"Fixierung durch Medikamente"

Status
Für weitere Antworten geschlossen.
B

Basi

Mitglied
Basis-Konto
18.01.2003
"Fixierung durch Medikamente"

Wer kann mir erklären, was man darunter genau versteht. Wie und mit was wird so was gemacht. Welche rechtlichen Hintergründe gibt es dazu.

Es dankt Euch schon jetzt
Basi
 
Qualifikation
KS/Bibu/Pdl/Studentin
Fachgebiet
Altenhilfe
I

Ingo Tschinke

Hallo Basi,

früher hat man in der Psychiatrie Menschen, welche unter starken Erregungszuständen litten und/oder selbst- und fremdgefährdend waren fixiert, d.h. gebändigt mit Gurten und Gürteln, heute nimmt man hauptsächlich Segufix Gurte dazu.
Eine Fixierung kann aber durch die Anwendung niederpotenter Neuroleptika (Neurocil, Atosil, Dipiperon) zur Sedierung, als auch durch Benzodiazepine (oder auch Anxyolitika) wie Bromazepam, Diazepam, Tavor (meist bei starken Angstanfällen und Selbstgefährdung) sowie hochpotenter Neuroleptika (Haldol, Glianimon - der alten Garde, oder Zyprexa, Risperdal, Fluanxol - der neueren Garde) bei Wahnvorstellungen gegeben werden. Neurocil ist als chemischer Gummiknüppel bekannt, selbst stärkste Unruhezustände bekommt man mit 150 mg Neurocil niedergeprügelt. Neuroleptika sorgen für eine starke Sedierung und Beruhigen, aber sie schränken massiv ein, halten einem in einem Emotinalkorsett, haben massiv viele Nebenwirkungen und machen auf die Dauer stumpf und sorgen für Spätfolgen wie Spätdyskenisien. Die Benzodiazepien beruhigen zwar auch, lösen aber nichts, sie sorgen für den rosaroten Blick und sind stark suchtgefährdend.

Cheers

Ingo
:redface:
 
B

Basi

Mitglied
Basis-Konto
Themenstarter/in
18.01.2003
Hallo Ingo, danke für die Antwort.
Aber ich muss die Frage noch konkreter Stellen. Es gibt die Möglichkeit das bei Antrag für freiheitsentziehende Maßnahmen, eben eine solche mit Medikamente angeordnet werden kann. Mich interessiert, was für eine Indikation dahinter stecken muss. Ist das jetzt ein Einzelfall, was ganz Neues oder werden wir im Pflegeheim jetzt häufiger damit konfrontiert?

Schönen Gruss an alle und Ingo,
Basi ;)
PS: Ohne Wertung ob es eher gut oder schlecht für uns ist. Das wäre dann die sich daraus ergebende Frage.
 
Qualifikation
KS/Bibu/Pdl/Studentin
Fachgebiet
Altenhilfe
I

Ingo Tschinke

Hi Basi

das ist nichts neues. Siehe dazu

§ 1906 Genehmigung des Vormundschaftsgerichts bei der Unterbringung
(1) Eine Unterbringung des Betreuten durch den Betreuer, die mit Freiheitsentziehung verbunden ist, ist nur zulässig, solange sie zum Wohl des Betreuten erforderlich ist, weil 1. auf Grund einer psychischen Krankheit oder geistigen oder seelischen Behinderung des Betreuten die Gefahr besteht, dass er sich selbst tötet oder erheblichen gesundheitlichen Schaden zufügt, oder 2. eine Untersuchung des Gesundheitszustands, eine Heilbehandlung oder ein ärztlicher Eingriff notwendig ist, ohne die Unterbringung des Betreuten nicht durchgeführt werden kann und der Betreute auf Grund einer psychischen Krankheit oder geistigen oder seelischen Behinderung die Notwendigkeit der Unterbringung nicht erkennen oder nicht nach dieser Einsicht handeln kann.

(2) Die Unterbringung ist nur mit Genehmigung des Vormundschaftsgerichts zulässig. Ohne die Genehmigung ist die Unterbringung nur zulässig, wenn mit dem Aufschub Gefahr verbunden ist; die Genehmigung ist unverzüglich nachzuholen.

(3) Der Betreuer hat die Unterbringung zu beenden, wenn ihre Voraussetzungen wegfallen. Er hat die Beendigung der Unterbringung dem Vormundschaftsgericht anzuzeigen.

