Hilflos und überfordert - Wenn Krankenpfleger töten

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Placebo82

Placebo82

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11.02.2014
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Ein sehr brisantes Thema. Was sagt ihr zu diesem Bericht?
Hilflos und überfordert: Wenn Krankenpfleger töten | Videos und Manuskripte | report München | Das Erste | Fernsehen | BR.de

Ich finde, der Bericht regt sehr zum Nachdenken an, weil es teilweise wirklich so ist, wie es da beschrieben wird.
Man trifft im Prinzip in jeder Einrichtung auf Bewohner, die leiden und wo man sich hilflos fühlt. Ich hab erst kürzlich in einer Einrichtung eine Bewohnerin kennengelernt, Ende 90, wegen Apoplex bettlägerig, Arme und Beine stark versteift, massive Schluckprobleme, keine sprachliche Kommunikation mehr und keine Angehörige. Versorgung war jedesmal eine Prozedur für die Bewohnerin. Waschen unter den Armen ging z.B. nie ohne der Bewohnerin weh zu tun, da ihre Arme starke Kontrakturen hatten und der eine Arm überhaupt nicht mehr beweglich war. Essen und Trinken musste angereicht werden und war wegen der Schluckstörungen sehr zeitintensiv. Getränke wurden ausschließlich mit 20 ml Spritzen "angereicht", weil es nicht anders ging. Was ich aber nicht verstand war, weshalb man dieser Bewohnerin zum Frühstück unbedingt einen Becher mit hochkalorischem "Energy-Drink" anreichen musste. Ich mein ok, die Bewohner sollen nicht abnehmen und so. Aber einer Bewohnerin in dem Zustand und dem Alter noch "Energy-Drinks" zu geben, ist für mich unnötige künstliche Lebensverlängerung. Ich habe der Bewohnerin zwar auch alles angereicht, aber wenn ich gemerkt habe, das sie nicht mehr konnte, habe ich sie nicht weiter gezwungen. Bei den Kollegen vom Stammpersonal sah es aber zum Teil anders aus. Ich muss dazu noch sagen, das ich als Zeitarbeiter in dem Haus war. Jedenfalls gab es welche, die haben der Bewohnerin die Nahrung und Getränke ohne Rücksicht "reingestopft" und es gab welche, die haben die Mahlzeiten heimlich weggekippt, statt der Bewohnerin anzureichen. Aber nicht aus Boshaftigkeit oder so, sondern damit die Bewohnerin "es vielleicht bald schafft" und erlöst ist von ihrem Leid.
 
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mysteha

mysteha

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AW: Hilflos und überfordert - Wenn Krankenpfleger töten

Das ist ein sehr heikles Thema, in dem ich mich sehr wohl mit den leidenden Patienten identifizieren kann.
Lässt es unser Berufsethos zu, einem wirklich leidenden Patienten Sterbehilfe zu ermöglichen?
Ich weiß es nicht, ich möchte nicht in dieser Lage sein.........
 
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KS/PDL/Fachkraft für Gerontopsychiatrie/Hygiene/Pflegeberaterin §7a SGB XI
Fachgebiet
Tagesstätte/Demenz
Placebo82

Placebo82

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11.02.2014
30657
AW: Hilflos und überfordert - Wenn Krankenpfleger töten

Ich möchte auch nicht in dieser Lage sein. Aber wie ich es schon erwähnt habe, finde ich es manchmal nicht in Ordnung wenn Bewohner mit gewissen Maßnahmen künstlich am Leben gehalten werden.
Ich hatte mal den Fall, das wir einen Bewohner auf unserem Wohnbereich hatten. Er war Ende 50, hatte massiv abgebaut, oft Krampfanfälle, die ihm viel Energie abverlangten, benötigte Hilfe bei allem. Irgendwann war er selbst zum kauen und schlucken zu schwach und auch im Rollstuhl sitzen ging nicht mehr lange. Leider hatte er eine sehr schwierige Ehefrau, die seinen Zustand nicht wahrhaben wollte und der Meinung war, er würde sich erholen, wieder nach Hause kommen und sie könne im nächsten Sommer mit ihm in den Urlaub fahren und er würde dabei den Wagen lenken! Jedenfalls entschied sie, das ihr Mann eine PEG bekommen sollte, da orale Nahrungsaufnahme fast nicht mehr möglich war. Wir vom Personal waren der Meinung es wäre besser, wenn man auf die PEG verzichten würde und ihn langsam "gehen" liesse damit er nicht länger leiden muss. Die Frau beriet sich mit dem Hausarzt, der nur selten zur Visite kam und nur wenn man ihn anrief und dieser hat ihr ohne gegen zu argumentieren oder mal mit uns Pflegekräften die Lage zu besprechen einfach zugestimmt, weil er sich auch nicht getraut hat der Frau zu widersprechen. So kam der Bewohner ins Krankenhaus und bekam auf Wunsch seiner Frau eine PEG. Niemand fragte den Bewohner ob er das überhaupt will. Der Zustand des Bewohners verschlechterte sich mit der Zeit weiter und keine 3 Monate später verstarb er. Ohne PEG hätte er nicht noch so lange leiden müssen, vor allem in der prefinalen Phase hat der Bewohner sehr gelitten und wir fragten uns, ob es das war, was die Ehefrau für ihren Mann wollte. Aber uns hat ja keiner gefragt...
 
