Bewegungsplan / ES Dekubitusprophylaxe

antistandard

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Guten Tag Mitpflegende,

dies ist mein erster Beitrag. Ohne lange drumherum reden zu wollen, möchte ich direkt in medias res übergehen:

In userem kleinen Pflegedienst sind wir mit der Implementierung diverser Expertenstandards beschäftigt, u.a. Dekubitusprophylaxe.
Ein kleines Problem stellt die Anschaffung eines adäquaten Bewegungsplanes dar.
Folgendes konnte ich bis jetzt im Zuge meiner Recherchen feststellen:

1. Die auf dem Markt erhältlichen Bewegungspläne (DAN-Produkte, Buchner etc), fallen dadurch auf, daß sie auf den stationären Bereich zugeschnitten worden zu sein scheinen, wobei ich nach der Lektüre der Threads zu diesem Thema in diesem Forum auch feststellen musste, daß auch die Kollegen aus stationären Bereichen die "Praxisferne" dieser Formulare bemängeln. Im Ergebniss scheinen die meisten gekauften Formulare erst nach einer manuellen Anpassung (= mit Computer bearbeiten) "brauchbar" zu sein.

2. Neben diesen komerziellen Formularen, gibt es eine ganze Reihe von komplett selbsterstellten. Beim genaueren Betrachten solcher hausgemachter Bewegungspläne fällt aber auf, daß es sich dabei letztendlich doch wieder um gute oder schlechte Kopien der oben erwähnten komerziellen Produkte handelt, die "zusätzliche" Spalten und Formularfelder enthalten, die nach dem persönlichen Gusto des Verfassers eingefügt wurden - scheinbar ohne wissenschaftstheorhetischer Begründung.

3. Sowohl die komerziellen als auch die selbstgemachten Bewegungspläne sind inhaltlich sehr heterogen, d.h. sie unterscheiden sich inhaltlich enorm.
Ich kann mich an eine Studie erinnern (leider habe ich die Quelle nicht mehr), die ich während des Studiums las. Darin hat man Wunderhebungsblätter/-dokumentation verglichen. Dabei kam raus, daß sie sich im Bezug auf den Inhalt zu ca 70-80% ähneln - d.h. daß in diesen Formularen - egal ob von DAN oder von Buchner oder selbsterstellt - zu 70-80% die gleichen Daten abgefragt werden (Aussehen der Wunde, Wundgösse, Stadium etc.). Darin sah man einen weit fortgeschrittenen Konsens unter den deutschen Pflegekräften, was in eine Wunddoku hingehört, weil es relevant und darüberhinaus wissenschaftlich begründet ist. Bzw. auf der anderen Seite einen weit fortgeschrittenen Konsens im Bezug darauf, was in solche Doku nicht hineingehört.

Ich kenne zwar keine ähnliche Studie, die die sogenannten Bewegungsblätter untersucht hätte, doch gehe ich nachdem was ich bisher gefunden und gesehen habe, von "gefühlten" 30-40% Übereinstimmung. (Wenn man sich aber die Spalten, wo man abgekürzt die durchgeführte Bewegung/Lagerung einträgt, wegdenkt, dann liegen die Gemeinsamkeiten vielleicht doch nur noch bei 10%).

4. Neben dem Pflegedienst in dem ich arbeite, kenne ich noch 8 weitere ambulante Pflegedienste. In allen 8 geht man bei der Implementierung des Bewegungsplanes den Weg des "Kohl'schen Aussitzens" - d.h. man wendet weiterhin die "alten" Lagerungspläne an. "Wenn der MDK vorbeikommt und feststellt, daß wir keine Bewegungspläne haben, dann bekommen wir eine Ermahnung plus 6 Monate Zeit für Nachbesserungen. Dann besorgen wir uns ein Bewegungsplan und sortieren die ollen Lagerungsdinger aus" lautet die übliche Antwort. 2 von den oben erwähnten 8 Pflegediensten haben auf diese Weise die geführchtete §80-MDK-Prüfung bestanden und sind mittlerweile nach iso9001 zertifiziert.

Nun meine Fragen:
a) Kann mir jemand berichten, wie in seinem/ihrem Pflegedienst die Problematik des Bewegungsplanes angegangen wurde?
b) Wie klappt es mit der Compliance der Angehörigen? Ohne Angehörige würden auf dem Bewegungsplan vieler unserer Patienten maximal 3 Kürzel erscheinen, weil wir einen Patienten maximal 3 mal anfahren und dabei lagern. Es gibt aber auch Patienten, die dekubitusgefährdet sind, jedoch keine Angehörige mehr haben, die man in die Mobilisation einbeziehen könnte.
c) wie geht man mit Angehörigen um, die sich partout weigert, mitzumachen, auch wenn es "nur" gelegentliches "Zuppeln" an einem Handtuch ist (=Microlagerung)?
d) Kann jemand aus der ambulanten Pflege den in seinem Pflegedienst verwendeten Bewegungsplan hier im Forum uploaden?

Eine Bitte noch:
Die unter 1 bis 4 formullierten Beobachtungen sollen nicht in eine Diskussion führen, in der man über Sinnhaftigkeit von theoretisierender Pflegewissenschaft im allgemeinen und über das Fehlen sogennanter Menschlichkeit bei den Urhebern "abstrakter Expertenstandards" im speziellen redet. Dafür gibt es hier im Forum bereits andere Threads und draussen Berufsverbände.

Ich bin eher an praktikablen Lösungen interessiert. Praktikabel heißt indiesem Zusammenhang:

- der Bewegungsplan soll den rudimentären Forderungen des deutschen nationalen Expertentums genügen (-> Nationale Expertenstandards des DNQP)...

...gleichzeitig...

- soll der zeitliche Aufwand für die Durchführung dieses "Erhebungsrudiments" nicht auf Kosten der tatsächlichen Pflege gehen (die 76-zig spaltigen, DIN A3-großen Bögen würden es in der ambulanten Pflege tun), und ...

- die zu erhebenden Daten und ihre Auswertung sollen , falls möglich, doch der Verbesserung des Gesundheitszustands des Patienten dienen, denn...

...den NES Dekubitusprophylaxe gibt es seit 2000. Ich habe bei DNQP angerufen und gefragt, ob man mir Material zur Verfügung stellen könnte, das aussagt, daß die Einrichtungen, die NES Dekubitusprophylaxe implementiert haben, heute weniger Dekubitus haben als vor dem Jahr 2000. Bzw. ob die, die nach nationalen Standards pflegen, besser sind als die, die es nach regionalen, europäischen oder gar weltmässigen (WHO) Richtlinien tun. Die Antwort: man könne es nicht, weil man so ein Studienmaterial nicht besitze, der Standard jedoch sehr gut sein müsse, weil es bereits eine 2te Auflage davon gäbe und man würde schließlich nicht etwas zum 2ten Male drucken, wenn es nix brächte.... *;-)

Meine letzte Frage:
e) Hat Ihre Einrichtung (ambulanter Pflegedienst) durch den Einsatz der Expertenstandards die Dekubitusrate senken können? Wenn ja, mit welchen Instrumenten wurde es gemessen, wenn nicht, wieso?


Ich danke Ihnen allen fürs Mitdiskutieren und werde mich erst nächste Woche melden.
Schönes WE wünschend,
antistandard
 
Qualifikation
pflegewissenschaftler
Fachgebiet
ambulante pflege
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