Haftungsrecht HIV-Test nach Nadelstichverletzung

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Words.myth

Guten Abend,

bei meiner abendlichen Internet-Lektüre bin ich über diesen Artikel gestolpert, den ich einmal frei von Wertung hier einstellen möchte.

Gruss,

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Nach Nadelstichverletzung des medizinischen Personals müssen Patienten zum HIV-Test

fzm - Wer sich bei der Blutentnahme versehentlich in den Finger sticht, hat ein Recht zu erfahren, ob der Patient mit dem Immunschwächevirus HIV oder anderen Krankheitserregern infiziert ist. Diese Ansicht vertritt ein Team von Medizinern und einem Juristen in der Fachzeitschrift "DMW Deutsche Medizinische Wochenschrift" (Georg Thieme Verlag, Stuttgart. 2008). Sie begründen dies mit einem "rechtfertigenden Notstand", um Mediziner, Schwestern oder Pfleger vor gesundheitlichen Schäden zu bewahren.


In Deutschland kommt es jedes Jahr zu schätzungsweise 500 000 Nadelstichverletzungen, bei denen prinzipiell Viren übertragen werden können. Denn jeder Mikroliter Blut kann bis zu einer Million Hepatitis B-Viren, 100 000 Hepatitis C-Viren und 10 000 HI-Viren enthalten, erläutert der Virusexperte Professor Holger Rabenau von der Universität Frankfurt. Glücklicherweise kommt es nur selten zu einer Übertragung von HIV. Der Virologe schätzt die Wahrscheinlichkeit auf drei von 1000 Fällen, wenn der Patient infiziert ist. Bei der Hepatitis C (drei Prozent) und Hepatitis B (30 bis 100 Prozent) ist das Risiko wesentlich größer.


Eine Ansteckung mit HIV kann jedoch durch die vorübergehende Einnahme von Medikamenten vermieden werden. Diese postexpositionelle Prophylaxe (PEP) sollte bereits in der ersten Stunde nach der Nadelstichverletzung begonnen werden, fordert die Arbeitsmedizinerin Dr. Sabine Wicker von der Universität Frankfurt. Wie der Virologe Rabenau vertritt sie die Ansicht, dass der Patient den Arzt im Fall der Verletzung darüber informieren muss, ob er HIV-infiziert ist, und dass dazu eine Blutuntersuchung des Patienten eingefordert werden darf. Dr. Wicker weist hier auch auf die psychischen und arbeitsmedizinischen Folgen einer HIV-Infektion durch eine Nadelstichverletzung hin. Viele Infizierte entwickeln eine posttraumatische Belastungsstörung und müssten wegen der Infektion den Arztberuf wechseln.

Verweigert der Patient den Bluttest, könnte natürlich auch auf Verdacht hin eine PEP durchgeführt werden. Sie ist jedoch mit Nebenwirkungen verbunden, die bei einem negativen Testergebnis vermieden werden könnten. Der Infektiologe Privatdozent Dr. Réne Gottschalk, Universität Frankfurt, sieht in der sofortigen Testung eine Voraussetzung für eine optimale Betreuung des betroffenen ärztlichen Mitarbeiters.


Der Jurist Professor Spickhoff von der Universität Regensburg rät den Ärzten nach Möglichkeit auf frühere Blutproben zurückzugreifen. Die Rechtslage sei dann relativ eindeutig. Die Chance, dass ein Patient einen Test unter Berufung auf seine Persönlichkeitsrechte verweigern könnte, schätzt der Lehrstuhlinhaber für Bürgerliches Recht als gering ein. Wenn für den Test eine erneute Blutentnahme erforderlich ist, die ohne Einwilligung aus juristischer Sicht den Tatbestand einer Körperverletzung erfüllt, könnten sich die Mediziner auf einen "rechtfertigenden Notstand" (Paragraf 34 Strafgesetzbuch) berufen und eine Blutentnahme fordern. Wichtig ist dem Juristen eine Abwägung der widerstreitenden Interessen. Normalerweise sei eine Blutentnahme ein harmloser Eingriff, dem eine größere Gefährdung des medizinischen Personals gegenüberstehe. Vermieden werden sollte nach Ansicht des Juristen jedoch eine gewaltsame Entnahme des Probenmaterials.

Anlass der Veröffentlichung ist eine Leitlinie der Deutschen AIDS-Gesellschaft. Diese vertritt die Ansicht, dass ein Test erst nach Einverständnis des Patienten möglich ist und dass eine Ablehnung auf jeden Fall zu respektieren sei. Diese im Internet veröffentlichte Leitlinie hatte bei vielen Medizinern für Verunsicherung gesorgt. Nach Ansicht der vier Experten sind die Leitlinien jedoch nicht verbindlich.


S. Wicker et al.:
HIV-Test nach Nadelstichverletzung: Muss der Indexpatient zugestimmt haben?
DMW Deutsche Medizinische Wochenschrift 2008; 133 (28/29): S. 1517-1520


Quelle: Thieme.de
 
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