Aggresionen in der Pflege

M

Malven

Neues Mitglied
Basis-Konto
0
64289
0
Ein kaum untersuchtes oder gar veröffentlichtes Thema.

Ich suche KollegInnen, die Erfahrungen gemacht haben mit Aggressionen und Gewalt in der Pflege (Übergriffe, ...) und auch gleichzeitig nicht strukturelle Möglichkeiten haben diese Erfahrungen aufzuarbeiten.
Die Folgen sind auf Dauer funktionale Hilflosigkeit und dann auch PTBS.
Ein übler Zustand, den keiner - geschweige denn man selbst - kapiert.

Die Fragen die dazu meiner Meinung nach auftauchen wären folgende:

> Welche strukturellen und persönlichen Bedingungen fördern Aggression und Gewalt?
> Welche Kompetenzen braucht ein Betrieb und die Mitarbeiter im Umgang mit Menschen, die sich nicht anders ausdrücken können?
> Welche Begleitung und Unterstützung brauchen Mitarbeiter, die einen Patientenübergriff erlebten, damit sie professionell danach weiterbehandeln können?
> Welche Kriterien fördern die Verrohung im Umgang mit Patienten?
> Welche Kriterien fördern die funktionelle Hilflosigkeit und bereiten damit die Situation des PTBS mit entsprechenden Folgen?
> Wer ist dafür zuständig die Betriebe zu einer objektivierten Gefährdungsanalyse zu zwingen?

Grundlegende Gedanken dazu sind Defintionsfragen:
Was ist denn ein aggressives Verhalten?
Was ist den Gewalt?
Was sind denn Herausfordernde Verhaltensweisen und worauf kommt es an?
Welche Strukturen und Situationen können aggressionsauslösend sein?
Welche eigenen Sichtweisen sind bewusst zu werden, damit ich Aggressionen von mir und die erlebten Aggressionen so wahrnehme, dass es möglicherweise nicht zu einer Eskalation führt?
Welche Reaktionen können bei dem Patienten Aggressionen auslösen?

...und wie und wo kann ich darüber reden?
Das darüber reden scheint allein schon wegen der Tatsache in der Pflege zu arbeiten tabuisiert zu sein. In einem anderen Forum (wkw) getrauen sich die Mitglieder nicht darüber zu reden, weil sie Angst vor Folgen am Arbeitsplatz haben. Vielleicht geht das hier???:thumbsup2:
Viele Grüße, Chris
 
Qualifikation
Fachkrankenpfleger in der Psychiatrie, Deeskalationstrainer (ProDeMa)
Fachgebiet
Psychiatrie: Akut- und Aufnahmestation
S

stupanka

Aktives Mitglied
Basis-Konto
3
52070
0
Hallo

Also meine Ideen sind,dass sicherlich zeitlicher Druck,fehlendes Fachwissen,fehlende Erfahrung,fehlende Möglichkeit zum Austausch im Team,keine Möglichkeit Coaching wahrzunehmen einige Faktoren sein können zum Thema Gewalt in der Pflege.

Aggression = Die Absicht des " Täters" jemanden zu schädigen = geht vom "Täter"aus

Gewalt = Die Wirkung auf das "Opfer",eine PK kann z.B. nicht sofort auf den Ruf eines Bewohners, der zur Toilette möchte, reagieren, da er bereits jemanden zur Toilette bringt,dass die PK nicht sofort reagieren kann ist keine Absicht,auf den BW kann dies allerdings als Gewalt empfunden werden,da auf sein Bedürfnis nicht zeitnah reagiert wird.Für einen anderen Bewohner mag die gleiche Situation nicht als Gewalt empfunden werden = die Wirkung auf das Opfer

