Ernüchternde Kinderkrankenpflege

F

Flashmob

Ich mach ja zur Zeit eine "generalisierte" Ausbildung, soll heißen ich kann nach meinem Examen "Menschen jeglichen Alters" pflegen - also vom Säugling zum alten Menschen.
Da ich gerne in die Kinderkrankenpflege wollte und ich einen Nebenjob brauchte, habe ich gerne eine Tätigkeit auf einer Kinderintensivstation angenommen.
Kinderkrankenpflege, weil ich gerne mit Kindern arbeiten wollte und weil ich es körperlich weniger anstrengend finde (letztgenannter Grund ist jetzt nicht einzig und allein ausschlaggebend), Intensiv, weil ich bereits Erwachsenen-Intensiverfahrung sammeln durfte und mir dieser Bereich sehr gut gefällt; qualitativ hochwertige anspruchsvolle Pflege eben (soll nicht heißen, dass das nur auf Intensiv geht!)
Tja, da arbeite ich nun einige Stunden im Monat und ich muß ehrlich sagen : Ich habe es mir wirklich anders vorgestellt.
Das Gros der Kinder hat allerschlimmste Erkrankungen, die ich in der Erwachsenenkrankenpflege überhaupt noch nie gesehen habe, weil Menschen mit diesen Krankheiten erst gar nicht so alt werden können.
Stoffwechselerkrankungen mit unaussprechlichen Namen, Lebertransplantationen bei 1,5-Jährigen usw.
Ich war wirklich so naiv zu glauben, dass es zwar solche Erkrankungen gibt, aber nicht in einem solchen (quantitativen) Ausmaß.
Ich habe eher mit typischen unfallchirurgischen oder auch onkologischen Krankheitsbildern gerechnet.
Mich würde interessieren, wie einige von Euch Kinderkrankenpflege erleben /erlebt haben.
Für mich war dies ein Praxisschock, mit dem ich gar nicht gerechnet habe, da ich nun seit 10 Jahren in der Pflege arbeite und schon die verschiedensten und skurrilsten Dinge gesehen habe...man lernt wirklich nie aus...aber vielleicht ist auch eben die Kinderintensiv dermaßen "beeindruckend" und in der Peripherie geht es wieder....oder ist das utopisch?
 
C

chrodechilde

Mitglied
Basis-Konto
1
36039
0
Bei mir war es schon immer so, dass ich mit dem Leiden und Sterben, auch von jungen Erwachsenen klar kam, aber mit so schlimmen Krankheiten bei Kindern hatte ich immer schon meine Probleme.
So eine Station wäre für mich auch nix.
 
Qualifikation
Krankenpfleger
Fachgebiet
Neurochirurgische Wachstation
R

romana

Aktives Mitglied
Basis-Konto
5
Ostrach
0
Ich könnte nie auf einer solchen Station arbeiten, ich weiß nicht, wie die Pflegekräfte das psychisch machen !
Bei Kindern musst Du ja eine emotionale Nähe aufbauen, sonst vertrauen sie Dir nicht und dann geht ja gar nichts mehr. Bei Erwachsenen ist die Distanz erst mal da und ich kann meist steuern, wie viel Nähe ich zulasse. Geht bei Kindern gar nicht, die muss ich trösten, streicheln, beruhigen, und wenn ich dann noch wüsste, dass das Kind keine Perspektive hat, das würde mich echt fertig machen.

LG
Romana
 
Qualifikation
Krankenschwester
Fachgebiet
QMB
Weiterbildungen
Bin Praxisanleiterin und MAV
Weiterbildung Stationsleitung mit Zusatzqualif. QMB
D

dieKathi

Mitglied
Basis-Konto
Hallo Parasympathisch,
deine Schwierigkeiten, emotional mit den schweren Krankheitsbildern umzugehen, kann ich gut nachvollziehen.

Bevor ich meine Ausbildung zur Krankenschwester machte, wollte ich immer Kinderkrankenschwester werden. Während meiner FOS-Zeit habe ich daher meine Praktikas in einer Kinderklinik absolviert bzw. absolvieren wollen, um meinen Berufswunsch zu testen.
Das war mehr als gut!
Bereits nach wenigen Tagen des ersten vierwöchigen Praktikums in der Kinderklinik (ganz normale Station) wußte ich, dass ich das nicht als Beruf machen können würde.
Es ging mir viel zu nahe, die Kinder, die sich teilweise ja vom Alter her gar nicht artikulieren können, wo es ihnen weh tut, die ihre Eltern/Mütter vermißten (damals gab es noch feste Besuchszeiten) oder die einfach so schwer krank waren, dass sie nicht mehr gesund würden, zu betreuen.

Nun war es zwar auf der Station auch so, dass ich als billige Arbeitskraft und z.B. als Sitzwache bei vier frischoperierten Kindern nach Mandel-Op oder bei einem Säugling mit Verbrennung der gesamten linken Körperhälfte eingesetzt wurde. Dort saß ich dann, während die Schwestern ihren Kaffee tranken. (Kein Klischee, es war wirklich so und wenn ich Hilfe brauchte kam auch oft niemand oder es dauerte, so dass ich mich selbst durchwursteln musste. Unverantwortlich, wenn ich da später drüber nachdachte.)

Nun, ich habe dann die weiteren Praktika dort abgesagt und in eine Erwachsenenstation verlegen lassen, weil ich wissen wollte, ob nur die Kinder- oder allgemein die Krankenpflege nicht mein Ding wäre. Danach war mein Berufsziel klar. Und ich habe es nie bereut.



