Atmung & Beatmung Bakterien/Partikelfilter - Sinn und Unsinn?

Status
Für weitere Antworten geschlossen.
G

GPM

Neues Mitglied
Basis-Konto
12.05.2006
Hej,

ich habe einen Fragenkomplex, der mich umtreibt und auf den ich keine bislang keine (belastbaren) Antworten gefunden habe. Irgendwie bewegt sich alles im Nebel von 'Meinung', 'Erfahrung' oder 'Gewohnheit'.

Mir ist klar, dass das auch alles richtig sein kann, ich bin aber nicht zufrieden damit. Mit 'belastbar' meine ich, dass es nachvollziehbare/nachlesbare und seriöse Angaben (Quellen) geben sollte, warum man etwas so und nicht anders macht. Das ist mein persönlicher Anspruch, ich will es halt genau wissen.

Daher bitte ich euch, wenn ihr antworten solltet, auf diesen Anspruch einzugehen und Meinungen, Erfahrungen und Gewohnheiten als ebensolche zu kennzeichnen. Wie gesagt, kann ja alles richtig sein.

Zum Thema:

1. Nach meinem Verständnis hat der Filter in einem Infusionssystem incl. Hahnenbank die Funktion, wie der Name schon sagt, Bakterien und Fremdkörper aus dem Infusionsstrom zu filtern und somit den Patienten davor zu schützen, diese Dinge infundiert zu bekommen.

Nun ist - sicher nicht nur auf meiner Einheit - zwischen Filter und ZVK-Ansatz in aller Regel ein oder mehrere 3WH (3-Wegehähne) - klar, um z.B. im Notfall Medikamente mit weniger Totraum verabreichen zu können.

(Hier bin ich gleich mal auf eine Begriffsverwirrung gestoßen, obige 3WH werden nämlich entweder als VOR oder als NACH dem Filter bezeichnet.
Wichtig: Um Missverständnissen vorzubeugen, soll in diesem Beitrag der Ort des 3WHs im Fluss der Infusionslösung betrachtet werden. Der 3WH zwischen Filter und ZVK-Ansatz ist nach dieser Betrachtungsweise also HINTER oder NACH dem Filter!)

Alles, was HINTER dem Filter einläuft, wird nach meinem Verständnis eben nicht mehr durch den Filter gefiltert = Schutzfunktion aus.

1.a) Die erste Ungereimtheit tut sich darin auf, dass bei uns diese 3WH HINTER dem Filter täglich gewechselt werden, das Gesamtsystem mit Filter und Hahnenbank nur alle 96 Stunden, d.h. wir manipulieren einmal täglich in dem vom Filter ungeschützten Bereich, durch An- und Abdrehen der 3WH, Spritze zum Spülen ansetzen etc.
Einen echten Grund dafür konnte ich auch durch scharfes Nachdenken nicht finden und eine Begründung für diesen 'Standard' gibt es (bei uns) nicht.

1.b) Nun ist es in unserem Haus Usus und es gibt auch Anweisungen dazu, dass alle Kurzinfusionen, unbeschadet ihres Inhaltes, nicht an der Hahnenbank oder VOR dem Filter sondern entweder an separaten Zugängen (z.B. Viggos, andere ZVK-Schenkel) oder an eben diesen 3WH HINTER dem Filter anzuhängen sind.

(Bei mehrlumigen ZVKs ist das Hahnenbank-Filter-System bei uns i.d.R. am 'distalen' Schenkel. Die anderen Schenkel haben keinen Filter, nur jeweils einen 3WH. Für die Applikation unterschiedlicher Medis an unterschiedlichen ZVK-Schenkeln (Ernährung, Katecholamine, Analgosedierung, Antihypertonika etc.) gibt es auch klare Regeln, aber das soll nicht das Thema sein, klammern wir das hier mal aus, es geht vornehmlich um Kurzinfusionen. Nach meinem Verständnis sollte aber eigentlich an jedem Schenkel, außer an dem für Massentransfusionen, ein Filter sein, ist es aber nicht.)