Ein weiterer Punkt ist meines Erachtens die Fähigkeit zur Reflektion der Mitarbeiter mit herausfordernden Verhaltensweisen bei Bewohnern,d.h. für mich auch darüber nachzudenken,wo liegt mein Teil an der Situation? War ich zu schnell für den BW,war ich ihm zu nah? War es einfach der falsche Weg wie ich mit ihm umgegangen bin? etc.
Danach kommt die Frage, bin ich einfach die falsche Person zur falschen Zeit?
Sieht der BW in mir jemanden den er nie mochte? Stimmt die Chemie einfach nicht?
es gibt eine Menge Fragen die man sich in Pflegesituationen stellen kann/muss/sollte und vor allem muss man im Team darüber reden können.
Jeder MA macht vielleicht unterschiedliche Erfahrungen mit dem gleichen Bewohner,man sollte sich untereinander kollegial beraten,das heißt aber auch nicht zu denken, dass jemand eine schlechtere PK ist, wenn sie in bestimmten Situationen Schwierigkeiten hat und dies offen thematisiert.
Für mich ganz im Gegenteil,eine PK die gelernt hat offen mit solchen Situationen umzugehen handelt meines Erachtens nach professionell, denn sie möchte reflektieren und von anderen Meinungen profitieren, im Sinne des Bewohners.

Soweite meine ersten Gedanken zu dem Thema, freue mich auf vielleicht andere Sichtweisen und Beiträge.

Lg stupanka
 
Qualifikation
PDL
Fachgebiet
Stationär Altenheim
N

nattvakt

Mitglied
Basis-Konto
1
Stuttgart
0
N' abend!
Kannst auch mal nachlesen unter dem Thema "Nun ist es passiert". Bei uns heißt es dazu, daß ein Übergriff auf Mitarbeiter Berufsrisiko ist...was nicht meine Meinung ist. Finde aber, das es auch eine Eigenverantwortung beim Patienten gibt (sicherlich nicht bei allen Krankheitsbildern).
LG
 
Qualifikation
päd. Fachkraft
Fachgebiet
Kinder/Jugendliche
Weiterbildungen
Erlebnistherapie, Erlebnispädagogik
M

Malven

Neues Mitglied
Basis-Konto
0
64289
0
Hallo zusammen,
vielen Dank für den Beitrage.

Für mich bestehen in diesem globalen Gefühl von Ärger, Wut, Enttäuschung, Kränkung und dem Gefühl schlecht behandelt zu werden die Notwendigkeit, daß ein wenig aufzugliedern.
So kann man ein wenig besser lösungsorientiert und klärend mit sich selbst und mit anderen diskutieren und Erkenntnisse daraus ableiten, die man dann in folgenden Themen darstellen kann:
Mitarbeiter:
>Selbst- und Fremdwahrnehmung,
>Recht auf einen sicheren Arbeitsplatz (Arbeitsschutz)
Berufsgruppe:
>Nötige Professionalisierung der Pflege (u.a. BG)
Betrieb:
>Strukturelle Sicherung des Arbeitsschutzes innerhalb des Betriebes
> Konfliktkultur des Betriebes und dort auch innerhalb der Berufsgruppe
>Fachliche Qualifikation und deren Sicherung (Basisqualifikation u.a.)
Patient:
>Recht auf professionellen Umgang mit seiner Krise

Es gibt sicher eine Menge Ebenen, auf
>denen Aggression entsteht
>und Aggression ausgeführt wird.

Ebenso gibt es eine Menge Auslöser, die
>den Tätigen (Pflege/Betreuer/Behandler)
>und den Erfahrenen (Patient/Klient)
zu aggressiven Verhalten veranlasst.

http://www.baua.de/nn_50336/de/Publikationen/BAuA-AKTUELL/2006-4/pdf/ba4-06-s01.pdf