(4)Die Absätze 1 bis 3 gelten entsprechend, wenn dem Betreuten, der sich in einer Anstalt, einem Heim oder einer sonstigen Einrichtung aufhält, ohne untergebracht zu sein, durch mechanische Vorrichtungen, Medikamente oder auf andere Weise über einen längeren Zeitraum oder regelmäßig die Freiheit entzogen werden soll.

(5) Die Unterbringung durch einen Bevollmächtigten und die Einwilligung eines Bevollmächtigten in Maßnahmen nach Absatz 4 setzt voraus, dass die Vollmacht schriftlich erteilt ist und die in den Absätzen 1 und 4 genannten Maßnahmen ausdrücklich umfasst. Im Übrigen gelten die Absätze 1 bis 4 entsprechend.

Cheers

Ingo :redface:
 
B

Basi

Mitglied
Basis-Konto
Themenstarter/in
18.01.2003
Danke Ingo,
wie sieht es dann mit dem Umkehrschluss aus, warum müssen wir nicht bei wesentlch mehr Bewohnern die richterliche Genehmigung einholen?
Z.B. wenn sie aus einem psychiatrischen Krankenhaus kommen und dort "eingestellt" wurden.

Hoffe Du hast auch dafür etwas parat. Vielleicht gibt es ja auch noch Praktiker aus anderen Heimen, die sich dazu schon mal Gedanken gemacht haben.

Gruss Basi :confused:
 
Qualifikation
KS/Bibu/Pdl/Studentin
Fachgebiet
Altenhilfe
I

Ingo Tschinke

Hallo Basi,

eine medikamentöse Einstellung bedeutet ja nicht zwangsläufig, dass der Betroffene medikamentös Fixiert - im Sinne einer freiheitsentziehenden Maßnahme - ist. Freizeitentziehend heißt in diesem Falle, dass Patienten unter Zwang die Medikamente zugeführt werden, die sie in ihrer Bewegungsfähigkeit massiv beschränken. Kein Dementer Patienten würde in so einem Zustand auf ein Medikament eingestellt werden. Natürlich sollte man kritisch mit der medikamentösen Einstellung umgehen und es mit dem behandelnen Arzt besprechen, wie hoch die Medikation im heimischen Umfeld gefahren werden sollte.

Cheers

Ingo
:redface:
 
B

Basi

Mitglied
Basis-Konto
Themenstarter/in
18.01.2003
Hallo Ingo,
mir ist es immer noch nicht klar. Es geht doch gerade z.B. um weglaufgefährtete Menschen, demente Menschen. Was meinst Du dann (Zitat: Kein Dementer Patienten würde in so einem Zustand auf ein Medikament eingestellt werden.) damit.
Was ist dann, wenn ich einen Bewohner habe, der in seiner "guten" Zeit selbst Antidiabetika verweigert hat. Wäre das nicht das Paradebeispiel für die Genehmigung von Medikamenten. Seit der Einstellung klappt es mit allen Medikamenten.
Wo sind nun die Grenzen zwischen der nötigen amtlichen Genehmigung und der ärztlichen Verordnung?

Gruss Siggi
:confused:
 
