Cortisonpsychose

Kaius

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Hi,

wir haben zur Zeit eine Patientin mit einer Cortisonpsychose bei uns auf Station. Wusste gar nicht, dass das bei Cortison möglich ist. Leider finde ich im Internet auch gar nichts, um mich über dieses Thema zu belesen.
Wer hat also schon Erfahrungen damit gemacht? Warum genau kann Cortison eine Psychose auslösen? Hat das nur mit dem Medikament zu tun oder muss man wenigstens schon vorbelastet sein, damit so etwas auftreten kann. Wie äußert sich eine solche Psychose erfahrungsbedingt? Und so weiter. Erzählt einfach mal alles was euch dazu einfällt.
Wenn ihr eine genaue Definition habt: Super!

Kaius
 
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Kaius

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Hi,

jo, Danke für deine Antwort, allerdings ist es nicht wirklich das, wonach ich suche. Google habe ich natürlich als allererstes benutzt. Kam nichts bei raus.
Dass man sich unter der Therapie psychisch verändern kann ist richtig und mir auch bekannt, nur eine richtige Psychose (meine Kollegen sagen, Cortisonpsychosen gehören mit zu den heftigsten), ist etwas komplett anderes. Ihr müsstet die Patientin sehen, das ist der Hammer.

Kaius
 
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haduloha

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Ihr müsstet die Patientin sehen, das ist der Hammer.
Hallo Kaius,

ich habe von Cortisonpsychosen - zumindest unter diesem Namen - noch nichts gehört.

Aber lass' uns einen "deal" machen.

Du beschreibst, wie sich das Krankheitsbild darstellt ("Hammer" habe ich schon viele erlebt)
und ich bin Mittwoch in unserer Facharztrunde, da hake ich einmal nach und poste, was ich erfahren habe.

Ich melde mich dann wieder.

Gruß
haduloha
 
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aneka.

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Hallo Kaius,
kann mich wohl erinnern, mal einen Hiv-Pat. mit Cortisonpsychose gehabt zu haben; leider kann ich mich aber an keine Besonderheiten mehr erinnern.
Werde Do. mal die Kollegen fragen, ob jemand noch etwas weiß.
Gruß, aneka..
 
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Kaius

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Hallo Kaius,

ich habe von Cortisonpsychosen - zumindest unter diesem Namen - noch nichts gehört.

Aber lass' uns einen "deal" machen.

Du beschreibst, wie sich das Krankheitsbild darstellt ("Hammer" habe ich schon viele erlebt)
und ich bin Mittwoch in unserer Facharztrunde, da hake ich einmal nach und poste, was ich erfahren habe.

Ich melde mich dann wieder.

Gruß
haduloha
Nun gut,

es ist eine junge Patientin, '78 geboren. Hat Collitis Ulcerosa und nimmt deshalb Cortisonhaltige Medikamente. Sie hat unglaubliche Angstzustände, rennt über den Flur und sagt stereotyp "raus hier, raus hier raus hier raus hier ..." oder "schneller, schneller, schneller ...".
Habe sie einmal gefragt, wie es ihr geht, sie sagte "Danke, mir geht es besser, besser, besser, besser, besser, besser ...", bestimmt eine Minute lang. Hab mir dann gedacht, "na sicher doch".
Nun, dann schläft sie fast gar nicht, höchstens zwei Stunden die Nacht, ist ständig in Bewegung, reagiert auf keine Medikamente mehr und darf auch nicht mehr bekommen, da sie ziemlich zierlich ist und ihre Leberwerte von Tag zu Tag schlechter werden. Nun, aber was die Medis angeht ist das ja Arztsache, bin gespannt wie es ihr geht, wenn ich am Donnerstag wieder Dienst habe.
Nun ja, dann führt sie bizarre sportliche Übungen auf den Stationsfluren aus, kann keinem Gespräch folgen, redet plötzlich in russisch etc. Sie kann einem echt leid tun.

So äußert sich das Krankheitsbild in diesem Falle. Besser so?:wink:

Kaius
 
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André Rosellen

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Hallo zusammen!

Bin in Eile, aber soviel in Kürze:

Cortison kann auch bei völlig unbelasteten Menschen heftige schizophrenieforme Psychosen mit etxtreme Wahnvorstellungen und unberechenbaren handlungen (z. B. erweiterter Suizid) auslösen;

Ist die Reine Cortisonwirkung bei dafür empfänglichem Menschen.

Cortison raus - Psychose weg.

habs selbst gesehen, sehr beeindruckend

André
 
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haduloha

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Hallo Kaius,

melde mich wie versprochen, ist leider etwas später geworden.