Eine besipielhafte Situation der Selbstverleugnung in der Pflege ist die Abarbeitung an MA (Mitarbeiter), die sich im Krank befinden ist meines Erachtens ein Synonym für die Not des Alltags.
Wenn man einen Vergleich heranzieht, wie zum Beispiel des psychologischen Dienst, so habe ich die Erfahrung gemacht, dass 1.) die Tätigkeit/Therapie einfach ausfällt und 2.) die Pflege mit allem was sie hat dies Defizit versucht auszugleichen; immer mit dem Gefühl, dass man das eigentlich nicht schafft und überfordert ist.
Gleichzeitig gibt es einen Aufschrei – in der Pflege (!!!), nicht bei den anderen BG – wenn es dort einen oder mehrere Ausfälle gibt. Statt eine Aufforderung an die Organisation hinsichtlich einer liniengemäßen (Stab-Linien-Hierarchie) Verantwortungsübernahme zu formulieren – beispielsweise für ein Mitarbeiterausfallkonzept ( z.B. Rufbereitschaft o.a.) - bleibt der Ärger und vor allem das Gefühl der Überforderung in den eigenen Reihen.
MA, die aus welchen Gründen auch immer erkrankt sind (und das kann auch nachvollziehbares Krank nach blutigem Übergriff sein) werden ausgegrenzt. Sie funktionieren nicht mehr. Das ist bitter; das aber ist auch gleichzeitig das Verhalten, was man einer Abteilungsleitung vorwirft, wenn sie sich nicht professionell verhält (Vorwürfe, unter Druck setzen, u.a.)

Dieses unheilvolle Umgehen miteinander in einem Team z.B., ist bezeichnend für die Pflege (u.a.).
Es gibt keine Einigung auf der Ebene der Berufsverbände (kurz nach dem Krieg haben die Rot-Kreuz-Schwestern die Nächstenliebe favorisiert und nicht eine ordentlichen Ausbildung und Bezahlung) der Kammern oder anderen. So ist auch die Pflege nicht in der Lage gewesen zum Zeitpunkt der Einführung des Gesundheitsstrukturgesetzes (ich glaube ´96) ein Veto einzulegen. Die eingeladenen Verbände konnten sich zu einer Richtung nicht entscheiden. Typisch Pflege.

Was passiert jetzt in den Häusern?
Bei weniger Personal verdichtet sich die Arbeit, die Ärzte handeln berechtigte Tarife aus und die Pflegstellen bezahlen dies. Wer ist die Lobby der Pflege?
Welche Pflegeleute haben sich organisiert, so dass es überhaupt eine Lobby geben könnte?

Diese Sprachlosigkeit äußert sich in aggressiven Verhalten
>sich selbst gegenüber (weit über die eigenen Grenzen hinauszugehen),
>seinen Kollegen gegenüber mit Vorhaltungen oder für sich selbst mit schlechtem Gewissen (z.B. wenn man krank ist,
>dem Betrieb gegenüber mit Projektionsflächen emotionaler Art ohne echten Handlungsweg wegen Angst vor Konsequenzen (hier erlaube ich mir ein Beispiel: Einen Suizid begehen, weil man Angst vor dem Tod hat. Also lieber sich in gewohnter Katastrophe aufhalten und langsam kaputt gehen, statt Flagge im Betrieb oder sich selbst gegenüber zu zeigen),
>den Patienten gegenüber mit eiligen hektischen und ruppigen Umgang, der dann wieder Unzufriedenheit sich selbst gegenüber bedeutet
>>>> und eben auch aggressives Verhalten gegenüber den Patienten, bzw. von Patienten gegenüber den Pflegenden (u.a.)

Die Sprachlosigkeit, das Gefühl der (funktionellen) Hilflosigkeit auf beiden Seiten fördert die Gefahr sich aggressiv oder gar gewaltvoll zu verhalten.

Lieben Gruß
 
Qualifikation
Fachkrankenpfleger in der Psychiatrie, Deeskalationstrainer (ProDeMa)
Fachgebiet
Psychiatrie: Akut- und Aufnahmestation
Die E-Mail-Adresse wird lediglich zur Versendung des Aktivierungslinks für diesen Beitrag verwendet.