Ernährungsmanagement - Wie löst ihr dieses Problem?

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Marco_88

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15.05.2016
Großbottwar
Hallo liebe Community,

ich arbeite bereits ein paar Jährchen in der Altenpflege. Nebenher kümmere ich mich um das Ernährungsmanagement in der Einrichtung in der ich arbeite. Unter anderem gehört es zu meinen Aufgaben den Flüssigkeitsbedarf von Bewohnern zu errechnen. Das mache ich per Abbott-Bewohnerdatenbank. Das Programm wurde mir freundlicher Weiße extra zur Verfügung gestellt. Meine Kollegen und ich erfassen dann fleißig die Flüssigkeitszufuhr und ich gleiche den erreichten Wert mit dem Flüssigkeitsbedarf ab.

Nun zu meinem Problem....
Ich habe viele Bewohner mit einem Flüssigkeitsbedarf der über 2800ml/24h liegt. Den erreichen sie schlicht weg niemals. Viele trinken dann ihre 2 Liter am Tag und kommen damit gut zurecht. So zieht sich das Problem durch sehr viele Bewohner. Ich beziehe aber auch seither den Flüssigkeitsgehalt von Nahrung nicht mit in die Bilanzierung ein. Ich denke das ich deshalb dieses Problem hauptsächlich habe. Wie löst ihr das in euren Einrichtungen?

Also im Internet kursieren Zahlen von wegen "man" würde 30% des täglichen Flüssigkeitsbedarfs mit der Nahrung zu sich nehmen. Den Flüssigkeitsgehalt eines jeden Nahrungsmittels zu errechnen und meine Kollegen zwingen die Nahrungsaufnahme jedes mal mit der Flüssigkeitsaufnahme zu dokumentieren sprengt den zeitlichen Rahmen und möchte ich eigentlich vermeiden.

Wenn mir jemand einen Tipp in Richtung Literatur zu dem Thema geben kann bin ich auch sehr dankbar.

Lieber Gruß, Marco_88.
 
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toptep

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24.07.2008
heidelberg
Ich kann dir keine literurhiweise geben. Bin aber sehr erstaunt über die Mengen die eure Bewohner zu sich nehmen sollen.das schafft ja kaum ein normaler Mensch. Hast du auch noch zusätzlich eine Ausbildung als ernaehrungsfachmann oder sind diese Mengen ärztlich verordnet. Order wirklich nur auf Grund eines Programmes festgelegt.ich kenne es aus der Praxis dass Suppe Obst Joghurt als Flüssigkeit berechnet werden.aber nicht auf mg abgewogen sonst ufert die Doku ja ins unendliche aus.
Man kann sich natürlich auch mehr Arbeit schaffen als man eh schon hat.
 
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Marco_88

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15.05.2016
Großbottwar
Ich habe nur eine Fortbildung zum Ernährungsmanager gemacht (wo ich das leider nicht gefragt habe). Die geht so einen Tag.
Also die Werte bekomme ich aus dem Programm. Sie errechnen sich aus Gewicht und Größe und Aktivität des Betroffenen... also sitzt nur im Rollstuhl oder läuft etc.

Mal ein Beispiel.... Bewohner ist 70,8 kg schwer und hat eine Größe von 183cm. Er ist aktiv, läuft viel und ist männlich. Er hat laut Programm von Abbott einen Bedarf von 2214ml/24h. Ohne das Essen dazu zu rechnen erreicht er nur so 1800ml/24h und ich muss somit eine Maßnahme planen weil es angeblich zu wenig ist. 1800ml sind aber schon eine ganze Menge.... würde ich das Essen dazu rechnen, käme er bestimmt auf seinen Bedarf.
 
