Ideen-Faden: Andere Wege gehen

I

Igel77

Mitglied
Basis-Konto
49
Oldenburg
0
Ich möchte mit diesem Faden mal zu einer Diskussion, zu Brainstorming, zu eigenen Ideen und zu Widerspruch einladen. Eine eigentliche, einzelne Frage gibt es nicht.

Die Gesamtsituation:
Pflege am Boden war 2014, seitdem hat sich nicht viel getan.
Pflegepersonalstärkungsgesetze verdienen den Namen nicht, den sie tragen.
Dafür bekommen wir jetzt die Zwangsverkammerung, mit nebulösen Regelungen.
Die Kammern und der DBfK sprechen nur mit piepsiger Stimme, die gar nicht wahrgenommen wird.
Corona hat nur zu einem kurzen Geldbonus für die Bereiche geführt, die nicht direkt dagegen kämpft.
Dafür wurden die gerade erst eingeführten Personaluntergrenzen wieder ausgesetzt.
Zwischendurch machten Gerüchte und Nachrichten von neuen Zwangsverpflichtungsgesetzen in Epidemielagen die Runde.
Vergewerkschaftung ist immer noch auf einem sehr niedrigen Niveau.
Daher gibt es auch keine Streiks oder Demonstrationen für höhere Löhne und bessere Arbeitsbedingungen.
Es gibt Gerüchte, dass die Fachkraftquote in verschiedenen Einrichtungen deutlich abgesenkt werden soll.
Heimaufsichten, Gewerbeaufsicht und MDK schauen weiterhin aktiv weg.
Bertelsmann agiert weiterhin zum Schaden des Gesundheitssystems, der Pflegekräfte und der zu Pflegenden.
Krankenhausschließungen drohen weiterhin, auch wenn man das vermutlich erst nach Corona angehen wird.
Gruppen von Pflegenden sind immer noch geplagt von Furcht und Mobbing, von Stress und von Führungskräften, die nach Gutsherrenart regieren.
Es gibt - in der Masse der Pflegekräfte - immer noch kaum echte Professionalität, echte Solidarität, echte Zivilcourage.
Wer aufmuckt oder die erforderliche Leistung nicht mehr erbringt, wird entsorgt.
Es fehlen immer noch zig Tausende Pflegefachkräfte in Deutschland.
Es wird weiter fleissig durch die Solidargemeinschaft privaten Anbietern in der Pflege (und damit ihren Aktionären und anderen Besitzern) Geld mit der Schaufel in den Rachen gestopft.

Die bisherigen Methoden haben nur unzureichend funktioniert. Zwar gibt es beim deutschen Michel so langsam das Bewusstsein, dass etwas nicht in Ordnung sein könnte, aber wird dann schnell durch Schwester Stefanie und geschürte Angst vor Beitragserhöhungen im Speziellen und Kommunismus im Allgemeinen überdeckt. Man begnügt sich mit Beifall klatschen, Beileidsbekundungen und Merci-Packungen zu hohen katholischen Feiertagen.

Flächendeckende, für die Arbeitgeber spürbare Streiks wird es auf absehbare Zeit nicht geben. Vielleicht, sehr vielleicht, einen Zwangstarif für Fachkräfte.

Das ist die derzeitige Lage.

Mit diesem Faden möchte ich alle, die ihn lesen, dazu einladen, Ideen vorzubringen, was man abseits der bekannten Lösungsstrategien - Jammern, den Druck an Schwächere weitergeben, auf Politiker schimpfen, den Beruf verlassen, die fachlichen Standards auf Kellerniveau absenken, leichte gewerkschaftliche Betätigung und schnell wieder vergessene Happenings - sonst noch durchführen kann, oder die Ideen anderer zu diskutieren.

1. Go Fund My Whistleblower
Jemand, der Missstände nicht akzeptieren kann, und dagegen vorgehen möchte, ist in unserem Beruf nicht wohl gelitten, zumindest nicht auf den Führungsetagen. Eine Idee währe, für solche Pflegenden, die diese Dinge anprangern und darüber in Ungemach geraten, über Spendenaufrufe zu unterstützen. Dies kann man z.B. recht unkompliziert über Seiten wie Go Fund Me auch anonym erledigen.
Fragen an die Leser: Würdet Ihr in einem solchen, dokumentierten Fall spenden? Würdet Ihr solche Spenden annehmen? Kennt Ihr jemanden, der davon profitieren könnte? Würde Eurer Ansicht nach eine so öffentliche oder halböffentliche Belobigung zu einer Erhöhung der Zivilcourage und zu einer Verringerung von Missständen führen? Könnte es Großspender geben, die ein hohes Interesse an solchen Belohnungen haben?

