Fragen zum Thema Kommunikation Arzt-Pflege im Altenheim

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ciaobella

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Hallo zusammen,

bin schon ne Weile hier angemeldet, aber war schon lange nicht mehr aktiv hier. Ich bin Krankenschwester in der stationären Pflege und studiere nebenher Gesundheitsmanagement. Für mein Studium bräuchte ich mal ein paar Infos zu den Abläufen/Prozessen in Altenheimen. Ich hätte ein paar Fragen, die vielleicht auch blöd klingen oder für euch selbstverständlich. Aber ich habe keinerlei Erfahrung bzgl. Pflegeheime. Vielleicht könnt ihr mir ein paar Fragen ja beantworten?

1. Wie gestaltet sich die Arztvisite bei euch im Pflegeheim? z.B. wöchentlich.
2. Gibt es einen Heimarzt, der alle Bewohner betreut oder gibt es mehrere Hausärzte die nur ihre "eigenen Patienten" betreuen.
3. Wenn es einem Patienten nicht gut geht, z.B. Blutdruck schlecht eingestellt, oder Patient hat einen Infekt... ruft ihr den Hausarzt an? Oder wartet ihr bis zur nächsten Visite? Wie gestaltet sich die Kommunikation zwischen Ärzten und Pflege?
4. Was haltet ihr von einer digitalen Patientenakte, bei der der Hausarzt von seiner Praxis aus sich in die Patientenakte einloggen kann und von dort aus in dringenden Fällen sofort reagieren kann und z.B. Medikamente umstellen oder andere Anordnungen machen kann? Welche Vor- und Nachteile seht ihr darin? Was würde euch verunsichern?
5. Allgemeine Frage: Wie empfindet ihr die Zusammenarbeit mit den Hausärzten/Heimarzt? Findet ihr, dass die Bewohner ärztlich gut betreut sind?
6. Und eine Interessensfrage: Braucht ihr für eine s.c. Infusion (z.B. im Sommer wenn der Patient zu wenig trinkt) eine ärztliche Anordnung oder dürft ihr das ohne Rücksprache machen?

Ich weiß, dass ich gerade sehr viele Fragen gestellt habe. Aber vielleicht fällt euch ein bisschen was dazu ein und mögt mir von euren Erfahrungen erzählen. Freu mich über jede Antwort!
VIELEN DANK schon mal ;)
Viele Grüße
Maria
 
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Farodina

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Da mich das Thema zur Zeit sehr beschäftigt, bzw. aufregt, möchte ich darauf gerne antworten

zu 1. Wöchentliche Visiten wäre ein Traum, in der Realität kommt ein Arzt nach gefühlten 1000 telefonischen Anforderungen. Wir hängen stundenlang in Warteschleifen fest.
zu 2. Jeder Bewohner hat seinen eigenen Hausarzt.
zu 3. Wenn ein Bewohner ein gesundheitliches Problem hat, wird immer zuerst der Hausarzt angerufen. Da werden dann auch schon Ferndiagnosen gestellt und Medikamente verordnet, ohne das der Bewohner angeschaut wird. Viele Krankenhauseinweisungen könnten vermieden werden, wenn der Arzt zeitnah bei dringenden Problemen mal ins Haus kommen würde.
zu 4. Digitale Patientenakte wäre eine praktische Sache zum Informationsaustausch, ersetzt aber den Hausbesuch nicht.
zu 5. Die Zusammenarbeit, wenn sie denn mal zustande kommt, ist gut, aber der Bewohner ist in vielen Fällen nicht gut ärztlich betreut.
zu 6. Wir benötigen für alle behandlungspflegerischen eine Verordnung und ein Rezept. Wir dürfen noch nicht mal eine Kopfschmerztablette geben, wenn nichts auf Bedarf gesetzt ist.

Vielleicht hat einer Erfahrungen mit einem Heimarzt?
 