Hast du die Möglichkeit, dich mit deinen KollegInnen über deine Gedanken und Gefühle auszutauschen? Ist sicher schwer, wenn du nur stundenweise dort bist. Aber ich denke, irgendetwas musst du finden, um deine Eindrücke zu verarbeiten. Sicherlich ist es auf Kinderintensiv noch mal schwerer, sich von den Schicksalen abzugrenzen, nicht mit jedem kleinen Patienten mitzusterben, der gehen muss.
Ob es dir auf einer peripheren Station leichter fiele - ich denke, das kannst du nur selbst herausfinden.
Gibt es die Möglichkeit, den Arbeitsplatz zu wechseln? Vielleicht wäre das eine Möglichkeit für dich, um herauszufinden, was du später wirklich machen möchtest.
Letztlich wertet jede/r die Erfahrungen ja anders.
Und etliche können sich sicher auch nichts anderes vorstellen, als Kinderkrankenpflege zu machen.

Ich wünsche dir, dass du für dich das Richtige findest!
Viele Grüße,
dieKathi
 
Qualifikation
Wohnheimbetreuerin / Krankenschwester
Fachgebiet
Behindertenwohnheim
F

Flashmob

Ich habe heute mit der Stationsleitung gesprochen, und wir haben uns darauf geeinigt, dass ich jetzt erst einmal nicht mehr direkt mit den Kindern arbeite, sondern "außenrum" mithelfe - also Steri bedienen, auffüllen, um Labor/Blut/EK´s kümmern, Aufnahme/Entlassungspapiere bearbeiten, Apotheke schreiben etc. - also eine Mischung aus Stationssekretärin und Stationshilfe.
Damit kann ich gut leben, ich bin froh, dass ich es angesprochen habe und wie es aufgenommen wurde. Das Team gefällt mir sehr gut, es wird sich viel untereinander (fachlich) ausgetauscht und die meisten sind sehr motiviert, obwohl sie oft wirklich von (Ober)Ärzten und auch Eltern ignoriert werden (Kostet Grüßen extra?) & ich fühle mich dort gut aufgenommen - obwohl ich nur wenige Stunden im Monat dort bin.
Kinder sind eben keine kleinen Erwachsenen - sie lösen einen gewissen Beschützerinstinkt aus.
 
G

gabymaus_64

Mitglied
Basis-Konto
Stimmt! Kinder lösen einen gewissen Beschützerinstinkt aus und bei mir ist es so: Desto kranker die Kinder desto größer der Beschützerinstinkt.

Ich arbeite jetzt seit 17 Jahren in der Kinderkrankenpflege, betreue Säuglinge bis Kinder im Alter von 16 Jahren. Wirklich was anderes vorstellen kann ich mir nicht. Die Pflege hat ihre Höhepunkte (Kinder, bei denen die Erkrankung so gut wie keine Hoffnung mehr auf Heilung lies und die dann doch wieder völlig genesen sind) und eben auch Tiefpunkte, die einen Jahre begleiten. Dazu zähle ich in erster Linie die Kindesmisshandlungen, die ich nie verstehen werde insbesondere wenn ich in die Augen dieser misshandelten Kinder sehe.

Im Laufe der Jahre habe ich gelernt mit solchen Schicksalen umzugehen, ein Patentrezept gibt es dafür nicht. Ich versuche mal meinen Leitspruch zusammen zu fassen: "Aus dem Traurigsten immer noch das Positive heraus zu kristallisieren und den Kleinen zu vermitteln."
Es gibt immer wieder Dinge, die sich nicht ändern lassen, diese hinnehmen und das Beste daraus machen.
Z. B. eine optimale Sterbebegleitung bei sterbenden Kindern oder das Vermitteln von körperlicher Wärme und Nähe bei misshandelten Kindern, sofern diese es zulassen können. Immer individuell, nah an der Persönlichkeit des einzelnen Kindes orientiert.
In vielen Fällen ist es auch ganz wichtig den Eltern eine Stütze zu sein, ihnen Mut zu machen ohne zu lügen. Hier darf Mitgefühl gezeigt werden, wenn welches da ist. Nicht heucheln, das ist nicht echt und irgendann merken es die Eltern und sind einmal mehr enttäuscht.

Für mich ist es dieses Feingefühl, welches in der Kinderkrankenpflege benötigt wird die diese(n) Beruf(ung) so wertvoll macht. Aber um das zu erkennen und auch um ein positives Gefühl in mir entstehen zu lassen, selbst wenn das Ergebnis eher traurig war, habe ich bereits viele, viele Jahre in der Kinderkrankenpflege gearbeitet.
 
Qualifikation
Kinderkrankenschwester
Fachgebiet
ambulante Intensiv- und Beatmungspflege
M

meggy

Gesperrter Benutzeraccount
Hallo,

es ist tatsächlich so, dass Kinderkrankenpflege und Krankenpflege eben doch ganz andere Berufsbilder sind, besonders im Intensivbereich - auf einer HNO oder chrirurgischen Kinderstation mag das anders aussehen.

Schade, dass es lange Zeit Bestrebungen gab, den Kinderkrankenpflegeberuf durch die veränderten Ausbildungsbedingungen aufs Abstellgleis zu schieben, aber vielleicht bewirkt es eben doch gerade das Gegenteil davon, eine höhere Wertschätzung der Arbeit an den Kindern...

Für mich ist mein Beruf auch Berufung!

LG,
Meggy
 
Qualifikation
freiberufl. Kinderkrankenschwester, Familienberatung, freie Dozentin
Fachgebiet
Trier
Weiterbildungen
www.IG-kikra.de
Interessengemeinschaft freiberuflich und/oder präventiv tätiger Kinderkrankenschwes
Die E-Mail-Adresse wird lediglich zur Versendung des Aktivierungslinks für diesen Beitrag verwendet.

Ähnliche Themen