Arbeit einer "Schulkrankenschwester" in einer Ganztagsschule

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Chilenurse

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13.02.2003
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Frequent Flyers und die Arbeit einer Schulkrankenschwester

Planen, das können wir nicht.
Kein Tag ist gleich. Man nimmt sich tausend Dinge für den Tag vor, macht eine Liste und es kommt doch ganz anders. Nach Uhrzeit kann man nicht arbeiten. Die Tagesplanung, die man so gerne durchführen möchte, bleibt meistens auch auf der Strecke. Wie gerne würde ich viel mehr für unsere Schüler tun. Ideen fehlen mir nicht, aber die Umsetzung!

Ruhe hat man selten. Kaum bin ich mal weg, am Kopierer, in den Klassen oder sonst unterwegs, klingelt schon mein mobiles Telefon.
Wo bist Du: die Stimme am anderen Ende. Ein Kind sitzt vor Deiner Tür. Was hat es denn, frage ich? Die Stimme: es geht ihm ganz schlecht........ Bauchschmerzen!
Als ich mir das Kind nach einigen Minuten anschaue, denke ich nur, “er“ schon wieder. Ein Junge der seit September über 20 x bei mir war.
Mal dies, mal das, meisten Bauchschmerzen. Ich kenne ihn schon ganz gut. Ein Glas Tee, ein paar „verbale Streicheleinheiten“, und dann schicke ich es wieder in die Klasse (mit Lehrer und Mutter schon viele Worte gewechselt).
„Frequent flyers“ werden diese Kinder bei uns genannt.

Ich arbeite seit 1,5 Jahren mit einer Software aus USA, für Schulkrankenschwestern, und dokumentiere alle Besuche der Kinder in das Programm. Dadurch weiß ich immer wer, wann, warum wie oft, etc. bei mir war. Ich kann damit Statistiken erstellen, welche Klasse prozentual am häufigsten bei mir war. Ob mehr Mädchen oder Jungen da waren, zu welcher Tageszeit (in der Pause oder im Unterricht) mehr Kinder kommen und auch prozentual, wie viele Minuten oder Stunden die Kindern im Krankenzimmer verweilen.
Alles wird genau dokumentiert. Ist eine tolle Sache, hat aber viel Arbeit und vor allem Nerven gekostet. Es ist in Englisch, alle medizinischen Begriffe kannte ich nicht, und da ich sowieso oft mit dem Computer kämpfe hat es Wochen gekostet.

Noch bevor die Schule startet kommen oft schon die ersten Patienten zu mir. Der Grund? Wegeunfälle, Übelkeit vom Autofahren, zu Hause schon krank aber die Eltern müssen ja zur Arbeit, usw.
Eigentlich versuche ich frühmorgens den Papierkram zu erledigen der am Vortag liegen geblieben ist. Koche Tee, schließe alles auf, bediene das Telefon (Krankmeldungen der Vorschule und der Primarstufe. Die der Sekundarstufe macht jemand anders), mache Kopien, checke neue Mails, schreibe Briefe, fülle die Unfallanzeigen für die Unfallkasse und für die Berufsgenossenschaft aus...

Meine Hauptaufgabe ist dafür zu sorgen, dass die Schüler fit und gesund sind oder bleiben, damit sie so wenig wie möglich am Unterricht fehlen (Rückgang von Fehlstunden).
Es werden dadurch weniger Kinder unnötig nach Hause geschickt
Durch frühzeitige Empfehlungen und Behandlungen vermindert sich die Übertragung von ansteckenden Krankheiten, auch auf das Schulpersonal bezogen.
Natürlich schicke ich fast täglich mindestens ein Kind nach Hause, aber bei Lappalien versuche ich sie immer hierzu lassen, auch unter Protest mancher.

Schulunfälle passieren zu jeder Zeit.
Es gibt die Kleinen, die man kaum sieht, dazugehören z.B. Kratzer, Kinderbisse, dann die vielen Schürfwunden, Prellungen, Verstauchungen, Beulen, Sportunfälle
Zu den Größeren zählen dann schon die Schnittverletzungen (die zum Nähen in die Klinik müssen), abgebrochene Zähne(gleich zum Zahnarzt), Bänderrisse, leichte Kopfverletzungen, etc.
Zu den großen Verletzungen zählen Knochenbrüche, Kopfverletzungen mit Gehirnerschütterungen, Rückenverletzungen, Augenverletzungen.

