verhalten, das lässt sich dann auch menchmal nicht mehr durch gut zureden und Tagesstruktur lösen.
Wobei da auch meistens Medikamente verschrieben werden, wenn es geht.

Was ich sagen will ist glaube ich, dass es nicht immer so einfach ist zu sagen, dass FEM komplett verzichtbar sind, denn was tun, wenn man jemanden auf Station hat, der jeden verkloppt?
wobei, diese Maßnahme immer so lange wie möglich zu vermeiden sind und am ende sollen die Leute lieber stürzen als ans Bett gefellt zu werden, finde ich.
 
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dawala

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19.06.2019
Das Bundesverfassungsgericht und der Bundesgerichtshof haben freiheitsentziehenden Maßnahmen sehr enge Grenzen gesetzt und diese engen Grenzen mit den von Menschenkind genannten Argumenten begründet. Eine Pflegekraft kann sich also gefängnisbewehrt strafbar machen, wenn keine schriftliche richterliche Zustimmung vorliegt. Das sollte bedacht werden.

Die Pflege ist grundsätzlich NICHT für die Materialbeschaffung zuständig. Das bitte unbedingt mit beachten.

Ich habe hier für Interessierte einen Vortrag dazu gefunden http://www.aerztenetz-bad-berleburg.de/images/zulaessigkeit_von_patientenfixierungen.pdf Ich finde ihn lesenswert und er kann der Verwaltung und der Ärzteschaft freundlichst anempfohlen werden.

Eine lesenswerte Erörterung findet sich unter Bundesverfassungsgericht - Entscheidungen - In einer Vorsorgevollmacht kann nicht auf gerichtliche Genehmigung bei freiheitsbeschränkenden Maßnahmen verzichtet werden
Hier greift dann

Grundgesetz für die Bundesrepublik Deutschland
Art 31

Bundesrecht bricht Landesrecht.
 
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Cutter

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16.11.2008
Hannover
@dawala Hi erstmal. Du schreibst:
Die Pflege ist grundsätzlich NICHT für die Materialbeschaffung zuständig. Das bitte unbedingt mit beachten.
Das ist mir nicht bekannt. Wir haben derzeit auch einen Fall, nachdem eine Bew per Beschluss mit einem "Bauchgurt im Rollstuhl fixiert werden soll".

Der Wohnbereichsleiter hat dann per Rezept beim Hausarzt eine Sitzhose bestellt und liefern lassen. Meine Kolleginnen monierten, das diese Sitzhose 1.) nicht auf dem Beschluss steht und 2.) von der Bew selbst geöffnet werden könnte.
Darauf angesprochen meinte der WBL, das er nur ein Rezept für eine Sitzhose bekommen habe und da das Haus nicht über einen korrekten Bauchgurt mit Antidurchschlupfgurt (zusätzlicher Gurt zwischen Beinen) blieb ihm nichts anderes übrig.

Wie muss er das anstellen, damit ein echter Bauchgurt für Fixierungszwecke bestellt werden kann, ohne das dem Haus dabei Kosten entstehen?
 
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Menschenkind

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18.12.2012
Vielleicht ist die Sitzhose das mildere Mittel und sollte sogar eingesetzt werden?
Dann muss die Sitzhose nicht auf dem Beschluss stehen!
Das Gericht legt nur fest, welches Mittel maximal angewendet werden darf! Nicht welches angewendet werden soll!

Der Betreuer/Bevollmächtigte mit der Ermächtigung Entscheidungen in Bezug auf freiheitseinschränkende Maßnahmen (durch die entsprechende Bestallung oder oder konkrete Bevollmächtigung für FEM) entscheidet letztendlich, was wann gemacht wird, sofern von der Legitimation des Gerichts gedeckt.

Soll es trotzdem ein Fixierungsgurt sein, dann bestellt den doch beim HA...lasst euch vorher konkret beraten von zum Beispiel einem Sanitätshaus, was auf dem Rezept drauf stehen muss...aber vorher würde ich überlegen, ob der Sitzgurt nicht vielleicht ausreicht.

Vielleicht reicht aber auch schon eine Pelotte, die das herunterrutschen aus dem Rollstuhl verhindert, so dass gar kein Fixiergurt notwendig ist?
 
