den Tod ernst nehmen

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haus maranatha

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Nur, wer das Leben ernst nimmt, kann auch den Tod ernst nehmen


Hallo allen Pflegenden und Gepflegten oder Angehörigen, die sich akut mit dem Sterben auseinandersetzen müssen. Aber auch jenen die derzeit noch nicht ans Sterben denken, es vielleicht weit von sich schieben.

Heute nun die versprochene Fortsetzung der Thematik „Ethik im Zusammenhang mit Sterbehilfe“.

Aus vielen Berichten ist bekannt dass Menschen, die dem Tod „noch einmal von der Schippe gesprungen“ sind, in diesen vermeintlich letzten Sekunden ihr Leben wie in „time-laps-lotion-pictures“ an sich vorüber ziehen sehen. Wenn dies bei jenen so ist, die gerade noch einmal davon gekommen sind, liegt es nahe, dies auch bei denen zu vermuten, deren letzte Stunde wirklich gekommen ist.

Aus diesen Berichten wissen wir auch, dass jene sich in diesen Sekunden sehr wohl bewusst sind, was in ihrem Leben falsch gelaufen ist selbst dann, wenn man aus ihren vorherigen Reden und Handlungen den Eindruck hatte, dass sie sich über alle Konventionen hinweg gesetzt haben und eine Umkehrung der Werte des Lebens als solche gar nicht mehr empfunden wird. In diesen Augenblicken ist alles anders.

Wäre es auf dem Hintergrund dieses Wissens nicht angezeigt, sich schon heute die Frage zu stellen: „Was habe ich in meinem Leben wirklich erreicht?“ Damit meine ich: „Wie viel habe ich in bezug auf Leben und Tod wirklich verstanden?“ Aus alter Zeit wurde uns bereits gesagt: „Lehre uns bedenken, dass wir sterben müssen, damit wir klug werden.“

Auch in den Studien und Auswertungen von Nahtod-Erlebnissen, wie sie bei Kenneth Ring und anderen beschrieben werden wird dieser „panoramische Lebensrückblick“ genannt. Dort wird berichtet, dass manche nicht nur jede Einzelheit in unwahrscheinlicher Brillianz und Genauigkeit noch einmal durchleben, sondern auch die Auswirkungen, die ihr Handeln auf andere gehabt hatte und Emotionen, die sie empfanden und die ihre Handlungen ausgelöst hatten. In diesen Augenblicken wird nichts mehr beschönigt, nichts mehr entschuldigt. Vielmehr heißt es jetzt: Hätte ich doch anders gehandelt, könnte ich es doch rückgängig machen. Erklärt dies nicht so manchen Kampf auf dem Sterbebett?

Wenn uns diese Vorgänge im Angesicht des Todes bei dem Sterbenden durch solche Berichte bekannt sind, fällt es uns da nicht leichter, das Auflehnen, das Aufbäumen, die Abwehr des Todes zu verstehen, wenn diese nicht alles in ihrem Leben bereinigt haben? Fällt es uns da nicht leicht zu begreifen, wie jemand in tiefem Frieden und Dankbarkeit Abschied nimmt, der seinen Frieden mit Gott und den Menschen gemacht hat?

Ein Mann berichtete Kenneth Ring:

Ich erkannte, dass es Dinge gibt, die zu lernen und zu erkennen jeder Mensch auf die Erde gesandt wird, z. B. mehr Liebe mitzuteilen, liebevoller miteinander umzugehen. Zu entdecken, dass das Wichtigste menschliche Beziehungen und Liebe sind und nicht materielle Güter. Und zu erkennen, dass alles, was man in seinem Leben tut, gespeichert bleibt. Auch wenn man etwas unbewusst tut und es unerkannt vorbeigehen sollte, so kommt es irgendwann doch wieder zum Vorschein. (Kenneth Ring, Heading Towards Omega: In Search of the Meaning of the Near-Death Experience, New York 1985, S. 69)

Manchmal findet dieser Lebensrückblick angesichts einer strahlenden Präsenz, eines “Wesens aus Licht” statt. Was bei den verschiedenen Zeugnissen von Begegnungen mit diesem „Wesen“ auffällt, ist die Tatsache, dass es die einzig wesentlichen Aufgaben im Leben enthüllt, nämlich „andere lieben zu lernen und Wissen zu erlangen“. Ein anderer wurde gefragt, was er getan hätte, um der menschlichen Gemeinschaft zu nutzen oder ihren Fortschritt zu fördern.

Selbst in Schlagern kann man diese Frage nach der Wertigkeit, dem Sinn des Lebens finden, wie z. B. „Wie war dein Leben, wirst du gefragt. Hast du genommen oder gegeben? Hast du gewonnen, oder alles vertan? Wie war dein Leben.“ Diese Frage steht am Ende eines jeden Lebens, wenn der Tod nach dir greift. Viele sind sich in dieser Phase bewusst, wo sie versagt haben. Spätestens jetzt sind sie sich bewusst, das alles, was sie im Leben getan haben, sie zu dem formte, was sie jetzt sind, da es ans Sterben geht. Und hier zählt alles, aber auch wirklich alles.

Jetzt, wo alles ringsum still wird, lässt sich die leise Stimme des Gewissens nicht mehr abschütteln. Die einen zergehen jetzt in Selbstvorwürfen, die anderen suchen die Umstände oder Mitmenschen für ihr Scheitern verantwortlich zu machen. Wieder andere suchen verzweifelt alles wieder gut zu machen, sich zu entschuldigen.

Doch wer die oben beschriebenen Hintergründe und Zusammenhänge nicht kennt meint oft, der Sterbende sei in seiner Wut über seine jetzige Hilflosigkeit nur wehleidig, in seine Anschuldigungen und Vorwürfen ungerecht, undankbar für die erwiesene Fürsorge. Sowohl Angehörige als auch Pflegende machen sich oft nicht die Gedanken, dass diese Äußerungen aus der inneren Verzweiflung erwachsen. Wir sind es nicht mehr gewohnt, Leid zu ertragen. So geraten wir dann selbst aus dem Häuschen, wenn wir so direkt damit konfrontiert werden.

Liegt nicht einer der wesentlichen Gründe, warum wir Angst haben, uns dem Tod zu stellen darin, dass wir die Wahrheit der Vergänglichkeit nicht akzeptieren wollen? In der Bibel wird bereits auf den ersten Seiten dem Menschen mitgeteilt dass, wenn er Gott aus seinem Leben ausklammert, er dem Verfall unterworfen ist. Es heißt dort: „...dann wirst du sterbend sterben.“ Diese Wahrheit verdrängen wir bis zum letzten Augenblick – wenn wir ehrlich sind, selbst die am Sterbebett Stehenden. Wir wünschen verzweifelt, alles möge so weitergehen wie bisher selbst dann, wenn uns klar ist, dass keine Hoffnung mehr besteht.

Es ist uns egal, wie oft sich die Wahrheit einmischt, mit verzweifeltem Mut ziehen wir es vor, unsere Illusionen aufrecht zu erhalten.

Jetzt wird uns verständlich, warum der Atheist und Evolutionist mit allen Mitteln versucht, dieses armselige Leben so lange wie möglich zu erhalten. Es werden alle möglichen Apparate eingesetzt, um die Funktion des Organismus zu erhalten selbst dann, wenn das den Menschen ausmachende Bewusstsein, die Denkfähigkeit bereits verloren sind.

Lassen sich darum Menschen einfrieren für eine spätere Zeit? Ist dies auch ein Grund für die hektische Entschlüsselung der Gene? Auch Atheisten brauchen eine Hoffnung – oder ist es eine Illusion – um mit dem Leben jetzt und hier umgehen zu können, selbst wenn sie trügerisch ist. Interessant ist, dass in den Nahtod-Erlebnissen sowohl Gottgläubige als auch Atheisten mit den gleichen Fragen konfrontiert werden: „Wie war dein Leben...?“ In diesem Augenblick gibt es keine unterschiedlichen Wahrheiten mehr, es wird Rechenschaft abgelegt über Gut und Böse, richtig oder falsch. Jetzt weiß auf einmal jeder ganz genau, was richtig in seinem Leben gewesen wäre.

Christen schöpfen ihre Hoffnung aus dem Geschenk der Wiedergutmachung durch das stellvertretende Opfer des Gottessohnes Jesus Christus, der den Preis für die Trennung des Menschen von Gott durch seinen Tod bezahlt hat. Dieser hat ihnen zugesagt, dass sie so wie er zu neuem Leben – dann aber ohne Ende – aufwachen werden, wenn sie seine Zusagen für sich in Anspruch nehmen und ihm vertrauen. Es wird dort kein Leid, kein Wehklagen und keinen Tod mehr geben. (Die Bibel, Buch der Offenbarung des Johannes)

Die Tatsache, dass selbst die Leugner und Feinde des Christentums aus den geschichtlichen Ereignissen zugeben mussten, dass Jesus von den Toten zurückgekehrt ist, ist für seine Nachfolger ein Grund zu der berechtigten Hoffnung, dass seine Zusagen in Erfüllung gehen werden. Das schließt aber nicht aus, dass auch sie von Zweifeln geplagt werden können und von daher auch im Sterben einen Kampf ausfechten können.