Qualifikation
Pflegehelfer
Fachgebiet
Stationäre Pflege
D

dr.poops

AW: Hilflos und überfordert - Wenn Krankenpfleger töten

hallo, placebo82 - das problem ist:
auch wenn ihr vom personal findet, dass der patient keine PEG bekommen soll, ist das kein entscheidungskriterium - genausowenig wie es der wille der ehefrau ist. es geht also weder um euren noch um den willen der ehefrau, sondern um den willen des patienten. die frage ist, wie man herausfinden kann, was der patient möchte. ist er noch imstande, klar und deutlich zu antworten, ist es relativ einfach. ist er dazu nicht mehr imstande, müssen die angehörigen dazu befragt werden. das problem dabei: die meisten angehörigen würden für ihren partner/freund etc alles erdenkliche tun - dabei gerät leider oftmals aus dem blickfeld, dass es dann um die bedürfnisse der angehörigen geht, die angst vor dem tod des patienten haben.
was das pflegepersonal findet, ist zwar für eine interne diskussion interessant, um zu sehen, welche wertstellungen die kollegInnen haben und wie sehr sich sich voneinander unterscheiden bzw wo geht es den meisten ähnlich in der bewertung einer situation. aber weder das pflegepersonal noch ärzte dürfen sagen, "so würde ich nicht leben wollen" und darauf fußend für den patienten entscheiden.
es wäre in der tat gut gewesen, wenn der hausarzt sich mit euch zusammengesetzt und die situation mit euch diskutiert hätte. noch besser wäre es gewesen, den patienten zu seinen wünschen zu befragen (falls das möglich gewesen wäre). auch wenn es beeindruckend ist, mit wieviel kraft die ehefrau um das leben ihres mannes kämpft - wenn sie keine bevollmächtigung hat, um im sinne ihres mannes zu entscheiden, kann sie nicht mit dem hausarzt gemeinsam über den kopf ihres mannes hinweg entscheiden.
vielleicht könnt ihr für die zukunft überlegen, in solchen situationen eine ethikberatung in anspruch zu nehmen? auf jeden fall wäre es toll, wenn ihr beim nächsten mal den hausarzt zeitnah für ein gespräch kommen lassen könntet, um gemeinsam zu diskutieren, was im sinne des patienten sinnvoll wäre und was nicht.
 
W

Willy_Wuff

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01.12.2005
Deggendorf
AW: Hilflos und überfordert - Wenn Krankenpfleger töten

Ein sehr kompliziertes Thema, aber auch ein Thema über das man immer wieder reden muss.
Wie wohl jede Pflegekraft, in ähnlichen Situationen, stellt sich mir auch immer wieder die Frage: wer gibt mir das Recht diesen Patienten dazu zu zwingen weiter zu leben.
Andererseits muss ich aber auch die Frage stellen : Wer gibt mir das Recht das Leben des Patienten direkt oder indirekt zu beenden.
Für beide Fälle gibt mir niemand das Recht.
Das einzige was ich machen kann, ist bei Patienten bei denen Absehbar ist was passieren wird, mit diesen zu sprechen, und zwar ohne irgendetwas zu beschönigen.
Klar, eigentlich ist es der Job vom behandelnden Arzt, aber wer von den hat so viel A. In der Hose das er es machen würde ?