Qualifikation
Gerontofachkraft
Fachgebiet
Pflege / WBL
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Keßler

Die Daten, die Euer Programm vorgibt, können sich nur auf einen theoretischen
Gesammtbedarf beziehen.
Macht Euch nicht davon abhängig.
"Pflegefachlichkeit" ist doch gerade in Mode :
Womit kommt mein Bewohner am besten zurecht ? (PDCA)
Vorgegebene Listen sind allenfalls ein Ausgangswert.
 
benny34

benny34

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24.10.2010
Wiesbaden
Ich finde es nicht sehr zielführend, sich von einem Programm abhängig zu machen, welches nur auf Basis von Statistiken werte ermittelt.
Was hier passiert ist folgendes:
Der Bewohner wird erneut in ein vorgegebenes, nicht mit ihm abgesprochenes Schema gepresst.
So läuft es schon seit Jahrzehneten - die Funktionseinheiten des Hauses (Küche, Reinigung, Pflege usw.) geben den zeitlichen Rahmen vor und die Bewohner müssen sich danach richten. Damit hatte ich schon immer ein Problem.

Wie sieht die Biografie des Bewohners aus? Ich kann mir nicht vorstellen, daß er zeit seines Lebens 2,8l/d getrunken hat. Hier sollte mehr Zeit MIT dem Bewohner verbracht werden, denn so kann ich ihn auch viel besser einschätzen.

Mit der Vorgabe ~2l/d kommt man eigentlich gut hin. In Zeiten großer Hitze muss natürlich entsprechend agiert werden, aber da helfen Joghurt, Wackelpudding und Co. ganz gut aus der Patsche.
 
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Keßler

Biografie ist ein gutes Stichwort :

Die ist ja nicht nur sozial sondern auch körperlich :
Wenn der Körper es nicht gewöhnt ist, mit 2,8 L/d
bombardiert zu werden, werden hier auch ohne
gravierende Herz- oder Niereninsuff. Probleme
auftreten. Von der Compliance des Bewohners
mal ganz abgesehen !
 
benny34

benny34

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24.10.2010
Wiesbaden
Kleines Beispiel:
Im ambulanten Dienst vor ein paar Jahren hatten wir eine 96-jährige, noch sehr agile Dame zu betreuen. Sie war gerade mal 1,60m groß und wog 45 kg.
Dieser Dame sollte nun ein Kostaufbau angedreht werden und sie wurde (bevor wir sie übernommen hatten) mit hochkalorischer Nahrung regelrecht bombardiert!
Effekt davon war, daß es ihr dauernd schlecht war, sie unter ständigen Durchfällen litt und ihre ursprüngliche Agilität zusehends abnahm.

Nach der Übernahme durch unseren PD haben wir in längeren Gesprächen herausgefunden, daß sie schon immer diese Statur hatte, nie in ihrem Leben über 50kg hinaus gekommen war und damit immer gut lebte. Das Ganze konnte durch Fotos nachgewiesen werden.
Nach Rücksprache mit Hausarzt und MDK gab es keinerlei Probleme, der Dame das Ernährungsmanagement wieder selbst zu überlassen, auch wenn einige Kollegen laut protestierten.
Mit der Argumentation der Menschenwürde und dem recht auf Selbstbestimmung konnten einige nichts anfangen und meinten, ab einem bestimmten Alter wäre das ja nicht mehr relevant.

Eine kurze Fortbildung durch einen Richter, der von diversen Begutachtungen bekannt war, klärte das Thema aber wieder.

Ja, Biografie wird leider immer noch viel zu viel vernachlässigt, dabei ist sie der zentrale Baustein unserer Planungsarbeit.

Übrigens: Die Dame wurde immerhin 102 Jahre alt (und das hätte selbst ich nicht vermutet) und war bis ein paar Wochen vor ihrem Tod noch rüstig und geistig klar..
 
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Wärter

Wärter

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11.09.2007
Bonn
Hier wurde schon viel Richtiges gesagt, vor allem was die Individualität und Biografie eines Menschen betrifft. Die Tendenz geht in der Fachwelt doch eher weg von komplizierten Formeln, hin zu Richtwerten und der fachlichen Bewertung durch die Pflegefachkraft unter Berücksichtigung der Person und der Umstände

Was mir aber aufgefallen ist, das hier Flüssigkeitsbedarf und Trinkmenge vermischt werden. Wir gehen bei uns in der Einrichtung zwar auch von einer Formel aus:

Flüssigkeitsbedarf = (Körpergewicht-20Kg) x15ml + 1500ml

2/3 dieses Flüssigkeitsbedarfs wird in der Regel getrunken und 1/3 über Nahrung aufgenommen.

