Pflegewissenschaft Inkontinenz als Risikofaktor für Dekubitus hält kritischer Überprüfung nicht stand

Status
Für weitere Antworten geschlossen.
H

Hartwig

Mitglied
Basis-Konto
30.11.2005
75010
Moin Forum!

Ich möchte hier eine Studie zur Diskussion stellen, die ich sehr interessant finde. Zugegeben, sie ist schon etwas älter, aber trotzdem noch ganz spannend, wie ich finde.
Quelle:Krause, Anders, Renteln-Kruse "Inkontinez als Risikofaktor für Dekubitus hält kritischer Überprüfung nicht stand", Pflege 2005; 18:299-303
Hier eine kurze Zusammenfassung:
Der einzige primäre pathogenetische Faktor für die Entstahung eines Dekubitus ist anhaltender Druck, dennoch wird die Inkontinez immer wieder als sekundärer Risikofaktor für Dekubitus genannt. Diskutiert wird hier die Mazeration der Haut durch die Nässe, oder die Urininkontinenz als Indikator für andere Risikofaktoren oder als Maß für Pflegebedürftigkeit ohne kausalen Zusammenhang zum Dekubitus. Problematisch ist hierbei die fehlende wissenschaftliche Evidenz, da es keine kontrollierten oder randomatisierten Studien zu diesem Thema gibt. In der Studie wurden die Daten von 200 Patienten in einer Fall - Kontroll - Studie untersucht, um dem Zusammenhang von Dekubitus und Inkontinez nachzugehen.
In der Studienpopulation mit 200 Patienten mit Dekubitus, bwz einem hohen Dekubitusrisiko waren insgesamt 97,5% der Patienten inkontinent. Die Erhebung fand retrospektiv, nach dem Tode statt und wurde im Rahmen von Aktenrecherchen und Befragungen durchgeführt. Aus 11 412 Leichenschauen wurden schliesslich 100 Fälle mit höhergradigem Dekubitus und 100 passende Kontrollen ohne höhergradigem Dekubitus rekrutiert. Die Fragestellung war: Führt die Intensität der Urininkontinenz oder die Art der Inkontinenzversorgung zu unterschiedlichen Ergebnissen im Fall - Kontroll - Vergleich? Welche Rückschlüsse lassen sich für den kausalen Zusammenhang zwischen Unrininkontinenz und Dekubitus ziehen? Zur Beantwortung wurden verschiedene Dichotome gebildet, um die Stabilität einzelner Ergebnisse zu überprüfen. Die Überprüfung erfolgte univarant entweder mit dem McNemar Test bei gepaarten Stichproben oder mit dem Chi - Quadrat Test, wenn keine gepaarten Stichproben vorlagen.
Ergebnisse: Im ersten Schritt wurde überprüft, ob der Einfluss der Nässe abbildbar ist. Es wurde angenommen, dass bei regelhafter Versorgung mit Kathetern kein Urin in Kontakt mit der Haut kommt, bei der Verwendung von Vorlagen komplette Trockenheit aber nicht gewährleistet werden kann. Verglichen wurden die mit kathetern versorgten trockenen Patienten mit den mit vorlagenversorgen feuchten Patienten. Es zeigte sich ein signifikanter Unterschiede (p= 0,003, McNemar Test), der allerdings unerwartet war:
Die mit Kathetern versorgen trockenen Patienten sind häufiger in der Dekubitusgruppe zu finden, zu erwarten war aber, dass sich dort mehr feuchte Patienten finden. Auch für die Beschränkung der Analyse auf die Fälle mit einem Dekubitus über dem Os sacrum, bzw. in der Glutealregion, wo also Urin unmittelbar einwirkt, ergab sich kein statistischer Zusammenhang. In einem zweiten Schritt wurde der Einfluss der Inkontinezgrade untersucht. Dazu wurden die kontineten und die teilkontinenten mit den permament inkontinenten verglichen, auch hier ist kein signifikanter Zusammenhang feststelltbar. Die Nässe - Theorie konnte hier also nicht nachgewiesen werden.
Das parallele Auftreten von Dekubitus und Inkontinenz ist also vermutlich eine Scheinkorrelation. Ein kausaler Zusamenhang zwischen Inkontinenz konnte hier nicht nachgewiesen werden.

Soweit diese Studien. Ich finde das Ergebnis sehr spannend. Sicherlich muss man dies durch weitere Studien überprüfen, aber es lassen sich dennoch einige Folgen für die pflegerische Praxis ableiten: Muss z.B. die Bradenskala modifiziert werden?
Auch die Begründung, wir legen einen DK, um das Risiko eines Dekubitus zu senken fällt nun weg.
Insgesamt eine sehr spannende Studie, die meines Erachtens einmal mehr zeigt, wie sehr wir die Pflegeforschung für die tägliche Praxis brauchen.