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Cutter

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16.11.2008
Hannover
Die Bew ist sehr unruhig und hantiert viel herum. Deswegen steht die Befürchtung im Raum, das sie den Verschluss der Sitzhose selbst öffnen wird (Druckkopf). Hat sie bislang noch nicht. Wenn sie es aber schafft, wird sie sehr sicher aufstehen und auch fallen. So geschah es mehrfach, inkl TEP´s beidseits und reichlichen Platzwunden, weswegen das Gericht die FEM ja auch genehmigt hat.

Ein Rezept über einen Bauchgurt hat der WBL nicht bekommen, vom HA. Nur eins für eine Sitzhose. Ich muss da mal nachfragen, warum der HA das nicht rezeptieren wollte.

Meines (alten) Wissens nach, wurden die Fixiergurte (mit Magnetverschluss) von der Einrichtung bestellt, bezahlt, gewartet und gereinigt. Aber das war früher mal so. Dinge ändern sich ja auch.
 
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Menschenkind

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18.12.2012
In dem konkreten Beispiel liegt ja eigentlich schon der Hund begraben: potenziell könnte sie den Verschluss öffnen, aufstehen, stürzen...hat sie nicht...könnte sie aber. Dieses letzte bisschen "könnte sie evtl." wollt ihr jetzt auch noch wegnehmen...auch wenn sie noch nie die Sitzhose geöffnet hat.

Es gibt so einen schönen Spruch: "Eure Sorge fesselt mich" - dies ist eine Initiative des Bayerischen Staatsministeriums für Gesundheit und Pflege...hier der Link:

Ich finde in diesem Fall empfehlenswert, auch Alternativen durchzudenken.
 
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Igel77

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23.12.2014
Oldenburg
Nebenbei, weil wir gerade von Fixierungen schreiben:

Manche Firmen (wie Segufix) haften nicht mehr für ihr Produkt, wenn ein veraltetes System verwendet wird (im genannten Falle die alten, klassischen Arm - und Beingurte plus Bauchgurt statt des neueren Akutfixiersystems mit einem Bein, Arm, und Brustgürtel), und erst recht nicht, wenn diese nicht wie vorgeschrieben (also, zB nur über eine Diagonale) verwendet werden.
 
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Cutter

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16.11.2008
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@Menschenkind Eine Fixierung sollte immer der letzte Notnagel sein und auch nur so kurz wie möglich. Dessen sind sich alle bei uns bewusst. Aber eben auch, das wir auf Minimalbesetzung fahren, schon seit Jahren. Das ist alles nichts Neues. Und kaum Zeit für Beaufsichtigungen haben. Sowas passiert meist eher im "Vorbeiflug".

Und die Fragen nach dem: Was wäre wenn ; Was wenn ; usw. klingt immer nach Unsicherheit bei den Mitarbeitern. Sie suchen "Ausreden" eine Fixierung um damit ihre eigene "Rechts"-Sicherheit sicherzustellen. Quasi: Ein Fixierter kann nicht fallen und ich muss nicht zum erneuten Gespräch, wenn einer gefallen ist, zum Chef und mir seine Angst vor der "Rechtsverfolgung" anhören. Cheffchen kann gut Druck aufbauen.

Zeit bzw Pflegezeit in Alternativen zur FEM herzugeben ist fast unmöglich. Das fängt schon bei den Schulungen dazu an und hört bei ständig wechselndem Personal mit erneuten Einarbeitungen und Diskussionen über FEM, auf. Ein echt beschissener Teufelskreis. Wir hatten schon Personal, die alles fixiert haben, was einen Beschluss hat ohne sich auf das Minimum, was in jedem Beschluss steht, einzulassen. Fachkräfte hängen dann schon mal ihre Vorgesetztenposition raus und überstimmen die Hilfskräfte. Konkret mich...

Was mich aber noch interessiert ist das Zitat von Dawala:
Die Pflege ist grundsätzlich NICHT für die Materialbeschaffung zuständig. Das bitte unbedingt mit beachten.
Ist damit die Beschaffung gemeint? Also, wer bezahlt einen Fixiergurt? Ist das Sache der Einrichtung oder muss der Arzt sowas verschreiben? Wo kann ich das möglichst konkret für Niedersachen nachlesen? Habe nichts gefunden ...
 
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Menschenkind

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18.12.2012
Hallo Cutter,

natürlich kenne ich die Personalsituation nur zu gut und die Pflegestärkungsgesetze haben zusätzlich in der Stationären noch die Situation verschlechtert.