Also ist der Trinkbedarf nur 2/3 des Gesamtflüssigkeitsbedarfs, und schon muss bei 2000 ml nur noch 1300 ml getrunken werden. Erreicht der Bewohner nun nur durchschnittlich 1050, überprüfe ich nach Beratung ob ich durch Angebote und Abläufe ändern kann. Sind dann vielleicht 1150 das was nach guter Planung geht, spreche ich entweder mit dem Bewohner, optimaler Weise noch mit dem Arzt.

Ich stelle dar es dar und die Ärzte geben in der Regel ihr OK. Gut dokumentiert und entweder in individuellen Abständen mal überprüft, oder über eine gute Tagesstruktur glaubhaft dargestellt.
 
Qualifikation
Altenpfleger
Fachgebiet
Stationär
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nordwind

Und man beachte auch verschiedene Diagnosen wie Bluthochdruck, Nierenerkrankungen ect.
Für mich ist die Biografie bindend und die Beratungsgespräche mit unseren Patienten. Und wenn ein Mensch sagt:" ich schaffe nicht mehr." dann wird das auch so akzeptiert und dokumentiert. Beachte das Selbstbestimmungsrecht! Mich würde das auch nerven.
Ich berate in regelmäigen Abständen und versuche geschickt zum Trinken zu motivieren.
LG nordwind
 
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Gerhild

Wenn ich bei dir einziehen würde, wäre ich mit Sicherheit ein Kunde mit herausforderndem Verhalten. Flüssigkeitsmenge schon immer ca. 1Liter täglich (inclusive Zahnputzwasser, welches ich mitunter einfach runterschlucke). Essen nach Lust und Laune , mal viel, mal wenig, früh so gut wie gar nichts und abends ganz viel. Ich bin weder übergewichtig, noch untergewichtig, noch dehydriert. Wenn ich Durst habe trinke ich einfach Wasser aus Wand. Und dann kommt ihr und wollt alles regeln und messen - in welchem Gesetz und in welcher Verordnung steht das denn? Und selbst wenn es dort steht es wäre mir egal. Wenn ich bei euch ankomme bin ich ca. 80 Jahre alt und wie alt soll ich dann noch werden und warum wollt ihr dann anfangen mein Essen und Trinken zu managen ? Selbst wenn ich dann Demenz habe, möchte ich dies noch selbst entscheiden !
Fangt an mich zu beobachten, aber fragt euch nicht wie ihr meine Ernährungsprobleme löst , sondern fragt mich !!!
 
N

nordwind

Geht es dir jetzt besser Gerhild?
Schon klar, jedoch haben wir Standards nach denen wir handeln müssen.
Individualität und Selbstbestimmungsrecht stehen trotzdem ganz oben.
Und mit herausfordernden Verhalten bin ich schon immer klar gekommen. Ich sehe immer den ganzen Menschen und akzeptiere ihn so wie er ist.
Schönes WE :p
 
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Gerhild

Pflegefachlichkeit sagt doch aber nicht, dass ich für alle Bewohner eine Flüssigkeitsbilanz errechnen muss, sondern ich muss über Beobachtung erfassen, wenn ein Kunde wenig trinkt wie sein Hautbild aussieht, wie sein körperlicher Zustand ist...
Da helfen mir doch keine Berechnungen im PC, sondern es braucht das Dokumentieren von Beobachtungen , die Maßnahmen die ich ergreife (oder auch nicht, weil fehlende Compliance) und welche Beratungen ich durchführe und was ich damit erreiche .

Ich würde einfach den PDCA Zyklus nehmen und sich daran entlang hangeln und dies kann das Managementproblem lösen.
 
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nordwind

Absolut. So machen wir es auch.
 
Pflegeboard.de

Pflegeboard.de

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05.07.2001
www.pflegeboard.de
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