In seinem Brief an die Gemeinde in Thessaloniki schreibt Paulus: „Wir wollen euch aber nicht im ungewissen lassen über jene, die im Glauben an Jesus gestorben sind. So, wie Jesus auferstanden ist, werden auch sie auferstehen und mit den Lebenden in das Reich Gottes aufgenommen werden. Darum tröstet euch mit dieser Botschaft.

Buddhisten und Hinduisten schöpfen ihre Hoffnung auf eine Wiedergeburt in einer anderen Lebensform. Sie glauben, dass es die Möglichkeit gibt, unrechtes Handeln und Denken in anderen Lebensformen abzulegen. So ergibt sich ein ständiger Kreislauf von Werden und Vergehen.

Eine Geschichte mag dies verdeutlichen:

In Tibet lebte eine junge Frau zur Zeit des Buddha. Als ihr einziges Kind ein Jahr alt war, wurde es krank und starb. Von Trauer überwältigt, den kleinen Körper fest umklammernd, irrte sie durch die Straßen und flehte jeden um eine Medizin an, die ihrem Kind das Leben hätte wiedergeben können. Einige ignorierten sie, andere lachten sie aus, wieder andere hielten sie für verrückt. Schließlich traf sie einen weisen, alten Mann, der ihr sagte, dass der einzige Mensch auf der Welt, der ein solches Wunder vollbringen könne, der Buddha sei. Sie ging zu ihm. Er hörte sich ihre Geschichte an und sagte zu ihr: „Es gibt nur ein Mittel gegen dein Leid: Geh hinunter in die Stadt und bring mir ein Senfkorn aus einem Haus, in dem es niemals einen Todesfall gegeben hat!“

Sie fand keines. Sie trug den Körper ihres Kindes zum Friedhof und begrub ihn. Bei ihrer Rückkehr zum Buddha fragte sie dieser: „Hast du die Senfsamen?“ „Nein“, antwortete sie. „Ich fange an zu begreifen, dass die Trauer mich geblendet hat und mich glauben ließ, nur ich allein hätte unter dem Zugriff des Todes zu leiden.“ Der Buddha sagt zu ihr: “Der Tod deines Kindes hat dir geholfen zu verstehen, dass der Bereich, in dem wir leben, ein Ozean von unerträglichem Leiden ist. Es gibt nur einen Weg, der aus dem unendlichen Kreislauf von Tod und Geburt, dem Ozean unerträglichen Leidens hinaus führt – den Pfad der Befreiung.“ (Sogyal Rinpoche, The Tibetan Book of Living and Dying, S. 46)

Zu einem späteren Zeitpunkt mehr.

Gruß

Johannes Paetzold
 
Qualifikation
Altenpfleger
Fachgebiet
Leitung
C

Christian

Hallo Johannes,

ich hab Deinen Beitrag jetzt mit Muse und einigem Unverständnis gelesen - wobei ich versucht habe nicht voreingenommen zu sein.

Ich muß dazu vorrausschicken, daß ich an eine Existenz eines wie auch immer gearteten Gottes nicht glaube, ebenso halte ich die Bibel für ein lesenswertes Buch - aber eben lediglich für eine Erzählung, nicht für eine nur etwas ungenau geratene religiöse oder historische Dokumentation.

Das mag in deinen Augen einer Gotteslästerung sehr nahe kommen. Und wenn ich von Deinem Blickwinkel als gläubiger Christ ausgehe, müßte ich Dir darin sehr wahrscheinlich sogar zustimmen - auch wenn ich damit keinen Affront auslösen möchte.

In Deinem Beitrag schreibst Du an vielen Stellen von Dingen, die Tatsachen darstellen sollen.
Wenn dies bei jenen so ist, die gerade noch einmal davon gekommen sind, liegt es nahe, dies auch bei denen zu vermuten, deren letzte Stunde wirklich gekommen ist.
Das trifft einfach nicht zu.
Du hast recht, daß es diese Nahtod-Erfahrungen gibt. Allerdings werden diese lediglich vereinzelt beschrieben. Eine Regelmäßigkeit findet sich darin nicht, von daher frage ich mich wie Du zu der Schlußfolgerung gelangst, es würde allen Menschen so ergehen.
Die Berichte über Nahtod-Erlebnisse sind natürlich immer wieder spektakulär - aber sind sie deshalb auch überall oder auch nur weitgehend vorhanden ? Betrifft das mehr den europäischen Raum oder ist das in beispielsweise asiatischen Ländern nicht nahazu unbekannt?

Aus diesen Berichten wissen wir auch, dass jene sich in diesen Sekunden sehr wohl bewusst sind, was in ihrem Leben falsch gelaufen ist selbst dann, wenn man aus ihren vorherigen Reden und Handlungen den Eindruck hatte, dass sie sich über alle Konventionen hinweg gesetzt haben und eine Umkehrung der Werte des Lebens als solche gar nicht mehr empfunden wird. In diesen Augenblicken ist alles anders.
Auch das kann ich nicht glauben. Die Nahtod-Berichte, die ich kenne sprechen zwar alle von filmartigen Sequenzen des eigenen Lebens - aber in keiner wird von einer eingebungsartigen Klarstellung gesprochen, was in deren Leben falsch und was richtig war. Mich würde Deine Quelle interessieren.

Wenn uns diese Vorgänge im Angesicht des Todes bei dem Sterbenden durch solche Berichte bekannt sind, fällt es uns da nicht leichter, das Auflehnen, das Aufbäumen, die Abwehr des Todes zu verstehen, wenn diese nicht alles in ihrem Leben bereinigt haben? Fällt es uns da nicht leicht zu begreifen, wie jemand in tiefem Frieden und Dankbarkeit Abschied nimmt, der seinen Frieden mit Gott und den Menschen gemacht hat?
Um ehrlich zu sein - mir nicht. Ich mag mir nicht anmaßen die Gedanken und Gefühle eines Menschen in solch einer Situation zu deuten.
Ich stimme Dir aber zu, daß es wohl allen Sterbenden leichter fällt, wenn sie ihre "Dinge" noch erledigen, abschließen oder bereinigen konnten. Das würde ich mir sehr wahrscheinlich auch wünschen. Allerdings kann ich mir dabei niemals sicher sein, ob derjenige es auch möchte oder gerade so erlebt.

Ich habe ein Problem mit Deinem Bericht.
Abgesehen davon, daß ich zwar an eine Kraft glaube die alles und jeden durchdringt und somit alles miteinander in einem Kreislauf verbindet, gehe ich nicht davon aus, daß es eine üvbermächtige steuernde Kraft gibt, die mein Leben und Schicksal bereist vorgezeichnet hat und mir für mein Leben Regeln auferlegt und mich Wohl oder Wehe aburteilt, wenn ich gegen ebendiese Verstoße.
Und ich denke, der Mensch gibt somit die Verantwortung für sein Leben und die Umstände letztendlich an ein Wesen ab, daß genau diesen Zweck dankbar erfüllt, das Moral- und Verhaltensregeln vorschreibt und somit den Menschen an sich zu einem unfreien Individuum macht.
Führe ich diese Diskussion hier an dieser Stelle weiter wird sie mir a) zu persönlich und b) wird aus der ethischen Fragestellung eine theologische - wenn sie das nicht bereits geworden ist.

Aber bei Interesse können wir uns zu dem Thema gerne per eMail weiter austauschen, Johannes.

Ich merke, daß ich mit der göttlichen herangehensweise deines Beitrages nicht zurecht komme.
Ich hatte mich vor einigen Jahren anders an das Thema Nahtod-Erfahrungen herangearbeitet und möchte den Artikel hier jetzt anhängen. Vielleicht eröffnet er anderen einen besseren - oder leichteren - Zugang.

Zur Klarstellung: nicht in allen Punkten gehe ich mit diesem Artikel konform - aber er bildete für mich eine breite Basis, von der aus ich anfing das Thema zu erkunden.

Leider ist mir der Autor dieses Beitrages nicht bekannt, daher kann ich an dieser Stelle auch kein Copyright einfügen.

