Aktueller Fall - Fragen und Verständnis - Letzter Weg

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nervzwergl

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Hallo zusammen,

aus aktuellem Anlass möchte ich kurz die Hintergrundgeschichte erklären, um dann meine noch offenen Fragen zu stellen:

Mein Vater, 70 Jahre, Lewi-Körperchen-Demenz und Parkinson, Pflegegrad 4, wurde bis vor ca. 2 Wochen bei uns zuhause mit Unterstützung einer ambulanten Pfelge gepflegt.

Medikamentös war er, soweit ich das beurteilen kann, gut eingestellt.
Er war immer mehr der ruhige Typ.

Dann musste er wegen der aktuellen Grippewelle (Influenza B) und einer Lungenentzündung ins KH. Dort wurde er dann nach 7 Tagen wieder entlassen mit dem Hinweis, er sei noch ansteckend, aber sonst sei er stabil.
Seitdem war mein Vater extrem unruhig. Er hat haloziniert und ständig geschrien, Tag und Nacht. Nach drei Tagen musste er erneut ins gleiche KH wegen einer Verstopfung.

Dort wurde er sogar aggresiv gegenüber den Krankenschwestern und Ärzten, sodass sie ihn fixierten und seinen Neurologen hinzugezogen haben, der dann die Medikamentation nochmal justiert hatte.

Hier wurde er nach 2 Tagen wieder entlassen und war dann wieder zuhause. Aber sein Schreien hörte nicht auf und auch die Aggressionen gingen dann gegen meine Mutter.

Daraufhin haben wir ihn nach Rücksprache mit der Hausärztin ins Bezirksklinikum einweisen lassen um die Medikamentation zu optimieren um ihn danach wieder heim zu holen.

Als wir ihn dort dann besucht hatten, saß er in einer Art Dämmerzustand in einem Stuhl und war nicht mehr in der Lage sich verbal zu verständigen. Wir dachten, dass das eine Nebenerscheinung der Medikamenten-Optimierung sei.

Zwei Tage später wurde ich als bestellter Betreuer vom Notarzt aus dem RTW angerufen, der dann gefragt hatte, dass mein Vater im Bezirksklinikum einen Atemstillstand erlitten hat und sie gerade auf dem Weg in eine Klinik seien. Es liegt eine Patientenverfügung (PV) vor, in der lebenserhaltende Maßnahmen nicht gewünscht sind. Der Notarzt wollte wissen, ob sie ihn beatmen sollen oder der PV folgen sollen. Bei nicht erfolgter Beatmung würde mein Vater innerhalb einer Stunde sterben.

Da ich eine derartige Entscheidung nicht aus einem Schockzustand heraus treffen wollte, bat ich den Notarzt, meinen Vater erstmal zu beatmen, da ich mir erst ein Bild über die Situation machen muss.

Im Klinikum angekommen, wurden wir über die Situation informiert und vom Arzt der Notaufnahme erhielt ich einen indirekten Vorwurf, weshalb ich mich nicht an die PV gehalten habe und den Willen meines Vaters respektiere.

Irgendwann ging es dann auf die Intensivstation. Hier wurde er dann mit Infusionen und einem Beatmungsgerät wieder stabilisiert. Nach Rücksprache mit meinen Geschwistern und auch meiner Frau und meiner Mutter, haben wir letztendlich entschieden, die PV zu akzeptieren und meinen Vater von der Beatmungsmaschine zu nehmen. Wenn er aus eigenen Stücken atmen kann, dann ist das gut und wenn nicht, dann wird er nicht wieder angeschlossen.
Außerdem sollte laut PV keine künstliche Ernährung stattfinden.

Inzwischen liegt mein Vater auf der Palliativ Station.

Nahrung kann er keine mehr aufnehmen.
Flüssigkeit nur, wenn er danach fragt, sofern das möglich ist. Dann kann er aber auch nur an einer Sprize mit gefrorenden Getränken lutschen.
Er bekommt Morphine dauerhaft verabreicht.

Zwei Tage war er sehr unruhig. Seit zwei Tagen nun sieht es so aus, als würde er die ganze Zeit schlafen.

Flüssigkeit bekommt er nur noch über die gefrorenen Getränke oder eben über die Morphin-Spritzen.
Nahrung an sich, gar nichts mehr, da er diese verweigert und auch gar nicht mehr schlucken könnte.

