Bariatrische Pflege/Akzeptanz schwer adipöser Patienten

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Deichkind88

Deichkind88

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Erst einmal möchte ich mich kurz vorstellen, ich bin Pflegekraft auf einer internistischen Station und arbeite seit nunmehr neun Jahren in der Krankenpflege.
In diesen 9 Jahren wurde die Zahl schwerst adipöser Patienten, zumindest subjektiv, immer größer...ich spreche hier nicht von den leicht übergewichtigen Menschen, sondern denen, die spezielle Hilfsmittel, wie Schwerlastbetten, Toilettenstühle und Bettpfannen in Übergröße benötigen und deren Behandlung und Pflege sich aufgrund ihres Übergewichtes deutlich anspruchsvoller gestaltet. Nun meine Frage, vor dem Hintergrund der ohnehin schon knappen Personal- und Zeitressourcen, wie gestaltet sich die Akzeptanz gegenüber diesen Menschen?
Ich spüre zunehmend, wie wenig Verständnis ich gegenüber dieser "Erkrankung" (ich kann es nicht einmal als "Erkrankung" bezeichnen...) habe und dass es mir und auch meinen Kollegen sehr schwer fäll, mit bariatrischen Patienten zu arbeiten. Einfach wegen mangelndem Verständnis und mangelnder Empathie.
Wie geht es Euch damit? Erfahrungen/Tipps?

Ich freue mich auf Eure Antworten!
 
Qualifikation
Medizin-Ökonomin/Krankenpflege
Fachgebiet
Orthopädie/Unfallchirurgie
benny34

benny34

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24.10.2010
Wiesbaden
Ich bin Anfang der 80er mal mit dem anspruch angetreten, mich immer neutral zu beginn eines Patientenkontakts zu verhalten und ihn nicht in Schubladen zu stecken.
Froh bin ich darüber, daß ich mir diesen anspruch bis heute erhalten konnte.

Im ambulanten Dienst vor etlichen Jahren hatten wir mal so einen Fall; da wurde dann mit Unterstützung von Krankenkasse und Sanitätshaus Bett, Toistuhl,Lifter entsprechend der Proportionen geliefert.

Akzeptanz?
Nun, ob der Pat. sich diesen Zustand bewusst ausgesucht hat oder nicht (meistens nicht freiwillig), geht mich auch gar nichts an. Er benötigt Unterstützung und die bekommt er.
Schwierig wird es nur da, wo der Pat. unkooperativ wird und stur gegen alle angebotenen Hilfen arbeitet. Aber auch da kann man mit ihm Klartext reden und versuchen, mit ihm einen besseren Weg zu finden.

Ich arbeite in einer Neuro-Reha, B-Phasen mit mittel bis stark kognitiv eingeschränkten Personen. Da kommen wir ständig an die "Akzeptanz-Grenze". Aber durch ehemalige Patienten, die mit maximalem Pflegeaufwand kamen und nach 4 Monaten zu Fuss das Haus verlassen haben und heute, 2 Jahre später wieder Auto fahren und arbeiten, haben wir mittlerweile gelernt, niemanden mehr in irgendeine Schublade ("...selbst dran schuld...") zu stecken.

Eine Kollegin einer Nachbarstation, die fortwährend Alkoholiker als "...selbst schuld.." betitelte und entsprechend behandelte, wurde dringend angeraten, zu kündigen. Was sie dann auch getan hat.
Bei kompletter "Nichtakzeptanz und Arroganz" reagiere ich und auch andere Kollegen extrem allergisch.

Wer weiß, vielleicht ist der extrem adipöse Mensch gerade jetzt froh, Hilfe zu bekommen und hat sich nie getraut, diese einzufordern?
Da steckt auch ein großes Maß an Scham drin und diese Menschen haben dann diesen Zustand im Laufe der Jahre auch als Schutz verinnerlicht und gar keine Idee, daß es auch anders ginge.