Im Übrigen wird hier von einigen lesenwerten Büchern zum Thema gesprochen:
- Erlebnisse jenseits der Schwelle [Werner Zurfluh]
- Außerkörperlich durch die Löcher des Netzes fliegen [Werner Zurfluh]
- Interviews mit Sterbenden [Elisabeth Kübler-Ross]

<BLOCKQUOTE>Zitat:</font><HR>Tabu Tod
Geburt, Tod und Sexualität sind drei zentrale Bereiche unseres Lebens - und alle drei sind in unserer Kultur heikle, tabuisierte Themen. Schon an der Tatsache, dass auf diesen drei Gebieten heute viel Diskussion, Forschung und neues Erleben in Gang kommt, kann man ablesen, dass ein neues Menschenbild am Entstehen ist und welche Züge es annimmt.
Dass gerade diese drei wesentlichen Kraftfelder unseres Lebenslaufes und Schicksals so sehr tabuisiert sind, zeigt wie wir "in unserer Hetzjagd von Fortschritt zu Fortschritt ständige Betäubung suchen, um uns unseres Schicksals nicht bewusst werden zu müssen". Alle kraft- und bedeutungsgeladenen Bereiche unseres Lebens, deren Erleben uns gerade Energie, Glück und Wissen bringen könnte, werden dadurch zu schrecklichen, leidensvollen Bedrohungen. Besonders "der Tod nimmt um so schrecklichere Züge an, um so extravertierter eine Gesellschaft ist, um so mehr der Mensch sich von der inneren Wirklichkeit abwendet" (Gelpke).

Neues Todesbild
Die Pionierin eines neuen Todesbildes, Elisabeth Kübler-Ross, zeigt schon durch engagierte Begleitung Sterbender bis zum letzten Moment, dass sie diese Vermeidung nicht mitmacht. Sie hat die Sicht des Todes als einen Übergang in einen anderen Zustand, als Verwandlung - und nicht als eine endgültige Vernichtung - des Individuums schon unzähligen Menschen wieder denk- und erlernbar gemacht. Mit dem Bild des Schmetterlings für die Existenz des Menschen hat sie ein altes Gleichnis, das z.B. die Sufis gerne verwendeten, wiederbelebt, das seine Gültigkeit auch darin zeigt, dass Kinder es von sich aus benützen. Was wir Leben nennen, ist die Existenz der Raupe, kriechend und erdgebunden. Oder auch der verpuppte Zustand, aus dem sich dann, im Augenblick des Todes, der herrliche Schmetterling löst: unsere Seele, die, losgelöst vom Körper, fliegen kann.
Der Glaube an ein Leben nach dem Tod oder gar an eine Kette von Reinkarnationen ist zwar ein guter bewusstseinserweiternder Schritt gegenüber der trostlosen Vorstellung des danach nichts - aber kann man einfach eine lineare Zeitvorstellung übertragen auf eine Existenzform, die doch ausserhalb der Zeit liegt? Islam und Christentum glauben an ein einziges Leben; Buddhismus und Hinduismus an eine Vielzahl von Wiederverkörperungen: für mich sind diese zwei verschiedenen Auffassungen der Weltreligion gleichsam zwei mögliche und einander ergänzende erzieherische Haltungen. Die strenge betont, dass man seine Chancen wahrnehmen soll, dass es nicht wiederkehrende Gelegenheiten für Entscheidungen gibt, Gelegenheiten, Verantwortung zu übernehmen, zu reifen und Gott und sich selbst näherzukommen - und damit auch endgültig verpasste Chancen; demgegenüber steht die verzeihende und gnädige Haltung, die sagt, dass der Mensch es immer wieder versuchen kann und dass er nicht verurteilt und im Stich gelassen wird, wenn er einmal versagt. Die eigentliche Realität des Lebens ausserhalb des Lebens können wir vielleicht rational gar nicht verstehen, intuitiv aber erfühlen, wenn wir zugestehen, dass beides, ein Leben und viele Leben, einander ergänzende Aspekte einer Wahrheit sind, die wir noch nicht erfassen können.

Todesnahe Erlebnisse
Aufschlussreiche und bedeutsame Ahnungen dieser Wahrheit erbrachte die Erforschung von Erlebnissen von Menschen, die bei Unfällen oder Operationen dem Tod sehr nahe gewesen waren, aber ins Leben zurückgekehrt sind und über diese Near-Death-Experiences berichten konnten. Die erste ernsthafte Studie über solche todesnahen Erlebnisse stammt übrigens vom Schweizer Geologen und Alpinisten Albert Heim, der sie 1892 verfasste, angeregt durch einen fast tödlichen Absturz beim Bergsteigen, bei dem er ein mystisches Erlebnis hatte. Diese Berichte haben alle ein übereinstimmendes Muster: der Beinah-Tote verlässt und sieht seinen eigenen Körper daliegen, erlebt ein überirdisches helles Licht und die Empfindung von Ganzheit und Vollkommenheit, hat oft Begegnungen mit verstorbenen Freunden und Angehörigen und mit strahlenden Lichtwesen, sieht mit grosser Klarheit und Detailliertheit in Sekundenschnelle sein ganzes Leben an sich vorüberziehen und kehrt schliesslich, oft sehr ungern, wieder in seinen Körper zurück.
Der amerikanische Psychologe Kenneth Ring berichtet sogar, dass neben einer Lebens-Rückschau eine Reihe von Menschen auch Zukunfts-Schauen ihres eigenen Lebens oder von Ereignissen auf der Erde hatten, die sich oft schon nach kurzer Zeit erfüllten. Diese prophetischen Visionen weisen ebenfalls eine grosse Klarheit bis in alle Einzelheiten auf und werden eher wie Erinnerungen, jedenfalls mit einem Gefühl höchster Gewissheit und Authentizität erlebt.

Die Kunst des Sterbens
Von praktisch allen Kulturen, auch aus dem europäischen Mittelalter, kennt man Totenbücher, die Anweisungen enthalten, wie der Sterbende sich im Übergangszustand zwischen Leben und endgültigem Verlassen des Körpers und darüber hinaus verhalten soll: Bücher über die Kunst des Sterbens (Ars Moriendi), deren heutiges Fehlen (wie das vieler anderer zentraler Künste) unserer Kultur ein Armutszeugnis ausstellt.
Diese Texte, wie z.B. das Tibetanische Totenbuch, hatten aber immer auch eine grosse Bedeutung über die Anwendung beim eigentlichen Sterben hinaus: sie waren auch Anleitungen für Meditation und Initiations-Prozesse, die innerlich eng mit dem Sterben verwandt sind. Sie vermitteln kein intellektuelles Wissen, sondern sind Handbücher, die erst durch bestimmte Erfahrungen ihren Sinn bekommen.
Die Begegnung mit dem Tode schon im Leben zu trainieren, ist der Kern vieler spiritueller Praktiken wie des Schamanismus, der "Rites of Passage" und Mysterienkulte; sie vermittelt die Erfahrung des Wesens unserer Existenz und der transzendenten Natur unseres Bewusstseins.
"Hinab und Hinein in dein eigenes Inneres musst du steigen; denn dort ist der Garten, der wahre, wirkliche, von dem die Welt nur Abbild und Abglanz ist... Ihr aber rennt euch selber davon; und wenn ihr erwacht, ist es zu spät, und bleibt ihr allein und verzweifelt. Glaub mir, nur der findet Seligkeit, der vor dem Sterben schon stirbt" (Dschelaleddin Rumi).

Der Bruder des Todes
Vor einiger Zeit ist nun ein Buch von Werner Zurfluh, Quellen der Nacht, erschienen, das die langjährigen Erfahrungen des Autors mit einem solchen für uns gangbaren Trainingsweg schildert.
Es sind, gerade in letzter Zeit, schon viele Bücher über Traumforschung, Astralreisen, Schamanistische Reisen und todesnahe Erfahrungen geschrieben worden. Noch nie hat mir ein Text über diese Dinge aber wirklich deren Bedeutsamkeit für meinen eigenen Weg so plausibel machen und zugleich ihre Praktikabilität erweisen können. Mehr als schöne, exotische, aber nicht zugängliche Erlebnisse konnten die beschriebenen Dinge nicht sein. Zurfluh hingegen machte mich schon mit seinem Aufsatz Ausserkörperlich durch die Löcher des Netzes fliegen hellwach, in dem er sich erkenntnistheoretisch mit der Ausserkörperlichkeit auseinandersetzt. Plötzlich wurde ein Thema "Astralreisen", das mich nie angesprochen hatte, zum Schlüssel für vieles, was mich schon lange beschäftigte, und eine Ahnung von der inneren Verwandtschaft von Traum, Tod und Exstase begann in mir aufzuleuchten, aufgeschlossen durch Zurfluhs Konzept der "Ausserkörperlichkeit".

Zurfluhs Weg geht über den "kleinen Bruder des Todes", den Schlaf.
Im Cartesianisch-Newtonschen Weltbild ist Bewusstsein ein Produkt des Gehirns und erlischt deshalb im Moment des Todes. Genau gleich glaubt die materialistische Wissenschaft, dass beim Einschlafen das Bewusstsein erlöschen muss, um sich beim Erwachen wieder einzustellen. Tatsächlich erleben die meisten Menschen in unserer Kultur ja auch nachts höchstens ein paar wirre und nur schwache bewusste Traumfragmente, an die sie sich zudem beim Aufwachen oft nicht mehr erinnern können. Manchmal nur stellt sich ein Traum ein, dessen Geschehnisse so klar und bedeutungsvoll erlebt werden, dass sie noch lange im Bewusstsein nachwirken und bei deren Erleben der Träumer zweifellos sehr bewusst war.