Gruß Hartwig
 
Qualifikation
Krankenpfleger
Fachgebiet
Endoskopie
N

nanny

Mitglied
Basis-Konto
26.04.2006
21255
Hallo Hartwig,
danke für deine Mühe. Das ist wirklich spannend, weil sicher viele Katheter aus genau diesem Grund gelegt werden.
Lg nanny
 
Qualifikation
Krankenschwester
Fachgebiet
Pflegekasse
M

mausi

Mitglied
Basis-Konto
26.10.2006
59494
Hallo ihr Beiden!

Da muss ich nanny Recht geben, viele DKs werden bestimmt aus diesem Grund gelegt. Aber uns wurde z.B. in der Ausbildung gesagt, dass DKs bei Dekubiti bzw auch deren Prophylaxe schon allein aus dem Grund kontraindiziert sind, weil sie die Durchblutung im Beckenbereich herabsetzen.

Kennt das noch jemand so?

Liebe Grüße Mausi
 
Qualifikation
Nachtwache
Fachgebiet
Stationäre Altenpflege
O

okris

Mitglied
Basis-Konto
02.07.2007
14469
Re: Inkontinenz als Risikofaktor für Dekubitus hält kritischer Überprüfung nicht stan

Ich seh das etwas anders - oft ist es so das der DK liegt ind dann die Profilaxe vernachlässigt wird. "Sie liegt ja trocken" ist dann zu hören. Eine Studie müsste das Berücksichtigen und das geht schlecht nach Aktenstudium. :mad_2:
 
Qualifikation
Krankenpfleger
Fachgebiet
Orthopädie
flocky

flocky

Mitglied
Basis-Konto
25.12.2005
14157
Ich denke es ist eindeutig - jeder DK aus anderen Gründen als aus medizinischen ist ein Pflegefehler - und Prophylaxen bewusst zu vernachlässigen weil der Patient ja trocken liegt halte ich für grob fahrlässig.
Ich weiß dass man oft das Gefühl hat gegen Mauern anzurennen - aber steter Tropfen hölt den Stein und die Ausführungen von Hartwig sind eine gute Argumentationshilfe . Ich wäre interessiert die Studie im Original zu lesen .
Flocky
 
Qualifikation
Krankenschwester
Fachgebiet
Innere
E

Esme

Mitglied
Basis-Konto
30.04.2006
10551
Hallo,
@ Hartwig:Muchas gracias für diese Zusammenfassung. ist spannend. Sehe die pflegerische Kondsequenz weniger in den Dks als vielmehr in der Schmiererei mit diversen Salben.
Bei der Braden- Skala stellt sich sowieso gerade die Frage, was sie eigentlich mißt (Pflegeabhängigkeit oder Dekubitusrisiko?) und mit welcher Konsequenz. Für die pflegerischen Maßnahmen reicht doch eigentlich die Frage, wie lange jemand warum ein und dieselbe Stelle belastet.

@ mausi: Nein, noch nie gehört. Kann mir auch nicht vorstellen, wie die Durchblutung im Beckenbereich herabgesetzt wird...

@okris: Ehrlich? trocken auf einer Stelle liegen und schon gibt es keinen Dekubitus mehr? Wie kommen die Dinger eigentlich an die Fersen? Und Ohren? Undsoweiter? Ich sympathisiere gerade sehr mit deinem Brandnichtsmiley!
 
Qualifikation
Krankenschwester
Fachgebiet
Wundmanagement
O

okris

Mitglied
Basis-Konto
02.07.2007
14469
Re: Inkontinenz als Risikofaktor für Dekubitus hält kritischer Überprüfung nicht stan

@okris: Ehrlich? trocken auf einer Stelle liegen und schon gibt es keinen Dekubitus mehr? Wie kommen die Dinger eigentlich an die Fersen? Und Ohren? Undsoweiter? Ich sympathisiere gerade sehr mit deinem Brandnichtsmiley![/quote]


Leider ist es immer noch so das der Gedanke so ist. Besonders dann wenn der Dk liegt. heißt es immer wieder lasst ihn noch der/die Patient/in ist doch inkontinent und bekommt dann einen Decu wenn der DK ex ist.
 
Qualifikation
Krankenpfleger
Fachgebiet
Orthopädie
H

helen

Mitglied
Basis-Konto
23.05.2002
76534
Die Studie, die von Hartwig vorgestellt wird, ist ja nicht ganz unbekannt. Leider gibt es in der überarbeiteten Fassung des Expertenstandards zur Dekubitusprophylaxe von 2004 keinen Hinweis dazu. Das ist für uns in der Praxis auch ein Problem in der Argumentation z.B. gegenüber den Hausärzten. Zu wünschen ist, dass die Mitglieder des Expertengremiums auf diesem Weg auf das Thema aufmerksam werden und eine Empfehlung aussprechen.
 