Für mich heißt das, dass der Patient ein- bis mehrmals täglich absichtlich Risiken ausgesetzt wird indem der Filter umgangen wird: Gefahr der Keimeinwanderung beim Anschließen/Verstöpseln mit anschließender Sepsis; Gummi-, Metall- oder Glaspartikel, die in die Blutbahn gelangen.

2. Zur Begründung von 1.b) wurde mir gesagt, dass der Filter aufgrund seiner Porengröße (unsere haben 0,12 µm) Medis unwirksam machen könne, z.B. Antibiotika oder Antihypertensiva.

Ich habe trotz aufwändiger Suchbemühungen nichts finden können, was diese Meinung stützen würde. Mir persönlich ist eine einzige Lösung bekannt, die nicht 'filtergängig' ist: Humanalbumin (abgesehen von Lipidlösungen, für die es aber separate Filter gibt) .

3. Wenn das o. g. alles richtig wäre: Was wäre dann der Sinn einer Hahnenbank? Die könnte man sich dann nämlich echt sparen.

4. Die Frage nach dem Sinn des Filters wurde mir u.a. beantwortet mit: Damit die Standzeit des Systems verlängert werden kann. Sollte das der einzige Zweck sein, finde ich das fragwürdig.

Daher frage ich euch hier: Was wisst ihr zu dem Thema, wie macht ihr es, gibt es zu einzelnen Punkten Quellenangaben?

Es tut mir leid, das dieser Beitrag so lang geworden ist, aber ich wollte es so gut wie möglich beschreiben.

Ich freue mich auf eure Antworten!
 
Qualifikation
pfleger
Fachgebiet
klinik
Christian Kröhl

Christian Kröhl

Administrator
Teammitglied
25.06.2000
Hallo GPM,

ich sitze im wackelnden Zug - mit funktionierendem WLAN, man solls nicht glauben -, aber ich versuch das mal unfallfrei zu beantworten.

1. Nach meinem Verständnis hat der Filter in einem Infusionssystem incl. Hahnenbank die Funktion, wie der Name schon sagt, Bakterien und Fremdkörper aus dem Infusionsstrom zu filtern und somit den Patienten davor zu schützen, diese Dinge infundiert zu bekommen.
Zu Anfang möchte ich mit einem auch von Dir begangenen Missverständnis aufräumen. Die Filtersysteme an Hahnenbänken sind originär Partikelfilter, keine Bakterienfilter. Das bedingt sich zwangsläufig durch die notwendige Porengröße, die für viele Mikroorganismen keine Barriere darstellt. Die reduzierte Keimbelastung einer Hahnenbank - und damit die verlängerten Standzeiten - resultieren aus dem kontinuierlichen Infusionsstrom, der patientenseitig aufsteigende Infektionen erschwert (aber dauerhaft nicht verhindert), primär jedoch daraus, dass die Keimeinbringungsquelle #1 weitgehend ausgeschlossen wird: Hygienemängel bei Manipulationen am Infusionssystem.

(Hier bin ich gleich mal auf eine Begriffsverwirrung gestoßen, obige 3WH werden nämlich entweder als VOR oder als NACH dem Filter bezeichnet.
Wichtig: Um Missverständnissen vorzubeugen, soll in diesem Beitrag der Ort des 3WHs im Fluss der Infusionslösung betrachtet werden. Der 3WH zwischen Filter und ZVK-Ansatz ist nach dieser Betrachtungsweise also HINTER oder NACH dem Filter!)
Das ist gängige Termini, da wir in Pflege und Medizin immer als Ausgangsort den Patienten betrachten. So, wie wir seit je her Rechts und Links auch vom Patienten ausgehend verwenden.