Jetzt arbeitest du in Niedersachsen und ich finde das dortige Heimgesetz eher "schwach"...bei uns in NRW steht zu FEM im §8 "Wohn- und Teilhabegesetz" (WTG) folgendes - und das sollte uns mal zu denken geben...vor allem auch den Einrichtungsleitungen:

§8 WTG NRW
(2) Freiheitsbeschränkende und freiheitsentziehende Maßnahmen sind grundsätzlich nur nach vorheriger Genehmigung des Betreuungsgerichts oder der rechtswirksamen Einwilligung der Nutzerin oder des Nutzers zulässig und unter Berücksichtigung des besonderen Schutzbedürfnisses der Nutzerinnen und Nutzer auf das unbedingt notwendige Maß zu beschränken. Sie sind nur zulässig, wenn
1. eine weniger eingreifende Maßnahme aussichtslos ist,
2. aus Sicht der Nutzerin oder des Nutzers der zu erwartende Nutzen die zu erwartenden Beeinträchtigungen deutlich überwiegt,
3. der ernsthafte, mit dem nötigen Zeitaufwand und ohne Ausübung unzulässigen Drucks unternommene Versuch vorausgegangen ist, die auf Vertrauen gegründete Zustimmung der Nutzerin oder des Nutzers zu erreichen und
4. die Maßnahme der Wiederherstellung der freien Selbstbestimmung dient, soweit dies möglich ist. Die Maßnahme ist unter Angabe der Genehmigung des Betreuungsgerichts oder der rechtswirksamen Einwilligung der Nutzerin oder des Nutzers sowie der oder des für die Anordnung und Überwachung der Durchführung der Maßnahme Verantwortlichen zu dokumentieren. Sofern im Rahmen des Angebotes freiheitsbeschränkende oder freiheitsentziehende Maßnahmen umgesetzt werden, müssen die Leistungsanbieterinnen und Leistungsanbieter schriftlich in einem Konzept Möglichkeiten der Vermeidung freiheitsbeschränkender und freiheitsentziehender Maßnahmen festlegen. In diesem Konzept ist darzulegen, wie die Trennung zwischen Durchführung und Überwachung der Maßnahmen geregelt ist. Die Beschäftigten sind mit Alternativen zu freiheitsbeschränkenden und freiheitsentziehenden Maßnahmen vertraut zu machen.

Mit diesem Gesetzestext sind sowohl die Einrichtungen insgesamt (Führungsebene) als auch die Pflegefachkräfte/Bezugspersonen gefordert, sich mit der konkreten Anwendung von FEM tatsächlich auseinander zu setzen und meiner Meinung nach aktiv zu "beweisen", dass es keine Alternativen zur konkreten FEM gab, diese aber in Betracht gezogen wurden!
Insbesondere den ersten Satz von Punkt 4 finde ich bemerkenswert - damit dürften geschätzt ca 90% der aktuell bewilligten FEM obsolet sein, weil sie genau diesem Punkt nicht dienen.

Positivbeispiel jedoch: In vielen Fällen erlebe ich tatsächlich eine inhaltliche Auseinandersetzung mit dem konkreten Thema...und wenn zumindest Fragen kommen, was man alternativ tun könnte. Fragen sind immer besser, als unreflektiertes reflexartiges hochziehen der Bettseitenteile, wie ich es lange Jahre in der Praxis erlebt habe.
 
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Cutter

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16.11.2008
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@Menschenkind Mit dem WTG in NRW ist ein leichtfertiger Einsatz von FEM in der Tat kaum möglich. Die Schwelle ist wirklich recht hoch angesetzt. Gut so.

Aus Deinen Erfahrungen
Fragen sind immer besser, als unreflektiertes reflexartiges hochziehen der Bettseitenteile, wie ich es lange Jahre in der Praxis erlebt habe.
sehe ich, das ihr in NRW schon viel weiter seit. Die Bettgitter werden bei uns tatsächlich noch reflexartig hochgezogen. Es wird dann immer gesagt, das der Bewohner nicht mehr "geh- oder stehfähig" ist und somit keine FEM sondern eine "Schutzmaßnahme gegen das Herausrollen" vorliegt. Wir haben extra Protokolle für Schutzmaßnahmen und natürlich welche für FEM. Im Grunde sind sie inhaltlich nahezu identisch.
Aus Sicht der Bew sind beide gleich schlimm. Wobei auch einige wenige Bew beide Bettgitter hochgezogen haben wollen, weil sie Angst haben aus dem Bett zu rollen. Und auch hier wird dann das Schutzmaßnahmenprotokoll ausgefüllt.