Auch kommen die Kinder wegen:
Entfernung von Splitter, Insektenstiche, jede auch nur erdenkliche Art von Allergien, Asthmaanfälle, Halsschmerzen, Husten, Unwohl sein, Periodenschmerzen oder Bedarf an Hygieneartikel für die Mädchen (und allen Kolleginnen in der Schule), Nasenbluten, Durchfall, Übergeben, Fremdkörper im Auge, Ohrenschmerzen, Ohrring- oder Piercing Entzündung.
Kleiderwechsel gehört auch zur Wochenroutine, warum? Inkontinenz, nass vom Regen oder Matsch (und Schnee im Winter), Blut, Erbrochenes, Hose geplatzt oder zerrissen und last but not least: Sportsachen vergessen!

Wir haben ein Kind mit Diabetes, welches sehr gut mit ihrer „Krankheit“ zu Recht kommt. Trotzdem geschieht es schon öfters, dass ich geholt werde oder sie zu mir gebracht wird weil der Zucker entgleist ist. Hier muss sofort gehandelt werden. Ihre Notfallmedikamente sind im Krankenzimmer.

In einer speziellen Box, die immer zugänglich ist, sind Notfallmedikamente von anderen, mit Namen gekennzeichnet, Kinder (Allergien, Asthmaanfälle, Schmerzmittel, etc).

Mein tägliches Brot lautet: Kopf- und Bauchschmerzen und ab und zu welche die gerade mal eine kleine "Unterrichtspause" brauchen.

Mit der "Lauspolizei" kontrollieren wir regelmäßig vom Oktober bis ca.März alle Kinderköpfe bis zur 5.Klasse nach Nissen und Läuse.
Bei jedem „Fund“ werden die Eltern sofort informiert und beraten und die betroffene Klasse bekommt einen Brief mit Informationen. So erhoffen wir uns, das eine schnelle Verbreitung bei uns in der Schule verhindert wird. Natürlich werden leider nicht alle Fälle von den Eltern an uns weitergegeben. Schade!

Von Eltern, aber auch vom Schulpersonal werde ich öfters mit einer „Arztpraxis“ verwechselt. Sie kommen zu mir und wollen eine Beratung. Grundsätzlich stelle ich weder Diagnosen noch bin ich Ärztin. Natürlich helfe ich wo ich kann. Aber Schmunzeln darf ich doch noch, oder?

Ein großes Thema sind die jährlichen Schulärztlichen Untersuchungen bei den 900 Kindern.Dieses ist Pflicht und ein Service der Schule. Bevor der Arzt aber kommt muss ich alle Karteien auf den Laufenden halten, Briefe an Eltern schreiben, Impfausweise kopieren und vor allem, Einbestellungen der Kinder organisieren.
Dann werden die Kinder von mir gemessen, gewogen und bekommen einen Augentest. Danach heißt es wieder, Briefe an Eltern, alles sortieren und die Untersuchungen auswerten (für die Statistik).

Seit 2 Jahren organisiere ist für die 9.Kl. einen Aids und Hepatitis Mobil Dienst, der in die Schule kommt. Gerne würde ich viel mehr Präventionarbeit betreiben,aber ich schaffe es zeitlich nicht.
Ach ja, die Notfalltaschen für Klassenausflüge oder Tagesausflüge müssen neu gepackt werden.
Materialbestellung werden gemacht.
Erste Hilfe Kurse für Schüler und Lehrer organisieren, Zahnarzttermine für die Kleinen, dazwischen aktuelle Informationen aus den Internet holen......................und so weiter und sofort!

Und die Frequent Flyers.......................die kommen immer, auch wenn ich ja eigentlich keine Zeit mehr habe.

(diesen Artikel habe ich letzten Sommer geschrieben)
 
Qualifikation
Schulkrankenschwester
Fachgebiet
Schul-Krankenschwester an Ganztagsschule von Kindergarten bis 12.Klasse
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Teammitglied
05.07.2001
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