dabei gewesen als jemand die letzten Atemzüge machte

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jenja

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Hallo
Ich lese hier schon länger. Nun möchte ich einmal selber etwas schreiben.
Ich arbeite seit einiger Zeit als Pflegehelferin in einer stationären Einrichtung.

Meine Geschichte handelt von einer Bewohnerin, ziemlich demenziell verändert aber sonst eine sehr lebensfrohe Person.
Am Freitagmorgen habe ich sie ganz normal grundpflegerisch versorgt. Einige Stunden später sollte sie Krankengymnastik bekommen. Dabei ging es ihr nicht gut...und sie sackte zusammen.
Wir brachten sie aufs Zimmer legten sie aufs Bett.
Während des Transfers aufs Bett sagte sie "Ich kann nicht mehr" und "ich habe doch nichts getan".
In ihrem Gesicht sah man Panik-Todesangst. Sie hüstelte und würgte. Unsere PDL äußerte sofort den Verdacht auf Lungenembolie und rief den Rettungsdienst.
Bis dieser eintraf bekam die Frau immer weniger Luft,sie versuchte krampfhaft einzuatmen. Die Lippen und Zunge wurden blau. Es war kein Blutdruck messbar.
Ich hielt ihre Hand, sprach beruhigend auf sie ein, bat sie, zu versuchen gemeinsam mit mir zu atmen.
Es war das erste mal, daß ich eine solche Situation miterlebte.
Nach einiger Zeit wich der großen Panik in ihrem Gesicht, nach und nach, der Bewusslosigkeit.
Und dann liefen mir plötzlich die Tränen übers Gesicht...Ich konnte es nicht zurückhalten.
Alle anderen Anwesenden verhielten sich proffesionell-ich nicht.
Es hätte mir einfach nicht passieren dürfen, daß ich weine. Aber ich war so verzweifelt...
Bis der Rettungsdienst eintraf telefonierte die PDL schon mit den Angehörigen. Diese wünschten keine Wiederbelebungsmaßnahmen-was ich auch für richtig befinde.Sie hat ein hohes Alter erreicht und ist schnell gestorben(wenn auch mit Panikgefühlen:sad:)

Allerdings habe ich jetzt große Angst, daß jemand mein Weinen für unproffesionell befindet und meint daß es nicht der richtige Job für mich ist. Es hat zwar keiner von den anwesenden PK etwas gesagt, im Gegenteil-alle waren verständnisvoll.
Ich schäme mich trotzdem sehr für meinen Gefühlsausbruch.
Diese Wochenende habe ich frei, aber morgen werde ich sehen, wie die anderen mein Verhalten bewerten...

Habt ihr sowas schon mal erlebt? Wie ging es euch bei dem ersten Mal? Würde mich sehr über Antworten freuen.


Ich grüße euch. Jenja
 
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Paddy

AW: dabei gewesen als jemand die letzten Atemzüge machte

Hallo Jenja,

weinen hat überhauptnichts mit Professionalität zu tun. Ich arbeite seit 1991 in der Pflege und hatte auch schon (ok nur einmal) geweint. Es war ein 12 jähriger Junge der an Lyell erkrankt war. Wir konnten schlicht überhaupt nichts tun.
Der Tod gehört zum Leben dazu, in unserem Beruf kommen wir häufig mit dem Tod in Kontakt. Es mag kaltherzig klingen, aber Du musst Dir un bedingt eine Schutzmauer anlegen. Es wird dich sonst mit der Zeit innerlich auffressen.
Schämen brauchst Du dich ganz bestimmt nicht!
Falls dich das aber noch länger beschäftigt, ist es sinnvoll mit den Beteiligten darüber zu reden.