Qualifikation
KS/Bibu/Pdl/Studentin
Fachgebiet
Altenhilfe
I

Ingo Tschinke

Hallo Basi,

mit meiner Aussage habe ich gemeint, dass man in der Gerontopsychiatrie niemals demente Menschen ständig auf ein stark sedierendes Medikament einstellt, schließlich will ja heutzutage niemand mehr dem Prinzip satt-sauber-still folgen. Natürlich ist es ein alltägliche Gradwanderung inwieweit man bei der täglichen Betreuung zu Zwang greifen muss. Dazu ist es notwendig, dass man sich mit dem Betreuungsrechrecht auseinandersetzt. Es gibt auch einiges Literatur hierzu wie folgende Bücher:
-Freiheitsentziehende Maßnahmen mit mechanischen Mitteln bei der Betreuung gebrechlicher Menschen. Recht und Praxis der Fixierung.
- Das Recht der Alten auf Eigensinn. Ein notwendiges Lesebuch für Angehörige und Pflegende. Ein unkonventionelles Buch erwartet seine Leser. Es gibt nichts Schwierigeres als Beziehungen, heißt es gemeinhin. Am schwierigsten aber sind Beziehungen zu Menschen, die sich nicht mehr an die Verhaltensregeln der Erwachsenenwelt halten können, die von Normen abweichen und den Ausdruck ihrer Freuden,ängste, Phantasien, Bösartigkeiten und Gelüste (die wir alle haben) nicht mehr kontrollieren können. Der Autor eröffnet ungewohnte Sichtweisen, indem er vertraute Reaktionsformen von Angehörigen und Pflegenden in Frage stellt und Vorschläge für andere Formen des Umgangs anbietet. Mit viel Verständnis und Nachsicht für die menschlichen Schwächen beider Seiten werden Wege zu einem gelassenen und entlastenden Umgang mit den starrsinnigen Alten aufgespürt. Dabei erhebt der Autor an keiner Stelle den Zeigefinger. In so manchen Beispielen aus der Praxis der Altenpflege wird sich der Leser mit einem Lächeln selbst wiedererkennen.
- Leitlinien zum Umgang mit Verwirrten. Schwierigen Situationen sicher begegnen. Wer in der Pflege psychisch beeinträchtiger älterer Menschen arbeitet, erlebt schwierige Situationen. Wie man solchen Situationen begegnet, zeigt dieses Buch. Die Leitlinien geben Sicherheit durch einen Überblick über das, was passieren kann und wie man damit kompetent umgehen kann. Die Einführung über Krankheitsbilder und -entwicklungen bietet Gelegenheit, das Wissen für die Praxis mit Informationen über Ursachen und Hintergründe zu verknüpfen.
- Verwirrt nicht die Verwirrten. Neue Ansätze geriatrischer Krankenpflege. E. Böhm schafft das Kunststück, Praxis und Theorie der Altenpflege miteinander zu verbinden. Er propagiert einen Blick auf die Pflege, der einmal nicht vom zwanghaften Bedürfnis des Helfers, zu helfen, geleitet ist, sondern von den tatsächlichen Bedürfnissen der alten Menschen. Diese lassen sich allerdings nur erkennen, wenn ich mich als Pflegender wirklich auf eine Begegnung und eine Beziehung einlasse und mich selbst mit meiner Biographie ins Spiel bringe. Genau davor haben aber viele Pflegende Angst. Um Bewegung in die Pflege zu bringen, muß nach Böhm "zuerst die Seele bewegt werden" - der Körper folgt nach! Im Vordergrund steht die tatsächliche Würde des Individuums, nicht das Bild, das wir gerne von den Alten hätten.
Wunderbar anschaulich, witzig und intelligent zu lesen nach dem Motto: mehr Hirn in die Pflege! Leichte Kritik: teilweise etwas unsystematisch aufgebaut.
- Besondere stationäre Dementenbetreuung

Ich hoffe dir damit etwas weiter geholfen zu haben, mein eigener Erfahrungshorizont mit Alzheimererkrankten und der spezifischen Gerontopsychiatrie sind etwas begrenzt.

Cheers

Ingo :redface:
 
I

Ingo Tschinke

Hallo Basi,

das Thema Fixierung wurde auf dem Pflegeboard schon einmal diskutiert - ist zwar schon zwei Jahre her, aber ja immer noch aktuell. Hier ist der Link.

Cheers

Ingo :redface:
 
B

Basi

Mitglied
Basis-Konto
Themenstarter/in
18.01.2003
Danke Ingo, ich werde mich in den Link einlesen, die empfohlen Bücher wurden von mirzum Teil gelesen. Trotzdem hier noch ein anderer Denkansatz.
Ich setzte mich im Rahmen des Studiums mit der Emanzipation bzw. Unterordnung der Pflege auseinander. Vielleicht ist hier die Antwort darauf zu finden, warum es seltener zur gerichtlichen Genehmigung freiheitsentziehender Medikamente kommt, als zur Genehmigung eines Bauchgurtes. Die Anordnung eines Medikaments ist primär ärztliche Aufgabe und keine Pflegkraft würde selbst bei Selbstgefährdung ohne Rücksprache mit dem Arzt ein Medikament geben. Jedoch würde eine Pflegekraft um Selbstgefährdung abzuwenden, Würde wohl erst der Bauchgurt anlegt und dann der Arzt verständigt. Für mich sieht das so aus, dass primär pflegerische Entscheidungen hier gerichtlich abgesichert werden müssen, jedoch Ärzte werden bei der Gabe von Medikamenten schon immer im Interesse des Menschen handeln.