Ich möchte gerne auf Augenhöhe behandelt werden und dies setze ich in meiner Arbeit auch um.
 
Qualifikation
Altenpfleger;Fachkrankenpflege Neurologie/Geriatrie
Fachgebiet
Früh-Reha (B,C)
Deichkind88

Deichkind88

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Erst einmal vielen Dank für die Antwort.
Ebenso wie Du halte ich es für wichtig sachlich und neutral jedem Menschen gegenüber zu treten und nicht vorzeitig zu verurteilen. Weiterhin versuche ich mich stets an "Pflege so, wie Du auch gepflegt werden möchtest." zu halten. Dass dies nicht immer möglich ist, weiß ich. Meine Ansprüche musste ich hierbei gezwungenermaßen reduzieren.
Bezüglich der Akzeptanz, ich mache mir erst einmal ein Bild der Biographie und der Anamnese. Die "Selbst-Schuld"-Einstellung, von dieser kann ich mich nicht frei sprechen. Im Besonderen in Anbetracht der Tatsache, dass beispielsweise eine 130kg Patientin (1,58cm) sich die offenen Beine von mir verbinden lässt und währenddessen zwei Stücke Sahnetorte isst. Diabetes, kardiale Dekomp., aufgrund des Gewichtes keine eigene Körperpflege oder Mobilisation mehr möglich. Das nur als Beispiel. Da fehlt mir vollkommen die Akzeptanz als auch das Verständnis. Und ob ich möchte oder nicht, dieses fehlende Verständnis zeigt sich sicherlich zeitweise auch gegenüber der Patienten. Ich spreche nicht von Einzel-Schicksalen und den äußerst seltenen Stoffwechselerkrankungen. Sondern den ganz klar selbst verschuldeten Problemen...
 
Qualifikation
Medizin-Ökonomin/Krankenpflege
Fachgebiet
Orthopädie/Unfallchirurgie
R

resigniert

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03.01.2013
Münster
Welchen Gewinn hätte die Dame davon, keine Sahnetorte mehr zu essen?
Abnehmen kann sie nicht mehr (laut unseren Ärzten), eine Insulinresistenz wird sie eh schon haben. Was für ein Leben führt sie? Hat sie evtl. gelernt dass Essen tröstet? Ist ihr evtl. sowieso alles egal?
 
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GuK
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Intern
Deichkind88

Deichkind88

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Themenstarter/in
Ist die Einstellung "Jetzt ist eh' egal" denn richtig, geschweige denn eine Lösung?
Und wer sagt, dass sie nicht mehr abnehmen kann? "Unsere Ärzte?" - viele Mediziner haben ohnehin wenig Interesse und Wissen im Bereich der Ernährungsphysiologie...und muss man den Zustand noch verschlimmern, wenn man ohnehin immer immobiler wird, die in meinen Augen "unsägliche" Ernährung noch beibehält? Abgesehen davon, man kann IMMER etwas ändern und zumindest eine gesunde Ernährung würde in Anbetracht der weiteren Konsequenzen und morbiden Entwicklung einiges zumindest einmal aufhalten...
Und was sie davon hat? Mehr Lebensqualität, weniger Schmerz, weniger Infektionen, weniger Hilfsbedürftigkeit...
Da fehlt mir das Verständnis völlig. Korrigiert mich, wenn ich falsch liege...aber das macht mich regelrecht sauer, wenn solche Patienten permanent Hilfe fördern und absolut nichts an ihrem Lebensstil ändern...während ich als alleinige Pflegekraft versuchen muss, 130kg alleine zu bewegen und mich tagtäglich mit diesen Nebenerscheinung einer Erkrankung "rumschlagen" muss, die vermeidbar oder wenigstens aufzuhalten wäre...
 