1.a) Die erste Ungereimtheit tut sich darin auf, dass bei uns diese 3WH HINTER dem Filter täglich gewechselt werden, das Gesamtsystem mit Filter und Hahnenbank nur alle 96 Stunden, d.h. wir manipulieren einmal täglich in dem vom Filter ungeschützten Bereich, durch An- und Abdrehen der 3WH, Spritze zum Spülen ansetzen etc.
Einen echten Grund dafür konnte ich auch durch scharfes Nachdenken nicht finden und eine Begründung für diesen 'Standard' gibt es (bei uns) nicht.
Das sollte allerdings offensichtlich sein. An 3-Wege-Hähnen wird regelhaft täglich manipuliert. Sei es durch Zuspritzungen, Infusionen oder Perfusionen. Durch das Konnektieren/Dekonnektieren weisen diese nach 24h-igem Gebrauch jedoch erhebliche Keimbelastungen auf.

1.b) Nun ist es in unserem Haus Usus und es gibt auch Anweisungen dazu, dass alle Kurzinfusionen, unbeschadet ihres Inhaltes, nicht an der Hahnenbank oder VOR dem Filter sondern entweder an separaten Zugängen (z.B. Viggos, andere ZVK-Schenkel) oder an eben diesen 3WH HINTER dem Filter anzuhängen sind.
Das entspricht auch den Empfehlungen hinsichtlich des Medikamentenmanagements. Zum einen stellen wir durch kontinuierliche Perfusion mehrerer Medikamente im Schlauchsystem der Hahnenbank eine Mischinfusion her. Mit allen chemischen und physikalischen Begleiterscheinungen, d.h. Reaktionen der verschiedenen Lösungen und Wirkstoffe miteinander. zum anderen wollen wir eine gleichbleibende Applikationsrate der Wirkstoffe. Andernfalls könnten wir uns Infusomaten und Perfusoren ja auch sparen und Kurzinfusionen oder Boli auch über einen Katecholaminschenkel zugeben. Wir alle werden es schon erlebt haben: der Monitor alarmiert, der katecholaminpflichtige Patient zeigt eine hypertone Entgleisung und daneben steht ein unschuldig und nicht verstehend blickender ärztlicher Kollege, eine 2 ml Spritze in der Hand und stammelt, er habe doch nur 20mg Furosemid gespritzt..

Was ich damit sagen will: kontinuierliche Applikationsraten haben ihren Sinn und sollen solche und ähnliche zusätzliche Belastungen für den Organismus des Patienten vermeiden. Daher werden Zuspritzungen und Kurzinfusionen an seperaten Schenkeln oder peripheren Zugängen vorgenommen. Nicht zuletzt, um die Verkeimung der Hahnnbank - die immerhin bis zu 96 Stunden verwendet wird und somit Mikroorganismen eine Menge Zeit lässt - gering zu halten.

Ich habe trotz aufwändiger Suchbemühungen nichts finden können, was diese Meinung stützen würde. Mir persönlich ist eine einzige Lösung bekannt, die nicht 'filtergängig' ist: Humanalbumin (abgesehen von Lipidlösungen, für die es aber separate Filter gibt) .
Oh, da liegst Du aber völlig falsch. Es gibt reihenweise Medikamente, die nicht filtergängig sind und/oder dort zu Filterblockaden führen, weil sie mit anderen Medikamenten chemisch reagieren. Einen kleinen Anhalt kann Dir dabei dieses Programm der Fa. BBraun Melsungen geben, das inzwischen aber deutlich in die Tage gekommen und in Teilen sozusagen outdated ist: Intensiv - Software: Kompatibilität im Katheter (PC, 32bit) (Nur Anschauungsmaterial - neue Version bitte beim Hersteller anfordern!).

Aber um es zusammen zu fassen: Du vernachlässigst bei Deinen Überlegungen die im Grunde auf der Hand liegenden hygienischen Aspekte, die gerade für Intensivstationen essentiell sind. Nicht nur hinlänglich des Outcomes der Patienten, sondern insbesondere auch hinsichtlich derer Liegezeiten und prolongierten Verweildauer durch nosokomniale Katheterinfektionen (denn irgendjemand muss das ja auch bezahlen).

Eine gute Anlaufstelle für Dich - oder eure Station - wäre sicherlich eure Hygienefachkraft, die u.a. auch die aktuelle Studienlage zu kathetherassoziierten Infektionen vorliegen haben sollte. Wenn dahingehend aber so große Unsicherheiten oder Wissenslücken bestehen, regt doch vielleicht einfach mal eine Stations-Fortbildung bei eurer Leitung an.