Gruss Basi
 
Qualifikation
KS/Bibu/Pdl/Studentin
Fachgebiet
Altenhilfe
B

Basi

Mitglied
Basis-Konto
Themenstarter/in
18.01.2003
Hallo Ingo, Hallo @all,
ich habe mich durch die Informationen, die ich noch nicht kannte durchgeblättert.
Für mich ist die Fixierung durch Medikamente immer noch sehr "schwammig".
Gestern kam meine Kollegin auf mich zu und sie hat die Absicht eine Art Checkliste zu erstellen, wann ein Bedarfsmedikament (Psychopharmaka) gegeben werden darf. (Viele unsere Ärzte sagen bei Bedarf. Wann ist das aber wirklich? Wenn er vor Angst schreit, nach Hause möchte und das Pflegepersonal keine Zeit hat ihn zu beruhigen oder ist es erst dann Bedarf wenn Zuwendung auch nichts mehr hilft).
Gibt es jemanden der sich darüber auch schon mal Gedanken gemacht hat?
Oder gibt es von Eurer Seite Gedanken dazu, oder Fragen die unbedingt in eine solche Liste rein sollten?
Ich würde mich sehr über Eure Hilfe freuen.
Danke Basi :D
PS.: Ich glaube, dass ist eine Frage nach unseren Werten, unserem Menschenbild und wenn ich darüber nachdenke wird es rechtlich nur schwer zu erfassen sein.
 
Qualifikation
KS/Bibu/Pdl/Studentin
Fachgebiet
Altenhilfe
I

Ingo Tschinke

Hallo Basi,

ich glaube das wichtig ist erst einmal eine Begriffsklärung zu betreiben. Eine medikamentöse Fixierung ist nur dann möglich, wenn jemand Akut selbst- oder fremdgefährend ist (das heißt er tut sich und anderen Gewalt an - Suizidversuche, Aggressives Verhalten in Ausübung etc.), dazu gehört nicht, dass ein dementer Patienten sich der Pflege gegenüber renitent verhält und die - u.U. lebenswichtigen - Medikamente nicht nehmen will.

Das bedeutet, dass ihr gar nicht in die Lage kommt und wenn dann nur sehr selten, dass ihr jemanden dermassen ruhigstellen müsst, das Antrag auf Freiheitsentzug notwendig ist.

Bei dem Umgang mit Psychopharmaka, muß man ganz klar sagen, das es sich um eine Bedarfsmedikation für den Patienten handelt. Dies bedeutet, es muß ein unerträglicher Zustand für den Patienten vorliegen, leidet er nicht, darf man ihm das Medikament nicht geben. Leidet das Personal, weil der Patient aus dem Häuschen ist, der sich darüber freut, dabei niemanden gefährdet, wäre es ein Pflegefehler ihm die Medikamente zu geben. Ist ein Patient unruhig und generell ängstlich ind er grundstimmung ist Begleitung besser, als jedes Medikament, gibt man es trotzdem ist das ein Pflegefehler.

Bei der Gabe von Psychopharmaka muß stets bedacht werden, dass der Patient den Leidensdruck, welcher für ihn nicht mehr erträglich ist, spüren muss. Denn nach der Devise - Satt, sauber und still - wollen wir ja nicht mehr verfahren und da sind gerade niederpotente Neuroleptika eine große gefahr - Atolsil, Neurocil etc. - aber auch Haldol u.ä. und die Tranquilizer, die Ärzte den alten nur allzu schnell geben. Gibt man diese Medikamente wegen personalmangel, um Ruhe zu haben, Nervereien loszusein ist das gegen das Gesetzlichen Verpflichtung zur aktivierenden Pflege und ein Pflegefehler.

Ich hoffe es ist dir nun etwas klarer geworden Basi.

Cheers

Ingo
:redface:
 
I

Ingo Tschinke

Hallo Basi,

gerade ist in der neuen Psychiatrische Pflege Heute eine Artikel zum Umgang mit Psychopharmaka in der Altenpflege erschienen, wo es insbesondere um dieMitverantwortung von Pflegenden bei der Gabe von Psychopharmaka geht und die von dir angefragte Medikamentöse Fixierung. Ich glaube dieser Artikel dürfte dir sehr helfen.

Cheers

Ingo
:redface:
 
Pflegeboard.de

Pflegeboard.de

Administrator
Teammitglied
05.07.2001
www.pflegeboard.de
Dieses Thema hat seit mehr als 365 Tagen keine neue Antwort erhalten und u.U. sind die enthalteten Informationen nicht mehr up-to-date. Der Themenstrang wurde daher automatisch geschlossen. Wenn Du eine ähnliche Frage stellen oder ein ähnliches Thema diskutieren möchtest, empfiehlt es sich daher, hierfür ein neues Thema zu eröffnen.
 
Status
Für weitere Antworten geschlossen.