2. Selbstverteidigungstraining
Ein Bildungsurlaubs-Seminar, dass Pflegekräften beibringen soll, sich nicht zu Opfern machen zu lassen bzw. aus dieser Opferrolle heraus zu kommen. Abwehr und Erkennen von Mobbing, toxischer Führung, Sexuellen Übergriffen, Rassismus und anderen Formen der Diskriminierung, Kenntnis der Gesetzeslage, Aufbauen von Netzwerken, Supervision, Intervision, Reflexion der eigenen Rolle, Lernen, eine feste Haltung einnehmen und "Nein!" sagen zu können, Förderung von Selbstwirksamkeitserwartung und persönlichen Ressourcen, taktischem und strategischem Vorgehen. Vielleicht mit direkter Integration in die Ausbildung.
Fragen an die Leser: Würdet Ihr an einem solchen Seminar teilnehmen? Habt Ihr schon mal an einem solchen Seminar teilgenommen (und wie waren Wirkung und Erfahrung?) Was würdet Ihr für ein solches Seminar bezahlen, wie viel Zeit (denkt an Euren Bildungsurlaub!) würdet Ihr aufwenden? Würdet Ihr ein solches Seminar leiten? Ist ein Webinar oder You-Tube-Lehrvideo eine bessere Idee?

3.Bitte Kein Merci
Ist ja bald wieder Weihnachten. Angehörigen und zu Pflegenden wird, durch Plakate oder Handzettel oder freundliche Worte gesagt, dass man bitte keine Schokolade oder andere Naturalien mehr annehmen möchte, kann oder darf. Vielleicht verbunden mit der Bitte um eine Spende für notleidende Kinder, die Deutsche Krebshilfe, oder (hust) einen Whistleblower-Fonds. Vielleicht auch mit dem Hinweis auf eine Infoseite im Netz, warum man diese Spende nicht annehmen möchte.
Fragen an die Leser: Würdet Ihr solche Naturalien zurückweisen? Wenn ja, warum, wenn nein, warum nicht? Würde das zu einer Erhöhung der Sensibilität in der Bevölkerung führen (und damit, vielleicht, zu einer Bereitschaft, höhere Beiträge zu zahlen oder mit dafür zu stimmen, dass die Ausbeutung unseres Berufsstandes zurückgefahren wird?)

4. Brief an die Öffentlich-Rechtlichen
"Sehr geehrte ARD, sehr geehrtes ZDF,
ich bin seid X Jahren Pflegekraft und Gebührenzahler. Deswegen bitte ich Sie inständig, Unterhaltungssendungen, in denen ein überkommenes Rollenklischee unseres Berufsbildes als unterwürfige, unreife und ungebildete Gruppe von Menschen vermittelt wird, aus dem Programm zu nehmen. Ich fühle mich durch diese Programme auf klassistische und sexistische Weise verletzt und herabgesetzt. Hochachtungsvoll, Gruß, Unterschrift." Am Text kann man noch feilen. Ebenso könnte es statt eines Briefes eine vorbedruckte Postkarte oder auch eine E-Mail sein. Vielleicht kann man, zu einem Stichtag, sehr viele dieser Briefe/Karten/Mails auf die Sender niederprasseln lassen.
Fragen an die Leser: Würdet Ihr einen solchen Brief schreiben? Würdet Ihr diese Serien vermissen, würden sie tatsächlich abgesetzt? Würde sich etwas an der Kultur ändern? Wieviel Post wäre nötig, dass sich etwas ändert? Ist es vielleicht unfair, weil die Ö-R auch sehr ausgewogen und kritisch berichten und eigentlich unsere Verbündeten sind?