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ciaobella

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30.07.2007
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Hallo Farodina, vielen Dank für deine Antwort.

Die Erreichbarkeit scheint wirklich eine Katastrophe zu sein. Also so, wie ich das herauslese, wären die Bewohner besser ärztlich betreut, wenn 1. Die Erreichbarkeit zum Arzt besser wäre und 2. Der Arzt dann auch handelt und z.B. den Bewohner vor Ort untersucht oder eine Anordnung macht.

Wenn der Arzt eine „Ferndiagnose“ stellt, die er eigentlich nicht stellen darf soweit ich informiert bin, wie wird dann die Anordnung dokumentiert, z.B. wenn das RR-Medikament erhöht wird oder Paracetamol gegen Fieber? Oder ein Rezept gestellt wird? Er ist ja nicht vor Ort. Und besonders wenn der zuständige Hausarzt im Urlaub ist und die Vertretung die Bewohner gar nicht kennt. Das stelle ich mir sehr schwierig vor… Vielleicht kannst du mir dazu noch ein bisschen erzählen.

Und ja, genau um die unnötigen Krankenhauseinweisungen geht es mir.

Vielen Dank nochmal!! :)
 
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Farodina

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Nun ja, es wird dokumentiert, was die telefonische Anweisung war und die Apotheke bekommt Bescheid und holt das Rezept aus der Praxis. Das sind im übrigen häufig Antibiotika......
Beispiel:

80 jähriger Mann ist erkältet, hustet etwas seit einer Woche. Temperatur bei 37,9 -38,5. Anruf beim Arzt( zum 4. Mal) , Sprechstundenhilfe sagt, das sei noch kein Fieber, sondern erhöhte Temperatur. Pflegekraft besteht auf Info an den Arzt. Arzt ruft am Abend zurück, ordnet Beobachtung an, trotz Einwände des allgemein reduzierten Allgemeinzustand. Am nächsten Tag ist der Allgemeinzustand noch mehr reduziert, Fieber steigt etwas, wieder Anruf beim Arzt ( nach minutenlanger Warteschleifenmusik) am Morgen, Arzt ruft mittags zurück, ordnet Antibiotika an. Abends bekommt der Mann Atemnot, und wird ins Krankenhaus gebracht. Diagnose : Pneumonie.

Dieses hätte mit hoher Wahrscheinlichkeit vermieden werden können!

Vertretungsärzte, tja, da gibts es solche und solche. Aber im allgemeinen kommen diese bei Akutkrankheiten eher ins Haus. Medikamentennachbestellungen werden kritiklos ausgeführt, allerdings nur in N1 Packungen.

Ich könnte noch weiter ausholen, bin grad in diesem Thema unterwegs.
 
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Lieben Dank, dass du mir dazu noch mehr erzählt hast!! :)
 
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Alex72

Alex72

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Hallo!
1.Also, wir haben einen Hausarzt , der kommt jede Woche an einem festen Tag zu seinen Patienten. er ist immer erreichbar, reagiert auch auf Faxe sehr schnell.
2. Jeder Bewohner hat seinen eigenen Hausarzt, in der Regel ist die Kommunikation gut,auch die Hausbesuche erfolgen zeitnah( Natürlich gibt es auc Ausnahmen die auf sich warten lassen).
3.Bei gesundheitlichen Problemen wird immer erst der Hausarzt bzw.am Wochenende der ärztliche Notdienst informiert.
4: Digitale Akten gibt es leider nicht.
5: Die Zusammenarbeit empfinde ich als gut, man wir dmit einbezogen und auch um Rat gefragt.
6: Behandlungspflege muss immer angeordnet sein, Infusionen werden bei den "Risikobewohnern" dann auf Bedarf angesetzt.
Telefonische Anordnungen werden genauso dokumentiert, besser ist es natürlich wenn es gefaxt wird.
Das mit den Ferndiagnosen kenne ich auch. Da wundert man sich doch...