Luzides Träumen: Einstieg in die Ausserkörperlichkeit
Es gibt nun aber auch Träume, die allerdings noch seltener zu sein scheinen, in denen der Träumer während des Traumes weiss, dass er träumt. In einem solchen Iuziden Traum ist es möglich, das Traumgeschehen zu steuern und sich aus dem Körper zu lösen; über ihn führt Zurfluhs Weg in die Ausserkörperlichkeit, in den Zustand, in dem zwar der Körper schläft, aber nicht das Bewusstsein. Dieses ist dabei hellwach, hat alle Fähigkeiten des Denkens und Fühlens, die es auch während des Tages hat, kann sich an dort Erlebtes und Erfahrenes erinnern und hat überdies die Möglichkeit, sich nach Belieben und augenblicklich überallhin in Raum und Zeit zu bewegen. Die besonderen Möglichkeiten des ausserkörperlichen Zustandes bedürfen allerdings einer besonderen Schulung, um überhaupt benützt werden zu können, und auch das Zustandekommen dieses Zustands hängt von bestimmten Voraussetzungen ab, die erst weiter erforscht werden müssen, und die vorerst nicht befürchten lassen, dass bald jedermann auf diese Weise Reisen geht.

Erkenntnistheoretische Schwierigkeiten
Schon die Tatsache, dass das Iuzide Träumen als äusserst selten gilt, zeigt, dass wir erst das alte Paradigma überwinden müssen, welches Luzidität und Ausserkörperlichkeit gar nicht zulässt. Um eine Erfahrung machen zu können, müssen wir uns erst ihre Möglichkeit vorstellen können; sobald wir uns aber dieser Möglichkeit zuwenden, erhöhen wir die Chancen ihres Auftretens.
In seinem oben erwähnten Aufsatz stellt Zurfluh fest, dass Ausserkörperlichkeit erst einmal akzeptiert werden sollte, ohne den Versuch, sie beweisen zu wollen. Solange das alte Paradigma herrscht, muss die subjektive Gewissheit eines Menschen, ausserhalb seines Körpers zu sein, genügen. Wie fruchtlos schliesslich wissenschaftliche Diskussionen innerhalb des alten Paradigmas sein können, zeigen die Dispute in der Ethnologie im Anschluss an Castanedas Veröffentlichungen: Können Hexen nun wirklich fliegen, oder tun sie das nur symbolisch bzw. in der Fantasie?
- Die Ausserkörperlichkeit ist nicht reduzierbar; sie ist existenziell, nicht symbolisch (wie sie auch die Jungsche Psychologie deuten würde). Sie existiert, ist erfahrbar und eröffnet ausserdem Erfahrungsmöglichkeiten, die den Überlieferungen vieler Kulturen nicht unbekannt sind.
Im besten Sinne wissenschaftlich denkend, fordert Zurfluh, dass erst einmal die Bedingungen erforscht werden sollten, die die Ausserkörperlichkeit zu einem für jedermann wiederholbaren Erlebnis machen. Sie sei eine grundlegende menschliche Erfahrungsmöglichkeit, die aber erst durch eine veränderte erkenntnistheoretische Einstellung voll zugänglich werde. Um Tatsachen beobachten zu können, die nicht theoriekonform sind, das bestehende Paradigma überschreiten, sei Transzendenzoffenheit nötig.

Voraussetzungen der Ausserkörperlichkeit
Eine Anerkennung des ausserkörperlichen Zustandes und der dabei erlebten Realität als gleichberechtigte Wirklichkeit, wenn auch anderer Art ist nach Zurfluh auch deshalb entscheidend, weil von ihr die "Kontinuität des Ich-Bewusstseins" in der anderen Realität abhängt, die ja die Voraussetzung für die Beobachtbarkeit der Vorgänge in der Ausserkörperlichkeit ist. Ich- Kontinuität, darauf hat noch keiner der Autoren von Büchern über Astralreisen so deutlich hingewiesen, ist die zentrale Voraussetzung für luzides Träumen und Ausserkörperlichkeit. Daher ist für diese Art Traumarbeit auch die Auseinandersetzung mit dem Alltag wichtig: er muss in Ordnung sein, damit man auf die nächtliche Reise gehen kann. Diese Art Beschäftigung mit der Traumwelt ist keine Flucht vor der Realität. Jede Verdrängung im Alltag führt zu Traumzensur und Traumentstellung und macht luzides Träumen unmöglich. Aber auch die Zielsetzungen unserer heutigen Gesellschaft an sich führen schon zur Traumentstellung. Hier wird die soziale Relevanz des Traums deutlich: wer eine Harmonisierung seines Traumlebens, wer luzides Träumen anstrebt, muss sich auch für entsprechende Veränderungen seiner individuellen Lebensumstände und der ganzen Gesellschaft einsetzen. Traumerfahrung und Alltagserfahrung dürfen nicht getrennt werden.

Auswirkungen auf andere Gebiete
So wie die Theorie der Ausserkörperlichkeit neues Licht auf Traumforschung und Psychologie wirft, so werden auch Gebiete wie Alchemie und Schamanismus eine Neubewertung erfahren müssen. Zurfluh weist darauf hin, dass das Geheimnis der Goldenen Blüte sowie auch all die verschiedenen alchimistischen Gleichnisse und Praktiken die Erfahrung der Ausserkörperlichkeit, die Ablösung des Ichs vom Körper noch vor dem Tod des Leibes zum Ziele haben. Diese Texte sind "Rezepte zur Herstellung eines Zweitkörpers, auf den das Ich-Bewusstsein übertragen werden kann, damit es ausserhalb des Körpers zu agieren vermag".
Auch auf den Schamanismus und die Ekstase sollte die Theorie der Ausserkörperlichkeit angewendet werden - erst dann würden gewisse Aussagen von Ekstatikern eine Bedeutung erhalten. Auch die Ekstase dürfe nicht als Flucht vor der Wirklichkeit betrachtet werden - allerdings sei auch hier die Aufrechterhaltung der Ich-Kontinuität wichtig. - Das scheint mir allerdings nicht bei allen ekstatischen Erfahrungen gegeben zu sein, gibt es doch verschiedene Stufen der Versenkung, die manchmal in eigentliche Bessenheit übergehen kann.
Selbst im europäischen Hexensabbat, zu dem die Hexen durch die Lüfte fliegen, müsste man eine Erzählung derselben Tatsache sehen, verzerrt durch den Umstand, dass wir diese Vorgänge bloss von der Erzählung der Inquisitoren her kennen.
Fahrten durch den Weltraum der Seele - Landung in Stonehenge

Ein Erleuchteter, schreibt Sergius Golowin, sei "eine erwachte Seele, die die Kunst kennt 'im Geist' die ewigen Bilder zu schauen..., in Traumgesichten zu den heiligen Bergen zu wandern, zu den seligen Räumen - und verjüngt und mit neuer Vitalität wieder zurückzukommen". Diesen Hinweis, der den mythischen Jungbrunnen und das Wesen der Erleuchtung mit der Praxis der Ausserkörperlichkeit in Verbindung bringt, hörte er in seiner Jugend von russischen Flüchtlingen in Paris.

Wenn wir nun die Reise "in Traumgesichten" wie Zurfluh als nicht nur symbolische Reise in einer eigenständigen Wirklichkeit anderer Ordnung ansehen und annehmen, dass es solche erwachten Seelen gegeben hat oder noch gibt, die sich in dieser anderen Wirklichkeit bewegen können - wahrscheinlich weit besser, als es Zurfluh bisher geschafft hat - , dann dürfen wir auch an die Möglichkeit einer ausserkörperlichen Raumfahrt zu Planeten und anderen Sternen denken; eine solche Raumfahrt würde ganz ohne unsere fortgeschrittene, auf Raubbau an der Natur gegründete Technologie auskommen und erst noch umfassendere Möglichkeiten als diese haben.

Ian Watson hat sich in seinem SF-Roman Botschafter von den Sternen denn auch eine Zivilisation vorgestellt, die ihre Rohstoffe beinahe ganz in der Entwicklung einer Raumfahrt "in corpore" erschöpfte, bevor sie sich auf die ausserkörperliche Raumfahrt besann...

Etwa zur gleichen Zeit als ich das Buch von Zurfluh in die Hand bekam, hörte ich den Potowatomi- Medizinmann Don Perrote sagen: "Wir, die Erdleute, haben schon die Lage der Sterne gekannt, als es noch keine Teleskope gab, und wir konnten auch schon dorthin gehen und sie besuchen, als ihr noch keine Raketen erfunden hattet...". Er erwähnte dann die Linien (wie in der Ebene von Nazca?), Steinkreise wie Stonehenge und "mounds" - es seien Orientierungszeichen gewesen, die von weit oben erkennbar gewesen seien, damit die Betreffenden wieder am richtigen Ort hätten landen können.
Die Erkenntnis, dass diese Bauwerke astronomisch ausgerichtete Kultstätten gewesen seien, sei nur eine Teilwahrheit.

