Abschied

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haus maranatha

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Schon lange ist mir klar, dass mein Leben nicht für immer bleibt. Ich muß Abschied nehmen. Der Arzt hat bereits vor langer Zeit die Diagnose gestellt, dass meine Knochen sich nicht so verhalten, wie sie sollen. Gnädig spricht er von „Glasknochen“ und meint doch Knochenkrebs. Ich weiß, dass er mir etwas vorenthält. Und so stelle ich mich langsam darauf ein, dass mein Weg hier auf dieser Erde zu Ende geht. Begehre ich dagegen auf? Ich weiß es nicht. Muß nicht alles so kommen, wie es kommt? Was kann ich denn dran ändern? Schließlich habe ich mein Leben gelebt.

Ich weiß, dass meine Familie mich liebt. Sie besuchen mich immer wieder und geben mir die Gewissheit, nicht allein zu sein. Weil ich aber nun zum dritten Male gestürzt bin muß wohl etwas geschehen.

Zuerst hab ich mir ja nur den Kopf feste gestoßen. Aber dann beim zweiten Mal brach mein Arm und mein rechtes Bein – Oberschenkelhalsfraktur. Schließlich ein Jahr später das gleiche auf der linken Seite. Nun können es die Ärzte auch nicht mehr verheimlichen, dass ich Knochenkrebs habe. Hätte ich etwas anders gemacht, wenn ich es früher gewusst hätte? Ich weiß es nicht. Vielleicht. Oder auch nicht. Ich weiß es wirklich nicht.

Meine Kinder haben für mich einen Platz im Pflegeheim gesucht. Sie wollten, dass es mir bis zum Ende noch gut geht. Sie haben mit dem Heimleiter gesprochen, der ihnen mitteilte, dass sie wenn ich noch ganz klar bei Sinnen bin, möglichst eine „Generalvollmacht über den Tod hinaus“ beim Notar machen lassen sollen, damit nicht irgendwer über mich bestimmt. Sie haben es gemacht. Ich habe gleich mit festlegen lassen, dass ich keine lebensverlängernden Maßnahmen durchführen lassen will.

Nun bin ich im Heim. Ich bekomme starke Schmerzmittel, damit ich die Stunden und Tage ertragen kann. Am Tag kann ich vielleicht noch zwei oder drei Bissen essen. Trinken in kleinsten Schlucken nur ungefähr einen halben Liter. Zusätzlich erhalte ich noch über subcutane Infusion ungefähr einen Liter Flüssigkeit. Immer wieder schaut man nach mir, fragt mich, wie es mir geht, was ich wünsche.

Bei der Körperpflege spüre ich, wie vorsichtig sie mit mir umgehen. Sie wissen ja, ich habe Glasknochen. Und ich merke, dass sie bemüht sind, mir nicht weh zu tun. Es tut gut zu wissen, dass ich für sie nicht nur ein Stück Fleisch bin. Ich bin dankbar, dass ich so umsorgt werde. Muß ich da bereuen, so alt geworden zu sein? Nein. Ich weiß mich geliebt.

Ich wollte eine Banane essen. Als ich sie vor mir habe, bekomme ich nur zwei Bissen herunter. Sie sagen: macht nichts. Hauptsache, mein Wunsch ist erfüllt. Ich habe Verlangen nach einem Bier. Auch davon kann ich nur zwei Schluck genießen. Dann geht nichts mehr. Aber das tat gut. Breikost mag ich nicht. Ich bekomme leichtes, weiches Brot. Auch wenn ich nur zwei, drei kleine Reiterlein schaffe. Die Pflegekraft bleibt freundlich. Das tut gut. Ich möchte gern etwas anders liegen. Und schon werde ich versorgt. Ich bin glücklich darüber. Ein Lächeln huscht über mein Gesicht und ich bemerke, dass es der Pflegerin gut tut.

Meine Kinder kommen zu Besuch und ich freue mich darüber. Auch wenn es mir schwer fällt, ich versuche mich noch mit ihnen zu unterhalten. Sie kommen nicht alle gleichzeitig. Immer ist jemand anders da. So fühle ich mich nie allein gelassen.

Heute geht es mir etwas komisch. Ich bekomme eine spitze Nase. Meine Atmung geht, als wär ich ein Fisch auf dem Trockenen. Die Pflegerin muß wohl bemerkt haben, dass das nicht normal ist. Sie hat meine Kinder angerufen, dass sie kommen. Es dauert nicht lange, und sie sind da. Während sie bei mir sind, bleibt mir auf einmal der Atem stehen. Es müssen so zwischen 4 und 5 Minuten gewesen sein. Als ich wieder wach werde, hält meine Schwiegertochter meine Hand. Aber ich bin wieder wach und sie sind froh, dass ich sie ansehe.

Es ist schön, zu sehen, dass sie da sind, sich um mich sorgen. Ich bin nicht allein. Nein, ich kann gewiß nicht sagen: ich habe doch keinen Menschen. Nein. Sie sind da und begleiten mich. Ich liege entspannt und sinniere über mein Leben. Ab und zu huscht ein Lächeln um meinen Mund. Sie wissen nicht, was ich gerade denke. Aber es ist wohl etwas Gutes.

Während ich nun Abschied nehme von dieser Welt, bereiten sich meine Kinder auch darauf vor. Ich weiß wohl besser als sie, dass der Schmerz groß wird, wenn ich schließlich meine Augen für immer schließe. Aber damit müssen sie leben. Und die Zeit heilt bekanntlich viele Wunden. Aber wie gut ist es, dass sie mich begleiten auf meinem letzten Weg. Sie müssen gewiß kein schlechtes Gewissen haben, dass sie mich allein gelassen haben oder abgeschoben haben. Und das freut mich und gibt mir die Ruhe, die Sterbenden so eigen ist. Ich darf getrost Abschied nehmen.

Wann der Augenblick gekommen ist, meinen letzten Atemzug zu machen – ich weiß es nicht. Aber ich habe meinen Frieden mit der Welt und mit meinem Gott. Und das ist mir wichtig. Wenn meine Reise zu Ende ist, erzähle ich euch den Rest – vielleicht. Ich weiß es noch nicht.
 
Qualifikation
Altenpfleger
Fachgebiet
Leitung
C

camäleon

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17.09.2002
4444
Sorry, eine etwas blöde Frage: Warum schreibst Du in "ich" Form? Ist dass das was Du im Moment erlebst am eigenen Leib oder was du meinnst zu sehen an einem andern Leib?
 
Qualifikation
Dipl. Pflegefachfrau DN2
Fachgebiet
spitex
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05.07.2001
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