Der Lohn für gute Pflege?

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Klartext

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25.09.2017
Deutschland/Belgien
Möglicherweise denkt jemand bei dem Titel des Threads "Lohn für gute Pflege", daß es hier um Burnout, Bandscheibenvorfälle, Mobbingerfahrungen, schlechte Bezahlung, "Druck von oben" etc. gehen könnte. Denn auch aus meiner Erfahrung heraus ist das durchaus der Lohn nach der fatalen Berufswahl "Pflege". Ja, man könnte sogar von einer prekären Entscheidung sprechen - für einen Mann, der mit seinem Beruf eine Familie ernähren will und seinen Kindern ein gutes Studium ermöglichen will.

So ist das zumindest in Deutschland. Dabei spielt es auch keine Rolle, ob "Sie" auch arbeitet, z.B. in einem ähnlichen Beruf - es bleibt "prekär", wenn man die obigen Ziele verfolgt, deren Verfolgung zu Zeiten des Wirtschaftswunders weit verbreitet waren - bei denen, die es sich leisten konnten. Bei Pflegenden war das freilich nie der Fall.


An unseren Landesgrenzen, also heute quasi nur durch eine unsichtbare Naht getrennt, lebt es sich als Pflegekraft* anders. Ich saß im Café, bei Sonnenschein, ein netter Mensch schneite herein. "Was machst denn Du beruflich?" (Ja, so weit sind wir gekommen.) "Ich bin Pflegekraft." *Augenbrauhochzieh* - "WOW, ein Akademiker!" *verneig*. "Nein, ich komme aus Deutschland." "Ach so. Weißt Du: Pflegen - das könnt' ich ja nicht."

Am nächsten Morgen um 7 traf ich auf einer Straße eines Nachbarlandes eine lachende, junge blonde Frau, die in einem kleinen Auto neben mir an der Ampel saß. Sie wippte und hörte Musik. Ich kurbelte das Fenster herunter und grinste: "Wieviele Patienten hast Du heute, Schwester?" "Sechs". "Oh prima! Da bist Du ja um halb 10 fertig, hast Du Lust auf einen Kaffee?" Sie lacht und meint: "Nein nein, da bin ich schon doch bis 13 Uhr unterwegs!"



Durch diese kleinen, hoffentlich der Erheiterung dienlich gewesenen Textfragmente, die aus meiner Erinnerung stammen müssten, möchte ich mich gerne über die Entlohnung von Pflegekräften unterhalten. Mir ist es dabei wirklich zu mühsam zu betonen, daß ich jetzt primär mal die "Fach"-Kräfte meine, deren Bezahlung stets das Niveau anderer Gehälter in Berufen bestimmt. Ich denke das versteht sich von selbst.

Zur Geschichte: Es war einmal ein Land - für Deutsche Pflegende muß das ja wie ein Märchen klingen, deshalb erzähl' ich's so - das hatte viele Berge. Es lebte dort der Zwerg Ricola, der die Pflege im Land betrieb. Er bezahlte die Pflegenden schlecht und vermied es, sie gut auszubilden, auf daß sie nicht in ihren Krankenhäuschen rebellieren konnten.

Einige Pflegende aber ließen sich durch den Zwerg Ricola nicht in das Boxhorn jagen, sie malten sich Schilder aus Tabletts, auf denen Tellerchen gestanden hatten, von denen man gegessen hatte. Und sie verließen die Krankenhäuser, gingen auf die Straße und legten die Arbeit nieder. Und die weniger Mutigen folgten ihnen.

Und das Volk ward nicht mehr gepflegt und stimmte ab, daß die Pflegenden dasjenige Geld bekommen sollten, das sie forderten, damit es wieder gepflegt werde. Und das Volk wollte, daß hoch ausgebildete Akademikerinnen die so wichtige Versorgung der Alten und Kranken lenken und leiten sollten und bestimmte, daß Pflegekraft* nur werden darf, wer auch studieren kann und will.

Der Zwerg Ricola wurde vom Volk dazu verbannt, von nun an kleine Kohleklötzchen im Bergwerk zu meißeln.

Ende der Geschichte.



Ich möchte mich hier in diesem Thread darüber unterhalten,

- warum so etwas geht, daß eine Bevölkerung in der Mitte Europas - die reichste - die am schlechtest ausgebildeten und befähigten Pflegenden haben will,
- warum sie sich wünscht, von Billig- und Mindestlohnarbeitern versorgt zu werden, und
- weshalb sie internationalen Konzernen gestattet, Immobilien- und Fondsgeschäfte mit Seniorenpflege zu machen.

Alle diese Dinge kommen für mich in einer globalisierten Pflegemarktlage als Ursachen für die Ausbeutung von Arbeiterschaft in Frage. (Und Pflegende sollen ja in Deutschland Arbeiter sein und bleiben.)


Ich freue mich auf fruchtbare Beiträge, sie müssen nicht in Märchenform sein.

lg, Klartext

*Wenn ich von Pflegekraft schreibe meine ich die Fachkraft.
 