Viele Grüße,
Christian.
 
Qualifikation
Fachkrankenpfleger für Anästhesie & Intensivpflege
Weiterbildungen
Fachkraft für Leitungsaufgaben in der Pflege
Studium
Gesundheits- und Sozialökonomie, Betriebswirtschaft (VWA)
S

Surrogat

Hallo GPM,

ich kann das was Christian schreibt nur bestätigen - gerade was den Hygieneaspekt, Wechselintervalle und Flussraten angeht.

Vor wenigen Jahren hatte ich mit Kollegen eine zweitägige Fortbildung zum Thema "Infusionsmanagement" bei der o.g. Firma - neben Produktschau und Besichtigung des dortigen Simulationszentrums in Morschen und des Werkes ging es hauptsächlich um die Risiken und Vermeidungsstrategien bei der Nutzung vasaler Zugänge.
Ein grosser Bereich wurde damals dem Themenkreis "Partikelfilterung" zugedacht - incl. einiger sehr hässlicher Aufnahmen von diversen Mikroteilen, die sich in Filtermembranen gefangen hatten und der Frage, inwieweit solche über Endothelschäden zu Mikrothromben etc. führen könnten.
Am Ende durften wir dann 'mal mit der aktuellsten Variante der KiK-Software arbeiten...und wirklich jeder war überrascht, was so an Inkompatibilitäten alleine bei den jeweiligen "Standardmedikamenten" auftrat.
Konsens: in der Regel zu wenig Zugangswege und unpassende Medikationsintervalle.

Besonders interessant in diesem Zusammenhang war die Aussage eines Kollegen, man habe auf seiner Station die Filter abgeschafft, weil "die ja immer so rasch zugingen" und dann gewechselt werden mussten. Sei ja auch "teuer".
Nachdem er ein wenig mit dem KiK-System gearbeitet hatte, war klar, dass der Filter einfach nur seinen Job gemacht und wahrscheinlich die Ausfällungen ausserhalb des Patienten abgefangen hatte.

Alles in allem hat mich dieser Besuch massiv sensibilisiert - wenn man so vorbereitet dann allerdings wieder in den Klinikalltag eintaucht, sind viele Situationen dann jedoch einfach nur zum Verzweifeln...
 
Zuletzt bearbeitet von einem Moderator:
Pflegeboard.de

Pflegeboard.de

Administrator
Teammitglied
05.07.2001
www.pflegeboard.de
Dieses Thema hat seit mehr als 365 Tagen keine neue Antwort erhalten und u.U. sind die enthalteten Informationen nicht mehr up-to-date. Der Themenstrang wurde daher automatisch geschlossen. Wenn Du eine ähnliche Frage stellen oder ein ähnliches Thema diskutieren möchtest, empfiehlt es sich daher, hierfür ein neues Thema zu eröffnen.
 
Status
Für weitere Antworten geschlossen.

Verwandte Forenthemen

W
Hi, ich bitte um rat, bin gerade ein wenig verzweifelt. Ich hatte über das letzte Wochenende 4 Nachtdienst und kann seit dem nicht mehr...
  • Erstellt von: Wacken11
4
Antworten
4
Aufrufe
2K
M
ghetti26
Hallo, Ich habe Mal eine Frage: Wie steht ihr zur Anwendung eines Warm Touch wenn der Patient Katecholamine laufen hat. Mir ist die...
  • Erstellt von: ghetti26
4
Antworten
4
Aufrufe
941
A
S
Hallo zusammen , im Rahmen meiner Forschungsarbeit habe ich drei verschiedene Konzepte erstellt, die zeigen, wie die Zukunft des...
  • Erstellt von: sijuki
0
Antworten
0
Aufrufe
372
S
McMiller
Hey liebe Kollegen und Kolleginnen der Notfallmedizin :) Ich würde euch gerne mein kompaktes Video zum Schock-Syndrom/Schock-Spirale...
  • Erstellt von: McMiller
0
Antworten
0
Aufrufe
381
McMiller