Aber nun nochmal meine eigentliche Frage: Wo kommt der richtige Fixiergurt her und wer bezahlt den?
 
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Menschenkind

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18.12.2012
Ehrlich gesagt, weiß ich dies nicht genau. Natürlich steht es der Einrichtung frei, einen zu kaufen...ähnlich wie bei Toilettenstühlen.

Andererseits könnte es als ein "Hilfsmittel" deklariert sein, dann könnte wie bei einem Rollstuhl die KK oder PK als Kostenträger auftreten...dann wäre es rezeptierbar. Über den MDK bekommst du das im Rahmen einer Begutachtung wahrscheinlich nicht las Hilfsmittelbedarf - der MDK dürfte eher Contra FEM eingestellt sein.

Ich würde mal beim Sanitätshaus anfragen. Persönlich kenne ich die Segufix-Systeme nur als Hauseigentum...letzter Einsatz ist aber schon ewig her. Irgendwann wurden sie einfach entsorgt, weil Kosten-Nutze-Platzbedarf-Bilanz gegen die Fixiersysteme sprachen...wir haben bessere Methoden gefunden jemanden zu fixieren - nein, Spaß!!! Wie gesagt, wir haben unsere Hürden höher gesteckt und Möglichkeiten der Vermeidung konsequenter diskutiert
 
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zwirbeldrüse

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27.03.2020
Ich kann das Video leider nicht abrufen. Es gibt aber mehrere Konzepte, die sich mit der Vermeidung oder Verringerung der Fixierungsquote auseinander setzen (Redufix, Werdenfelser Weg).

Vor etlichen Jahren wurden in der Einrichtung, in der ich arbeitete die Betten abgeschrieben und ausgetauscht gegen Niedrigbetten mit geteilten Bettseitenteilen. Zusätzlich wurde auf bestimmte Hilfsmittel der Rufalarmierung gesetzt. Mein Erleben als Führungskraft war eine anfängliche enorme Skepsis. Alle FEM wurden fachlich überprüft und hinterfragt. Die Quote der richterlichen Genehmigungen wurde mit der Zeit extrem runter gefahren. Zu signifikant mehr Stürzen ist es tatsächlich nicht gekommen.

Es wurde ein Mix angewendet aus halb hochgezogenen Bettgittern (Teilbar) -> Schutz vor unwillkürlichem herausrollen, Niedrigbetten -> unruhige Bewohner die hohen Bewegungsdrang haben aber liegen bleiben, Sturzsäcken -> ebenfalls unruhige Bewohner, die jedoch nach dem Aufstehen sofort das Gleichgewicht verlieren, Klingelmatten -> Bewohner die selbst aufstehen zur Toilette, ein nächtliches Sturzrisiko haben aber kognitiv keine Klingel bedienen können & Bewegungsmeldern -> siehe Klingelmatte, diese aber beim Aufstehen bewusst meiden.

Mittlerweile sind die Systeme intelligenter geworden (z.B. Matratzen, die sich nur melden, wenn ein Bewohner z.B. nach 10 Minuten nicht wieder ins Bett zurück gekehrt ist). Das vermeidet keinen direkten Sturz, aber der Bewohner wird nachts schneller aufgefunden, falls er gestürzt sein sollte.

Das Hauptargument gegen FEM ist für mich zum einen die Freiheitseinschränkung an sich mit den psychischen Folgen (z.B. das Gefühl des Eingesperrt seins), aber auch die Einschränkung der Mobilität, die in diesem Zug wiederum das Sturzrisiko erhöht weil die Bewegungsmöglichkeit genommen wird.

Dies ist für mich in dem Zusammenhang (ja, ich weiß, etwas offtopic) auch ein Kritikpunkt an die Versorgung im Krankenhaus: Alleine durch die wenigen wirklich sinnvollen Angebote liegt ein Mensch übermäßig viel im Bett, schaut dort TV, ließt, etc und verliert an Mobilität.
sorry das ich mich erst jetzt melde, vielen dank, deine informationen sind extrem hilfreich für mich. FEM, sind echt das letzte was man will, ich hatte halt den eindruck das das video etwas zu sehr wunschdenken und verharmlosung ist. aber wenn du das so bestätigen kannst, wirkt das für mich glaubhaft.
übrigens, ich finde es toll wie flexibel und innovativ ihr in der altenpflege seid. meinen alleraufrichtigsten respeckt!
Automatisch zusammengeführt:

Ehrlich gesagt, weiß ich dies nicht genau. Natürlich steht es der Einrichtung frei, einen zu kaufen...ähnlich wie bei Toilettenstühlen.