Qualifikation
PDL
Fachgebiet
stationäre Altenhilfe
L

lemuelreist

@mausi: Hallo! Die Katheterlage selbst bewirkt keine verminderte Durchblutung im Gesäßbereich. Bei dauerhafter transurethraler Katheterisierung erfolgt aber eine urogenitale Infektion mit Sicherheit sekundär, was dann tatsächlich auch die Durchblutung im Gesäßbereich vermindert - wie eben auch jede Cystitis.
Gruß!
 
L

Lumpi

Neues Mitglied
Basis-Konto
24.03.2007
65232
Warum fördert ein DK einen Dekubitus?

Ein liegender transurethraler DK ist eine Einbahnstaße für Bakterien in die Blase und auch höher.
Ein DK ist nicht als Dauerlösung gedacht und nur bei strenger medizinischer Indikation erlaubt (z.B. Harnverhalt, hohe Restharnmenge etc.).
Inkontinenz ist keine gültige Indikation!!!
Wer aus pflegerischen Gründen einen DK legt, begeht eine Körperverletzung.
Es gibt sehr gute aufsaugende Inkontinenzmaterialien, die eine Rücknässung verhindern bei gleichzeitig hoher Aufsaugkapazität. Das ewig bemühte Argument der mazerierten Haut ist nicht haltbar! Es gibt Vorlagen, die bequem 1,5 l aufsaugen und nichts mehr an die Haut zurück geben.

Aber nun zurück zum DK und warum er einen Dekubitus begünstigt:
Ein transurethraler DK führt innerhalb weniger Tage zu einer Infektion.
Nach ca. 10 - 14 Tagen liegt die Wahrscheinlichkeit bei 100%.
Menschen mit einem intakten und starken Abwehrsystem können das noch eine Weile kompensieren.
Wenn nun aber eine starke Infektion vorhanden ist, steigt die Körpertemperatur, mehr Flüssigkeit wird ausgeschieden über die Haut. Allein der Flüssigkeitsverlust setzt die Fließgeschwindigkeit des Blutes herab. Die Folge ist eine Minderdurchblutung des Gewebes.
Eine weitere Begleiterscheinung einer Infektion ist der erhöhte Eiweißverbrauch. Eiweißmangel führt zu Ödemen. Ist das Gewebe ödematös aufgeschwemmt, ist ebenfalls die Durchblutung gestört.
Es ist also überhaupt nicht erstaunlich, dass in der Studie die DK-Träger häufiger einen Dekubitus hatten.
Mich wundert nur, dass sich dieses lange (!!!) überholte Argument so lange hält und mit welcher Gedankenlosigkeit und Leichtfertigkeit dieses in seinen Folgen so überaus schädliche Instrument transurethraler DK immer noch verwendet wird.

Grüße an Alle von Lumpi
 
Qualifikation
Altenpflegerin
Fachgebiet
Häusliche Pflege
Pflegeboard.de

Pflegeboard.de

Administrator
Teammitglied
05.07.2001
www.pflegeboard.de
Dieses Thema hat seit mehr als 365 Tagen keine neue Antwort erhalten und u.U. sind die enthalteten Informationen nicht mehr up-to-date. Der Themenstrang wurde daher automatisch geschlossen. Wenn Du eine ähnliche Frage stellen oder ein ähnliches Thema diskutieren möchtest, empfiehlt es sich daher, hierfür ein neues Thema zu eröffnen.
 
Status
Für weitere Antworten geschlossen.

Verwandte Forenthemen

V
Hallo zusammen, im Rahmen meiner Masterarbeit an der Hochschule Koblenz untersuche ich das Thema „Akzeptanz digitaler Medien bei...
  • Erstellt von: vjanzen
0
Antworten
0
Aufrufe
16
V
Mrs Stroke
Hallo zusammen :) Ich studiere nebenbei Pflegemanagment und schreibe demnächst meine erste Hausarbeit im Bereich Wissenschaftliches...
  • Erstellt von: Mrs Stroke
1
Antworten
1
Aufrufe
118
Zum neuesten Beitrag
Frank Schlößer
Frank Schlößer
Milou007
Hallo ihr lieben, ich bin Altenpflegerin und mache gerade die Weiterbildung Fachkraft für Leitungsaufgaben in der Pflege und werde diese...
  • Erstellt von: Milou007
0
Antworten
0
Aufrufe
134
Milou007
M
Hallo zusammen ich arbeite in einer Akutgeriatrie mit Schwerpunkt auf Frührehabilitation. Da ich Pflege studiere und vor meiner...
  • Erstellt von: Marugat
1
Antworten
1
Aufrufe
292
K