LG Paddy
 
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herbstzeitlose

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AW: dabei gewesen als jemand die letzten Atemzüge machte

Hallo Jenja,-

ich finde, nichts ist so schlimm wie coole abgebrühte Typen, die keinerlei Gefühle zulassen und zeigen können.Du hast professionell und umsichtig- und auch herzlich gehandelt.Der Arbeitsaublauf war korrekt,steh doch zu dir und deinem Handeln,- und zu deinen Gefühlen,- um so weniger bietest du anderen eine Angriffsfläche.
Wer hat das Recht, dir vorzuschreiben, mit wieviel Herz du dabei bist?Wer soll/darf das reglementieren?Du wirst sicherlich im Laufe deiner Berufsjahre mit solchen Gegebenheiten anders umgehen, da wächst du hinein, da bin ich mir sicher.
Freu dich darauf, dass heute so ein schöner Tag ist und freu dich auf deine Patienten- und auf deine Kollegen. Mach dich nicht klein- und lass dich nicht kleinmachen!

Liebe Grüße, die Herbstzeitlose
 
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Arzthelferin, Wundexpertin ICW e.V.
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jenja

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Re: AW: dabei gewesen als jemand die letzten Atemzüge machte

Hallo,
ich danke euch sehr für eure Antworten. Es ist auf jeden Fall mein absoluter Traumberuf, nichts würde mir mehr Spaß machen.
Das alte Menschen sterben ist normal. Ich habe auch schon einige Bewohner gepflegt, die dann "plötzlich" oder auch "nicht so plötzlich" starben. Und musste noch nie weinen, wenn "jemand ging".
Jedoch war es für mich das erste Mal, wo ich dabei war und dann auch noch völlig unerwartet.
Es war schon komisch, dazusitzen und nichts anderes machen zu können, als die Hand zu halten und ruhig zuzureden...Im Raum war eine merkwürdige Aura...Wie in Zeitlupe.
Wahrscheinlich hast du Recht, liebe Herbstzeitlose, man lernt mit solchen Gegebenheiten umzugehen und wächst da auch rein.

Ich danke euch ganz doll für eure lieben Antworten, es hat mir sehr geholfen. Sicher habe ich morgen noch Gelegenheit, mit meinen Kollegen darüber zu sprechen, daß ich mir so blöd vorkam, wegen den Tränen.
Liebe Grüße, Jenja
 
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nofretete

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AW: dabei gewesen als jemand die letzten Atemzüge machte

Weinen wenn jemand stirbt? Warum nicht, so wie sich das darstellt war es ja ne relativ plötzliche Angelegenheit und da kann das schon passieren. Ich arbeite seit 15 Jahren in der Pflege und bin bei manchen auch sehr traurig, wenn sie sterben. Und wenn deine Kollegen darüber lächeln oder reden ist doch nicht schlimm. Morgen wird ein anderer belächelt. Das gehört dazu wenn viele Frauen in einem Betrieb arbeiten. Wohl dem, der noch Gefühle zeigen kann und sie nicht verbirgt.
 
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josephine

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AW: dabei gewesen als jemand die letzten Atemzüge machte

Hi Jenja,

ich bin jetzt auch schon 10 Jahre dabei. Der Wechsel von der AP in die PC ist recht frisch.

Geweint habe ich schon ziemlich viel; wenn jemand starb, der mir nahe war oder, wenn meine Bewohner mit recht heftigen Diagnosen aus dem Krankenhaus zurück kamen, als eine Bewohnerin mir unter Tränen erzählte, dass ihre Enkelin das Baby verloren habe, ... Blöd kam ich mir dabei nie vor.
Klar gibt es Kollegen, die dann sagen: " Das iat unprofessionel", "Du musst da Distanz aufbauen" oder was es sonst noch so gibt.
Ich empfinde es nicht als unprofessionell, eher als empathisch. Distanzlos wäre es, da gar nicht mehr in ein professionelles Handeln zu finden. So hast du die Situation und dein Verhalten aber nicht beschrieben.
Wenn du dir Sorgen über die Reaktion deiner Kollegen machst, dann sprich das ruhig an. Ich denke, dass dich die ein oder andere Reaktion vielleicht positiv überaschen wird.


Viel Freude weiterhin im schönsten Beruf der Welt!

LG,
josephine
 
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herbstzeitlose

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AW: Re: AW: dabei gewesen als jemand die letzten Atemzüge machte

Es war schon komisch, dazusitzen und nichts anderes machen zu können, als die Hand zu halten und ruhig zuzureden...