Andererseits könnte es als ein "Hilfsmittel" deklariert sein, dann könnte wie bei einem Rollstuhl die KK oder PK als Kostenträger auftreten...dann wäre es rezeptierbar. Über den MDK bekommst du das im Rahmen einer Begutachtung wahrscheinlich nicht las Hilfsmittelbedarf - der MDK dürfte eher Contra FEM eingestellt sein.

Ich würde mal beim Sanitätshaus anfragen. Persönlich kenne ich die Segufix-Systeme nur als Hauseigentum...letzter Einsatz ist aber schon ewig her. Irgendwann wurden sie einfach entsorgt, weil Kosten-Nutze-Platzbedarf-Bilanz gegen die Fixiersysteme sprachen...wir haben bessere Methoden gefunden jemanden zu fixieren - nein, Spaß!!! Wie gesagt, wir haben unsere Hürden höher gesteckt und Möglichkeiten der Vermeidung konsequenter diskutiert
und zu stürzen kam es danach nicht vermehrt?
 
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Menschenkind

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18.12.2012
Nein, es kam nicht zu vermehrten Stürzen, die unerwartet waren.

Das was wir zusätzlich gemacht haben war die Stürze zu analysieren und Sturzfolgen zu mindern, zum Beispiel durch Safebags, bei Bewohnern, die aus dem Bett wollten, aber nicht mehr in der Lage waren, zu gehen - dies aber nicht umsetzen konnten.
 
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dawala

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19.06.2019
@Menschenkind Eine Fixierung sollte immer der letzte Notnagel sein und auch nur so kurz wie möglich. Dessen sind sich alle bei uns bewusst. Aber eben auch, das wir auf Minimalbesetzung fahren, schon seit Jahren. Das ist alles nichts Neues. Und kaum Zeit für Beaufsichtigungen haben. Sowas passiert meist eher im "Vorbeiflug".

Und die Fragen nach dem: Was wäre wenn ; Was wenn ; usw. klingt immer nach Unsicherheit bei den Mitarbeitern. Sie suchen "Ausreden" eine Fixierung um damit ihre eigene "Rechts"-Sicherheit sicherzustellen. Quasi: Ein Fixierter kann nicht fallen und ich muss nicht zum erneuten Gespräch, wenn einer gefallen ist, zum Chef und mir seine Angst vor der "Rechtsverfolgung" anhören. Cheffchen kann gut Druck aufbauen.

Zeit bzw Pflegezeit in Alternativen zur FEM herzugeben ist fast unmöglich. Das fängt schon bei den Schulungen dazu an und hört bei ständig wechselndem Personal mit erneuten Einarbeitungen und Diskussionen über FEM, auf. Ein echt beschissener Teufelskreis. Wir hatten schon Personal, die alles fixiert haben, was einen Beschluss hat ohne sich auf das Minimum, was in jedem Beschluss steht, einzulassen. Fachkräfte hängen dann schon mal ihre Vorgesetztenposition raus und überstimmen die Hilfskräfte. Konkret mich...

Was mich aber noch interessiert ist das Zitat von Dawala:

Ist damit die Beschaffung gemeint? Also, wer bezahlt einen Fixiergurt? Ist das Sache der Einrichtung oder muss der Arzt sowas verschreiben? Wo kann ich das möglichst konkret für Niedersachen nachlesen? Habe nichts gefunden ...
Nein. Unser oberstes Verfassungsorgan hat in einigen Urteilen immer wieder festgestellt, dass Fixierung das allerletzte Mittel zu sein hat. Um mich kurz zu fassen. Es ist dabei jeweils auf den Einzelfall eingegangen, was für das Bundesverfassungsgericht ungewöhnlich ist. Mittlerweile übernimmt der Bundesgerichtshof solche Klagen. Nach meinem laienhaften Rechtsverständnis ist das der Tatsache geschuldet, dass - wer auch immer - als Klagebegründung angab, es handele sich im konkreten Fall um eine besondere und noch nicht rechtlich ausdiskutierte Situation im Einzelfall. Ich habe mich hier nur möglichst kurz gefasst.
Die Ausführungen entsprechen also geltendem Recht:
Fixierung als allerletztes Mittel. Pflegemangel, räumliche Verhältnisse.... stehen nicht zur Debatte. Die sind von den Häusern im Vorfeld abzudecken.
 