Er wird aktuell sehr gut umsorgt, wie ich den Eindruck habe.

Nun zu meinen Fragen (für die, die es bis hierhin geschafft haben zu lesen):

Ich mache mir Vorwürfe, weil ich die Beatmung "angeordnet" habe, obwohl in der PV etwas anders steht. Viele haben gesagt, sie hätten ebenfalls so entschieden. War es falsch von mir? Ich wollte seinen Leidensweg doch nicht mutwillig verlängern.

Hätte mich der Notarzt überhaupt anrufen und nach der Beatmung fragen sollen?

Befindet sich mein Vater schon im Sterbeprozess?

Wen ja, wie lange kann es noch dauern, bis er "verhungert" oder "verdurstet"? Gibt es da grobe Richtwerte?

Hätten wir als Angehörige irgendetwas besser machen können?

Die Ärztin der Palliativ-Station meinte, wenn er so stabil bleiben würde, wie er jetzt gerade ist, dann würden sie ihn nächste Woche entlassen:

Können wir meinen Vater zuhause überhaupt so versorgen, wie er es braucht? Die Ärztin meinte, sie würde alles nötige mit den Pflegediensten abklären. Aber wir können ihn doch keine Morphine verabreichen. Das fällt doch unters BMG.

Ich bin im Moment ziemlich verzweifelt und hoffe, dass ich die ein oder andere Frage beantwortet bekomme.

Danke schon mal für eure Zeit.

LG
Michl
 
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lulli00

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Hallo.

es tut mir leid das du in eine solche Lage geraten bist.

Der NA hat dich angerufen da er auf die schnelle die Richtigkeit der PV nicht überprüfen kann. Somit ist das was passiert ist weder schlimm noch gut. Mach dir keine vorwürfe. In so einem Moment ist man einfach überfordert und lass dir erst recht keine Vorwürfe von jemanden machen der nicht in deiner Lage war.

Was dazu geführt hat das der Zustand deines Vater sich so verschlechtert hat, kann dir hier niemand sagen. Ob sich dein Vater im Strebeprozess befindet kann dir der Palliativarzt beantworten. Wie lange es ggf. dauert kann dir wirklich gar keiner Sagen. Das Dauert so lange es braucht.

Das ist sehr hart für die Angehörigen. Lass dir den Raum zu trauern. Hol dir ggf. Hilfe.

Und nein du kannst nichts dafür das dein Vater in dieser Situation ist. Das ist einfach der Lauf der Dinge. Es ist schwer das zu akzeptieren. Aber das ist es eben... Niemand hat da die Verantwortung für.

Hab ganz viel kraft... Das was gerade passiert ist unendlich traurig... nicht mehr, nicht weniger.
 
Christian Kröhl

Christian Kröhl

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Auch wenn lulli schon das Meiste sagte - ich denke, Du hast richtig gehandelt. Deine Beschreibungen legen für mich nahe, dass Dein Vater schlicht medikamentös (und deutlich über das Ziel hinaus!) ruhig gestellt wurde. Und auch, das es erst hierdurch überhaupt zu einem Atemstillstand kam. Der NA hat vielleicht genau den gleichen Gedanken gehabt und Dich deshalb angerufen - schließlich kennt man seine "Pappenheimer", sprich Kliniken im Umfeld. Ich kenne die Krankenakte Deines Vaters nicht, aber weshalb wird er derart medikamentös niedergebügelt? Nur, damit er nicht schreit und man seine Aggressionen nicht anders (und eben erheblich aufwändiger) angehen muss?

Dein Vater ist mitten in einem demenziellen Prozess. Was soll man da erwarten, wenn sich seine gewohnte Umgebung verändert? Natürlich wird er unruhig und ängstlich - und äussert das in seiner ihm noch zur Verfügung stehenden, rudimentären Art einer Aggression, die für ihn Selbstverteidigung ist.

Ich würde mich wirklich nicht wundern, wenn er - in seiner gewohnten Umgebung und nach Absetzen der medikamentösen Ruhigstellung - sich nicht deutlich erholt. Das wird in den ersten Wochen sicherlich richtig schwierig - gerade, weil ihn die Sedierung natürlich komplett aus dem ihm noch verbliebenen Rythmus und seiner Gedankenführung gerissen hat und ihr nun das zweifelhafte Vergnügen haben werdet, all das wieder ordnen und Wege finden zu müssen, wie ihr und er damit umgehen und im Wortsinne leben könnt.