Dürfen wir annehmen, dass die bekannte Aussage, dass ritual control centers die Funktion von Schnittstellen zwischen Himmel und Erde haben (Michell), auch bedeutet, dass sich in ihnen die Geografie des Traumlandes, der unsichtbaren anderen Welt mit derjenigen unserer irdischen sichtbaren Welt trifft? Sind nicht (zumindest gewisse) geomantische Orte der Kraft auch Knotenpunkte in jenem Netz psychophysischer Energien, die wir im Bereich der Erde "Erdenergien", im menschlichen Körper "Kundalini" nennen und die "in Träumen und Visionen manchmal als leuchtende Ströme von Energien zwischen den Sternen wahrgenommen werden", wie John Michell schreibt - und öffnen demjenigen, der auf rechte Weise ("rite") mit ihnen in Kontakt tritt, den Zutritt zur anderen Welt?

Praxis der Ausserkörperlichkeit
Auch der Zusammenhang mit den megalithischen Bauten und dem dort praktizierten Fruchtbarkeits- und Totenkult führt uns wieder zurück zur inneren Verwandtschaft zwischen Tod, Traum und Exstase sowie der Lebenskraft, die aus dem Jungbrunnen der Quellen der Nacht geschöpft werden kann. Das Buch von Werner Zurfluh zeigt alle die erwähnten Zusammenhänge auf; viel wesentlicher ist aber noch, dass er zur eigenen Erfahrung anregt und ein wahres Handbuch der Ausserkörperlichkeit geschrieben hat, ganz in der Tradition der Totenbücher der verschiedenen alten Kulturen. Dem, der glaubt, noch nie ausserkörperliche Erlebnisse oder luzide Träume erlebt zu haben, kann er zeigen, dass er solche in Wirklichkeit vielleicht doch schon erlebt hat, oder/und dass auch ihm wie jedermann, der sich darum bemüht, diese Erfahrungsmöglichkeit offensteht. Demjenigen, der schon solche Erlebnisse hatte, erweist er vielleicht, wie einer Freundin von mir, eine grosse Hilfe: indem er ihnen die Hand dazu reicht, ihre Erfahrungen als etwas Natürliches anzusehen und ihnen Vergleichsmöglichkeiten und Kriterien gibt, hilft er ihnen, über jene Angst hinwegzukommen, die solche Erlebnisse, innerhalb des alten Paradigmas auslösen können, und den Weg zu weiteren Erfahrungen und innerem Wachstum durch die Erforschung der Ausserkörperlichkeit mit Vertrauen und Kraft gehen zu können. So leistet er bereits ein Stück jener Arbeit, die jeder von uns, der den Weg der Ausserkörperlichkeit gehen will, fortführen muss. Ängste, Vermeidungen, Verdrängungen führen zu Bewusstseinsverlust. Das gilt schon im Alltagsbewusstsein, um so mehr aber in der "nicht-alltäglichen Wirklichkeit" des ausserkörperlichen Zustandes.
Wer kennt nicht jene Traummomente, wo man in einer bedrohlichen Situation der gestellten Aufgabe ausweicht, anstatt die Konfrontation zu suchen und erwacht?

Die herkömmliche Traumpsychologie geht davon, dass Träume autonom ablaufen und nicht zu beeinflussen sind. Aber da sie ja ohnehin ziemlich bedeutungslos sind, oder doch höchstens "nur symbolisch", macht das ja auch nichts. Die Tageswirklichkeit ist wichtig, nicht Traum und Fantasie ... Zurfluhs Haltung, die Traumrealität als ebenbürtige Wirklichkeit zu nehmen, die zudem in engster Wechselwirkung mit der Tagesrealität steht, macht aber die Traumarbeit zu einem wichtigen Bereich der Arbeit an sich selbst, noch wichtiger sogar als in der Freudschen oder auch Jungschen Psychologie. Im Alltag kann man Fähigkeiten üben, die man im Traum anwenden kann - im Traum wiederum beeinflusst man die Ereignisse der Alltagsrealität. Und schliesslich durchdringen sich beide Wirklichkeiten immer mehr, nähren einander, beleuchten einander, die eine erweist sich als der anderen Hintergrund, bis die Erkenntnis in der Mitte steht, dass in beiden dieselben Gesetze gelten, dass das eine wichtig ist: die Wachheit, die Bewusstseinskontinuität.

Manchmal zeigt sich diese andere Wirklichkeit als "zu einem Märchenland gewordene irdische Realität - als wäre dies alles das innere, strahlende Wesen dieser Alltagszonen und dennoch etwas Ganz-Anderes, dessen Schattenseiten ich vorerst noch nicht kenne" (Zurfluh). Sie kann der normalen Realität so weitgehend entsprechen, dass man sich in dieser wähnt - bis auf geringste Details, die nicht "stimmen".
Diese sind aber die entscheidenden Schlüssel für die bewusste Kontrolle, die Mitgestaltung des Traums, für die Schaffung von Gelegenheiten zur Verwandlung und Arbeit an sich selbst. Wachheit ist deshalb immer wieder zu üben. Geringste "Fehler" im Traumverhalten, ja oft nur in der inneren Einstellung können zum Verlust der Ich-Identität, zum Zurückkehren in den Körper, zum "normalen", unbewussten Träumen oder zum vollständigen Erwachen im Bett führen. Die Angst vor Verwandlung, vor Ich-Verlust, die in vielen Märchen so gut dargestellt ist, ist der Grund für Tabu und Vermeidung sowohl vom Tod, Orgasmus und mystischen und ekstatischen Erfahrungen wie auch dieser Möglichkeiten von Traum und Schlaf. "Die gewöhnlichen Wesen identifizieren sich bis zu einem solchen Grad mit den oberflächlichen Bewusstseinszuständen, dass der Übergang zu tieferen Bewusstseinsschichten in ihnen eine panische Angst vor Vernichtung hervorruft" (Hopkins).

Das Schwergewicht in Zurfluhs Buch liegt nun darauf, dass er anhand eigener Träume zeigt, wie eine solche Traumarbeit aussehen kann, mit der man zunächst die Voraussetzungen schaffen muss, dass luzides Träumen und somit Ausserkörperlichkeit überhaupt möglich wird. An Dutzenden von präzis geschilderten Beispielen erläutert er das bewusste Austreten aus dem physischen Körper und schildert in genauen Beobachtungen die Begleitphänomene des Austritts. Die Technik der "Zustands- und Bewusstseinskontrollen" wird beschrieben, die für das Zurechtfinden in der anderen Realität, den Übertritt in diese und die Rückkehr wichtig sind. Aufgrund jahrelang geführter Erlebnisprotokolle lässt Zurfluh den Leser seine eigenen Forschungsreisen, seine Schwierigkeiten und deren Bewältigung nachvollziehen und liefert demjenigen Arbeitsmaterial, der selbst auf Reisen geht. Eine Sammlung von Referenzen, auf die er sich beziehen kann, um seine eigenen Erfahrungen besser zu verstehen durch Vergleich mit Erfahrungen anderer. Durch Zufluhs Führung, die Mitteilung seines eigenen Weges und seiner eigenen Auseinandersetzungen wird viel von den Gesetzen der ausserkörperlichen Erfahrungswelt deutlich. Er versucht aber auch nicht darüber hinwegzutäuschen, dass auch er mit seiner doch schon reichen Erfahrung diese Welt und ihre Möglichkeiten, ihre Gesetze und ihr Wesen erst angetippt, erst in Umrissen sichtbar gemacht hat.
Zurfluhs Werk finde ich nicht zuletzt deshalb wichtig, weil er ein bedeutendes Forschungsfeld, eine Disziplin, die im tibetischen Buddhismus zum Höchsten Yoga-Tantra gerechnet wird (Hopkins), uns westlichen Menschen wieder eröffnet und plausibel macht, und dies auf eine kritische, wissenschaftlich vertretbare, nicht elitäre und in gesellschaftlichem Bezug stehende Art, die zu überzeugen vermag.<HR></BLOCKQUOTE>

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[Dieser Beitrag wurde von Christian am 30. Oktober 2000 editiert.]
 
H

haus maranatha

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Themenstarter/in
Hallo Christian,

endlich bin ich so weit mit meiner Antwort, auch wenn sie etwas länger ausgefallen ist. Mir ist die Thematik aber wichtig. Wenn Du willst, können wir uns gern weiter darüber austauschen.