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Medizin-Ökonomin/Krankenpflege
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Orthopädie/Unfallchirurgie
Klartext

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25.09.2017
Deutschland/Belgien
(...)
Ich spüre zunehmend, wie wenig Verständnis ich gegenüber dieser "Erkrankung" (ich kann es nicht einmal als "Erkrankung" bezeichnen...) habe und dass es mir und auch meinen Kollegen sehr schwer fäll, mit bariatrischen Patienten zu arbeiten. Einfach wegen mangelndem Verständnis und mangelnder Empathie.
Wie geht es Euch damit? Erfahrungen/Tipps?

Ich freue mich auf Eure Antworten!
Ganz einfach: die Ursachen erkennen. Regelfall: niedriger sozialer Status führt zu niedriger Gesundheitsbildung führt zu untauglichem Gesundheitsverhalten. Ursache: Ungleichbehandlung der Bevölkerungsschichten bezüglich Bildung und medizinischer (Selbst-)versorgung. Chancenungleichheit. Die Adipösen sind die Opfer ihrer Lebensumstände, und die zeichnen sich bei Mangelbildung v.a. durch gesundheitsschädliche Angebote einer Marktwirtschaft aus. (siehe die Werbung für unsinnige Lebensmittel, die keiner braucht.)
Riesenfaktor: Zucker. Wurde und wird bis heute als Lebensmittel betrachtet, es wird allzu oft auch gelehrt. man brauche Zucker.

Tja, Fazit: Nix Fressen, das aus Fabriken kommt. Siehe Louis Defuness "Das große Fressen".
 
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Fachgebiet
Pflege
Klartext

Klartext

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25.09.2017
Deutschland/Belgien
Also weißt Du: ich wundere mich gerade, daß ich mich jetzt innerlich auch noch genötigt fühle, Dir einfachstes Grundlagenwissen über die Adipositaserkrankung zukommen zu lassen. Denn das beantwortet doch Deine Frage. Daher verweise ich auf das Pflege Heute --> Gelbe Seiten --> Adipositas -->Augen drauf richten --> Lesen. (Ist nicht böse gemeint, will Dich nur erinnern, daß Pflegewissen diese Fragen doch beantwortet.)
 
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Pflege
L

lulli00

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17.02.2016
Wien
Öhm der Thread ist 1 Jahr alt.
Es geht nicht um die Theorie... sondern um die Emotion die man den Menschen gegenüber hat und die ist selbst trotz jeglicher Aufklärung und Theorie subjektiv und kann negativ ausfallen.

Ich weiß auch das Alkoholismus eine Krankheit ist, das keiner Freiwillig hat und sich auch nicht in dieser weise ausgesucht. Dennoch empfinde ich Unverständnis und Abneigung, gegenüber dem was der Alkoholismus aus dem Menschen gemacht hat. Gleichzeitig herrscht Betroffenheit gegenüber dem was dazu geführt hat. Als Pflegekraft bin ich genauso wenig Perfekt wie die Patienten. ich darf es nur nicht raushängen lassen und habe mein bestes zu geben den Menschen offen gegenüber zu treten. Was mir auch gelingt.

Letztendlich korreliert es auch noch mit der Personalknappheit. Da wird dem aufwendigen Patienten schon mal die Schuld zugeschoben. Dabei gehört sie nach oben und zu Marktwirtschaft, Bildung etc.
Auf gut Deutsch. Wir müssen ausbaden, was andere machen. Kann man drüber streiten...

Auf der anderen Seite: wir sind genauso "Blöde" Wieviel Kollegen sind übergewichtig, Rauchen etc. und wissen es besser?
 
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25.09.2017
Deutschland/Belgien
Öhm der Thread ist 1 Jahr alt.
Es geht nicht um die Theorie... sondern um die Emotion die man den Menschen gegenüber hat und die ist selbst trotz jeglicher Aufklärung und Theorie subjektiv und kann negativ ausfallen.
Ja schon, aber wenigstens bei mir ist es so: verstehe ich einen Zusammenhang, verändert sich meine Emotion. Beispiel: Sehe ich einen lachenden Menschen und weiß auch noch, warum er sich freut, kann ich doppelt gut mitlachen. Für ihn und mit ihm, sozusagen.