Liebe Grüße
Alex
 
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Auch dir vielen Dank, Alex, dass du mir von deinen Erfahrungen erzählt hast. :)
 
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ms-sophie

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Hallo
1. Wie gestaltet sich die Arztvisite bei euch im Pflegeheim? z.B. wöchentlich.
Das ist sehr unterschiedlich und kommt auf den Arzt an. Es gibt Ärzte die haben ihren regelmäßigen Turnus und sprechen zuvor Termine ab und es gibt welche die stehen unvermittelt da, wenn möglich zu den Essenszeiten. (ein paar mal stehen lassen kann Wunder wirken ;-)

2. Gibt es einen Heimarzt, der alle Bewohner betreut oder gibt es mehrere Hausärzte die nur ihre "eigenen Patienten" betreuen.
in unseren Einrichtungen behalten die BW ihren bisherigen Hausarzt, dieser kennt die BW, ein Wechsel findet nur statt, wenn der Klient einen Hausarzt hat der zu weit weg ist und deshalb das Heim nicht besucht.

3. Wenn es einem Patienten nicht gut geht, z.B. Blutdruck schlecht eingestellt, oder Patient hat einen Infekt... ruft ihr den Hausarzt an? Oder wartet ihr bis zur nächsten Visite? Wie gestaltet sich die Kommunikation zwischen Ärzten und Pflege?
auch hier gibt es sehr große Unterschiede. Es gibt Ärzte die ruft man an und diese kommen am selben Tag zur Visite, bzw. man kann manche Dinge auch telefonisch regeln (hängt nicht nur am Arzt sondern auch an der Fachkompetenz der PFK).
Aber natürlich gibt es auch in unseren Einrichtungen Ärzte die "keinen Bock auf Pflegeheim haben", denen die Schreiberei zu viel ist, die Pflegeheime generell für unnötig halten, etc. Häufig sind es eigene Ängste (stelle ich in Gesprächen immer wieder fest).

4. Was haltet ihr von einer digitalen Patientenakte, bei der der Hausarzt von seiner Praxis aus sich in die Patientenakte einloggen kann und von dort aus in dringenden Fällen sofort reagieren kann und z.B. Medikamente umstellen oder andere Anordnungen machen kann? Welche Vor- und Nachteile seht ihr darin? Was würde euch verunsichern?
Das fände ich gut, viel Papier (FAX) gespart. Softwarelösungen hierzu gibt es ja schon. Der Bundesmedikationsplan zielt hierauf auch ab. Schwierigkeiten sehe ich in den vielfältigen Softwareangeboten, die nicht immer kompatibel sind. Aus einem Modellprojekt (die Apotheke war auch noch involviert) weiss ich aber, dass auch die rechtliche Seite ein großes Problem war. In jedem Fall muss sichergestellt werden, dass die PFK jede Änderung der Medikation mitbekommt. Gleichzeitig kann ich auch sagen..... Bei uns in der Region dokumentieren noch mehr als 50% der Einrichtungen auf Papier, hier wäre wohl eher anzusetzen.

5. Allgemeine Frage: Wie empfindet ihr die Zusammenarbeit mit den Hausärzten/Heimarzt? Findet ihr, dass die Bewohner ärztlich gut betreut sind?

Wie bereits geschildert sehr unterschiedlich.
Kommt auf die Ärzte und die Pflege an!

6. Und eine Interessensfrage: Braucht ihr für eine s.c. Infusion (z.B. im Sommer wenn der Patient zu wenig trinkt) eine ärztliche Anordnung oder dürft ihr das ohne Rücksprache machen?
Selbstverständlich, keine Behandlungspflege ohne AO.

sophie
 
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Hallo Sophie, viiielen Dank für deine ausführlichen Infos!
Interessant, wie unterschiedlich es doch ist und anscheinend wirklich auch ein wichtiges Thema.

Viele liebe Grüße
Maria
 
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