Hallo Christian,

aus Deinen Ausführungen entnehme ich, dass ich die Thematik doch noch zu kurz aufgegriffen habe. Ich übersah, dass eine Reihe mir mittlerweile selbstverständliche Überlegungen längst nicht mehr für jeden selbstverständlich sind. Auch bin ich der Auffassung, dass eine ernsthafte Diskussion kein Affront sein kann, selbst wenn von unterschiedlichen Voraussetzungen aus an ein Thema herangegangen wird. Im Gegenteil, erst wenn unterschiedliche Auffassungen aufeinander stoßen besteht meines Erachtens die Möglichkeit, die eigene Position zu hinterfragen. Da schließe ich mich gewiß nicht aus.

Wenn Du sagst, dass Du nicht an die Existenz eines Gottes glaubst, gehst Du von einer Weltanschauung aus, in der Du nicht allein stehst. Leider habe ich all zu oft festgestellt, dass die Gottesleugner für sich das Recht in Anspruch nehmen, ihre Meinung als einzige Wahrheit zu postulieren und diese niemals zu hinterfragen. Dieses Recht jedoch ihrem Meinungsgegner nicht zugestehen. Ich habe für mich gelernt, jede Meinung ernst zu nehmen. Dabei wurde es zu meiner Gewohnheit alles, was mir zur Kenntnis kommt, zu hinterfragen und zu überprüfen. Vieles, was auf den ersten Blick schlüssig erscheint, kann einer genaueren Nachprüfung oft nicht standhalten.

Auch kommt es häufig vor, dass tiefergehende Überlegungen zurückgewiesen oder einfach nur ausgeblendet werden. Vielleicht steht dahinter ja das gleiche Unbehagen, das viele Menschen überkommt, wenn man über das Sterben und den Tod redet. Vielleicht ist es auch Angst, seinem Leben eine neue Richtung geben zu müssen. Vielleicht will man wie bei den ersten Menschen auch nur nicht zugeben, dass es eine übergeordnete Größe gibt, von der eine wie auch immer geartete Abhängigkeit besteht. Die vielleicht doch einmal Rechenschaft fordert. Es kann auch die Furcht dahinter stehen, die augenblickliche vermeintliche Freiheit zu verlieren.

Gott in Frage zu stellen ist keine Errungenschaft der Neuzeit. Ein Pharao im alten Ägypten hat dies auch getan und ging unter. Das Volk der Philister hat mit Goliath gehöhnt, Gott sei eine Einbildung der Israeliten. Goliath wurde von einem Hirtenjungen gefällt. Nebukadnezar, Herrscher des neubabylonischen Reiches musste seine überhebliche Haltung gegen Gott mit einer Zeit des Wahnsinns bezahlen. Sein Nachfahre Beltsazer verlor durch seine Anmaßung sein Reich und sein Leben. Die Assyrer mussten sich in einem ungleichen Krieg gegen das kleine Israel geschlagen geben, weil auf für Menschen unerklärliche Weise rund 125 000 Soldaten in einer Nacht ihr Leben verloren. Und die Reihe ließe sich beliebig fortsetzen. Wer Aufstieg und Niedergang der antiken Reiche mit den Aussagen der Bibel abgleicht erlebt eine verblüffende Übereinstimmung.

Daß Du meinen Beitrag „mit einigem Unverständnis“ gelesen hast, kann ich gut nachvollziehen. Verzeih, wenn ich aus diesem Grunde etwas tiefer greifen muß. Viele Menschen können mit dem Inhalt der Bibel nur sehr wenig oder gar nichts anfangen, da sie weder ihre eigene noch die Aussagen der Bibel sachlich hinterfragen und das oft auch gar nicht wollen. Die Bibel ist weder ein Geschichtsbuch noch eine Erzählung noch ein Märchenbuch.

Sie berichtet über die Beziehung des Menschen zu Gott und zueinander. Sie gibt eine Antwort auf die zu allen Zeiten von vielen Menschen gestellten Fragen nach dem Woher, Wozu, Wohin. Dabei zeigt sie die Auswirkungen eines Lebens mit Gott und ohne Gott auf. Dies wird sowohl an einzelnen Schicksalen, als auch an ganzen Völkern aufgezeigt.

Der Gott der Bibel präsentiert sich als der Schöpfer und Erhalter der Welt. Womit er unter anderem den Ursprung des Menschen erklärt – als sein Geschöpf. Wer die Bibel aufmerksam liest erfährt, woher nach Aussage Gottes der Tod kommt. Bereits auf den ersten Seiten teilt Gott dem Menschen mit, dass der Fortbestand seines Lebens davon abhängt, dass er die Beziehung zu Gott nicht abbricht. So, wie kein Lebewesen ohne Luft zum atmen leben kann, fehlt ihm die Grundlage zum ewigen (immerwährenden) Leben ohne Gott, der das Leben ist.

Die Bibel offenbart uns aber auch die ganz persönliche Seite Gottes. Er steht von seiner Seite aus in einem Liebesverhältnis zum Menschen. Immer wieder wird von der Vaterrolle gesprochen. Sowohl in den Schriften des alten Bundes, als auch in den Schriften des neuen Bundes. Die größte Offenbarung seiner Liebe war jedoch die Menschwerdung Jesu. Selbstverständlich steht es jedem frei, dies alles zu leugnen. Das kann aber nichts daran ändern, dass es so ist. Die Leugnung beweist auch nicht das Gegenteil. Meine Lebensauffassung ist die, dass zuerst der Beweis erbracht werden muß, dass jemand die Unwahrheit sagt, bevor man in dessen bezichtigt. Und diesen Beweis sind die Gottesleugner bis heute schuldig geblieben.
In der Bibel wird uns mitgeteilt, wo die Grundlagen der Ethik ihren Ursprung haben. Ist es nicht interessant, dass jeder Mensch vom Prinzip her nach derselben Rechtsordnung lebt? Sicher, das alte Israel hat sie in schriftlicher Form erhalten. Aber auch die anderen Völker haben so etwas wie eine innere Grundordnung, die sie wissen lässt, was recht und unrecht ist, wenn auch nicht so eindeutig. Und diese Rechtsordnung deckt sich in ihren Grundzügen mit der in der Bibel ausformulierten.

Selbst ein Menschenfresser weiß z. B., dass töten Unrecht ist. Für ihn zwar nur dann, wenn es um einen Stammesangehörigen geht, aber das Grundwissen ist vorhanden. In Hamburg gab es einen Bankräuber, der der Auffassung war, dass er nichts Unrechtes tut, wenn er den Banken das Geld wegnimmt. Es sei sein Beruf. Dies änderte sich erst, als man ihn bestahl. So einfach kann das sein.

Wir wollen über das Sterben diskutieren? Dann soll doch zuerst einmal von den Gottesleugnern eine schlüssige Erklärung über den Tod abgegeben werden. Die Bibel gibt sie. Auf einen natürlichen Vorgang zu verweisen ist entschieden zu wenig. Es müsste erklärt werden, wer kompetent ist, diese Entscheidung zu treffen, dass es ein natürlicher Vorgang ist. Wer von uns ist vollkommen genug, dieses Recht für sich in Anspruch zu nehmen?

Interessant ist, dass Gottesleugner so manchen Satz anfangen mit: „Sollte es einen Gott geben ...“ Mal geht es darum, dann anderen dessen Gericht zu wünschen, mal darum, Gott zur Rechenschaft ziehen zu wollen. Aber von der eigenen Verantwortung ihm gegenüber wollen sie nichts wissen. Mir kommt das so vor, als wollte man einem Kind weiß machen, es hätte keinen Vater. Obwohl es beobachten kann, dass jeder einen Vater hat. Wenn dieser nicht anwesend oder bekannt ist, weil die Mutter ihn verleugnet, er bereits gestorben ist – allein schon die Fragen der anderen Kinder machen deutlich, dass es normal, natürlich ist, einen Vater zu haben. Und irgendwann werden die Fragen nach dem Vater drängend.

Gott teilt uns mit, dass der Tod seine Ursache in der Entscheidung des Menschen fand, alles für sich allein haben zu wollen. Nicht teilen zu wollen. Er sagte: „In dem Augenblick, da du mich aus deinem Leben ausschließt, wirst du „sterbend sterben“.“ Das heißt soviel wie: Du wirst mehr und mehr verfallen, bis du nicht mehr existierst. Du wirst wie einer sein, der keinen Vater – keine Herkunft hat. Derzeit ist mir noch keine andere ernst zu nehmende Vorstellung bekannt, die eine schlüssigere Erklärung für das Sterben und den Tod anzubieten hat. Der Verweis auf einen jahrmillionenlangen Entwicklungsprozess ist mir zu billig. Er zeugt eigentlich von Unwissen und Hilflosigkeit, da kein Nachweis hierfür erbracht werden kann. Was wissen wir denn wirklich?