Erfahrungsgemäß die wenigsten.
Gleiches Problem aber auch in der Pflege.
Nur so lange es möglich ist sollte man halt mit den betreffenden sprechen, denn im Rahmen einer Patientenverfügung, kann ich die von der Hamburger Ärztekammer jederzeit empfehlen, ist der Patient der Einzige der die ihn betreuenden, mit den notwendigen „Rechten“ ausstatten kann.
Im Zweifelsfall kann dann sogar ein Richterlicher Beschluss dazu beitragen das dem Patienten zu seinem Recht auf ein menschenwürdiges Ableben verholfen wird.
Wie meine „Vorrednerin“ schon schrieb, im endeffkt interessiert es nicht was ich als Pflegekraft denke, dass ist ein Problem mit dem ich lernen muss umzugehen, oder wenn ich dazu nicht in der Lage bin, darf ich keine kranken und sterbenden pflegen.
Ich persönlich habe keinerlei Verständnis für Kollegen die zum „Todesengel“ werden.
Wenn man Psychisch nicht mehr die Kraft hat diesen Job zu machen, dann muss man sich etwas anderes suchen.


(Hoffe is nun kein doppelposting)

- - - Aktualisiert - - -

hallo, placebo82 - das problem ist:
.........
vielleicht könnt ihr für die zukunft überlegen, in solchen situationen eine ethikberatung in anspruch zu nehmen? auf jeden fall wäre es toll, wenn ihr beim nächsten mal den hausarzt zeitnah für ein gespräch kommen lassen könntet, um gemeinsam zu diskutieren, was im sinne des patienten sinnvoll wäre und was nicht.
Bitte nicht falsch verstehen, ich weiß auch das ich mir jetzt warscheinlich nicht viele Freunde machen werde, aber ich finde schon das ich schreiben sollte wie Dein Text auf mich wirkt.
Sachlich gebe ich Dir absolut recht, aber auch nur auf der Sachebene, denn was alles nicht geht weiß jede pflegekraft, deswegen ja die ethische problematik ;-) Der Kollege oben hat ein massives Ethik Pproblem geschildert, und wenn Deine Beratung im gleichen Stiel ist wie Dein Text, weiß ich nicht ob sie wirklich hilft. Deswegen auch von mir einen daumen nach unten für das Posting
 
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Fachpfleger für Intensiv Medizin
Fachgebiet
IMC
D

dr.poops

AW: Hilflos und überfordert - Wenn Krankenpfleger töten

tach, willy_wulf - danke für dein posting! es ging mir nicht primär darum, zu beraten, sondern um fakten (das klingt jetzt so nach diesem focus-typen, "faktenfaktenfakten"). es ist nachvollziehbar, dass pflegende nicht mehr wissen, wo oben und unten ist und bedauerlicherweise fußt das u a darauf, das in situationen, wie sie placebo82 geschildert hat, einfach irgendwas gemacht wird. der austausch mit der pflege findet nicht statt, genausowenig wie mit dem patienten. das ist nicht hinnehmbar - genausowenig wie es hinnehmbar ist, sich darauf zu verlassen, dass pflegende "das schon machen".
ich kann nur dafür plädieren, das gespräch zu suchen, ob mit kollegInnen, der pdl, der heimleitung etc.
dass patientInnen getötet werden, ist eine absolut grauenhafte tatsache, die merkwürdigerweise nur kurz von der öffentlichkeit wahrgenommen wird, es wird davon ausgegangen, dass sowas nur von "psychisch kranken" gemacht wird und nicht - auch - von menschen, die allmählich nicht mehr wissen, was sie noch tun sollen und die evtl sogar denken, sie dürften das im interesse eines sterbenden tun. ethisch ist das nicht zu rechtfertigen, denn ein guter ethischer rat beinhaltet keine illegale tat (reimt sich sogar - fast...)
die frage, die dabei immer noch offen bleibt: was können/müssen pflegende tun, damit ihr professionelles tun mehr in den vordergrund rückt und ein wesentlicher bestandteil wird in der bewertung einer patientensituation?
 
HBR69

HBR69

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58644
AW: Hilflos und überfordert - Wenn Krankenpfleger töten

Schön, wieder von dir zu lesen poops!!

Gruß
Heike
 
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Fachkrankenschwester I/A, freie Dozentin
Fachgebiet
Lungenfachklinik Intensivstation, Stationsleitung
Weiterbildungen
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05.07.2001
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