Erfahrungsberichte nach Erich Böhm: Relevanz in der Pflege bei Demenz?

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Albino

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05.09.2020
Gibt es zum psychobiografischen Modell Erfahrungsberichte von Erich Böhm neuere Untersuchungen bezüglich ihrer Relevanz in der Pflege bei Demenz?

"Meine" Suchmaschinen bringen mir nur Veraltetes, und da lese ich mancherlei Lob:
1. weniger Psychopharmaka für die Dementen, weniger "Observation"; und 2. größere Arbeitszufriedenheit bei den PK (weniger Fehltage).
Mich interessiert, was in den letzten Jahren, zum Beispiel in den "Sorg Höfen" in Holland, daraus geworden ist. Ob es irgendwelche studien gibt?
 
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Dozentin füt Pflegetheorie
Fachgebiet
Psychologie
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Menschenkind

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18.12.2012
Zweifelst du die Wirksamkeit des Modells an? Was ist deine Intention der Frage?
Ob es sich lohnt, sich mit dem Modell zu beschäftigen? Oder ob es schon wieder obsolet ist, nicht funktioniert, etc.?

Übrigens Erwin, nicht Erich.
 
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Krankenpfleger, Pflegefachmann, freiber. Dozent
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Heimaufsicht/WTG-Behörde
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Pflegedienstleitung, Qualitätsbeauftragter, Algesiologischer Fachassistent (DGSS)
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Menschenkind

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18.12.2012
Jedes Handeln und Denken eines Menschen dient einem Ziel. Das "Problem" ist, dass dieses Ziel nicht immer verständlich ist - sowohl für außenstehende, als auch manchmal für den handelnden selbst (z.B. weil unterbewusst). Andererseits sind auch die Ziele durch einen demenzerkrankenten Menschen nicht immer verbalisierbar.

Da setzt jetzt Böhm an, aber auch begleitende Konzepte wie Validation.

Dass diese einen entsprechenden Effekt auf die von dir genannten Punkte haben dürften ist für mich zweifellos vorstellbar und meine praktische Erfahrung zeigt dies durchaus auch - wobei ich in der stationären Pflege meiner Meinung nach in der Umsetztung auch Sachzwänge als Hinderungsgrund habe, wie eine zu dünne Personaldecke aufgrund insuffizienter Personalschlüssel.

Ein weiteres Problem ergibt sich in der Anwendung aus der Unkenntnis der jeweiligen Lebenswelten, die ja a) heterogen sind, b) für Pflegende unbekannt und c) auch von Angehörigen oftmals nicht mitgeteilt werden können (z.B. weil diese im zeitraum bis 25 Jahre noch gar nicht auf der Welt oder noch sehr jung).

In der praktischen Anwendung kann ich vielleicht ein paar Anekdoten beitragen, die zeigen, wie das Modell von Böhm funktioniert - die Frage, die ich mir stelle ist, ob es ein eigenes Modell ist, oder eine Einstellung. Bisher habe ich von Erwin Bähm und dem "Modell" bewusst nicht gehört, dies aber bereits in der Ausbildung erfolgreich angewendet (intuitiv):

Beispiel 1) Krankenhauspatientin mit akuter Weglauftendenz, kognitiv eingeschränkt. Auf einer ihrer "Fluchtversuche" (ja, es ist wirklich eine Weglauftendenz, die Person wollte weg!). Warum habe ich dann im Rahmen der Begleitung ihrer "Flucht" durch ein zugewandtes Gespräch herausgefunden. Diese Person hatte den Eindruck, sie wäre wieder in einer der Konzentrationslager ihrer Vergangenheit ("Uniformen" der Ärzte, Pfleger, Mehrbettzimmer, strikte Regeln). Also wollte sie die Füße in die Hand nehmen und nutzte jede Gelegenheit, sich vom Acker zu machen...was ich mit den Erfahrungen auch gemacht hätte. Idealerweise konnte ich ihr die Gesamtsituation plausibel machen und sie soweit orientieren, dass sie zurückkam, Vertrauen fasste und die Behandlung akzeptierte. Sicher ein Paradebeispiel, das nicht immer so funktionieren mag...aber durch die Kenntnis ihrer Biografie wurde ihr Handeln sehr logisch. Die Alternative wäre eine kontinuierliche Haldolgabe gewesen...die so gar nicht mehr notwendig wurde.

Beispiel 2) Altenheim, Nachtwache...jede Nacht wird von einer Bewohnerin die Wohnbereichsküche ausgeräumt, alles sauber auf die Arbetisplatte gestellt. Die Bewohnerin auf ihr Zimmer zu begleiten, ins Bett zu legen endet letztendlich damit, dass sie kurze Zeit später wieder aufsteht und von Vorne die Küche ausräumt.
Aus der Biografie war bekannt, dass sie einen Tante-Emma-Laden hatte. Für sie war diese nächtliche Aktion ihre Inventur und sie wollte wissen, ob sie genug Waren hat oder etwas bestellen musste. Diese Aktion hat die Nachtwache regelmäßig unterbrochen (ins Bett bringen) und darauf reagierte sie mit Unruhe und wollte ihre Arbeit zu Ende bringen.
Lösung: Inventur machen lassen. Gleichzeitig hat die Dame für die Nachtwache die Bestellscheine ausgefüllt, wenn etwas fehlte und so eine sinnvolle, ihrem Leben entsprechende Beschäftigung gehabt, hinterher alles wieder eingeräumt und ist ins Bett gegangen.

Ich denke, die Beispiele machen deutlich, welche Möglichkeiten in dem Modell stecken...und warum sie auch auf pflegerischer Seite zu mehr Zufriedenheit und weniger Frustration führen. Es ist einfach ungemein erfüllend, die wahren Motive hinter dem scheinbar ziellosen Handeln zu entdecken...zu merken, dass nicht alles, was jemand macht total "krank" ist, sondern in der Erlebenswelt des jew. Menschen einen Sinn ergibt.

Ich könnte jetzt noch einige praktische Beispiele. Z.B. warum eine Schmerzpatientin lieber ihre sehr starken Schmerzen aushält, als sich zu melden; warum der Handlauf gegossen wird; Warum ein Mensch ziellos über den Flur irrt; Warum ein Mensch sein Essen nicht aufisst.

Meine Erfahrung ist, dass diese Handlungen ihre jeweilige Berechtigung, ihr Ziel hatten. Was ich in der Praxis merke, ist, dass die Arbeit nach dem Böhmschen Ansatz durchaus mit Krohwinkel oder Beikirch vereinbar ist und nicht eines solitären Modells in der Anwendung bedarf - vorausgesetzt jemand nimmt sich die Zeit, sich mit den Motiven des Bewohners/Patienten/Menschen auseinander zu setzen...und sein Wissen für die anderen zu dokumentieren.
 
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