Liebe Jenja- nichts anderes machen zu können..................................? Überleg mal, was du da schreibst! Viele wären glücklicher- und weniger ängstlich, wenn sie jemanden hätten, der ihnen die Hand hält- im Leben wie im Sterben!
Deine Gefühle dabei sind eine ganz intime "Angelegenheit", ich würde sie an deiner Stelle nicht diskutieren!

Wenn Gesprächsbedarf besteht, dann im Austausch über diesen ganz besonderen Moment,- aber nicht wegen deiner Tränen!!!

Dir alles Liebe, die Herbstzeitlose
 
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Christian Kröhl

Christian Kröhl

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AW: dabei gewesen als jemand die letzten Atemzüge machte

Ich hielt ihre Hand, sprach beruhigend auf sie ein, bat sie, zu versuchen gemeinsam mit mir zu atmen.
Es war das erste mal, daß ich eine solche Situation miterlebte.
Nach einiger Zeit wich der großen Panik in ihrem Gesicht, nach und nach, der Bewusslosigkeit.
Und dann liefen mir plötzlich die Tränen übers Gesicht...Ich konnte es nicht zurückhalten.

Liebe Jenja,

seit über einem Jahrzehnt bin ich in der Intensivpflege zu Hause. Die Kolleg/innen - gleich aus welchem Bereich - werden mir zustimmen; es gibt Momente, in denen bleibt Dir nichts ausser da zu sein und einen Menschen nicht alleine zu lassen. Ich finde es toll, dass Du diese Situation durchgestanden hast. Sei ein wenig Stolz auf Dich..es gibt zu wenige die begriffen haben, dass es kein Mensch verdient haben sollte diesen letzten Gang alleine tun zu müssen.

Ich könnte jetzt schwadronieren über Kolleg/innen, die mir in den letzten Jahren über den Weg liefen - und die sich der Situation und dem Menschen bewusst entzogen, um sich nicht auseinandersetzen zu müssen. Weder mit dem Sterben, noch mit dem Tod, noch mit den Sterbenden. Manche mögen das professionelle Distanz nennen, für andere ist es eine Art Psychohygiene um der Belastung zu entgehen.
In meinen Worten - und das ist nur für mich ganz persönlich gültig und für sonst niemanden! - wäre das jedoch etwas anderes: es bedeutete jemanden im Stich zu lassen, jemanden hängen zu lassen. Das habe ich noch nie gaten - und ich werde auf meine alten Tage auch nicht damit anfangen. Und ja, auch ich habe mehr als einmal eine/n Verstorbenen beweint.

Schäm Dich nicht Deiner Tränen. So wie ich es lese...Du warst mutiger als all Deine Kolleginnen und hast Dich getraut, die Dame zu begleiten.
Es ist toll, das Du für die Dame da warst.

Chapeau, Jenja. Chapeau.
Christian.
 
Qualifikation
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Fachkraft für Leitungsaufgaben in der Pflege
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Gesundheits- und Sozialökonomie, Betriebswirtschaft (VWA)
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jenja

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Hallo,
ich danke euch allen sehr für die Antworten.
Lieber Christian-"professionelle Distanz", "Psychohygiene"... Ich glaube ich habe jetzt einiges Verstanden!
Und ich muß mich, und werde mich nicht, meiner Tränen schämen. Ich denke nun, jeder kann für sich selber entscheiden, inwieweit er sich auf einen Sterbenden einlassen kann/will.

Ich für meinen Teil bin um eine ganz, ganz große Erfahrung reicher! Ich würde mein Gefühl in einer vergleichbaren Situation wieder "loslassen" und nicht dichtmachen.

Und ja, heute auf der Arbeit hatte ich schon den Eindruck, daß die Meinungen-inwieweit Gefühle angebracht sind-auseinandergehen. Das ist ja auch nicht schlimm, jeder soll es so machen wie er es für richtig hält.
Es ist ja nun nicht so, daß ich total fertig bin, sondern ich war und bin tief beeindruckt! Wenn es mich aufressen würde, wäre es etwas anderes....