Gott fragte bereits vor mehr als 2500 Jahren die Menschen, wo sie denn waren, als er die Welt geschaffen hat. Als er sie gemacht hat. Auch heute noch gibt es Menschen die der Auffassung sind, alles erklären zu können. Wenn heute ein Mensch behaupten würde, er habe keinen Vater, würde er wohl kaum ernst genommen werden. Der Mensch ist ein Beziehungswesen. Und so ist er ständig auf der Suche nach seiner eigenen Identität. Bei den materiellen Dingen mag das ja noch vordergründig möglich sein, einen Gott in Frage zu stellen, solange die Antworten nicht hinterfragt werden. Aber kommen wir in die immaterielle Welt, wie sieht es da aus? Woher kommen Liebe und Haß? Woher kommt Hilfsbereitschaft und Gleichgültigkeit? Diese Antworten bekam ich bisher nur aus der Bibel. Und Du? Woher nimmst Du diese Antworten?

Fast alle Menschen stellen die Fragen nach dem Sinn des Lebens. Manche suchen nach einer Antwort, manche stellen diese Frage nur rhetorisch und wollen keine Antwort. Manche haben diese Frage verdrängt, bis der Tod an ihre Tür klopft. Sie maßen sich aber an, diese Frage beantworten zu können. Auch bei dem Thema des Sterbens ist dieses Verhalten zu beobachten. Auf einmal greift man unbewusst nach den Antworten der Religion. Ist es deshalb, weil keine Antworten aus dem eigenen Weltbild zur Verfügung stehen? Philosophie ist genauso wenig wissenschaftlich, wie Glauben. Während philosophische Überlegungen allenfalls Überlegungen sind, lässt sich das Ergebnis von Vertrauen in Gott (Glaube ist Vertrauen) erfahren.

Welcher Evolutionist hat je gesagt: „Probier es aus und laß Dich durch Deine eigenen Erfahrungen überzeugen?“ „Ich habe Dich immer schon geliebt, darum habe ich Dich zu mir gezogen aus lauter Güte.“ Gott kann das sagen. Er fordert uns sogar auf, seine Aussagen, seine Liebe zu überprüfen. Er stellt sich unserer Ratio. Er braucht sich eben nicht hinter Jahrmillionen verstecken. Er sagt: „Bevor etwas geschieht, teile ich es euch mit, damit, wenn es geschieht, ihr glaubt, dass ich die Zukunft kenne – Eure Zukunft.“

Entscheidend sind aber gerade auch bei diesem Thema die Antworten, die gegeben werden. Sind sie tragfähig für den, der nach Antworten sucht oder nicht. Da spielt selbstverständlich die Weltanschauung, wie ich in meinem Beitrag ausgeführt habe, eine entscheidende Rolle. Aus Deiner Sicht betrifft das meine Antworten gleichermaßen. Nur, wenn wir bereit sind, uns hinterfragen zu lassen, können wir erwarten, ernst genommen zu werden. Bei der Gott leugnenden Evolutionstheorie, die vom Zufall lebt, werden mit jeder Antwort mehr Fragen aufgeworfen, als vorher bestanden. Und diese Fragen werden immer komplizierter.

Nicht nur für jene, die keine Antworten suchen, ist es gleichgültig, was „danach“ kommt. Ist es nicht sonderbar, dass auch Gottesleugner Unsicherheit zeigen, wenn es ans Sterben geht? Dabei müsste das doch der natürlichste Vorgang der Welt sein. Der Mensch taucht aus dem Nichts auf und verschwindet wieder im Nichts.

Wieso sind für ihn Krankheit, Unfall, Siechtum und Tod so erschreckend? Warum das große Aufhebens darüber? Wieso der stetige Versuch, das Leben zu verlängern? Wieso ausgerechnet aus dem Munde so vieler Gottesleugner der Ausspruch: „Wenn es einen gerechten Gott gäbe, würde er dieses oder jenes nicht zulassen.“ Oder „Wo war denn Gott im KZ, wo war er, als das Kind geschändet und umgebracht wurde, usw.“ Wieso das Reden von Ethik und Moral? Wo kommt die Ethik her für ein Nichts? Wo sind die Antworten?

Ist es nicht vielmehr so, dass tief in jedem Menschen eine – wenn auch vielleicht unbewusste – Erinnerung lebt, dass der Mensch einmal in einer „Beziehung zu etwas oder jemand“ stand, die er verloren hat? Es ist zumindest einmal dieser Überlegung wert. Alle Religionen dieser Welt erzählen von einem Paradies, das der Mensch verloren hat und von der Hoffnung, es wieder zu finden. Zumindest existiert das Bewusstsein von einer Wechselbeziehung der Menschen zu einem wie auch immer gearteten Gott.

Nur der moderne, sich gern als aufgeklärt gebende Mensch des 20. Jhdts stellt sich etwas ganz anderes vor. Es mutet mich schon sonderbar an, dass sich ausgerechnet die Anhänger einer gerade mal ca. 200 Jahre alte Weltanschauung so viel klüger dünken, als die ganze Welt. In meiner Altenpflegeausbildung sagten einige meiner Kollegen, man könne die christlichen Verhaltensweisen einfach so übernehmen, ohne Christ zu sein. Sie bezogen dies auf das Pflegeverständnis von Frau Juchli. Wie will aber ein Kind von einem Vater reden, wenn es behauptet, es gäbe gar keinen?

Vor meiner Tätigkeit in der Altenpflege war ich in der Familienseelsorge tätig und sehr häufig mit vielen existentiellen Fragen konfrontiert. Wenn diese Menschen mir ihre Fragen stellten, wollten sie von mir keine offizielle Kirchenmeinung hören sondern erfahren, wie sie ihr Leben positiv gestalten konnten auf die eine oder andere Weise. So musste ich auch für mich schon sehr früh Antworten auf diese Fragen suchen.

Dabei spürte ich, dass längst nicht alle Antworten für mich angenehm oder bequem waren. Ich denke, so geht es auch den Fragenden selbst. Weiter ist zu berücksichtigen, dass nicht jeder die aus einem bestimmten Hintergrund folgernden Antworten übernehmen kann oder will. Ist es nicht sonderbar, dass auch ein Mensch, der seine Eltern leugnet „ich habe keine Mutter, keinen Vater“ dennoch Eltern hat? Ein Psychologe aus Norddeutschland sagte einmal: „Die Menschen verlangen von uns Psychologen die Lösung von Problemen, für die nicht wir, sondern eigentlich die Seelsorger zuständig sind.“

Das Besondere des christlichen Glaubens, wenn er ernst genommen wird ist ja, dass er den Menschen nicht zwingt, seine Aussagen und Ansprüche zu übernehmen. Aber er macht deutlich, dass jeder in einer Beziehung zu Gott steht – der sein Vater ist. Er zeigt auf, wie einerseits ein Leben mit Gott möglich ist und die Angebote Gottes greifbar werden in dieser und der verheißenen anderen Welt. Aber auch die Konsequenzen bei Nichtbeachtung der göttlichen Anweisungen für’s Leben. Hinzu kommt, dass sich unser Verständnis auch bei wachsender Informationsfülle wandeln kann – und muß, soll man nicht bald auf dem Abstellgleis stehen.

Ich musste einige Grabreden halten und weiß von daher, daß in der Regel nirgendwo so viel gelogen wird, wie am Grab. Diesem Konflikt musste ich mich damals stellen und heute in der Pflege wieder, nur viel früher – beim Sterben. Allzu oft wird dem Sterbenden und den Angehörigen sein wahrer Zustand verheimlicht. Man spricht von der barmherzigen Lüge. Ich weiß aus diesen Erfahrungen, dass die Wahrheit hart sein kann, aber sie ist in der Regel sehr hilfreich sowohl für den Sterbenden als auch für die Angehörigen. Bis auf wenige Einzelne hat man sich dafür bei mir bedankt.

Sicher kommt es darauf an, wie man die Wahrheit vermittelt. Ein Fehlgriff in der Wahl der Mittel ist hier nicht ausgeschlossen. Aber je mehr Einblick in die Vorgänge gewonnen wird, um so weniger verletzend kann man vorgehen. Durch meine Erfahrungen wurde mir klar, dass aus der Situation heraus mal schweigen und einfach nur da sein, mal reden, mal die Hand halten oder streicheln, mal singen, mal das Spielen der Lieblingsmusik und vieles andere das Gebot der Stunde ist. Einem Atheisten in diesen Stunden von Gott erzählen kann dessen Unwillen und starke Aggressionen herausfordern.

So bin ich durch die unterschiedlichsten Erlebnisse zu meiner Überzeugung gelangt in dem Bewusstsein, so manchen Fehler gemacht zu haben, der mir erst viel später bewusst wurde. Auch heute noch kann ich mich nicht davon frei sprechen. Doch es ist jedes Mal etwas für mich Bedeutsames, wenn ein Wort oder ein Händedruck des Dankes mich berührt. Dann weiß ich, dass es diesmal richtig war. Und beim nächsten Mal? Erst hinterher weiß man, ob’s richtig war.