Eine Kortisonpsychose ist schwer zu klassifizieren,
liegt im Bereich "akute organischen Psychose" oder auch "akute Psychose durch psychotrophe Substanzen".

Nachdem ich mit meinem Facharzt "sinniert" habe und er mir noch gut erinnerliche Fallbeispiele
aus unserer gemeinsamen Zeit im Krankenhaus (als er noch mein Oberarzt war) benannnt hat, wurde klar:
Ich habe so etwas schon erlebt, es war nur nie so eindeutig benannt.

Diese Form der Psychose ist im Auslösemechanismus vergleichbar einer drogeninduzierten Psychose.

Vorher psychisch völlig unauffälligen Personen erkranken plötzlich aufs heftigste eben genau so wie hier im thread schon erwähnt.

Im Prinzip hat André Rosellen es bereits exakt beschrieben.

...Ist die Reine Cortisonwirkung bei dafür empfänglichem Menschen.

Cortison raus - Psychose weg.
Eine Einschränkung hierzu:
Leider ist es (in seltenen Fällen) aber eben nicht so, dass die Psychose weg geht, sobald das Kortison abgesetzt wird, eben wie es bei den drogeninduzierten Psychosen auch verlaufen kann.

Inaktive, blande Psychosen können auf diese Weise manifest ausgelöst werden und auch chronifizieren.

Im Netz habe ich kaum taugliche links zu diesem Thema finden können.
Einen, der nicht ganz so schlecht wirkte, stelle ich hier ein.

http://www.medicalforum.ch/pdf/pdf_d/2003/2003-19/2003-19-419.PDF

Gruß
haduloha
 
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André Rosellen

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Hallöchen!

Etwas ausführlicheres Fallbeispiel zur Cortisonpsychose:

Rentner, 64, erhält aufgrund einer körperlichen Erkrankung regelmäßig Cortison verschrieben.
Als er bei uns auf die Kriseninterventionsstation eingeliefert wurde, ist er depressiv, hoch suizidal und leidet unter Verarmungs- und Versündigungswahn.
Er erhält NaCl bzw. Ringer - Lösungen zum Ausschwemmen des Cortisons. Zusätzlich wird die Infusion zur i.v. - Verabreichung von Haldol benutzt.
Innerhalb weniger Tage (3-4) klart er völlig auf und kann sich seine vorherigen Wahrnehmungen nicht erklären.

Die Geschehnisse bis zur Aufnahme waren sehr dramatisch und ließen sich so rekonstruieren:

Aufgrund einer hohen Cortison-Dosis entwickelte der Patient eine Cortisonpsychose, die sich v. a. durch Depression und Verarmungswahn äußerte.
Obwohl er mehr Rente bekam als ein Krankenpfleger verdient und Besitzer eines abbezahlten Einfamilienhauses war, gelang er aufgrund seiner Cortisonpsychose zu der wahnhaften Überzeugung, dass er uns seine Frau innerhalb kürzester Zeit jämerlich in der Gosse verrecken werden, weil das Geld nicht reicht.
Um sich und seiner Frau diesen jämmerlichen Tod zu ersparen, plante er den erweiterten Suizid: Er versuchte, seine Frau zu erschlagen, was jedoch misslang, woraufhin diese die Polizei rief.
Während die Polizei anrückte, erhängte sich der Patient im Haus, musste reanimiert werden und gelangte so nach körperlicher Stabilisierung in unsere Behandlung.

Nach Abklingen der psychotischen Symptome litt der Patient (nachvollziehbarer Weise) an einer reaktiven Depression, da er sich sehr wohl erinnern konnte, dass er seine Frau töten wollte.

Leider wurde er nach seiner Stabilisierung auf eine offene Station verlegt und ich kann über die weitere Behandlung nichts berichten.

André
 
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MuuuHaaa

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Hallo,

ich kenne das nur aus dem somatischem Krankenhaus, wenn das Cortison zu schnell abgesetzt wurde.
AUs diesem Grunde sollte man darauf achten das das Cortison immer schön langsam reduziert wird.

Gruß
Vader
 
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juttawa

juttawa

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Hallo zusammen!

Erst vor einigen Tagen war ich bei einer jungen Frau zwecks Erstkontakt.
Sie hatte vor einigen Jahren ebenfalls aufgrund eines Hörsturzes eine Cortisontherapie gemacht und rutschte promt in eine Psychose.

Im Allergikerpass ist auch extra aufgelistet, dass sie auf Cortison und Novocain hochgradig allergisch reagiert.

Noch heute hat sie immer wieder damit zu kämpfen, also mit Cortison raus- Psychose weg war es scheinbar nicht getan!