Ich weiß auch das Alkoholismus eine Krankheit ist, das keiner Freiwillig hat und sich auch nicht in dieser weise ausgesucht. Dennoch empfinde ich Unverständnis und Abneigung, gegenüber dem was der Alkoholismus aus dem Menschen gemacht hat. Gleichzeitig herrscht Betroffenheit gegenüber dem was dazu geführt hat.
Daß es ne Krankheit ist ist halt vom Verständnis her nicht genug, um sachlich darüber zu werden und die Emotionalität mal ad akta zu legen beim professionellen Arbeiten mit Menschen. Sorry für diesen Klartext, aber man soll ja eine gesunde Distanz entwickeln, die einen gesund läßt beim Arbeiten mit Kranken, gell? Dafür ist das ja nötig, gerade wenn man mit Abhängigen arbeitet.

Natürlich ist es widerwärtig, daß sich in unserer Gesellschaft Menschen chronisch vergiften müssen, um ihr Leben zu ertragen. Aber auch das hat ja Ursachen, die erforscht sind, sozialmedizinisch erforscht.

Oft sind es ja normative Ereignisse, die im Leben einfach schief laufen, also im Leben vieler Menschen wiederkehrende Ereignisse oder Bündel von Ereignissen, Ereignisketten. Beispiel: , Vater Alkoholiker, Mutter depressiv, Hauptschulabschluß, Schweißerlehre, Bier am Arbeitsplatz, Freundin verläßt ihn für Heinz, erster Absturz in den Alkohol. Therapie. Nächstes Ereignis, aufbauend auf den ersten, such Dir was aus. Die Biographie ist eine Kette aus Ursachen, sie führt neben anderen Faktoren in die Krankheit hinein. Krankheit fällt ja eben nicht vom Himmel.
Als Pflegekraft bin ich genauso wenig Perfekt wie die Patienten. ich darf es nur nicht raushängen lassen und habe mein bestes zu geben den Menschen offen gegenüber zu treten. Was mir auch gelingt.
Es ist halt die Frage, ob man sich noch Streß mitnimmt, weil man zu Patient X geht.

Letztendlich korreliert es auch noch mit der Personalknappheit. Da wird dem aufwendigen Patienten schon mal die Schuld zugeschoben. Dabei gehört sie nach oben und zu Marktwirtschaft, Bildung etc.
Auf gut Deutsch. Wir müssen ausbaden, was andere machen. Kann man drüber streiten...
Ja, da kann ich Dir nur zustimmen. Die Rahmenbedingungen sind sicherlich nicht toleranzfördernd, geschweige denn akzeptanzsteigernd. Keine Ahnung, wie die Praxis sein müßte, um wirklich immer einen wertschätzenden Umgang mit allen Beteiligten zu pflegen - innerlich wie äußerlich. Ich erinnere mich da maximal an einen kurzen Moment in meinem Leben, wo es mal so war. Wie ich gehört habe ist das im Ausland durchaus zu finden.

Auf der anderen Seite: wir sind genauso "Blöde" Wieviel Kollegen sind übergewichtig, Rauchen etc. und wissen es besser?
Ja, siehst Du: das ist das ja. Wir sind arme Schweine, wir Pflegenden. Was sind unsere Patienten? Arme Schweine. Opfer, im Grunde. Wir Pflegenden sind Opfer unseres Gesundheitssystems und unserer eigenen Machtlosigkeit. Und die Patienten sind Opfer ihrer Lebensführung, die wiederum das Resultat der ihnen von unserer "Hochkultur" multimedial angepriesenen "Lebensqualität" sind. Inklusive ihrer medizinisch-pflegerischen Versorgung.

Willkommen im Hamsterrad. :)
 
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05.07.2001
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