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16.11.2008
Hannover
@dawala : Ich gebe Dir vollkommen recht. Bis auf:
Pflegemangel, räumliche Verhältnisse.... stehen nicht zur Debatte. Die sind von den Häusern im Vorfeld abzudecken.
Da sieht die Realität aber bei uns und in den Heimen, wo ich vorher war, anders aus. Vielleicht mag da nur niemand drüber reden. Ich kann mir nicht vorstellen, das es nur bei uns so ist.
Und wo kein Kläger, da kein Richter. Angehörige beschweren sich viel zu selten und an der falschen Stelle.

Die Termine zur Begutachtung durch das zuständige Amtsgericht werden immer nur in Begleitung vom Chef wahrgenommen. Da geht keine PFK oder PDL mit. Alle gewünschten Maßnahmen (Bettgitter, Sitzhose, Gurte, usw) werden da durchgewunken. Ein übler Zustand. Bei so einer Begutachtung wäre ich gerne mal Mäuschen. Weis der Geier, was dem Richter da alles aufgetischt wird.
Mir ist nicht bekannt, das jemals eine Begutachtung zugunsten der Bewohner ausgefallen ist, also die Fixierung abgelehnt wurde.

Die Richter besänftigen ihr Gewissen vielleicht mit dem Satz: "Die Maßnahme ist nur so kurz wie möglich einzusetzen." oder Ähnliches.

... ach wie auch immer, mich ärgert diese ganze Thema enorm, zumal es in den allermeisten Fällen vermeidbar ist ...
 
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Menschenkind

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18.12.2012
Leider sieht die Realität tatsächlich anders aus: Die Personaleinsatzzahlen reichen vorne und hinten seit Jahrzehnten nicht - das ist meiner Meinung nach das Grundübel - und die Häuser/Träger ziehen sich zurück, indem sie das Gegenrechnen, was sie finanziert kriegen (wenn es gut läuft) und die Pflege unterdeckeln, wenn es schlecht läuft. Zudem kommt noch der tatsächliche Personalmangel hinzu, woran auch immer er liegt.

Durch verschieden Reportagen sind immer wieder Missstände in der Pflege bekannt geworden, wobei ich in den meisten Fällen den Akteuren nicht per se ein verwerfliches Menschenbild unterstellen möchte sondern eine schleichende Entwicklung in Richtung Burnoutspirale sehe, aus der dann systematische Gewalt erwächst. Die Ursachen dafür? Siehe erster Absatz.

Prinzipiell hat dawala recht. Die Praxis sieht jedoch tatsächlich sehr viel anders aus, nämlich so, dass die Verfahren sich auf Aussagen von Ärzten und Pflegekräften stützen, welche teilweise durch kurze "Standardsätze" Freiheitseinschränkungen als bereits das letzte milde Mittel definieren, ohne differenziert nachzuweisen, welche Alternativen vorher als erfolglos ins Auge gefasst und frustran erprobt wurden. Hinzu kommen Richter (eigene Erfahrung), deren Ansichten in Bezug auf FEM und Vermeidungsmöglichkeiten (buchstäblich) aus dem letzten Jahrtausend (immerhin tatsächlich bereits wieder 20 Jahre) stammen.
Das Problem mit den Richtern ist, dass ein Richterspruch erst einmal in Frage gestellt werden muss...und das wiederum geht nur mit einem anderen Richter.

Hier braucht es fähige Fachleute, die tatsächliche Alternativen aufzeigen und gleichfalls eine gesamte Einrichtung, die sich von der Spitze bis in die letzte Pflegehilfskraft aufmachen will, eine Änderung herbei zu führen.
Gleichsam braucht es aber auch tatsächlich personelle Lösungen seitens der Politik, die endlich einsehen MUSS, dass sich professionelle Pflege nicht mit einer Minimalstlösung erreichen lässt. Und ebenfalls müssen die Träger endlich aufwachen und sich nicht mehr von wohlklingenden Gesätzesänderungen blenden lassen (Pflege- und Personalstärkungsgesetze).
 
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