Und nun eine ganz tolle Sache: PDL fragt ob ich kurz Zeit habe (ich hatte schon Schiß, was wohl jetzt kommt). "Hätten sie vielleicht auch mal Lust, an einer kleinen Fortbildung für Sterbebegleitung teilzunehmen?"
NATÜRLICH HABE ICH LUST! :) Nächsten Monat werde dort teilnehmen.
Also ich habe mir wohl umsonst Sorgen gemacht.
Ich danke euch sehr.
Liebe Grüße, Jenja
 
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JoyfulVoice

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Liebe Jenja

wer entscheidet, was professionell ist und wo unprofessionell anfängt.
Ich habe schon oft geweint oder war traurig, wenn jemand verstorben ist und jeder entwickelt für sich eine eigene Art damit umzugehen. Ich hatte auch schon Schüler, die sich für ihre Tränen geschämt haben. Meine Kollegen únd ich haben allen unsere persönliche Geschichte dazu erzählt und es hat ihnen geholfen, damit umzugehen. Jeder bewältigt seine Trauer auf seine Weise. Ich spreche ein Gebet oder das VaterUnser. Andere wünschen eine gute Reise oder machen das Fenster auf. Andere lassen ihren Tränen freien Lauf. Der Tod gehört zu unserem Beruf dazu und trotzdem ist er immer wieder etwas besonderes, einzigartiges und das soll für mich auch so bleiben. Jeder Angehöriger wird das auch spüren, ob jemand abgestumpft ist oder mitfühlt. Im Heim baut ihr noch mehr Beziehungen zu den Bewohnern auf, als wir im Krankenhaus, doch es gibt auch bei uns Chemopatienten, die wir über Jahre begleiten.
Nutze deine Fortbildung und nehme das mit, was dir hilft, doch bitte lass dir von keinem einreden, dass man es keine Tränen geben darf.

Für mich gibt es eine Regel, die ich für mich aufgestellt habe: Wenn für mich der Tod zu einer Nebensache wird und der Respekt vor dem was dort passiert verloren geht, dann werde ich diesen so wunderschönen Beruf an den Nagel hängen.

Ich wünsche dir alles Gute und verständnisvolle Kollegen. Ich denke, dass jede von ihnen eine ähnliche Geschichte erzählen können.

Alles Gute
Svenja
 
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Krankenschwester + PA + Stationsleitung
Fachgebiet
Interdisziplinär
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dr.poops

AW: dabei gewesen als jemand die letzten Atemzüge machte

liebe jenja. mir ist oft genug zum heulen gewesen - und ich hab's unterdrückt. gar nicht mal aus dem gefühl heraus, ich könne "uncool" wirken, aber ich wollte (trotz tränen in den augen) meine distanz zu dem geschehen bewahren. geheult hab ich dann meistens später, nach dem dienst. immerhin. vor kurzem begleitete eine unserer anästhesistinnen eine familie, deren vater bzw. ehemann starb. sie hatte noch eine seelsorgerin informiert, die dann aber leider im stau feststeckte und so war sie mit der familie und der betreuenden krankenschwester alleine im zimmer und hat auf die null-linie "gewartet". als der mann tot war, brach die ganze familie unisono in ein herzzerreißendes weinen aus - und die anästhesistin hat mitgeheult. später hat die ehefrau gesagt, dass sie das sehr tröstlich fand, denn es kam ihr so vor, das die ärztInnen eben doch nicht alle so abgebrüht sind im umgang mit dem tod und sich sehr wohl darauf einlassen können, wenn etwas im wortsinne zum heulen ist. unprofessionell wäre, sich über die tränen der kollegInnen lustig zu machen. wir schleppen alle unsere erinnerungen und erlebnisse mit uns herum und es wäre ziemlich grausam, wenn man von uns verlangen würde, genau diese dinge zugunsten der professionalität im spind zu belassen, bis der feierabend kommt. sei froh, dass du das fühlen kannst. es ist einfach gesund und es muss dir überhaupt nicht peinlich sein. gruß, käthe
 
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