Sie leidet an einem PTB Syndrom und wenn sie stationär liegt, wird sie angeblich immer wieder auf Psychose behandelt. Hat heute noch Probleme speziell mit Derealisierungen und massiven Schuldgefühlen.

Das Ding ist, dass sie stets meint, niemand glaubt ihr den Ursprung ihrer Erkrankung.

LG von Jutta
 
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André Rosellen

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Läuse und Flöhe

Hi Juttawa!

Offensichtlich hat Deine Patientin ja mindestens 2 psychiatrische Erkrankungen (gehabt?), nämlich

1. eine Cortisonpsychose und

2. eine PTBS, also eine posttraumatische Belastungsstörung.

Derealisierungen und massive (in der Regel ungerechtfertigte) Schuldgefühle sind typische Symptome einer PTBS;

auch kommen sie bei Menschen mit einer Borderlinestörung (davon sind mind. 75% missbraucht) häufig vor; desweiteren können Borderline-PatientInnen in Krisen durchaus psychotische Episoden haben, ohne dass dies die Zusatzdiagnose einer Psychose rechtfertigt. Es gehört zur Borderlinestörung dazu.

Ferner haben Menschen, die traumatische Erlebnisse überlebten, insbsondere wenn diese durch nahe Angehörige über Jahre ab Kindheit stattfanden, häufig unter dem zu leiden, was wir "flashbacks" nennen.

Innerhalb dieser "flashbacks" werden sie massiv von traumatischen Erinnerungen derart überrannt, dass sie nicht mehr ansprechbar sind (dissoziiert) und diese Erinnerungen bildhaft bis szenenhaft, also für die Betroffenen sichtbar und hörbar, sind und sie auf diese "flashbacks" wie auf Halluzinationen reagieren.

Es sind aber keine Halluzinationen sondern eben bild- oder sogar szenenhafte Erinnerungen, die nichts mit Psychose zu tun haben, weder mit einer endogenen (schizophrenen) noch mit einer exogenen (Cortison, Drogen).

Das verstehen und kennen aber leider längst nicht alle Psychiater, und so bekommen die Betroffenenen immer wieder den Stempel Psychose, weil sie eben Dinge sehen, die nicht da sind und evtl. Dinge hören, die nicht da sind, und man ihnen daher Halluzinationen und somit Psychosen unterstellt.

Sind aber keine Hallos und sie haben keine Psychose.

Soweit meine Gedanken dazu.

André
 
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juttawa

juttawa

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Hallo Andre!

Soweit ich die Patientin verstanden habe, wurde das Trauma erst ausgelöst durch die Erlebnisse im Zusammenhang mit der Psychose.
Das ganze Drumherum, die Klinikaufenthalte, der Schock der Psychose usw. waren eine traumatisches Erleben für sie.

Angeblich war vorher alles ok.

Aber wie gesagt, ich kenne sie noch nicht lange.

Zum Thema Flashbacks und/oder auch multible Persönlichkeitsstörungen kann ich nur bestätigen, dass es Psychiater gibt, die z.B. MPS rundheraus ablehnen als nicht vorhanden odergar unmöglich.

Gruß Jutta
 
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André Rosellen

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Hi Jutta!

du schreibst:

Das ganze Drumherum, die Klinikaufenthalte, der Schock der Psychose usw. waren eine traumatisches Erleben für sie.

Angeblich war vorher alles ok.
Nun, das Durchleben einer psychotischen Phase kann man als traumatisch empfinden.

Das dies aber wie ein Trauma i. e. S. (F43.1 oder F62.0) wirkt, scheint mir sehr unwahrscheinlich, ohne jedoch das Leid der Patientin herunterspielen zu wollen. Es geht mehr um wissenschaftliche Unterscheidungen. Daher würde ich - wenn wir schon beim ICD 10 bleiben - eher für eine Anpassungsstörung (F43.2) plädieren. Dies alles aber unter Vorbehalt, da ich die Pat. gar nicht kenne.
Jedoch halte ich Persönlich es für ausgeschlossen, dass eine psychotische Phase eine F60.2 auslösen kann; habe ich nie gesehen (in den letzten 20 Jahren)

Du schreibst weiter:

:Zum Thema Flashbacks und/oder auch multible Persönlichkeitsstörungen kann ich nur bestätigen, dass es Psychiater gibt, die z.B. MPS rundheraus ablehnen als nicht vorhanden odergar unmöglich.
Ja, da hats Du leider Recht. Zum Thema multiple Persönlichkeitsstörung (MPS) - oder besser DIS (Dissoziative Identitätsstörung) habe ich einiges auf meiner Homepage geschrieben (www.psychodoz.de). Lass Dich nicht von der ersten Seite abschrecken.

Lieben Gruß

André
 
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