Darum gestatte mir, dass ich hier einmal in der Reihenfolge Deine Gedanken zu meinen Ausführungen aufgreife und meine Gedanken dazu darlege.

An den Stellen, die Du bei mir als „Tatsachen darstellen“ wertest, betrachte ich es eher als „feste Überzeugung“ meinerseits, da die Schlußfolgerungen für mich nachvollziehbar sind.

Nahtod-Erfahrungen werden nur in der Fachliteratur vereinzelt beschrieben und wirken von daher auch spektakulär, wenn sie zu Studienzwecken herangezogen werden. In Wirklichkeit gibt es weit mehr solcher Erfahrungen, die jedoch kaum Beachtung finden, weil sie „nur“ Einzelschicksale betreffen und beeinflussen. Häufig tauchen solche Erfahrungen auch im Zusammenhang mit Reinkarnation auf, um eine frühere Existenz und daraus resultierend eine folgende Existenz zu belegen.

Auch in christlichen Kreisen werden häufig Nahtod-Erfahrungen berichtet, auf Grund deren eine totale Umkehr der Lebensweise geschildert wird. Diese Erfahrungen bleiben jedoch zumeist innerhalb des Kreises der Gläubigen und werden auch selten literarisch festgehalten, da Außenstehende oft geneigt sind, darüber zu spötteln. In einer Zeit, die transzendenten Bereichen verständnislos gegenübersteht auch durchaus verständlich. Heute haben vielfach Wissenschaft und Technik einen weit höheren Stellenwert als geistliche Dinge.

In wie weit diese Thematik in asiatischen Ländern diskutiert wird ist mir weitgehend unbekannt. Doch das ist für mich auch unerheblich, da wir hier leben und darüber diskutieren, nach Wegen suchen. Asiatische Denkansätze spielen nur in so weit eine Rolle, als sie unser Leben hier immer stärker beeinflussen. Seit der französischen Revolution entfernen wir uns mehr und mehr von christlichen Lebensinhalten. So sprechen bereits hochrangige Theologen von der „nachchristlichen Zeit“ , in der wir uns jetzt befinden. Dadurch gewinnen die fremdartigen Gedankengänge stärker an Bedeutung und müssen in die Diskussion mit einfließen.

Wenn ich es als naheliegend betrachte, dass der „Zeitraffer-Lebensfilm“ auch bei dem Sterbenden abläuft, der sich auf den Tod vorbereiten kann, soll das nicht heißen, dass es bei absolut jedem so geschieht. Auch die „Auswertung“ des eigenen Lebens wird in unterschiedlichen Berichten dokumentiert. In einer Zeitschrift las ich von einem Vater in Amerika, der über Jahre mit seiner Tochter zerstritten war. Auf dem Sterbebett wollte er sein Leben noch in Ordnung bringen, sich mit ihr versöhnen. Da sie nicht mehr rechtzeitig kam, schrieb er seine Empfindungen auf ein Stück Papier, das die Verzweiflung der Tochter, als sie eintraf und sah, dass sie zu spät kam, in Dankbarkeit und Freude verwandelte. Er hatte ihr verziehen, was er ihr Zeit seines Lebens verweigert hatte.

Viele Menschen führten als Gegner und Leugner eines Gottes vor ihrem Nahtod-Erlebnis ein atheistisches Leben. Durch dieses Erlebnis ordneten sie ihr Leben neu und man findet sie in gemeinschaftschristlichen Kreisen wieder, da sie von den großen Volkskirchen nichts Positives erwarten und dort keine Heimat finden. So bleiben auch ihre Nahtod-Erlebnisse häufig in diesen Kreisen als „Bekehrungserlebnisse“ verborgen. Sie werden als spirituelle Erfahrung behandelt und tauchen von daher nicht unter der Rubrik Nahtod-Erlebnisse auf.

Leider – oder zum Glück – entziehen sich viele Dinge der wissenschaftlichen Untersuchung und Erforschung. Wir wollen es uns nur all zu oft nicht eingestehen, dass nicht alles, was geschieht, mit unserem Verstand erfasst werden kann. Wir sagen so oft: „Was nicht sein darf, kann auch nicht sein.“ Ich denke, wir berauben uns dadurch so mancher Erfahrung, die unser Leben unendlich bereichern würde.

Du sprichst von „dem Deuten von Gedanken und Gefühlen“. Ich weiß nicht, ob man einfach vom Deuten reden kann, wenn da sogar etwas messbar ist.

Es gibt einen Bericht aus Amerika, den ich von Jahren las, der von einer Untersuchung erzählt an einer Frau, die fest an Gott glaubte und einem Mann, der als Atheist bekannt war. Bei dieser Untersuchung wurden mit einem Gerät, das die Sendestärke der stärksten Radiosender messen kann und mit einem positiven und negativen Skalenbereich ausgestattet ist, die Gehirnströme gemessen von dieser sterbenskranken Frau, die inbrünstig zu Gott betete und jenem Mann, der in der gleichen Situation in gröbster Weise fluchte. Bei beiden schlug die Nadel bis zum Anschlag aus, mal im Positiv, mal im Negativbereich. Wenn es keinen Anschlag gegeben hätte, wäre die Nadel noch weiter ausgeschlagen.

Die stärksten Radiosender arbeiten mit einem Bruchteil der Energie, die hier freigesetzt wurde. Mir hat dieses Beispiel gezeigt, dass es zwischen Himmel und Erde Dinge geben muß, von denen wir allenfalls den Hauch einer Ahnung haben. In der Bibel wird uns gesagt, dass die Menschen in einem Konflikt eingebunden sind, der sich ihrer bewussten Welt entzieht. Kommen etwa von da viele Ängste her? Die Unsicherheit, was wird nach dem Tod sein?

Noch ein Gedanke drängt sich auf. Ein Christ weiß sich von einem liebenden Vater gehalten. In vielen Erfahrungen seines Lebens hat er gesehen, dass er den Zusagen Gottes vertrauen kann. Wie steht jemand dem Sterben und dem Tod gegenüber, der weiß, dass er die Unvollkommenheit verlässt, Sorge, Angst, Not, Einsamkeit und Lieblosigkeit und dort hin geht, wo ihn Annahme, Liebe, Freude, Geborgenheit, Vollkommenheit und Sorglosigkeit erwarten.

Ich kenne viele Christen, die nichts sehnlicher erwarten, von dieser trostlosen Erde Abschied nehmen zu können und da zu sein, wo sie ohne Einschränkung glücklich sein können. Der Tod bringt sie ihrer Sehnsucht einen Schritt näher. Es keiner großen Phantasie, sich deren Empfindungen vorzustellen. Genauso geht es mir bei jenen, die keine Perspektive für ihr „Danach“ haben. Die Ungewissheit kann für viele zu einer Qual werden und das Sterben zu einem Martyrium werden lassen.

Die Frage ist doch, was hat ein Gottesleugner diesem Menschen anzubieten? Woraus soll der Sterbende Trost schöpfen? Wo bleibt für ihn Geborgenheit? Wo der Frieden? Ohne Gott – den liebenden Vater – ist es unendlich schwer, einen Sterbenden zu trösten, wenn nicht sogar unmöglich. Mit Gott sieht das anders aus. Ich muß noch einmal sagen: Es ist zwar einfach, solange man sich noch fit fühlt, Gott beiseite zu schieben ins Reich der Fabeln und Märchen. Es ist einfach, über den zu lachen, der Gott ernst nimmt. Aber es kommt für jeden Menschen der Zeitpunkt, an dem die Zweifel immer stärker werden.

Was ist, wenn es doch einen Gott gibt und alles zutrifft, was man sich über ihn erzählt? Ich für mein Teil rechne lieber damit. Wenn ich mein Leben hier und jetzt nach seiner Ordnung ausrichte, bin ich bereits hier glücklich und weiß, dass ich eine Zukunft habe über den Tod hinaus. Was macht der Gottesleugner aber, wenn es Gott doch gibt?

Ich denke, nur dann, wenn ich meine Position im Leben bestimmt habe, kann ich einem Sterbenden den notwendigen Beistand geben – oder auch nicht. Die Kommunisten in der alten Sowjetunion hatten einmal in Moskau eine große öffentliche Versammlung abgehalten, in der es um den Glauben an Jesus Christus ging. Der Redner erklärte ausführlich, warum es keinen Gott geben könne und das Getue um Jesus Christus nichts als Hirngespinste sei. Zum Schluß sagte er sinngemäß, dass ja wohl niemand mehr an Gott glauben könne und fragte: Oder ist hier noch jemand der dies tue?

Ein alter Mann, so wurde berichtet, stand auf und rief durch den Saal: „Christus ist auferstanden!“ und wie eine Woge kam aus der Versammlung die Antwort: „Gewiss ist Christus auferstanden!“


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Johannes Paetzold
 
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05.07.2001
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