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Qualifikation
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Fachgebiet
Pflege
Veganpeppie

Veganpeppie

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Hallo Klartext,

das liegt offenbar an der Haltung eines großen Anteils der Bevölkerung, die aus meiner Sicht fragwürdige, nicht nachvollziehbare Prioritäten setzt. Den Leuten meiner Generation (Babyboomer) ist i.d.R. das eigene Auto wichtiger und v.a. teurer als die eigene Gesundheit. Für die Karre werden hohe Summen ausgegeben (Anschaffung, Reparaturen, "Verschönerungen"), die Gesundheit sollte aber nix kosten. Man ist ja schließlich krankenversichert und das muss genügen.

Diese Haltung beobachte ich auch in anderen Bereichen. Nahrungsmittel dürfen nichts kosten, aber mehrfach pro Jahr in Urlaub, und das noch weit weit weg, das muss schon sein. Sprich: Jeder regt sich über Massentierhaltung auf, aber billiges Fleisch kaufen wollen die Leute dann doch. Die Discounter setzen gut um mit Billigfleisch aus Massenhaltung und Akkordschlachtung. Ein Essen im Restaurant ist für viele dann besonders gut, wenn nach dem Besuch dort der Bauch spannt - aber Geschmack? Zweitrangig.

Klar sind diese Aussagen verallgemeinernd und plakativ und sicher treffen sie auch nicht auf die gesamte Bevölkerung zu. Ich erlebe/höre sie aber immer wieder.

Hinzu kommt IMO auch der Stellenwert der Pflege innerhalb der Bevölkerung. Das Bild der dem Arzt dienenden Krankenschwester prägt für viele doch den Eindruck vom Pflegeberuf. Dass wir eine eigenständige Berufsgruppe im Gesundheitswesen scheint sich ja selbst unter den KollegInnen nur schwer durchzusetzen - ich verweise auf entsprechende Forumsbeiträge zu unterschiedlichsten Themen, bei denen sich mir der Eindruck aufdrängt, dass der Begriff "Patient" in seiner ursprünglichen Bedeutung "Leidender / Erduldender" immer noch in gleicher Weise für uns wie für die von uns Gepflegten Gültigkeit hat. Die längst überfällige Emanzipation der Pflege steht im Land von Mütterrente und Ausländermaut wohl so schnell noch nicht auf der Agenda - auch wenn angesichts des drohenden und schon bestehenden Pflegenotstandes viele Politiker tönen, was sie alles machen wollen. Ich fürchte, hier gilt die alte Politikerweisheit: "Liebe Wählerinnen und Wähler, bitte haben Sie Verständnis dafür, dass wir unsere Wahlversprechen erst nach den Wahlen brechen."

Ob sich daran jemals etwas ändert? Vielleicht, wer weiß. Man soll die Hoffnung ja nicht aufgeben. Aber vielleicht sehe ich das Ganze auch zu negativ. Und auf meiner Insel der Seligen in der Psychiatrie konnte ich ja -entgegen meiner obigen Ausführungen- die meisten meiner Vorstellungen von Pflege am Menschen umsetzen. Gut, über Bezahlung müssen wir nicht reden. Wir sind ja schließlich weder Neymar noch Ronaldo oder wer auch immer, noch nicht einmal Schweinsteiger. Wir sind ja nur Pflegende. Und damit "ärztliche Erfüllungsgehilfen". Irgendwie komme ich immer wieder zum Ausgangspunkt meines Exkurses. und weil "Bis repetita (non) placent." (Wiederholungen gefallen nicht) höre ich jetzt auch auf. Ich bin auf weitere Beiträge gespannt...
 
Qualifikation
Krankenpfleger für Psychiatrie
S

smaluhn

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02.11.2007
31535
Warum sieht man das alles so Negativ? Wenn man im Pflegeberuf gelernt hat, hat man auf jeden Fall die Gewissheit, immer eine Arbeit zu bekommen, das ist schon mal sehr gut. Dann hat man doch genug Zeit und auch die Möglichkeit sich ein Zweites Standbein aufzubauen, weiterzulernen, oder es in der Selbständigkeit zu versuchen. Wer bleibt schon in seinem ursprünglichen beruf, das gab es selsbt bei mir vor 40 jahren nicht. Wenn man jung ist will man doch vieles ausprobieren und zieht vielleicht auch ein wenig durch Deutschland und nimmt neue Jobs an die immer mehr Geld einbringen.
Außerdem ist das Ausbildungsniveau wohl soweit unten , das man die Ausbildung, im Gegensatz zu anderen Berufen, wohl gut schaffen kann. Seit ich erfahren habe das man in der Berufsschule 2x sitzen bleiben kann, also insgesamt statt 3 jahren 5 Jahre lernen kann bin ich stark verwundert. Das müsste dann ja jeder schaffebn der lesen und schreiben kann. Zu meiner zeit wurde man sofort entlassen wenn man es nicht schaffte , da gab es keine 2. chance , sondern nur Lehrberufswechsel nach unten.
 
Qualifikation
Pfleger/Suchtkrankenberater/Pflegehelfer/Betreuungsassistent/RA/HP
Fachgebiet
Hannover
Pflegeboard.de

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05.07.2001
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