5. "Versau Dir Nicht Dein Leben!"
Man muss sich diese Idee ein bischen vorstellen wie Drogenaufklärung in der Schule.
Pflegekräfte kommen, um potentielle neue Zugänge vor allen Schlechtigkeiten des Berufsstandes zu warnen. (Da können wir eine unserer größten Schwächen - immer nur zu meckern, und nichts zu ändern - mal in eine Stärke umwandeln.) Es wird vor den Opfern gewarnt, die man zu erbringen hat, vor der schlechten Bezahlung, dem Stress, dem Dienst, wenn andere Leute feiern gehen, der miesen Kultur und allem anderen, alles mit Methoden der Aufklärung. (Die hat zwar im Titel den eher nicht effektiven Rock-The-Bottom-Ansatz, aber so wird es vielleicht plastisch. Ziel ist natürlich Öffentlichkeit herzustellen, vielleicht geraten Politiker auch unter Druck, wenn die Auszubildenenzahlen wirklich einbrechen sollten).
Fragen an die Leser: Würdet Ihr Euch vor eine Klasse stellen und das durchziehen? Würdet Ihr selbst den Beruf noch mal ergreifen, wenn Ihr die Uhr zurückdrehen würdet? Würde es, mal angenommen, man schafft es großflächig und über einen längeren Zeitraum, Auswirkungen zeigen, auf die seitens der AG und der Politik reagiert werden müsste? Was würden die Kammern dazu sagen?


So, das war es erstmal von mir. Vielleicht habt Ihr ja noch ein paar Ideen.
 
Qualifikation
Gesundheits - und Krankenpfleger
Fachgebiet
Psychiatrie
K

kleinPflegerlein

Neues Mitglied
Basis-Konto
Zu 1. Die Idee finde ich garnicht gut, über die Misstände die im Pflegesektor herrschen wurde schon genug berichtet. Siehe Punkt 4 an dem du fordern willst, dass öffentlich Rechtliche derartige Berichterstattungen unterlassen.

Zu 2. So ein Training habe ich einmal mitgemacht. Dies wurde von meinem damaligen Arbeitgeber als Fortbildung in mehreren Sitzungen angeboten. Dabei lag der Fokus zwar auf den Umgang mit Angehörigen, enthielt aber viele der von dir angesprochenen Punkte. Ich habe dieses Wissen auch durch Eigenrecherche erweitert und gefestigt.
Mit genug Hintergrundwissen und derartiger Literatur als Grundlage würde ich auch solche Seminare geben, da dieses Training mir persönlich viel gebracht hat.

Zu 3. Kommt drauf an. Geschenke die direkt an mich addresiert sind lehne ich grundsätzlich ab, sind diese jedoch für das ganze Team nehme ich sie natürlich an und leite entsprechend weiter.
Ein generelles Ablehnen solcher "Naturalien" halte ich für nicht zielführend. Angehörige und grade die zu Pflegenden sind mmn. immernoch die Hauptleidtragenden dieses kaputten Systems. Diese Geschenke kommen meist von Menschen denen die Misstände durchaus bewusst sind aber auch nicht mehr machen können als den "armen" Pflegern ein Täfelchen Schoki zuzustecken.

Zu 5. Bullshit! Ich stelle mich vor ein haufen junger Menschen und sage denen wie schlecht der Pflegesektor ist, da es überall an Personal mangelt und verschrecke die sowieso schon wenigen potenziellen Pflegefachkräfte. Wenn wir das System retten wollen brauchen wir junge Leute und müssen diesen die guten Seiten der Arbeit mit Pflegebedürftigen näherbringen. Die Art und Weise wie junge Praktikanten, Hospitanten, Azubis u.s.w in den Pflegeheimen eingesetzt werden, ist schon Abschreckung genug. Oft ersetzen diese nach kurzer Einarbeitung gleich eine volle Kraft, sind überfordert, frustriert und wissen nicht ob was sie tun überhaupt richtig ist. Hier muss man ansetzen, zukunftsorientierter denken und Fachkräften oder allen Pflegern ermöglichen, sich um diese jungen Menschen zu bemühen damit diese uns in wenigen Jahren als volles, gut ausgebildetes Personal unterstützen können.

Die Politiker wissen nur zu gut um die Situation.
Da sich die Situation aber niemals binnen einer Legislaturperiode bewältigen lässt, lässt man als Gesundheitsminister (der villt. mal Kanzler werden will) natürlich die Finger davon. Ein ungelöstes Problem ist immerhin nicht sehr prestigeträchtig. Spahn ist aber seid langem der erste Minister der sich an das Thema "Pflege" herran traut, was ich Ihm persönlich hoch anrechne.

Liebe Grüße!
 
Qualifikation
Altenpfleger
Fachgebiet
stationäre Altenhilfe
Die E-Mail-Adresse wird lediglich zur Versendung des Aktivierungslinks für diesen Beitrag verwendet.

Ähnliche Themen