Aber noch mal: meiner Meinung nach hast Du genau da alles richtig gemacht, wo Du Dich gerade hinterfragst.
 
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nervzwergl

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Danke für Eure Antworten

Ich habe gestern mit der Ärztin auf der Palliativ-Station gesprochen.
Sie hatten eine neue Laboruntersuchung gemacht und dabei festgestellt, dass der Stoffwechsel meines Vaters bereits durcheinander geraten sei und dies wohl darauf hindeute, das er bald seine letzte Reise antritt, dies aber sich auch noch 2 bis 3 Wochen hinziehen kann.
Außerdem meinte sie, dass Sie der Influenza-B Infektion einen großen Teil an der aktuellen Situation beimisst, da sowas wohl schon bei gesunden Menschen an die Substanz geht und dies bei einem Demenz-Kranken im fortgeschrittenen Stadium extrem viel wichtige Energie kostet. Ich als Laie kann das aber nicht beurteilen. Vorstellen könnte ich mir das aber schon.

Aufhalten könne man es wohl nicht mehr.
Er bekommt heute den 10. Tag keine Nahrung mehr, weil er eben auch keine mehr möchte und diese verweigert und weil er auch nicht mehr wirklich schlucken kann.

Flüssigkeit bekommt er nur noch in Form dieser gefrorenen Getränke, die ich schon erwähnt hatte, aber das Pflegepersonal ist sehr um seine Mundhygiene bemüht. Der Mundraum und die Schleimhäute werden regelmässig befeuchtet.

Das Schlimme momentan für mich ist, dass wenn mein Vater etwas sagen möchte, kann ich es nicht mehr verstehen. Das Sprechen strengt ihn zusehens an und auch sonst wirkt er recht kraftlos. Das einzige, was er immer wieder relativ deutlich sagt ist, dass er endlich sterben möchte und er nicht mehr kann.

Diese Hilflosigkeit, die ich dann verspüre ist unvorstellbar.

@Christian Kröhl : Meinst du die Ruhigstellung im Bezirkskrankenhaus oder die in der Klinik, als er wegen seiner Lungenentzündung eingeliefert wurde? Denn bei letzterer hatte ich irgendwie den Eindruck als wären sie mit der Situation meines Vaters etwas überfordert. Das kann aber auch daran liegen, weil es mitten in dieser Grippewelle war und sowieso alles überfordert war.
 
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lulli00

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...Denn bei letzterer hatte ich irgendwie den Eindruck als wären sie mit der Situation meines Vaters etwas überfordert...
Mit dieser Vermutung kannst du durchaus recht haben. Viele Krankenhäuser/ Stationen tuen sich im Umgang mit Demenz erkrankten, die häufig aufgrund des Umgebunsgwechsel, große Unruhe bis Aggression zeigen, sehr schwer. Die gründe sind alt bekannt. Zu wenig Personal und leider auch zu wenig wissen um die Demenz. In der Aktuellen Ausbildung wird dieses Thema nur angerissen und auf die schnelle kann man im KH nicht validieren.
 
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nervzwergl

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Hallo zusammen,

sorry, dass ich mich nun so lange nicht mehr gemeldet habe.

Mein Vater ist nun am 18.04.2018 in unserem Beisein friedlich eingeschlafen.
Aus meiner Sicht war es für ihn aber auch für uns (so blöd das jetzt klingen mag) eine Erlösung.

Ob man hier etwas anders oder besser hätte machen können vermag ich nicht zu beurteilen.
Ich habe seit dieser Erfahrung aller größten Respekt für Pfleger und Pflegerinnen sowie auch Ärzten, die in einer Palliativstation arbeiten. Das Personal der Palliativstation, auf der mein Vater lag hat sich so liebevoll und fürsorglich um ihn gekümmert. Aber auch um uns als Angehörige.

Einen ganz anspruchsvollen Job haben diese Leute gemacht, den man aus meiner Sicht nicht genug würdigen kann.

Vor allen Pflegekräften verneige ich mich ehrfürchtig. Das was diese Menschen Tag für Tag leisten, kann man mit Geld gar nicht aufwiegen. Gott schütze all jene, die einen solchen verantwortungsvollen Job immer gewissenhaft und mit Leidenschaft ausüben.

Danke auch an alle, die hier geantwortet haben.

Grüße
Michl
 
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